2017-01: Zum Neuen Jahr 2017: Die Eliten und ihre Populisten

Mein Blog ist mir immer ein guter Freund gewesen. Aber desgleichen kann ich nicht von mir selbst sagen. In letzter Zeit habe ich ihn sträflicherweise vernachlässigt, nicht zuletzt deshalb, weil mir mit dem Ende meiner beruflichen Tätigkeit an der Hochschule mein Lebenssinn abhandenzukommen drohte, wie er sich für mich seit erfolgreicher Habilitation und zahlreichen guten Vertretungen von Professuren in bestimmten Zielen konkretisierte. In diesen letzten zwanzig Jahren haben auch die Niederlagen und Rückschläge meine Hoffnungen nicht zerstören können. Vielleicht hoffte ich zuletzt nicht mehr auf eine Professur, wohl aber auf eine Dozentur im Mittelbau, mit der ich dann meine Berufsjahre zum Abschluss hätte bringen können.

Dass ich jetzt als Habilitierter und Privatdozent im Integrationsunterricht arbeite, macht mich empfindungs- und nahezu sprachlos. Auch bleibt kaum noch Zeit zum Schreiben, geschweige denn zum wissenschaftlichen Arbeiten. Wenn es denn Menschen gegeben haben sollte, die mir Übles wollten, so hätten sie in ihrer Übermacht einiges erreicht. Sie haben mich weitgehend zum Schweigen gebracht, aber eben doch nicht ganz. Ich hoffe, diese vor mir liegenden Jahre so zu überstehen, dass mir danach noch genügend Zeit bleibt, um meine wissenschaftliche Publikationstätigkeit wiederaufzunehmen.

Es liegen vor mir hunderte von Büchern, die allein für mein Projekt bestimmt waren. Doch die Zeit, es umzusetzen, ist mir inzwischen abhandengekommen. Zeit hatte ich, selbst als ich eigentlich gehabt haben sollte, eigentlich nicht einmal in meiner Habilitationsphase. Da musste ich darum kämpfen, 1) dass mir vertraglich auch die vollen sechs Jahre zugesichert wurden und 2) dass ich die einmal errungene Zeit auch primär für meine Habilitation nutzen durfte, was schließlich auch meine eigentliche Aufgabe war. Und auch fortan sollte ich niemals die Gelegenheit erhalten, meine wissenschaftliche Arbeit im Rahmen einer festen Stelle fortzusetzen. Dabei spielte es keine Rolle, dass ich inzwischen habilitiert war. Die Anstrengungen der Promotion und Habilitation konnten mir allenfalls dazu verhelfen, das Schreiben als bloßes Steckenpferd und zugleich mit Seriosität fortzusetzen. Wo andere eine sichere Pensio erwarten und dabei doch ihre Publikationstätigkeit womöglich inzwischen längst aufgegeben haben, werde ich Idealist bleiben müssen, nicht aus moralischer Überlegenheit, sondern einzig und allein aus dem Zwang ungünstiger Verhältnisse.

Aber diese betreffen nicht nur mich. Und daher will ich auch, wie in meinem Eintrag vom Spätsommer 2016 notiert, auf die augenblickliche Lage eingehen, die im zunehmenden Mißtrauen vieler Menschen gegenüber den politischen und wirtschaftlichen Eliten in der westlichen Welt ein gemeinsames Motiv findet. Dabei tun sich beunruhigende Fragen auf, die allerdings im öffentlichen Diskurs auf wenig Widerhall stoßen. Der Allerweltsbegriff ‚Populismus‘ versammelt scheinbar alle Feinde der demokratischen Ordnung um sich. Aber kaum einer wagt zu sagen, dass Demokratie und Populismus Verwandte sind, wenn auch Verwandte, die sich nicht sonderlich mögen. Aber dies mag schließlich in den besten Familien vorkommen. Denn der Wahlkampf in den USA hat längst gezeigt, dass der Streit zwischen repräsentativer und plebiszitärer Demokratie recht künstlich ist. Natürlich sind Volksabstimmungen und Referenden auch mit der gebotenen Skepsis zu betrachten, da sich komplexe Fragen nicht immer eindeutig beantworten lassen und Stimmungen deren Ergebnis auch verzerren können. Was aber, wenn Wahlkämpfe von bestimmten Bewerbern zu folgenschweren Plebisziten gemacht werden, wie dies einstmals schon zwischen 1930 und 1932 der Fall war und bei allen gebotenen Unterschieden zuletzt auch die Auseinandersetzungen zwischen Demokraten und Republikanern in den USA bestimmen sollte. Nicht umsonst hat man diese mit der vorausgegangenen Volksabstimmung in Großbritannien verglichen, die schließlich den Brexit einleitete.

‚Elite‘ und ‚Masse‘ stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander. Im vordemokratischen Zeitalter konstituierte sich diese Elite durch das Blut, das sich wie eine genealogische Linie durch Generationen aristokratischer Familien schlängelte. Mit der Demokratie war die Elite aber nicht mehr gegeben, sondern mußte ihre Legitimität vielmehr in Wahlen begründen. Doch es wäre weit gefehlt, wollte man dieses neue Prinzip mit einer meritokratischen Ordnung gleichsetzen, die in der westlichen Welt von jeher immer eher Ideal denn Realität war. Die Kombination von Interessen und Geld ist letztlich so unschlagbar, dass sie selbst neue Traditionslinien und Erbschaften in Politik, Wirtschaft, Kultur, und so ließe sich hinzufügen, auch in der Wissenschaft hervorbringen. Die Autonomisierung der Sprache im Diskurs trug das ihrige dazu bei, dass sich diese Eliten in Selbstgesprächen verwickeln, zu denen Außenstehende kaum noch Zugang hatten. 

Gegen diese Elitebildung formiert sich Widerstand, der heute wie damals mit dem Leid der Zukurzgekommenen und Unterprivilegierte spielt. Denn in derartigen Situationen, die häufig nach Pulverdampf riechen, treten Figuren vom Schlage großer und kleiner Agitatoren, Demagogen und Einflüsterer auf. Diesen geht es vornehmlich darum, dieses Elend so auszunutzen, dass sie unbemerkt eine neue Elite bilden können, wenn dies nicht schon vorher getan haben. Besonders in Deutschland ist es zur Mode geworden, jede Entwicklung der neueren Zeit, ja jedes auch nur kleine Symptom, das auf widrige und repressive Verhältnisse deuten könnte, mit dem Nationalsozialismus in Zusammenhang zu bringen. Ich teile diese Mode grundsätzlich nicht, da ich nicht an den Fatalismus einer Geschichte glaube, die dem Gesetz der ewigen Wiederkehr unterliegt. Im Augenblick sehen wir schließlich, dass im sogenannten „Populismus“ nicht einfach etwas Altes wiederkehrt, sondern auch Neues einbricht, so etwa in Großbritannien, dessen Demokratie bisher immer wieder als geradezu mustergültige Überbietung des klassischen athenischen Modells aufgefasst wurde, wahrscheinlich auch weil mit diesem der Erfolg des Ordo-Liberalismus gefeiert werden konnte. Entgegen dieser grundsätzlichen Einsicht stelle ich dem Leser am Ende dieses Eintrags ein längeres Zitat aus Ernst Glaesers Roman Der letzte Zivilist (1934) zur Verfügung, in dem die Wirkung einer Wahlkampfrede Hitlers am Ende der Weimarer Politik ausgelotet wird. Ähnlichkeiten zu heutigen Ereignissen liegen dabei auf der Hand, ohne dass deren Akteure eine Gleichsetzung mit Adolf Nazi über sich ergehen lassen müssten.

Zunächst aber will ich meinen Beitrag zu einem vorläufigen Abschluß bringen. Eine Elite befindet sich immer dann in einem Kampf mit einer anderen Elite, wenn die bisher geltenden Diskurse ihre Legitimation zu verlieren drohen, wenn ihr Sinnpotenzial erschöpft ist. Gekämpft wird um Deutungsmacht und Geltungshoheit. Sind schon die alten Eliten des Populismus fähig, so müssen die neuen es erst Recht sein, um ihren Diskurs als Protest besonderen Nachdruck zu verleihen und damit zur Macht zu kommen. Meine These ist also, dass die Demokratie ihre Scharlatane selbst hervorbringt. Deren Chancen wachsen mit der Unzufriedenheit derer, die sich als Chancenlose von Demagogen gegen noch schwächere Teile der Gesellschaft ausspielen lassen. Das kennen wir aus der deutschen Geschichte, aber eben nicht mehr nur aus dieser. Hüten wir uns heute vor denen, die sich den Protest auf die Fahne schreiben und dabei doch nur mit unseren Frustrationen spielen.

Ernst Gläser: Der letzte Zivilist (1934)

Bäuerle sitzt in der tobenden Halle. Er hat den Kopf auf den Knauf seines Stockes gestützt. Er sieht nicht nach links, er sieht nicht nach rechts — er sieht auf den Boden. Mit allen Mitteln seines Verstands sucht er sich klarzumachen, was geschieht. Es gelingt ihm nicht. Dieser Mann auf der Bühne braucht nur ein Wort zu sprechen, und schon toben die Leute. Da, jetzt… Ein Brausen geht über die Galerie, es erfasst den Saal, schon ist die Woge über alle Köpfe hinweg. Wer soll da standhalten! Bäuerle hört genau hin. Eine barbarische Stimme. Raffiniert, wie er moduliert. Wie er Suggestivfragen stellt. Wie er die Pausen dehnt und dann die Spannung überrennt. Noch nie hat Bäuerle einen Menschen so sprechen gehört. Das bricht wie ein Gewitter über einen. Der Mann ist… Hahaha… Ha… Heil!… eine böse Naturkraft. Ich werde… Aufhängen! Auf hängen!… Jetzt spricht er plötzlich wie ein Kind. Wie? Deutschland… Vaterland…Volk… Liebe… Da schluchzt eine Frau… ganz laut… hemmungslos… unsere Toten… wofür? wofür? …welch ein Schrei! … der Saal ist zum Zerreißen gespannt. Für diesen Staat! Für diese Juden! Für diesen Kapitalismus!! (…) 

So gewaltig ist das Echo. Aus tausend Kehlen dröhnt die Antwort, brüllt die Verzweiflung vor diesem einen Mann. Da ist es, Stählins Blut, da ist es, Anheggers Blut, er hat es in den Händen, er gießt es über die Köpfe, heillos züngeln die Flammen empor. Bäuerle beißt in den Elfenbeingriff seines Stocks. Er spürt den zuckenden Leib der Massen, fassungslos sitzt er vor dieser ungeheuerlichen Beschwörung. Und plötzlich beginnt es wie Schläge auf den zuckenden Leib zu prasseln. Uns gehört die Macht! Uns gebührt die Macht! Uns! Und sie springen auf, und sie jubeln, und sie werfen die Hände, und sein Wille reißt sie zu sich heran, bis sie nichts mehr sehen, bis sie nichts mehr denken, bis sie sind, wie er sie haben will.
Inmitten des Aufruhrs, der Raserei, des Tumults der Begeisterung prüft Bäuerle kalten Auges den Mann. Er sieht seine Bewegungen, dieses Außersichsein der Hände, dieses Toben der Faust, diese herrische Geste des nach unten weisenden Daumens. Und er sieht, wie die Menschen diesen hypnotisierenden Gesten folgen, wie sie sich beugen, sich erheben, wie sie hassen und sich verneigen und wie sie außer sich werden, wenn er ihre Wunden berührt. Das ist es, jetzt begreift es Bäuerle. Hier steht ein Mann, der rücksichtslos auf die Wunden weist. Ja, er ätzt sie noch, er legt sie hemmungslos frei. Wie sie brüllen, wie sie aufspringen und toben. Was sagt er da? Wir sind arm. Wir haben nichts mehr. Du und du und das ganze ehrliche deutsche Volk… ja, ja, ja… schreien sie zurück. Das Wundfieber hat sie gepackt. Alles, was schmerzt, hier können sie es herausschreien, zu Hause nicht, im Geschäft nicht, vor den Behörden nicht, aber vor diesem Mann! Scharfäugig sitzt der Amerikaner auf dem Stuhl. Er spürt das Grausen, das aufsteigt. Die Insassen eines Millionenlazaretts sind aufgesprungen, sie zeigen ihre Schwären, sie brauchen nicht mehr zu lächeln wie bei den Visiten der amtlichen Ärzte. Hier steht der neue. 

Schonungslos deutet er auf das Blut und den Eiter. Gebt mir das Messer, ruft er, gebt mir die Macht! Die Menge ist aufgesprungen. Ein Heil aus tausend Kehlen dröhnt wider die Kuppel. Wortlos geht der Mann von der Bühne nach unten. Sie bilden Spalier. Sie reißen sich an den Kleidern, sie springen auf die Stühle, fliegende Haare, fliegende Hände, ein Kreißsaal von Männern und Frauen. 

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01-2016 Nach langer Zeit …

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Nach langer Zeit bin ich wieder auf meinem Blog gelandet. Die letzten Einträge habe ich im Dezember letzten Jahres vorgenommen. Möglicherweise gibt es Leute, die der Meinung sind, dass ich mich ganz zurückgezogen hätte, wohl gar auch manche, die mich … Weiterlesen

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012-2015 Frohe Weihnachten 2015 an alle von uns. Joyeux Noël pour tous. Merry Christmas for all of us. Feliz Navidad. Feliz Natal. Buon Natale.

Die Weihnachtszeit ist wie ein langer Sonntag. Wie bei diesem gehört zu ihren Geflogenheiten, einem als langwierig, zuweilen auch düsteren Alltag empfundenen Alltag ein trostreiches Ende zu setzen, so als ob schließlich doch alles gut werde und das Licht durch die Dunkelheit strahle. Aber wir wissen es natürlich besser. Denn immerhin kam das Finale für viele Menschen in diesem Jahr eben nicht als gutes, sondern als dickes Ende.

Ich verzichte also darauf, an dieser Stelle einen süßlichen Kommenrar abzugeben, wie wir ihn aus Medien und Werbung kennen. Auch mich hat dieses Jahr so mancher Illusionen beraubt, denen ich aber nicht nachtrauere, auch wenn sie mir das Leben scheinbar so erleichtert haben. Am Ende mussten sie dann doch die bange Frage beantworten, ob sie auch einlösen, was sie vormals versprochen hatten. Und diesbezüglich sind für mich nur wenige Hoffnungen wahr geworden. Die akademischen Hoffnungen sind verflogen, und jetzt geht es nur noch um die bloße Existenz. Nicht nur für mich, sondern auch für Zeitgenossen, die ich aus meinem eigenen Leben kenne, aber aber auch für jene, die mir nur aus Erzählungen bekannt sind. Selten hat die allgemeine Zeitstimmung aus meiner Sicht so sehr eigenen Befindlichkeiten entsprochen wie gerade jetzt.

Dennoch gilt es diesen Beobachtungen nicht weitere Lamenti hinzuzufügen. Wenn das Leben uns so zahlreiche ernüchternde Überrschungen bereit hält, wird es uns vielleicht doch auch einmal wieder ins Erstaunen versetzen. Ich halte es mit dem alten Beamten Villaamil im Roman Miau von Pérez Galdós, der die Hoffnung auf Gerechtigkeit aufgibt und sich einen negativen Metaphysik verschreibt. Auf diese Weise erwartet er immer das Allerschlimmste, um sich dann positiv überraschen zu lassen.

Auf meinen alten Blog habe ich viele Leser gefunden, die mir gelegentlich auch ihre Meinung mitteilten. Ich würde mich sehr freuen, wenn sie mir auf diesem neuen Blog auch wiederbegegneten und dabei vielleicht noch Freunde oder Bekannte mitbrächten, die einen ähnlichen Gedankenaustausch suchen. Wann immer auch Kollegen besonders im Bereich der Geisteswissenschaften und der Romanistik, Probleme mit der deutschen Hochschule haben, wenn ihnen Ungerechtigkeiten widerfahren, werden sie vielleicht gern auf meinen Blog zurückgreifen, sich bestätigt oder sich in ihren Erwartungen nicht bekräftigt fühlen. Aber natürlich freue ich mich auch über Besucher aus ganz anderen Windrichtungen. In einzelnen Blogs werde ich auch, wie in den zurückliegenden sechs Jahren, auf den politischen Diskurs unserer Zeit eingehen und auf Ihre/Eure Kommentare hoffen.

In diesem Sinn uns allen Frohe Weihnachten.

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010 – 2015: Je suis Paris, mais aussi la banlieue

Das Massaker von Paris und einige mögliche Hintergründe

Die sozialen Netze, die Fernseh- und Rundfunknachrichten, die Gespräche auf den Straßen, Plätzen und an den Stammtischen – alles beschäftigt sich mit den Massakern, die am Freitag, den 13. November in verschiedenen Teilen der Pariser Innenstadt stattfanden. Soviele Ereignisse, die uns als Symbole erreichen und uns geradezu zum Interpretieren aufrufen.

  • Das Konzerthaus Bataclan ist in jüdischem Besitz, so dass auch antisemitische Motive bei dem Anschlag eine Rolle gespielt haben können.
  • Ein Freitag, der 13. November ist schon immer ein Zeitpunkt gewesen, der bei vielen Menschen abergläubische Instinkte wachruft.
    Paris ist nicht nur die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, sondern auch die Kapitale des westlichen Hedonismus und libertärer ideen, das Vorbild für alle Sodoms dieser Welt.
  • Frankreich selbst gilt als das säkularisierteste Land der Welt, dessen Staatsräson aber sicherlich auch eine offen ideolgische Ausrichtung hat, mit der bewussten Geltungskraft französischer Sprache, Kultur und republikanischem Modell („mission civilisatrice“).

Diese Hinweise können Symbole sein, die Ort und Zeit der Anschläge in ihrer Dimension erklären könnten. Zu einem dieser Symbole wie die Wahl der Stadt Paris haben sich die Islamisten offen bekannt, zu Paris, das sie als verrufene Stätte einer schmutzigen westlichen Dekadenz zu kennen glauben. Paris ist für sie die absolute Gegenseite der Kaaba, der westlchste Punkt in der westlichen Hemisphäre. Dort Schrecken und Chaos zu verbreiten, erscheint den Staatsislamisten legitim, weckt Paris und seine Zerstörung doch deren Triumphgefühl.

Paris als Projektionsfläche der eigenen Ohnmacht

Als Deutscher erinnert man sich unwillkürlich jener Bilder vom Sommer 1940 als Hitler die Stadt an einem frühen Morgen in Augenschein nahm, mit Faszination und Hass zugleich, jenes Produkt westlicher Kultur, dessen Triumph es nachzueifern, aber auch niederzuschmettern gilt. Als Hauptstadt einer großen Nation bot sich Paris als Projektionsfläche komplexbeladener Ressentiments an, die sich in einer Mischung aus Bewunderung und Zetstörungswut äußerte. Die Deutschen erblickten in jenem Frankreich eben genau jene mit kulturellem Prestige und zugleich politischer Macht ausgestatteten Nation, die sie bis Napoleon nicht zu werden vermochten und auch noch nach der Reichsgründung von 1871 und vor allem mit dem Ersten Weltkrieg immer noch nicht zu werden verstanden. Den Größenwahn schienen sie mit Nation zu verwechseln, auch wenn sie nach dem Abgrund, vor dem das Nazireich sie gestellt hatte, eine bessere Republik als jemals zuvor erleben durften. Aus meiner Sicht ist es nicht eine vage europäische Einigung gewesen, die uns Deutschen eine starke Zivilgesellschaft mit mancher Zivilcourage bescherte, sondern die Allianz mit Frankreich. Sie setzte einer historischen Wunde ein Ende, die die Entwicklung der beiden Länder, vor allem aber Deutschlands über lange Zeit behindert hatte. Und doch ist Paris ein Faszinosum geblieben, umso mehr für uns Deutsche, seitdem es sich nicht mehr zur Zielscheibe des Chauvinismus anbot. Die ganze Stadt ist ein Welttheater, das der ganzen Welt als Bühne großer Ereignisse dient. Was sich hier ereignet, sieht die Welt, ganz anders als jenes Geschehen, das sich an den großen Rändern ereignet. Seit meiner Schulzeit war ich immer voller Bewunderung für dieses Land, das immerhin der Welt mitnichten nur auf militärische, sondern auch auf zivile Weise seinen Stempel aufdrückte. Zugleich war mir aufgrund meines langjährigen Interesses für Afrika bewusst, das dieser Stempel auch sehr tiefe Wunden in manchen Teilen der Erde hinterlassen hatte. Wann immer ich mit Menschen aus Afrika oder der afrikanischen Welt ins Gespräch kam, sah ich mich veranlasst, ein Land zu verteidigen, das mir obwohl es nicht das meinige war stets doch seit Jahrzehnten kulturelle und intellektuelle Vorbilder zur Verfügung gestellt hatte. Und doch war mir schon als Schüler bewusst, dass meine Liebe zur französischen Sprache und Literatur im Widerspruch stehen musste zu jenen Ressentiments, die in den ehemaligen Kolonien gegen die alte Metropole Nahrung gefunden hatten, Ressentiments, die nur im Wort mit jenen deutschen Gefühlen zur Übereinstimmung kamen, nicht in ihrer Tragweite und ihren Gründen. Keinem kritischen Geist, sei er noch so frankophon und frankophil, durfte entgangen sein, dass der Kolonialismus nicht nur ein historisches Unrecht gegenüber den Völker der sog. Dritten Welt war. Noch schlimmer aber sind die Konsequenzen, die sich in struktureller Sicht aus der Kolonialgeschichte ergeben mussten.

Die Postulate der Bergpredigt 

Es stellte ein bis heute währendes Mißverhältnis zwischen einer in den Metropolen erreichten Entwicklung und jener Unterentwicklung ein, welche dieser in ehrfürchtigem Abstand zu folgen hatte. Mißverhältnisse aber offenbaren Machtverhältnisse. Und an dieser Stelle kommen wir zu unserem Ausgangspunkt zurück. Freilich liegen die Gründe für die mörderischen Islamismus auch in der arabisch-islamischen Welt selbst, in der Unduldsamkeit einer auf ihre archaischen Usprünge zurückgetriebenen Religionsausübung. Ich verzichte in diesem Zusammenhang darauf, Aussagen über den Islam zu machen, der mir als Katholik fremd geblieben ist. Der wichtigste Anknüpfungspunkt ist und bleibt für mich die Bergpredigt, zu der Atheisten wie Gläubige einen, wenn auch unterschiedlichen Zugang haben dürften. Dass die Verfolgten selig sind und nicht ihre Verfolger, dass Himmel und Welt den kleinen Leuten, nicht aber den kleinlichen Leuten und großen Herren gehören sollten, dass das erhoben werde, was bisher machtloser Schüchternheit preisgegeben war, und dass nicht etwa schon wieder Glückritter und Opportunisten das große Los ziehen dürfen  —  all das hat stets meinen Glauben an Gott begründet. Sofern andere Religionen diesen menschlichen Zugang, mit anderen Worten, Riten und Gesten teilen mögen, so bin ich ganz auf ihrer Seite. Sofern sie sich aber von diesen Postulaten der Bergpredigt entfernen oder ihnen sogar entgegen stehen, brauche ich sie jedenfalls nicht.

Die Gefahren aus heutiger Sicht

Diese Paraphe allerdings lässt uns nicht die Augen vor den unausweichlichen Gründen, die bei uns Deutschen, Franzosen und Europäern liegen. Das obengenannte strukturelle Mißhältnis zwischen Entwicklung und Unterentwicklung, das zwischen der islamisch-arabischen Welt und dem Westen liegt, kehrt in unseren Städten und Vorstädten wieder, in den Habenichtsen, die aufgrund ihres Namens und Wohnorts ausgemustert werden, jene, die sich als Rächer ihrer Heimatreligion und -kultur verstehen, die den Westen in ihrer Bewunderung verachten und in ihrer Verachtung bewundern. Man denke nur an jene, die sich dem IS verpflichten. Mit Verwunderung musste das westliche Publikum feststellen, dass die Täter nicht arme Fellachen oder fanatische Gotteskrieger aus Syrien oder Afghanistan sind, sondern Bürger aus eben diesen Vorstädten. Ich bin, wie Sie liebe Leser wissen, ein Skeptiker, was die der Wanderungsbewegungen angeht. In der menschlichen Aufnahme dieser armen Migranten kehrt aber ganz offenbar die Botschaft der Bergpredigt wieder. Angela Merkel tat Recht daran, sie nicht am Eintritt auf deutsches Staatsgebiet zu hindern, sondern willkommen zu heißen. Eine Abweisung wäre gar nicht möglich gewesen, hätte Europa noch stärker diskreditiert, wobei der Autoritätsverlust noch stärker gewesen wäre. Denn einmal bis vor die österreichischen und deutschen Grenzen gelangt, hätten die Flüchtlingsströme nicht Retour gemacht. Wohin hätten sie denn auch gehen sollen? In die unterversorgten Flüchtlingslager in der Türkei oder im Libanon? Oder gar in Kriegsgebiete? Und doch bleibt die Skepsis, nicht weil es angebracht wäre, den Migranten terroristische Absichten zu unterstellen. Vielmehr erscheint sie mir insoweit begründet, als nicht wenige unter den über eine Millionen Migranten auch weiterhin zu den Habenichtsen gehören werden, weil sie die Integration nicht finden werden, die wir für sie erhoffen. Die Zahl der Unzufriedenen in jenen Ghettos, die auch bei uns entstanden sind, wird wachsen und damit auch die Rekrutierungsspirale des Terrorismus, die sich weiter drehen wird. Meine Skepsis erwächst aus den eigenen Erfahrungen, die sich wie jede dieser Art nicht universalisieren lassen. Aber aufgrund meiner eigenen Biographie als Migrantenkind, der leisen Diskriminierungen, die mir selbst widerfahren sind, habe ich mein Vertrauen in die Integrationskraft meiner deutschen Heimat verloren.

Meine begründete Skepsis

Wenn man hier vor nunmehr sechzig Jahren geboren wurde, kann man es schwer verkraften, in seinen Personalunterlagen noch heute den Hinweis auf seine iranische, nicht aber auf seine deutsche Staatsangehörigkeit wiederzufinden. Man bleibt am Ende immer, was man ist. Man mag sich in seinem ganzen Leben quälen, aber ein positives Resultat wird sich trotz aller Mühen nicht einstellen. Es ist für mich schwer vorstellbar, dass es einem Migranten, der bisher weit weniger gute Bildungschancen hatte als ich und die deutsche Sprache nicht beherrscht, besser als mir ergehen dürfte, als mir, der in diesem Land in einer Akademikerfamilie aufgewachsen ist und seitdem stets hier gelebt hat.
Ich kann dem ehemaligen Bürgermeister von Berlin-Neukölln Buschkowsky in seiner Analyse hinsichtlich der massenhaften Einwanderung nur zustimmen. Es werden nun weitere Parallelgesellschaften entstehen, die sich in den deutschen Städten vielleicht nicht unbedingt am Stadtrand, sondern in den Zentren ausbreiten werden. Die Solidarität und Menschlichkeit in unserer Gesellschaft werden weiter abnehmen, da sich diese Tugenden tendenziell auf die eigene Gruppe beziehen werden. Und doch wird der Klassencharakter der Gesellschaft insoweit zunehmen, als die ethnische Herkunft soziale Unterschiede verfestigen werden.
Meine Leser werden mir verzeihen, dass ich diese wichtige Frage auch zu einem eigenem Problem mache. Es ist keine Wichtigtuerei im Spiel, sondern lediglich eine Sensibilität von meiner Seite, die auch von meinen Erfahrungen herrührt. Diese kehren blitzlichtartig in meinen Gedanken wieder, verschiedene Szenen der letzten Jahrzehnten, Demütigungen nd Respektlosigkeiten, die ich den Verursachern nicht nachtrage, die aber doch schmerzen.
Inzwischen lebe ich zwar im Zentrum von Berlin, und doch gilt meine Sympathie nicht nur den Opfern der Pariser Massaker, sondern auch den Banlieues, aus denen Islamisten stammen. Mit ihnen verbindet mich keine Sympathie, aber eine ungefähre Vorstellung von Ohnmacht, die auch mir in meinem Leben so häufig widerfahren ist.

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09b – 2015: Wanderer, kommst Du nach Deutschland (Zweiter Teil)

Ich habe mir in den letzten Wochen überlegt, wie ich diesen Blog angemessen zum Abschluß bringen kann. Im ersten Teil habe ich gegenüber der allgemeinen Begeisterung einer Mehrheit bzw. den Haßgesängen einer Minderheit vornehmlich meine Skepsis zu erkennen gegeben, die sich aus der in dieser Hinsicht zunehmend unsicheren Lage in Deutschland ergeben. Das untere Drittel in dieser Zweidrittelgesellschaft wird sich nun zweifellos einem ungeheuren Druck ausgesetzt sehen, der das Resultat von Verteilungskämpfen sein wird, wie wir sie bisher nicht erlebt haben. Da kann sich das oberste Drittel unseres Landes mit liberalen Gesten drapieren, wohl wissend, dass nicht sie zu Opfern dieser Kämpfe gehören werden, dass nicht sie sich um eine passende Wohnung zu sorgen haben, dass nicht sie ihre Hoffnungen auf den Arbeitsämtern begraben müssen. Es werden gleichsam zahlreiche Neu- und Altbürger sein, die um ihren Platz in dieser Gesellschaft zu ringen haben, während die vermeintlich liberale Mitte ihre Wohnbezirke dann mit hohen Mauern umgeben wird. Es ist eine Tragik, dass sie sich so weit von der gesellschaftlichen Wirklichkeit entfernt hat, während es ausgerechnet die radikale Rechte ist, die diese genau kennt und die Menschen mit ihren rassistischen Phrasen umso kunstvoller zu verhetzen weiß. Eine weitere Tragik wird es sein, dass sich die deklassierten Alt-und Neubürger eher in einer Rivalität als in einem solidarischen Zusammenschluss begegnen werden. Die politischen Konsequenzen für unser Land können fatal sein. Was aber wäre in dieser Lage zu tun? Im letzten Presseclub (27. Sept. 2015) wurden Stimmen laut, dass die Politik angesichts der bisherigen und wohl auch noch kommenden Migrationsbewegungen nichts anderes tun kann, als diese ins Land zu lassen. Dieser konzeptionslose Fatalismus ist aber nur die Kehrseite jenes mörderischen Rassismus, der sich hemmungslos an Flüchtlingsheimen abreagiert. Es ist bedauerlich, dass in diesem Land eine Politik so gut wie unmöglich erscheint, die imstande wäre, Verantwortungs- und Gesinnungsethik zu einem tragfähigen Konzept zu vereinigen. Obschon ich selbst weder die Ambition hege noch in der Lage wäre, ein entsprechendes Konzept vorzulegen, versuche ich in den folgenden Zeilen ein paar Punkte umreißen, die aus meiner Sicht in einem solchen einen Platz haben müssten.

  • Seit geraumer Zeit sind der Nahe Osten, Syrien, Irak und Afghanistan in Bürgerkriegen verstrickt, die die Menschen daran hindern, ein normales ziviles Leben zu führen. In Syrien und Irak führt ein mörderisches Regime, genannt ‚Islamischer Staat‘, Krieg gegen den Rest der Welt, gegen die Lebenden wie die Toten. Verantwortung für diese katastrophalen Zustände trägt auch der Westen, dessen Interventionen dem religiösen Fanatismus nur noch Vorschub leisteten. Es ist daher nur recht und billig, dass sich die westlichen Staaten um jene Flüchtlinge kümmern müssen, die ihre Politik überhaupt erzeugt hat.
  • Die Mehrheit der Flüchtlinge, alte Leute, Kinder und Jugendliche, Frauen vegetiert in gigantischen Lagern, die sich seit längerer Zeit im Libanon (1,2 Millionen), Jordanien (1,5 Millionen) und in der Türkei (mindestens 2 Millionen) befinden. Die westliche Politik, die zwar in der Lage ist, Waffengeschäfte mit arabischen Staaten zu verhandeln, hat dieses Elend über Jahre ebenso übersehen wie die reichen Emirate und Saudi-Arabien. Hauptziel müsste es aber sein, dass diese Menschen unter besseren Bedingungen leben können.
  • Stattdessen beschränkt sich die Hilfsbereitschaft von Regierung, Opposition und Zivilgesellschaft auf jene Migranten, denen es gelingt, die Außengrenze der EU zu durchbrechen. Während es vornehmlich junge Männer sind, die die Krisenregionen verlassen, bleiben die schwächsten Flüchtlinge indes zurück, denen eigentlich unsere größte Sorge gelten müsste.
  • In Europa angelangt, werden aus Flüchtlingen aber Migranten. Unterschiedliche Kategorien wie ‚Flüchtling‘ und ‚Migrant‘ verlieren ihre Eindeutigkeit. Die Humanität, der wir uns verpflichtet fühlen, gerät in ein Zwielicht wirtschaftlicher Interessen und nationalökonomischer Zwangslagen. Zunehmende Fragen nach der Integration der Neubürger werden mit dem Argument zum Verstummen gebracht, dass diese doch die offenen Stellen, die Lehrstellen auffüllen können, die die Betriebe aufgrund des Bevölkerungsrückgangs bisher nicht mehr besetzen konnten. Dabei wird aber verkannt, dass ein Mensch eben nicht aufgrund seiner Produktivität, sondern seiner Notlage ein Flüchtling ist.
  • Die Wahrheit aber ist, dass die westliche und mithin auch die deutsche Politik den Ernst der Lage für die Flüchtlinge in den betroffenen Regionen verkannt hat. Obschon sich spätestens seit Anfang des Jahres eine Wanderungsbewegung nach Europa abzeichnet (aber sich bereits seit den veränderten Verhältnissen in Libyen schon eine solche angekündigt hatte), begann man sich in Europa erst wirklich für die Probleme dieser Menschen interessieren, als sie vor den eigenen Grenzen standen.
  • Auch der ungarische Regierungschef Viktor Orbán, der in seinem Land mit offen antisemitischen Parteien zusammenarbeitet, hat sich vormals ebensowenig zu dieser Frage geäußert wie andere europäische Politiker. Erst als sich Entscheidungen als unumgänglich erwiesen, setzte er alles daran, die Migranten mit Gewalt von seiner stark bewehrten Grenze zurückzudrängen. Die deutsche Kanzlerin versuchte ihre lange Untätigkeit in dieser Hinsicht zumindest insoweit wieder gut zu machen, als sie bereit war, die Grenzen aus humanitären Gründen zu öffnen. Wer diese Entscheidung kritisiert und sich wie Herr Seehofer zur Politik des Herrn Orbán bekennt, übersieht, dass es Menschen nicht zuzumuten ist, einen Fußweg von hunderten, vielleicht tausenden Kilometern zu zurückzulegen, ohne dass sich im Resultat nicht doch ein Sinn einstellen müsste, der eine so umfangreiche Reise rechtfertigt. Es ist doch merkwürdig, dass jetzt ausgerechnet jene Leuten Krokodilstränen vergießen, die sich vorher niemals zu dem Elend der Menschen in den so fernen Lagern geäußert hatten.
  • Es liegt auf der Hand, dass bereits vor diesen Wanderungsbewegungen eine Politik erforderlich gewesen wäre. Die westlichen Staaten hätten mit der Arabischen Liga in Verhandlungen treten müssen, um die katastrophalen Lebensbedingungen der Flüchtlinge zu bessern. Sicherlich hätte man auch auf diese Weise nicht gänzlich verhindern können, dass Menschen die Region verlassen. Aber es wäre ein Gebot von Moral und Vernunft gewesen, sich zu einer gemeinsamen Verantwortung zu bekennen und diese Bewegungen in unterschiedliche Richtungen zu kanalisieren. Es ist auch davon auszugehen, dass sich der Prozeß der Willensbildung in dieser Frage innerhalb der EU anders gestaltet hätte, wenn sich auch die reichen Emirate und Saudi-Arabien bereit erklärt hätten, ihre eigenen Grenzen zu öffnen. Gar nicht zu sprechen von den Debatten innerhalb der europäischen Zivilgesellschaften. Darüber hinaus hätte eine derartige humanitäre Offensive auch noch symbolische Grenzen infrage stellen können, jene die Konfessionen und divergierende Interessen zwischen westlicher und arabischer Welt voneinander trennen.
  • Die bisherige Politik, die sich bis zur Grenzöffnung durch weitgehendes Nichthandeln auszeichnete, hat die Weichen falsch gestellt. Immer mehr Menschen werden die Krisenregion verlassen, weil sie sich in Europa ein besseres Leben versprechen. Europa ist Amerika geworden, ohne Amerika zu sein. Dennoch sollte man den Versuch machen, die genannten Fehler in dem Sinn zu korrigieren, dass die Situation der Flüchtlinge in den Lagern am Rande der Krisenregion eine Aufgabe ist, die Ost und West gemeinsam zu bewältigen haben. Eine wirkliche Politik müsste in der Krisenregion bzw. den Flüchtlingslagern beginnen und nicht erst an den Grenzen Deutschlands oder Europas.
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    Wanderer, kommst Du nach Deutschland…

    Quelle: Wanderer, kommst Du nach Deutschland…

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    05 – 2015 Parlons franchement: Plädoyer für eine offene Sprache in eigener und in anderer Sache

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    Gegen die Wissenschaft der Philologie wäre nichts zu sagen: aber die Philologen sind auch die Erzieher. Da liegt das Problem, wodurch auch diese Wissenschaft unter ein höheres Gericht kommt. — Und würde wohl die Philologie noch existiren, wenn die Philologen nicht ein Lehrerstand wären?

    Friedrich Nietzsche: Notizen zu Wir Philologen, März 1875

    Liebe Leser,

    Bis jetzt bin ich Ihnen/Euch den Schluß dieses Blogs 03-2015 schuldig geblieben. Er sollte schon vor zwei Wochen folgen. Ich bedauere diesen Umstand, aber die Nachhilfestunden und zahlreiche andere Arbeiten sind so anstrengend, dass ich abends kaum noch in der Lage bin, mich zum Schreiben aufzuraffen. Da die folgenden Zeilen aber in einem persönlichem Ton gehalten sind, habe ich mich dazu entschlossen, sie einem neuem Blogeintrag zuzuordnen.

    In diesem neuen Rahmen versuche ich zu einer Bilanz zu kommen. Eine begütigende, versöhnende und freundliche Sprache will uns über den Charakter der Dinge hinwegtäuschen. Seit der frühen Moderne zieht die Sprache ihre Vorbilder aus Werbung und Propaganda, jenen Meistern der Überredung und Manipulation. Tatsächlich leben wir aber weder in der besten noch in der schlechtesten aller Welten, sondern in einer Mittelmäßigkeit, in der uns das Bittere weniger bitter, das Sauere uns weniger sauer und das Schlechte uns weniger schlecht erscheinen soll. Aber auch die erfreulichen Seiten des Lebens werden auf das notwendige Maß gestutzt. Es bedarf keiner technologisch erzeugten Matrix, die sich wie in dem gleichnamigen Film zwischen den Menschen und seine Wirklichkeit stellt, um ihn zu verblenden. Die gelenkte Sprache verfügt über hinreichende Mittel, um ihn in der Gewißheit einer an sich gut eingerichteten Welt zu wiegen.
    Ich will aber nicht für andere, sondern auf Grund eigener Erfahrungen nur für mich selbst sprechen und Schlüsse für mein eigenes berufliches Leben ziehen, die vielleicht auf für andere Kollegen in meiner Lage von Nutzen sein können:

    • Seit anderthalb Jahrzehnte bemühe ich mich um eine ständige Tätigkeit an der Hochschule. Zuvor hatte man mir immer wieder versichert, wie wichtig es doch für mich wäre, eine Habilitationsschrift vorzulegen.
    • Nachdem ich diese Arbeit dann erfolgreich abgeschlossen hatte, wurde mir immer wieder bedeutet, dass ich diese unbedingt auch veröffentlichen müsste.
    • Nachdem diese dann auch als Veröffentlichung vorlag, die im Übrigen meine gesamten Ersparnisse verschlang, wurde mir nahe gelegt, noch viel mehr zu publizieren.
    • Nachdem ich dann soviel publiziert hatte, dass mir sogar Journalisten die Frage stellten, warum ich dennoch nicht berufen wurde, erfuhr ich einen weiteren Grund für meine Schwierigkeiten. Ich sei doch immerhin keine Frau, sondern ein Mann, wie einmal eine Frauenbeauftragte beklagte, und diesen Umstand könne ich auch nicht durch ein noch so gutes Curriculum und ebenso wenig durch auch noch so interessante Vorträge entkräften.
    • Nachdem ich in dieser Hinsicht nichts Grundsätzliches ändern konnte und wollte, teilten mir gutwillige Kollegen mit, dass ich in bestimmten akademischen Kreisen als zu selbstbewusst und zu eigenständig angesehen werde.
    • Nachdem sich auch in dieser Hinsicht nicht sehr viel ändern liess, nahm ich die Gelegenheiten an, die mir Journalisten boten, um auf meine Lage aufmerksam zu machen. Dabei ging es mir niemals nur um mich selbst, sondern um die grundsätzliche Frage, welche Voraussetzungen denn neben der Habilitation noch in Hinblick auf eine Berufung in Frage kämen.
    • Aber auch nun wurde mir von bestimmter Seite bedeutet, dass man derartige Fragen nicht in der Öffentlicheit verhandeln dürfe. Im Übrigen läge es bei mir doch gar nicht an mangelnden Leistungen und Kompetenzen. Ich hätte schon mehr als genug veröffentlicht und Professuren vertreten. Ich sei in jeder Hinsicht bekannt und werde auch fachlich von vielen Kollegen geschätzt.
    • Nachdem ich also diese Meriten vorweisen konnte, warf man mir nun mein Alter vor. Ich sei schon ein etwas älterer Kollege, was ich aus zwei Gründen schon für sehr merkwürdig hielt.
    1. Vor fünfzehn Jahren war ich erheblich jünger, meine Chancen aber keineswegs größer, wie ich weiter oben umrissen habe.
    2. Immerhin musste ich in dieser langen Zeit auch den Umstand hinnehmen, Jahr um Jahr in Vertretungen älter zu werden. Was hat überhaupt das Alter mit intellektuellen Leistungen zu tun, die nicht notwendigerweise mit diesem sinken müssen? Nicht zur Debatte stehen dabei körperliche Fähigkeiten, die mit dem Alter Einschränkungen erfahren mögen.Haben intellektuelle Leistungen ein Geschlecht, ein Alter oder eine Herkunft? Haben sie eine Hautfarbe? Haben wir denn aus der Geschichte des Patriarchats so wenig gelernt, dass wir dessen Ordnung heute umkehren müssen, von alt auf jung, von männlich auf weiblich?

    Leider schaffen diese stillschweigenden Kriterien, die heute für Berufungen geltend gemacht werden, inzwischen auch weitere Benachteiligungen, und zwar in Hinblick auf Anträge bei Stiftungen und ähnlichen Einrichtungen. Da man ohne eine feste Stelle nicht zur Nomenklatur gehört und sich damit auch nicht mit den bunten Federn eines Netzwerks schmücken kann, erscheinen auch die eigenen Leistungen als weniger förderungsfähig als jene, die andere berufene Kollegen erbringen. Nicht dass nicht auch diese an Drittmittelanträgen verzweifelten. Aber als Antragsteller ohne Stelle kann man gar nichts mehr anstellen, auch wenn man ähnliche Leistungen und Kompetenzen vorzuweisen weiß.
    Was man mir nämlich bis jetzt nicht mitteilte, sind die Hintergründe der Schwierigkeiten, die seit den letzten Jahrzehnten hinter mir liegen. Ich sehne mich nach einer offenen und ehrlichen Sprache, mit der mutige und unabhängige Akademiker in guten wie in schlechten Zeiten ihre Haltung gegenüber den Tagesereignissen zum Ausdruck zu bringen pflegten. 

    Meinen Lesern danke ich für ihre Geduld und verbleibe mit besten Wünschen zum Pfingstsonntag, den 24. Mai 2015.

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