04-2019: État d’esprit ‘19 – Betrachtungen eines politischen Menschen zur Situation unserer Zeit

1. Grenzen der Zeit

Es wird immer wieder gesagt, dass wir in einer von Krisen und Kriegen geschüttelten Zeit leben. Häufig ist noch zu hören, dass ausgerechnet jetzt die Weichen für die Zukunft gestellt werden, vielleicht könnte man hinzufügen, dass unsere Gegenwart noch lange in der Zukunft fortwirken wird, wie ein leuchtender Stern, der als Planet längst verglommen ist. Ich habe es aber immer für problematisch gehalten, einer womöglich unabgeschlossenen Epoche eine dominante Signatur zuzuschreiben und diese dann auch noch in einen wohlklingenden Namen zu kleiden. Erst recht gilt dies wohl für eine Zeit, die die unsrige ist. Denn wann endet sie? Ginge sie mit unserem Tod zu Ende, so könnten die Nachgeborenen den Anfang einer neuen Zeit wohl kaum noch ansetzen, weil letztlich mit dem Ableben eines Menschen immer auch eine komplette Welt untergeht.

Doch ohne Frage gibt es Epochenbrüche, die so offensichtlich sind wie jener, der sich mit der Kanonade von Valmy am 20. September 1794 geräuschvoll vom alten Europa verabschiedete. Der Geheime Rat Goethe, der bei der Schlacht zwischen dem revolutionären Frankreich und Preußen als Begleiter seines Herzogs zugegen war, belegte dies mit dem einprägsamen Satz, dass von hier und heute eine neue Epoche der Weltgeschichte ausgehe, und die Augenzeugen sagen könnten, sie seien dabei gewesen. Auch der Sturm auf Winterpalais im Oktober 1917 oder der Fall der Berliner Mauer im November 1989 markierten ähnliche Brüche, und das Leben der meisten Menschen ging weiter. Es war vorher gestorben worden, derweil neue Erdenbürger das Licht der Welt erblickten. Und das Leben anderer sollte mit dem Finale des Kalten Krieges zu seinem Ende kommen, während es auch anderen Menschen gegeben wurde weiterzuleben, obschon es ihnen womöglich immer noch schwerfallen sollte, sich Berlin, Deutschland und Europa nun ungeteilt vorstellen zu können.

 

2. Zur Bedeutung individueller Lebensgestaltung

2.1 Der Individualismus als Lebensgefühl unserer Zeit

Zu den Signaturen, die unsere Zeit bestimmen, gehört aus meiner Sicht ein individualistisches Lebensgefühl, das keineswegs neuartig ist und deshalb umso mehr als besonderes Kennzeichen gerade unserer Gegenwart umstritten sein dürfte. Doch ein Vergleich mit den späten 1960er und 1970er Jahren macht sogleich klar, dass der Individualismus seinerzeit zumeist anders in der öffentlichen Meinung empfunden wurde als dies heute der Fall ist. Sicherlich fühlten sich konservative Geister schon immer von den Grenzüberschreitungen ihrer Mitmenschen gestört. Der aufkommende Feminismus, die gerade entstehende Schwulenbewegung, vor allem die Widersetzlichkeit und Aufsässigkeit junger Leute, die in Wohngemeinschaften zusammenlebten und sich gar noch revolutionär gebärdeten, wurden vielfach als Provokation empfunden und nicht zuletzt auch einem anarchischen individualistischen Treiben zugeschrieben. Und dennoch galt Individualismus, von linksradikaler Phraseologie oder reaktionärer Gebärde abgesehen, zumeist als etwas Emanzipatorisches und daher auch als gesellschaftliche Notwendigkeit. Die westlichen Gesellschaften begannen sich so rasch zu ändern, weil sich viele Menschen in Familie, Freundeskreisen, aber auch in staatlichen und wirtschaftlichen Zusammenhängen aus einer ihnen spürbar gewordenen Lebensenge befreiten. Die christlichen Kirchen taten sich freilich schwer damit, weil sie im Prinzip einer Gemeinde dachten, in dem sich der einzelne nach einer Hirtenmoral unterzuordnen und anzupassen hatten.

Noch in dieser Zeit begannen sich aber Intellektuelle wie Pier Paolo Pasolini (Freibeuterschriften. Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft. Berlin: Wagenbach, 1981) zu fragen, ob lange Haare noch ein Zeichen von Emanzipation oder nicht doch eher ein modischer Trend seien, dem jedermann stehe. Er entdeckte das Universum des bäuerlichen Lebens und damit jene Solidarität, die dem Trotz gegen eine widrige Natur und eine nicht minder feindliche Regierung entsprang. Der Individualismus wurde aus seiner Sicht zu einer modischen Zeiterscheinung, der man sich zu beugen hatte, wollte man nicht als unmodern oder reaktionär gelten. Und gerade heute gewinnt sein Urteil an Aktualität.

2.2 Ein zunehmend toxischer Individualismus

Denn jener Individualismus, mit dem wir auf Schritt und Tritt Bekanntschaft machen müssen, hat mitunter grausame und hedonistischen Züge erhalten, voll von Selbstbezug und masslosem Egoismus. In unerträglichen, ideologisch überfrachteten Diskussionen schleicht sich immer wieder jene sprichwörtliche Unduldsamkeit ein, die ausschliesslich die eigene Sprache versteht, um die der anderen mehr bewusst als unbewusst misszuverstehen. Ob im Strassenverkehr, wo neue elektrische Roller, gerade hier in Berlin-Mitte, Bürgersteige bevölkern und dabei Passanten geflissentlich übersehen, ob am Arbeitsplatz oder in schulischen Einrichtungen, wo Mobbing inzwischen zum Alltag gehört, überall geht es darum, dem anderen sein Gesicht als ein möglichst hasserfülltes und womöglich gewalttätiges zu zeigen, so als könne die eigene Individualität nur dann ihre Wirkung hinterlassen, wenn sie als ausschließlich aggressiver Gestus wahrgenommen wird.

In der Politik sind nicht nur die sogenannten Volksparteien in eine Krise getreten; auch ein System des Ausgleichs und des Kompromisses droht uns abhanden zu kommen und der Unnachgiebigkeit neuer Akteure Platz zu machen. Dieses Land der Mitte war, historisch gesehen, schon immer ein fruchtbarer Boden für diese polemische Saat und könnte es im Namen von Prinzipienreiterei und Unduldsamkeit erneut werden. Und sicher ist diese verhängnisvolle Entwicklung, wie wir sie mit der Präsidentschaft Donald Trumps heraufziehen sahen (vgl. 2018-03), auch jenem unterschiedslosen Geplapper liberaler Eliten und Amtsträger zuzuschreiben, die ihren Diskurs einzig und allein nach den Opportunitäten des Alltags ausrichteten und dabei die vom Niedergang bedrohten Mittelschichten vernachlässigten.

3. Die bürgerlichen Mittelklassen als Träger des Individualismus

3.1 Die Zerstörung und Selbstzerstörung der bürgerlichen Mittelklassen

Es wäre trivial, diese Zeit wiederum in die Nähe der frühen 1930er Jahre zu rücken. Aber in einem Punkt erscheint dies zumindest angemessen. Wie vor den Hitlerjahren handelt es sich heute wiederum um eine bürgerliche Mittelklasse, die mit wachsenden Sorgen in einen wirtschaftlichen Abgrund blickt. Denn gerade sie ist es heute wie damals, die ihre angeblich so ehernen Prinzipien zugunsten kurzfristiger Vorteile in die Gosse wirft, indem sie diese aber fortwährend als blosse Formeln an ihre Kinder und Kindeskinder weitergibt. In seiner Autobiografie Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend. (Hamburg: Rowohlt 2006, S. 343-344) beschreibt Joachim Fest diese Zeit so:

Zu viele gesellschaftlichen Mächte hatten an der Zerstörung dieser [bürgerlichen] Welt mitgewirkt, die politische Rechte ebenso wie die Linke, die Kunst, die Literatur, die Jugendbewegung und andere. Hitler hat im Grunde nur weggeräumt, was an Resten noch herumgestanden hatte. Er war ein Revolutionär. Aber indem er sich ein bürgerliches Aussehen zu geben verstand, hat er die hohlen Fassaden des Bürgertums mit Hilfe der Bürger selbst zugrunde gerichtet: Das Verlangen, ihm ein Ende zu machen, war übermächtig. […] Im Innern war diese Schicht lange morsch; insofern bin ich nach den Grundsätzen einer abgelebten Ordnung erzogen worden. Sie hat mir ihre Regeln und ihre Traditionen bis hin zu ihrem Gedichtekanon vermacht. Das hat mich etwas von der Zeit entfernt; zugleich hat diese Ordnung mir ein Stück festen Grundes verschafft, der mir in den folgenden Jahren manchen Halt vermittelte.

Unwiderruflich vorbei ist zwar die Hitlerei, nicht jedoch, was in den 1920er und 1930er Jahren zu ihr führte, aber sicherlich heute eine andere Barbarei hervorbringen mag, die mit der Zeit auch eine weitaus internationale Dimension annehmen wird. Das Problem, mit dem wir damals wie heute konfrontiert sind, besteht im ambivalenten Status der bürgerlichen Mittelklassen. Diese sind seit ihrer Entstehung stets von hybrider Natur, d. h. sie rekrutierten sich bereits im 19. Jahrhundert, im Zeitalter des Bürgers, aus verschiedenen Schichten, aus Adel und Bauerntum, um dann in den Städten zu einer eigenen, aber auf sozialer Ebene immer durchlässigen Kategorie zu werden. Die Comédie Humaine Honoré de Balzacs, aber auch der englische Gesellschaftsroman bieten hinreichende Belege für diese Annahme.

3.2 Das Bürgertum als hybride Klasse

Heute gilt dies auch für Einwanderer aus entfernten Regionen der Welt, denen die deutsche Sprache und Kultur bis dato noch unbekannt ist. Ihren besten Zugang zu unserer Gesellschaft finden sie über die Mittelschichten, zumal wenn sie selbst als Händler, Intellektuelle, Lehrer und Träger freier Berufe (Ärzte, Rechtsanwälte) die Mitte der Gesellschaft erreichen. Denn bürgerlich zu sein, bedeutet auch, sich im eigenen Selbstverständnis und im sozialen Leben als Individuum zu inszenieren. Zugleich haben die Mittelschichten aber auch jene von Joachim Fest beschriebenen Traditionen entwickelt, die zumindest im nördlichen Deutschland aus preussisch-protestantischen Beständen herrühren und zuweilen auch gern im Gleichschritt marschierten.

In diesem Sinn war das Bürgertum, vor allem in seinen freien Berufen, in seinen Akademikern, in seinem Werte- und Gedichtekanon sowie seinen Bildungsinstitutionen auch eine Art Korporation. Diese kollektive Zuschreibung rivalisierte demnach mit einer individualistischen Lebenshaltung, die im Zuge von Moderne und Postmoderne zusehends an Boden gewann. Denn jener Prozess, den Marx bereits auf dem Höhepunkt der bürgerlichen Revolution erkannt haben will („Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.“), nimmt in unserer Zeit weiter Fahrt auf.

Paradoxerweise sind es in den 1960er und 1970er Jahren gerade jene Akteure fūr die weitere Selbstauflösung des Bürgertums in ihrer korporativen Erscheinung zuständig, die selbst bürgerlicher Herkunft sind. Und noch paradoxer will es erscheinen, dass sich dieser Prozess just in jenen linken Gruppen reproduziert, die selbst zumeist aus dem Bürgertum stammen. Den zunächst emanzipatorischen Anliegen, die seinerzeit zahlreiche Studenten zum Protest gegen ein autoritäres und scheinheiliges Bürgertum auf die Strasse brachten, folgte ein merkwürdiger weitaus autoritärerer Karneval. In diesem Sinne ersetzten sie den Bürger- durch den Proletenkult, um sich aus Scham vor der eigenen Herkunft zu einem neuen Kollektiv zu bekennen, einer revolutionären Arbeiterklasse. Stalin, allen voran Mao Zedong galten ihnen als weit weniger autoritär als Adenauer, stiegen diese in ihren Augen doch zu Ikonen gesellschaftlicher und kultureller Befreiung auf. Dass Derartiges geschehen konnte, hatte mit dem moralischen Verfall der Väter- und Großvätergeneration zu tun, die sich weidlich über die Gewalttaten ihrer Söhne und Töchter echauffierten, aber ihre eigenen Gewalttaten verschwiegen und dabei noch grausige Kriege wie jenen in Vietnam zum Schutz der Freien Welt rechtfertigten.

4. Der Normalisierungszwang im Namen der Mittelklassen

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4.1. Emanzipation vs. Anpassung und Uniformität

Und damit schliesst sich der Kreis. Stehen die Mittelklassen einerseits für einen bürgerlichen Individualismus, der gerade vor dem Hintergrund einer allgegenwärtigen Weltmarktgesellschaft im Hedonismus der Warenwelt zur höchsten Entfaltung kommt, so kann der Rekurs auf kollektive Werte auch immer zum Kontrapunkt werden. Vor der NS-Herrschaft gab das Bürgertum mehrheitlich seine Wertvorstellungen auf, um sich in die vermeintliche Volksgemeinschaft einzureihen. Der klassische Wunsch, sich durch humanistische Bildung oder bestimmte Wertvorstellungen vom gemeinen Volk abzuheben, trat vor dem Wunsch nach persönlichem Wohlstand zurück. Insoweit stehen die späten 1960er und 1970er Jahren mit ihrem gesellschaftlich erstarkenden Individualismus in einem asymmetrischen Verhältnis zueinander zu jenem verordneten Nationalkollektiv in der Nazizeit. Doch der Wunsch des Bürgers nach wirtschaftlichem Aufschwung war am Anfang de 1930er Jahre nach einer gewaltigen Rezession ebenso spürbar wie im Zuge der Studentenbewegung, nachdem sich erste Risse im westdeutschen Wirtschaftswunderland gezeigt hatten.

Die wirtschaftlichen und politischen Konjunkturen können in den Mittelklassen, grob umrissen, zwei gegensätzliche Tendenzen befördern, ein Festhalten an der eigenen Autonomie gegenüber anderen Klassen und Schichten der Bevölkerung einerseits oder die Unterwerfung unter die bloßen Verhältnisse des Weltmarktes, aber auch unter einen charismatischen Führer, in dessen Hände man die Geschicke der Nation gibt. Gibt das Bürgertum seine eigenen Werte preis unter dem Vorwand, nur unter diesen Bedingungen seien diese zu verteidigen, kann eine demokratische Ordnung in Gefahr geraten, können autoritäre Zustände mit autokratischen Folgen entstehen. Es ist wie heute aber auch eine andere Option denkbar.

4.2. Transformationen der liberalen Gesellschaft

Die Selbstaufgabe der Mittelklassen kann im Ergebnis auch nach jenem Modell erfolgen, wie wir es im Zuge der 1968er beschrieben haben. Was zunächst mit einem emanzipatorischem Erwachen wie ein frischer Frühlingswind eine in überlebten Werten befangene Gesellschaft durchschüttelte, ging in ihrer dominanten Variante in einen beispiellosen Hedonismus und narzisstischen Verirrungen über, was bis heute anhält. Dabei geht die Tendenz zur Befreiung glücklicherweise nicht ganz verloren.

Die Bewegung der Frauen und der Schwulen haben viel dazu beigetragen, ‚die alten Mumien vom Podest‘ zu reißen, auch wenn einem Teil des Feminismus recht reduktive Vorstellungen von Emanzipation innewohnen. Die Debatten über den sogenannten Gender Main Stream, die nicht zuletzt auch reaktionäre Geister auf den Plan rufen, zeigen, dass sich eine Kulturelite nur allzu gerne im Sprachlich-Symbolischen aufhält, ohne das häufig viel diffusere Reale überhaupt zu erfassen. Kaum noch wahrnehmbar ist indes dabei jene den emanzipatorischen Wandlungen der 1960er Jahre folgende linksradikale Variante, die ebenfalls dazu beitrug, noch verbliebenen bürgerlichen Konventionen den Kampf anzusagen. Auch sie implizierte letztendlich ein Abtreten der Mittelklassen, die sich drappiert mit den Symbolen der Befreiung auf einen permissiven Standort zurückzogen. Doch darin waren ihnen auch andere Klassen und Schichten gleich, die sich allesamt einem Normalisierungszwang unterwarfen. Lassen wir an dieser Stelle wiederum Pier Paolo Pasolini zu Wort kommen, der in seiner Kritik an der liberalen Gesellschaft Michel Foucault doch sehr nahe kommt.

Kein faschistischer Zentralismus“, meint Pasolini, „hat das geschafft, was der Zentralismus der Konsumgesellschaft geschafft hat. Der Faschismus propagierte ein reaktionäres und monumentales Modell, das sich jedoch real nie durchzusetzen vermochte. Die verschiedenen Sonderkulturen (die der Bauern, der Subproletarier, der Arbeiter) richteten sich vielmehr weiter unbeirrbar nach ihren überlieferten Modellen. Die Repression ging nur so weit, wie es zur Sicherung des verbalen Konsenses erforderlich war. Heute dagegen ist der vom Zentrum geforderte Konsens zu den herrschenden Modellen bedingungslos und total. Die alten kulturellen Modelle werden verleugnet. […]

Mit Hilfe des Fernsehens hat das Zentrum das Ganze Land, das historisch außerordentlich vielfältig und reich an originären Kulturen war, seinem Bilde angeglichen. Ein Prozess der Nivellierung hat begonnen, der alles Authentische und Besondere vernichtet. Das Zentrum erhob seine Modelle zu Normen der Industrialisierung, die sich nicht mehr damit zufrieden geben, dass der ‚Mensch konsumiert‘, sondern mit dem Anspruch auftreten, es dürfe keine andere Ideologie als die des Konsums geben.

4.3 Die in Unordnung geratenen Seinsweisen der Menschen

In dieser Zeit mit weltweit zunehmenden autokratischen Tendenzen stellt sich aus heutiger Sicht die Frage, ob diese nicht auf jenen toxischen Individualismus reagieren, mit dem sich ein notwendiges Gleichgewicht zwischen dem Selbstsein (dem Menschen in seinen Eigeninteressen und Befindlichkeiten), dem Mitsein (dem Menschen als gesellschaftliches Wesen) und dem Gegebensein (die Natur, Gott) verloren hat. Eingedenk der klimatischen Verwüstungen, die vielfach in der Öffentlichkeit wie eine Heimsuchung empfunden werden, erscheint Letzteres heute zwar in einem gänzlich anderen Licht. Die jungen Leute, die freitags aus Sorge um ihre Zukunft auf die Straße gehen, spüren selbst angesichts ihres eigenen Selfie-Individualismus, dass dieses Gefüge nicht in Ordnung ist. Denn wenn wir Pasolini richtig verstehen, dann kann die Selbstaufgabe der Mittelklassen auch darin bestehen, dass diese ihren Konsumismus, Hedonismus und ihren zur Schau getragenen Liberalismus auf den Ruinen ihrer einstigen Wertvorstellungen und Konventionen gesellschaftsfähig machen.

Das Paradoxe an dieser Entwicklung lässt sich nur schwer beschreiben. Sicherlich, es gibt die in sozialer Hinsicht Abgehängten, seien es Individuen, Städte, Regionen oder ganze Länder. Sie brauchen ihre Ohren nicht mehr vor den „Zukunfts-Sirenen des Marktes“ (Nietzsche) zu verstopfen, weil diese ohnehin schon lange keine Wirkumg mehr auf sie ausüben. Nicht nur sie wenden sich aber zu Recht oder zu Unrecht anderen Sirenen zu, die lautstark auf sich aufmerksam machen und ihre Zuhörer ins Verhängnis führen. Aber auch in der Mitte der Gesellschaft fühlen sich Menschen durch das rücksichtslose, zuweilen übergriffige Verhalten ihrer Mitmenschen belästigt oder gar bedroht, obwohl es doch sie selbst sind, die sich auf ähnliche Weise verhalten können. Auf allen Ebenen wird man gewahr, wie sehr sich die Relationen zwischen den Seinsformen verschoben haben. Der einstigen Einseitigkeit, jener alten Uniformität platter Gehorsamsregeln, ist eine nicht minder banale Monotonie unterschiedslosen Geplappers gewichen, von dem Neil Postman schon in den 1980er Jahren gesprochen hatte. Dabei ist unverkennbar, wie Foucault es einmal irgendwo formulierte, dass das Ungesagte weitaus mehr über den gesellschaftlichen Diskurs aussagt als das, was sich eigentlich in Wort, Bild und Ton darstellt.

Demokratie bedeutet aber, im Diskurs wieder richtig zu rücken, was eben durch diesen in Verhalten und Erziehung in Unordnung geraten ist. Es ist aber nicht sicher, ob diese Strategie noch verfangen kann. Zu sehr drückt nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene jene Versuchung des charismatischen oder wenigstens doch mächtigen Führers, der vermeintlich heilt, was in der sozialen Wirklichkeit zerbrochen wurde.

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5. Bilanz

Es bedeutet aber auch, dass geltende Koordinaten einer Überprüfung bedürfen. Was ‚rechts‘ und ‚links‘ ist, hat sich nicht nur an diskursiven Traditionen zu orientieren. Dass das eine bisher zumeist beschränkter Nationalismus und aggressiver Rassismus bedeutet, ist zwar heute immer noch richtig. Ebenso auch dass das andere sich mit Weltoffenheit und Toleranz verbindet. Und doch können wir diese sehr ins Allgemeine gehaltene Aussage nicht mehr ungeteilt übernehmen, zumal beide Traditionen von Verbrechen gezeichnet sind, die in ihrem Namen begangen wurden. Was ‚Faschismus‘ heißt, ist zwar nicht immer genau definiert, doch wenigstens in Bildern hinreichend bekannt. Was ‚Antifaschismus‘ besagt, hat noch diffusere Bilder hervorgebracht, die des Aufstands im jüdischen Ghetto, die der französischen Résistance, der Partisanen in den besetzten Gebieten, aber auch jener Terror, der im Namen der Befreiung gegen Antifaschisten, Juden und Christen, selbst gegen Kommunisten und parteilose Linke wüten sollte. An vermeintlich charismatischen Führern hat es auf beiden Seiten nicht gemangelt. Doch Lichtalben haben sich fast ausschließlich als Nachtgestalten zu erkennen gegeben. Die Traditionen sind verbaut, auch wenn ich mit den meisten Antifaschisten sympathisiere, die für eine gute Sache zu kämpfen glauben und es zumeist auch tun.

Was heute gerade im Zeichen des Weltmarktes so verheißungsvoll erscheint, kann nicht nur neue einseitige Abhängigkeiten wie im Kolonialzeitalter produzieren. Es kann auch im Inneren der Regionen und Nationen Stimmungs- und Bewusstseinslagen hervorbringen, die genau deren Selbstisolation oder gar Rassenhochmut bewirken. Zugleich ist aber auch denkbar, dass diese ihre Autonomie gegenüber dem Weltmarkt verteidigen, dass sie sich einem als falsch erkannten Weg verweigern, wie dies etwa beim Staat Kalifornien der Fall ist, der sich von der verhängnisvollen Klimapolitik der jetzigen US-amerikanischen Zentralregierung abgrenzt. Vor dem Hintergrund des Brexit rückt die so lang umkämpfte nationale Einheit Irlands ebenso in den Bereich des Möglichen wie die Unabhängigkeit Schottlands.

Nicht weniger stellt sich die Frage, was denn geschähe, wenn sich ein einstmals frei gewählter Präsident der Europäischen Kommission auf ähnlich politische Weise gebärdete wie die Herren Orban oder Salvini. Wir sprachen von Stimmungs- und Bewusstseinslagen. Warum sollte in der Europäischen Union nicht möglich sein, was im Superstaat USA längst Realität geworden ist, wo der Präsident Teile seines Volkes gegeneinander ausspielt, hohe Grenzzäune errichten will und Einwanderer tutti quanti aufs Übelste diffamiert und schikaniert.

Wie die festen Milieus in der Gesellschaft schwinden, so müssen auch diskursive Traditionen aus ihrer Genese und Entwicklung bewertet werden. Was ‚rückschrittlich‘ oder ‚progressiv‘ ist, muss sich aufgrund heutiger Erfahrungen aus den jeweiligen Kontexten ergeben. ‚Individualismus‘, seines Zeichens als Erbschaft unserer Kultur ein Äquivalent für das erstrebte Ziel eigenständigen Denkens und Handels, ist heute kein unschuldiges Kind mehr. Ebensowenig ist gesellschaftlicher Zusammenhang und soziale Solidarität nicht mehr unbedingt mit einen Zwangskollektiv zu verwechseln, das Dissens der Meinungen und Differenz der Lebensauffassungen nicht zuließe. Auch Geschichte bedeutet, neue Erfahrungen zu machen, ohne in alte Traditionen zurückfallen zu müssen.

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03a-2019: Emmy Hennings (1885-1948): Tänzerin

Dir ist als ob ich schon gezeichnet wäre 
Und auf der Totenliste stünde. 
Es hält mich ab von mancher Sünde. 
Wie langsam ich am Leben zehre!

Und ängstlich sind oft meine Schritte, 
Mein Herz hat einen kranken Schlag 
Und schwächer wird’s mit jedem Tag. 
Ein Todesengel steht in meines Zimmers Mitte.

Doch tanz ich bis zur Atemnot. 
Bald werde ich im Grabe liegen 
Und niemand wird sich an mich schmiegen. 
Ach, küssen will ich bis zum Tod.


03b-2019: Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898): Firnelicht

Wie pocht‘ das Herz mir in der Brust

Trotz meiner jungen Wanderlust,

Wann, heimgewendet, ich erschaut

Die Schneegebirge, süss umblaut,

Das grosse stille Leuchten!


Ich atmet eilig, wie auf Raub,

Der Märkte Dunst, der Städte Staub.

Ich sah den Kampf. Was sagest du,

Mein reines Firnelicht, dazu,

Du grosses stilles Leuchten?


Nie prahlt ich mit der Heimat noch

Und liebe sie von Herzen doch!

In meinem Wesen und Gedicht

Allüberall ist Firnelicht,

Das grosse stille Leuchten.


Was kann ich für die Heimat tun,

Bevor ich geh im Grabe ruhn?

Was geb ich, das dem Tod entflieht?

Vielleicht ein Wort, vielleicht ein Lied,

Ein kleines stilles Leuchten!

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02-2019: Wissenschaft, Gesellschaft und Wertung (mit neuem Zusatz vom 9. Mai 2019)

In meiner Schul- und Studentenzeit waren mir Bewertungen ein Gräuel. Ich hasste es, bewertet zu werden, vielleicht auch aus der Sorge, man könnte eher aufgrund von Aussehen, Herkunft und Eltern taxiert werden. Hinzu kam, dass der Leistungsgedanken vor dem Hintergrund der dann verglimmenden Studentenbewegung in den 1970er und 1980er Jahre nicht gerade en vogue war. Ich erinnere mich noch gut der Sitzstreiks, die Studentengruppen gegen sprachliche Einstufungstests anstifteten, weil sie der Ansicht waren, dass diese nur zu weiteren Ungerechtigkeiten führen würden.

Heute bin ich ganz anderer Meinung, nicht zuletzt deshalb, weil Leistung die einzige Kategorie ist, die Menschen im Wettbewerb noch eine reale Chance gibt. Sie bietet dem Einzelnen die Möglichkeit, seine Kompetenz unter Beweis zu stellen, im Vergleich mit jenen, die dies auf gleicher Ebene tun. Konkurrenz kann für alle Mitbewerber zerstörerisch sein, aber Nepotismus ist es in noch umfassenderen Sinn, da er als aristokratisches Prinzip vornehmlich auf große Namen setzt, und dies meist indem er von deren Leistungen absieht. Am besten ist ein fairer Wettbewerb, der eben zunächst die Leistungen der Bewerber bewertet, um dann Geschlecht, Augen- oder Haarfarbe in Betracht zu ziehen.

Damit kommen wir zu einem entscheidenden Punkt des Leistungsprinzips. Menschen vergleichen unausgesetzt, auch wenn sie sich selbst vielleicht Vergleichen nicht immer stellen mögen. Sie fragen sich z. B. bei der jetzigen Missbrauchsdebatte in der katholischen Kirche, warum ein Priester, der sich an einem Kind vergeht, besser gestellt sein soll als ein Arzt an einem katholischen Krankenhaus, der seine Arbeit verliert, weil er gegen das Sakrament der Ehe verstösst und ein zweites Mal heiratet. Vergleiche sind auch die Grundlage des Leistungsprinzips, da hier ungeachtet der Person und ihrem Ansehen entsprechende Parameter in Beziehung gesetzt werden.

Die gegenwärtige Krise unserer westlichen Gesellschaften liegt aus meiner Sicht in der Gestaltung des Leistungsprinzips. Sie umfasst alle Bereiche des öffentlichen Lebens, die Bildungseinrichtungen, die Kirchen und die Politik. Denn inzwischen fällt dem Leistungsprinzip jene Rolle zu, die im vorrevolutionären Frankreich dem cartesianischen Cogito als Sprengsatz der ständische Gesellschaft mit ihren Privilegien zugekommen war. Angesichts wachsender Dysfunktionen in Politik und Wirtschaft, der Rolle des TÜV’s bei der Abnahme des Unglücksstaudamms in Brasilien, des Flughafens in Berlin fragen sich immer mehr Menschen in anstrengenden, aber unterbezahlten Positionen, warum die Herrschaften in der bel étage aus ihrer Sicht für ihre an sich untalentierte Arbeit, ihre Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit so gut honoriert werden. Ähnliche Vorwürfe richten sich gegen Politiker aller Kolör, zumal mit dem Hinweis, dass diese für ihre möglichen Fehlentscheidungen auch haftbar gemacht werden sollten.

Machen wir einen kleinen Exkurs in die Geschichte der Philosophie. Warum entstand diese nicht in den grossen archaischen Reichen, sondern gerade in den griechischen Stadtstaaten? Die Antwort auf diese Frage geben Gilles Deleuze und Félix Guattari. In Persien sind es die gottähnlichen Monarchen, die über Recht und Unrecht entscheiden, die Urteile sprechen. Unterliegen diese hier keinerlei Befragung gegensätzlicher oder abweichender Standpunkte, so sind sie in der griechischen Polis Gegenstand von Debatten. Aus dieser Notwendigkeit, Werturteile zu begründen und zu erklären entsteht die Philosophie der Antike. Es bedarf einer grundsätzlichen Wertorientierung, auf deren Grundlage auch im praktischen Leben gehandelt werden kann.

Gerade unsere demokratische Gesellschaft lebt vom Aushandeln von Werturteilen, zumal dann, wenn sie auf dem Pluralismus von Meinungen und Perspektiven beruht. Denn wie anders sollte über die Legitimität von Anliegen befunden werden, wenn nicht durch meinungsbildende Prozesse? Doch können diese nicht auf angemessene Weise stattfinden, wenn ihnen der zugrunde liegende Kompass abhanden gekommen ist.

Meine Erfahrungen beziehen sich natürlich zunächst auf den Bereich der Hochschulen, wo Berufungsentscheidungen in den letzten Jahren immer häufiger in Zweifel gezogen werden. Aber so ließe sich fragen, wie ist es um die Wissenschaften, besonders die Geisteswissenschaften bestellt, wenn Kommissionen sich nicht auf einen Wertekanon oder objektivierbare Kriterien stützen, um geeignete Kandidaten für Professuren zu finden, wenn sie eher sekundären Ausschlusskriterien folgen, wenn sie darauf verzichten, unabhängige Positionen gegenüber Netzwerken Respekt zu zollen. Kann eine Wissenschaft, die letztlich auf derart schütteren Grundlagen beruht, selbst überhaupt noch Werturteile aussprechen? Hat sie sich nicht schon längst im Ränkespiel der Wissenschaftler selbst aufgegeben? Gilt Ähnliches nicht auch für die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die die Fülle der Anträge mit ihrem Budget abstimmen muss und dabei auch außerwissenschaftliche Interessenlagen, wie das Alter des Antragstellers, die Rolle seines Arbeitsbereichs zu berücksichtigen hat. Ich selbst wollte zu einem afrikanischen Thema arbeiten und musste bei der Durchsicht bisher bewilligter Projekte feststellen, dass Afrika seinerzeit (2015) so gut wie keine Rolle bei der DFG spielte. Wer aber, mit welcher Autorität, urteilt hier über die Legitimität von Projekten? Natürlich derjenige, der die seinigen durchzusetzen sucht. Hier verhandelt also Partei gegen Partei. Hier geht es einzig und allein von Einflusssphären, die Personen, aber auch Fächer betreffen. Wie ich den entsprechenden Gutachten entnehmen konnte, mangelt es gerade hier an einer orientierenden Grundlage, die eigentlich jeder Beurteilung vorausgehen müsste, zumal man/frau/es dem Antragsteller zugesteht, dass er die intellektuelle Eignung habe, sein an sich wichtiges Projekt erfolgreich zu Ende zu führen. Stattdessen ergehen sich die Formulierungen in kleingeistigen Hinweisen auf das Fehlen dieses oder jenes Titels, auf mein Alter, auf die aus ihrer Sicht zuweilen antragsfremde Diktion, auf meine an sich reichhaltige Publikationsliste…“Von daher“, wie heutzutage jede Begründung in der Alltagssprache eingeleitet wird, ist auch nicht mit einer wirklichen Würdigung eines derartigen Projekts zu rechnen, wenn es nicht in die Befindlichkeiten und Interessenlage von Gutachtern hineinpasst. Aus diesem Grund müssen diese auch ebenso anonym sein wie deren verlautbarte Sprache, die sich kaum mit dem Anliegen eines solchen Projekts auseinandersetzt und in Allgemeinplätzen zu verharren pflegt.

Aber ich will nicht reduktiv auf diese Erfahrungen aus einem Bereich setzen, der für die meisten Bürger dieses Landes ohnehin keine oder zumindest keine sonderlich große Rolle spielt. Denn ob es sich um die Diäten der Abgeordneten handelt, um die überdimensionierte Altersversorgung von Dax-Vorständen, überall stellen sich Menschen die Frage nach der Legitimität derartiger Bezüge. Und natürlich auch die Frage der tüchtigen Habenichtse, warum ihre Arbeit nicht auch entsprechende Anerkennung findet.

Die Wertschätzung von Tätigkeiten und Kompetenzen, kurzum von Leistungen ist die Grundlage der bürgerlich-liberalen Gesellschaft. Diese hatte vor mehr als zweihundert Jahren mit dem Versprechen begonnen, dass sich der Bürger einen Namen machen muss, den er im Gegensatz zum Aristokraten nicht hat. Geräten diese Fundamente ins Wanken, erleben die Rattenfänger mit ihren falschen Verheißungen Hochkonjunktur.

Blicken wir uns um. Ob in den USA, in Brasilien oder auf den Philippinen – überall ist die liberale Ordnung erschüttert. Es ist nur eine Frage der Zeit, wenn diese Erschütterungen auch uns in Deutschland treffen werden. Europa ist keine Euroase mehr. In Italien sind die liberalen Parteien am Ende. Und in unserem geliebten Nachbarland Frankreich toben bürgerkriegsähnliche Unruhen gegen einen Präsidenten, der bei der Einweihung eines neuen Bahnhofs von einem Ort spricht, in dem erfolgreiche Menschen auf jene treffen, die nichts sind (Originalzitat: „Dans une gare, on croise des gens qui réussissent et des gens qui ne sont rien“). Was für eine eitle Maskerade der Bevorrechteten, die genau wissen, wen sie zu den Bevorrechteten zu zählen haben, zumal sie selbst die Mechanismen der Bevorrechtung aus eigenem Erleben, aus der eigenen Karriere erfahren haben! Dieser Zynismus der Herrschenden wird die Beherrschten dazu veranlassen, ihren Respekt zu verlieren.

Zusatz, Berlin, 9. Mai 2019

Viele Zeitgenossen scheinen gar nicht bemerkt zu haben, dass das sogenannte Profiling nach Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft, Religion o.Ä. gerade jenen Macht verleiht, die diese im Namen von Gleichberechtigung, Gerechtigkeit u.s.w. über andere ausüben. Dass diesen notwendigen und löblichen Postulaten damit äußerst selten gedient ist, liegt auf der Hand. Dass sie zu Instrumenten in den Händen dieser Wohlverteiler werden, die damit auch überall da, wo Stellen ausgeschrieben und Posten verteilt werden, Privilegien einräumen oder sie auch entziehen, ist eine allgemein anerkannte Einsicht. Aber dieser folgt kein adäquates Handeln, zumal man sich doch auf der richtigen Seite sieht. Gleichberechtigung ist aber nur dann möglich, wenn wir ungeachtet unseres Geschlechts, unserer sexuellen Orientierung, unserer Herkunft nach unseren Leistungen beurteilt werden.

Dies war unter besonders erstarrten patriarchalen Verhältnissen nicht der Fall, als Frauen der Zutritt zu Akademie und Universität versperrt war. Es ist gut, dass diese Zeiten der Vergangenheit angehören, und es ist richtig, dass noch mehr getan werden muss, damit Frauen einen gleichberechtigten Platz in allen Wissenschaften einnehmen. Aber dies darf nicht um den Preis neuer Ungerechtigkeiten geschehen, deren Opfer Frauen und Männer gleichermaßen sind. Ich weiß, dass ich hier von Selbstverständlichkeiten und Banalitäten spreche. Umso schlimmer für die Tatsachen, möchte man mit Ernst Bloch einwerfen. Umso schlimmer, dass wir hier von Banalitäten sprechen, die dem Normalisierungszwang zuwiderlaufen. An diesen Tatsachen wird sich zeit meines Lebens wohl nichts mehr ändern.

Ich habe Jahrzehnte gegen dieses Profiling gekämpft, das meine akademische Laufbahn zerstörte. Ich habe diesen Kampf, wie zu erwarten war, verloren und aufgegeben. Aber ich blicke ohne Zorn auf meine Zeit, die Emanzipation und Gleichberechtigung verhieß, ohne dass ich sie selbst jemals am eigenen Leibe erlebt hätte. Unter diesen Umständen fällt es mir jedoch nicht schwer, mir vorzustellen, wie Frauen einstmals behandelt wurden und z. T. auch heute noch behandelt werden können, wenn sie sich auf eine Professur bewerben. Weiterer Erkenntnisgewinn in unserer Zeit ist jedoch, dass wir nicht mehr Frauen sein müssen, um Missverhältnisse bei Berufungen, DFG-Anträgen zu erfassen. Sicherlich war dies auch weit früher schon der Fall, denn auch unter patriarchalen Bedingungen galt unter Männern nicht die volle Gleichberechtigung. Was war mit jüdischen Wissenschaftlern, die nicht erst durch die Nazis diskriminiert wurden? Und natürlich geht es auch Frauen heute nicht unähnlich, wenn sie es unter vermeintlich frauenfreundlicheren Bedingungen trotz ihrer Leistungen keine berufliche Anerkennung finden. Aber zu keiner Zeit wurde soviel von Chancengleichheit gesprochen wie in der unsrigen. Und zu keiner Zeit wurde soviel geheuchelt wie in der heutigen.

Es wird späteren Generationen, Akademikerinnen und Akademikern, vorbehalten bleiben, diesen Kampf auszufechten und so mehr Chancengleichheit zu erwirken.

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01-2019: Transitzeit (2018/19)

Seit Wochen überlege ich, wie und mit welchen Worten ich mich wieder bei meinen Lesern melde. Seit meinem letzten Eintrag (2018-04) ist nicht nur der Sommer, sondern auch das Jahr vergangen. Ich fand einfach keinen Anknüpfungspunkt zu meinen letzten Blog, in dem ich nochmals auf den Umstand einging, dass sich Romanisten nicht nur durch abgesicherte, mehr oder weniger gut bezahlte akademische Positionen geehrt werden, sondern auch außerhalb von Universitätsmauern wiederfinden. Dass letztere eher im Schatten stehen und von Gesellschaft und akademischer Nomenklatur übersehen werden, liegt auf der Hand. Gute Freunde haben mir jedoch immer davor gewarnt, mich in Selbstmitleid einzuschließen.

Ich hoffe aber, dass mein letzter Blog nicht in diesem Sinne verstanden wird. Denn Selbstmitleid ist sicherlich die letzte Droge, die wir als Privatdozenten oder arbeitslose Akademiker gerade brauchen könnten. Ein Narkotikum, das unsere Schmerzen über die eigenen Misserfolge kaum lindern kann und vielmehr genau die Sache jener betreibt, die zu eben diesen Misserfolgen beigetragen haben. Es geht mir jedenfalls nicht um Selbstmitleid, sondern darum, mir in den letzten zehn Jahre mit den Mitteln selbst zu helfen, auf die ich mich am besten verstehe, mit denen der Sprache. Der Prozess des Schreibens nimmt sich nicht nur wie eine Bühne aus, auf dem die laut gedachten Gedanken tanzen und sich von schlechten Gefühlen im kathartischen Sinn reinigen. In ihm gewinnt man auch neue Einsichten über seine Mitwelt, zumal auch diese daran teilnehmen kann.

Es ist durchaus möglich, dass mir manche Leser meine Offenheit übel genommen haben, da sie der Ansicht sind, dass man die eigene Person nicht so sehr in den Vordergrund rücken sollte, vor allem aber, dass man Probleme, die sich aus der eigenen akademischen Vita ergeben, niemals öffentlich zur Sprache bringen sollte. Ich will nicht ausschließen, dass ich mit meinem Blog selbst zu dem bekannten Umstand beigetragen habe, dass ich nicht zum Professor berufen wurde. Demokratie pflegt letztlich leider immer dann zu enden, wo die konkreten Arbeits- und Lebensumstände zu beginnen pflegen.

Wahrscheinlich war ich zu naiv, zu sehr von der Bedeutung dessen überzeugt, was wir in unseren Seminaren über Postmoderne und Postkolonialismus zum freien Aushandeln von Wertvorstellungen, zum Vermeiden von Essenzialismen diskutiert haben. Ich war viel zu sehr davon überzeugt, dass diese Zäsuren in unserem Denken doch auch Auswirkungen auf unser zwischenmenschliches Handeln und unseren Alltag haben müssten, dass sich diese nicht auf eine bloße Gedankenakrobatik zu beschränken hätten. Was mich stets enttäuschte, waren jene akademischen Mit- und Nachdenker, die mit der Realität anders umzugehen pflegten als mit ihren theoretischen Steckenpferden. Aufgrund meiner theoretischen Skepsis hätte ich es besser wissen müssen, zumal ich die grandiosen Widersprüche zwischen Theorie und Praxis aus den 1970er Jahren der ML-Bewegung zur Genüge habe kennen lernen dürfen.

Ich spreche von der Vergangenheit. Mit dem letzten Jahr ist für mich die Einsicht gekommen, dass ich kein Akademiker im Vollzeitmodus mehr sein werde und damit ein wichtiger Zeitabschnitt in meinem Leben endgültig einen Abschluss gefunden hat. Ich bin extra muros und freue mich darauf, dass in zwei Jahren eine andere, vielleicht noch wichtigere Phase ihrem Ende entgegen geht. Ich werde dann im Rentenalter sein und mich endgültig dem zuwenden, was ich immer als mein eigentliches Ziel angesehen habe, zu schreiben und evtl. auch noch zu lehren, sofern die Studenten es wollen und die Universitätsverwaltung es erlaubt. Vielleicht würde es mich auch freuen, meine Teilnahme an Kongressen und Tagungen anmelden zu können, zu denen ich nunmehr ohne Sorge um Listenplätze beitragen kann.

Damit wird sich auch dieser Blog allmählich verwandeln. Der Ort der Selbstverständigung über die verlorene und verworrene Lage eines Privatdozenten wird neuen Aufgaben weichen. Aber dieser Blog wird sich stets besonders jenen jüngeren Lesern bzw. Kollegen zuwenden, die sich in meiner bisherigen Situation wieder erkennen und ebenso wie ich nach Orientierung suchen, dabei aber weitaus jünger sind als ich und demnach noch einen viel weiteren, womöglich noch steinigeren Berufsweg vor sich haben. Dennoch wird sich die Bedeutung allmählich zugunsten aktueller Fragen, auch der politischen und kulturellen Gegenwart, verschieben müssen. Man kann nicht ewig mit Abschiedsgesten auf sich aufmerksam machen, wenn der Zug schon lange an einem vorbeigefahren ist. Vielmehr gilt es neue Wege zu beschreiten, auch wenn diese unvertrauter erscheinen mögen als jene auf einem Campus.

In den letzten Jahren hatte ich immer wieder vergebens gehofft, ich könnte noch einmal eine Vertretung übernehmen und so die Zeit meiner Privatdozentur beenden. Aber was schon für Rentner zutreffend ist, nämlich dass sie in der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen werden, gilt heute auch schon für ältere Kollegen. Während ein liberales Milieu nach außen stets bemüht ist, jeden Verdacht des Rassismus von sich zu weisen, gehört Altersdiskriminierung in Kommissionen, DFG und anderen Einrichtungen zur Tagesordnung. Wenn Du eine bestimmte Altersgrenze erreicht hast, nützen Dir entgegen verlautbarter Meinung weder Zeugnisse noch Erfahrungen. Natürlich lässt sich à la longue etwas gegen diese Verhältnisse unternehmen, aber Du kannst nicht so lange warten, bis eine alternde Gesellschaft aufhört, ihrem sentimentalen Jugendwahn Adieu zu sagen. Bis dahin bist Du selbst zu einem so blinden Fleck geworden, so dass Du ohnehin nicht mehr bemerkt wirst.

Menschen in einer solchen Situation können sich aber nur dann wieder sichtbar machen, wenn sie sich zu Wort zu melden und im Rahmen enger Grenzen am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen. Wie selten zuvor finden wir uns heute in einer Welt wieder, die uns immer unverständlicher geworden ist. Als Geisteswissenschaftler haben wir aber die Aufgabe, unseren kulturellen Kosmos in Geschichte und Gegenwart zu verstehen und verständlich zu machen. Normalerweise tun wir dies, indem wir uns zu wissenschaftlichen Themen äußern. Auf diesem Blog werde ich zwar selbstverständlich keine wissenschaftlichen Beiträge publizieren, wohl aber auf entsprechende Projekte zu sprechen kommen, denen ich mich in Zukunft noch zuwenden werde. In diesem vorwissenschaftlichen Raum werden Fragen vorformuliert, die im wissenschaftlichen Diskurs noch weiter zu vertiefen sind.

Fortsetzung folgt

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2018-04 Romanisten ‚intra et extra muros‘

Wer in seinem Leben ein gewisses Alter erreicht hat, dürfte eine ungemein große Menge von Zeitgenossen kennengelernt haben. Anlässlich meiner Dissertation musste ich seinerzeit zahlreiche portugiesische Theaterstücke lesen, von denen mir besonders eines in guter Erinnerung geblieben ist. In diesem existenzialistischen Mehrakter mit dem bezeichnenden Titel Condenados à vida (1963; zu Deutsch vielleicht Zum Leben verurteilt) von Luís Francisco Rebello geht es um die Frage, wie Menschen ins Leben finden, welchen Weg sie einschlagen, wohin sie gehen wollen und wo sie schließlich ankommen. Das Bild, das im Stück gewählt wird, ist ein großer Bahnhof mit ein- und ausfahrenden Züge. Menschen, so glaube ich mich zu erinnern, blicken einander an, wechseln beim Umsteigen ein paar Worte miteinander, um dann ihre Reise fortzusetzen. Ich fand dieses Bild damals schon ansprechend, da es tatsächlich unsere Lebenswirklichkeit wiedergibt. Wir treffen Menschen, lernen sie vielleicht ein wenig oder auch besser kennen (und vergessen dabei zuweilen auch ihre Namen), um sie alsbald wieder aus den Augen zu verlieren, so als hätten sie niemals für uns existiert, wie auf einer Durchreise, wie wir sie im Übergang von einer Phase unseres Lebens zu einer anderen erleben, oder manchmal auch von einem Drama zum anderen. Alles erscheint oftmals so flüchtig und konturlos, und doch bleiben selbst in diesen flüchtigen Begegnungen noch Erinnerungen an Menschen, die einmal unseren Alltag kreuzten.

So unüberschaubar die Anzahl der Menschen ist, die einmal Teil unserer Gespräche, bisweilen sogar unseres Handelns wurden, so sehr verengt sich doch die Sicht, wenn wir auf unser Studium zurückblicken. Die Kommilitonen, die sich wie ich der Romanistik zuwandten, lassen sich zwar nicht an einer Hand ablesen. Und doch bleibt ihre Gruppe übersichtlich genug, um die wichtigsten unter ihnen noch mit Namen zu kennen. Als ich meine Dissertation abschloss, nahm ich zwar nicht an, dass ich ein Orchideenfach studiert hatte, aber eben auch nicht ein solches Massensortiment wie Jura, Betriebswirtschaft oder Ingenieurwesen. Immerhin werden auch an den Romanischen Seminaren und Instituten massenhaft Lehrer für den Französisch-, Spanisch. Und Italienischunterricht ausgebildet, die dazu bestimmt sind, auf die inzwischen unterbesetzten Stellen an den Schulen nachzurücken.

In einem größeren Kreis der Atlantikbrücke, zu der ich vor zwölf Jahren einmal eingeladen worden war, musste ich allerdings erkennen, dass ich mit meiner Annahme im Irrtum war. Zahlreiche prominente, aber auch weniger bekannte Leute gaben damals zu erkennen, dass sie französische Literatur- oder spanische Sprachwissenschaft studiert hatten. In ihrer Mehrzahl schienen sie ihren Beruf oder ihre Berufung in anderen Bereichen gefunden zu haben. Sie machten mir dennoch seinerzeit ausnahmslos Mut, meinen Traum von einer Lehr- und Forschungstätigkeit in diesem schönen Fach nicht aufzugeben und vor allem optimistisch in die Zukunft zu blicken. Natürlich bin ich ihren Rat, so gut ich konnte, gefolgt. Es erübrigt sich, heute über diese Naivität zu lächeln oder darauf gar mit Zynismus zu reagieren.

Da ich heute kaum noch Gelegenheit habe, mich mit Kollegen über die wohl nicht ganz unproblematische Situation unserer Disziplin auszutauschen, dachte ich, nun ganz und gar extra muros zu sein. Was hatte der Deutsch- und Integrationsunterricht für Migranten und Flüchtlinge schon mit Absolventen oder Studienabbrecher der Romanistik zu tun? Doch auch jetzt muss ich umso mehr erkennen, dass unzählige Kollegen auch aus unserem Fach kommen. Angesichts des Umstands, dass sich so viele helle Köpfe unter ihnen befinden, kann ich mich heute fast über den überstürzten Ausgang meiner Universitätslaufbahn hinwegtrösten. Allerdings nur fast, denn auf habilitierte Kollegen bin ich bis jetzt jedenfalls nicht gestoßen. Nichtsdestotrotz überrascht mich die große Zahl an guten Leuten, die unserem Fach den Rücken zugewandt haben und sich nolens volens umorientieren mussten. Es ist zumindest schön, sich nicht als Einzelgänger außerhalb der schützenden Mauern der Hochschule fühlen zu müssen.

Was aber geschieht mit jenen glücklichen oder vielleicht auch unglücklichen Kollegen, die die Chance haben, ihren Beruf intra muros ausüben zu können. Von nicht wenigen weiß ich, dass sie mit Erleichterung in den Ruhestand gegangen sind, weil sie die katastrophalen Auswirkungen des Bolognaprozesses für dieses interdisziplinär-komparatistischen Faches nicht mehr ertragen konnten, weil sie um die Freiheit ihrer Lehre fürchteten und nicht zuletzt, weil sie daran verzweifelten, dass ihre Professuren nach ihrer Emeritierung abgewickelt werden sollen. Noch immer soll es Menschen geben, die sich auch ein Leben nach ihrem eigenen Ableben vorstellen wollen und viel dafür tun, dass nach ihnen eben nicht die Sintflut kommt. Andere wiederum haben genug von einer an sich hochqualifizierten Lehre, die den vielfach unvorbereiteten Studenten nicht mehr entsprechen mag. Und daran haben diese nur einen recht maßvollen Anteil. Was sollen sie denn tun, wenn hinter ihnen kulturelle Traditionen zusammenbrechen, auf die sie selbst längst nicht mehr bauen können? Andere Kollegen mögen vielleicht erkennen, dass sie nicht unbedingt den richtigen Beruf gewählt haben, oder besser gesagt, dass man sie nicht auf die richtige Stelle gesetzt hat. So vertraute mir ein Kollege unlängst an, dass er wohl als Bibliothekar am richtigeren Platz gewesen wäre als auf einem Lerstuhl.

Doch was soll man tun, und damit kehren wir zu jenem Bild zurück, mit dem wir diesen Blog eingeführt haben. Man begegnet sich auf einem imaginären Bahnhof des Lebens. Üblicherweise nimmt man den Zug, von dem man glaubt, dass er am angestrebten Ziel ankommen mag. Nicht alle bekommen aber den Fahrschein, den sie sich so gewünscht haben. Die einen treffen genau die richtigen Menschen, von denen sie nach vorne geschoben werden, die anderen verfehlen eine solche Begegnung, vielleicht weil ihnen die Lektüre immer wichtiger war als Zufallsbekanntschaften, oder um im Jargon zu bleiben, als Seilschaften, die im stickigen akademischen Milieu, gleichgültig ob unter Herren- oder unter Frauenherrschaft, schon immer so wichtig waren. Wieder andere, aber nur wenige, sind hingegen so stark, eigensinnig und überzeugend, dass sie weitgehend ohne Protektion zum Ziel kamen, wohl weil sie An- und Abfahrtszeiten stets im Kopf hatten. Die Angehörigen dieser Gruppe habe ich immer am meisten bewundert. Traurig ist dabei nur, dass sie meinesgleichen nicht als Verbündeten angesehen haben, um Protektionismus jeder Form den Garaus zu machen.

Als habilitierter Romanist und Integrationslehrer habe ich mich längst von jenen Regionen entfernt, in denen ich meinem Leben ein glücklicheres Ziel zu geben hoffte. Der Zug fährt immer weiter und bringt mich an Ufer, die für mich nicht unbedingt neu, in jedem Fall aber ungewohnt und anstrengend sind. Meine Ziele werde ich nicht mehr erreichen, wohl aber die Gewissheit, dass mein Zug größere Distanzen zurücklegen musste als jene, die ihre Fahrgäste aufgrund eines Rufs direkt zum Ziel brachten, vielleicht auch, dass ich mich nun sehr konkret und praktisch mit den Konsequenzen von Migration auseinandersetzen muss und mich nicht mehr in postmodernen Denkgebäuden vor dieser oft anstrengenden und mitunter auch deprimierenden Wirklichkeit verbergen kann. Ich musste häufig umsteigen, musste bei einer Vertretung immer gewahr bleiben, dass es vielleicht die letzte sein würde, bis es schließlich tatsächlich auch die letzte war. Und doch obwohl ich in eine Richtung fahre, in die ich niemals wollte, treffe ich doch Gesichter, die mir nicht fremd sind und mich an meine ursprünglichen Ziele erinnern. Niemals geht man so ganz…

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2018-03: Nachdenken über Trump

P1010083.JPGJedermann beschäftigt sich mit Trump und seinen Allüren. Nachdem dieser auch in unseren Chroniken des letzten Jahres eine besondere Rolle gespielt hatte, soll hier somit wiederum von ihm die Rede sein. In den Medien erscheint der amerikanische Präsident geradezu als eine Art Ubu Roi, jener skandalösen Titelfigur aus dem gleichnamigen Stück von Alfred Jarry, die sich mit Gewalt und Lächerlichkeiten zum König von Polen erklärt. Die eigentliche Politik dieser Karikatur eines Monarchen (in der Moderne erscheinen alle Monarchen irgendwie lächerlich, weil nicht sie es sind, die ihre Krone tragen, sondern vielmehr selbst von dieser getragen werden) weicht gegenüber seinen zumeist beklagenswerten Charakterzügen zurück. Narzissmus, Überheblichkeit, Großspurigkeit und verletzte Eitelkeit, um nur einige wenige dieser missratenen Merkmale einer verschlissenen Persönlichkeit zu erwähnen, nehmen einen so dominanten Platz ein, dass man leicht darüber vergessen könnte, um wen es sich dabei handelt.

Es geht schließlich nicht um Familiengeschichten von Onkel Heinz und Tante Agathe, sondern um die res publica, d. h. um eben das, was unsere gemeinsame Sache sein müsste, die Politik. Diese bloße Verkehrung der Politik in ein Boulevard kommt der Tendenz entgegen, die sich in der gesellschaftlichen Debatte, in den sozialen Medien breit macht. Statt sich auf die Suche nach politischen Lösungen zu begeben, begnügt man sich mit kluger Moral, eingedenk der Tatsache, dass die öffentlichen Dinge immer undurchschaubarer werden. Zum Spielball gegenläufiger Interessen geworden, zum Fachgebiet von Spezialisten und Technokraten, erscheint die Politik nicht mehr als Ort des Diskurses über notwendige Veränderungen in Staat und Gesellschaft. Was sich an geeignetem Ort nicht mehr in genügendem Maße realisieren kann, muss auf die Moral ausweichen, auf die bessere natürlich. Denn an dieser können natürlich auch die Unbedarftesten ihren Anteil haben; jeder kann seine politisch korrekte Meinung abgeben. Nicht selten geht man häufig von strengen Prinzipien aus, die man vor den Widrigkeiten des Lebens bewahren will, wohl wissend, dass das Leben die eigenen ehernen Gesetze relativiert.

Der amerikanische Präsident spielt in diesem Zusammenhang gerade deshalb eine probate Rolle, weil er mit seinen Skandalen, einfältigen Reden, konfusen Unterstellungen und Bezichtigungen an einer chronique scandaleuse schreibt, die beständig alle möglichen Tabus des öffentlichen Diskurses bricht. Was dabei aber außer Sichtweite gerät, ist wiederum die Politik selbst. Die Gründe, die zum Aufstieg Trumps führten, erlangen dabei eher ebenso wenig Aufmerksamkeit wie die Motive, die hinter seiner Politik stecken. Um es nochmals deutlich zu sagen. Herr Trump verdient alles andere als unsere Sympathie. Aber ebenso abwegig erscheint es, so einseitig der etablierten Politik zu folgen, die sich mit einer vermeintlich besseren Moral dem amerikanischen Ubu Roi entgegenstellt. Eine wirkliche Alternative wäre es freilich, in dessen Politik einen rationalen Kern zu suchen, der die Grenzen der bisher eher wenig zufrieden stellenden Antworten sprengt.

Nehmen wir Trumps Klagen über die Nachteile, die der amerikanischen Wirtschaft beim Export ihrer Waren nach Übersee erwachsen. Es ist allgemein bekannt, dass der europäische Zoll höhere Schranken aufstellt, als dies bei den Amerikanern der Fall ist. Natürlich könnten die reichen westlichen Länder einen Kompromiss schließen, um diese Schranken auf beiden Seiten zu senken und Handelskriege zu vermeiden. Doch gerade in dieser Hinsicht spielt der amerikanische Präsident, wohl eher unwillentlich, wenn nicht sogar unwissentlich, einen advocatus diaboli. Denn ist es nicht so, dass gerade die armen afrikanischen Länder über die ungerechten Verträge stöhnen, die ihnen von der Europäischen Union mit Druck und Zynismus aufgezwungen wurden? So gilt die Entrüstung der öffentlichen Moral dabei einzig und allein dem Flüchtlings- und Migrantenelend, das, soweit es Afrika betrifft, doch gerade Ergebnis einer zutiefst ungerechten Weltwirtschaftsordnung ist.

Der öffentliche Diskurs bleibt weitgehend bei deren Symptomen stehen, in denen sich menschliches Leid reproduziert. Er müsste aber viel stärker auf den Umstand eingehen, das Afrika einerseits unter dem freien Handel der Europäer leidet, andererseits aber eben auch Opfer einer europäischen Politik ist, die einen freien afrikanischen Handel nach Europa unterbindet. Man könnte aus der Politik Trumps insoweit Vorteile ziehen, als man die sich daraus entwickelnde Unordnung dazu nutzt, um so neue gerechtere Regeln zu entwickeln, die die alleinige Handschrift immer gleicher Mächte nicht mehr akzeptiert. Denn ist es nicht so, dass die Europäische Union an ihrer eigenen Heuchelei krankt, wenn sie sich einerseits für den freien Welthandel stark macht und dabei weinselig die Ode an die Freude intoniert (‘Wir werden doch alle Brüder’), andererseits aber ihre Zollschranken zum Schutz ihrer eigenen Märkte hochsetzt? Die Positionen der EU sind beileibe nicht so philanthropisch, wie sie es vorgeben zu sein. An diesem Widerspruch ließe sich doch ansetzen.

Aber ebendies würde einen Diskurs erfordern, der zunächst zur Analyse neigt und erst dann eine entsprechende Moral generiert. Denn Moral kann Politik nicht ersetzen, sondern eben nur bedingen, eine Banalität, die unter heutigen Bedingungen fast wie eine Weisheit anmutet. Das Beharren auf einer unumstößlichen Moral ist nicht selten mangelnden Kenntnissen in der Sache geschuldet. Es ist daher häufig Ausgangspunkt für einfache Antworten, das in dieser Hinsicht moralische Tabubrecher und Populisten zu nicht zu weniger simplen Positionen herausfordert.

Wie viele andere Zeitgenossen tue ich mich schwer damit, den bislang herrschenden Eliten in Wirtschaft und Politik gegenüber Trump einfach Absolution zu erteilen. Denn immerhin sind sie es doch, die auch auf anderen Politikfeldern dazu beigetragen haben, dass sich Populisten in Europa und den USA breit machen konnten. Aus meiner Sicht ist der politische Kanon nicht eben dazu geeignet, das Gewicht dieser Herrschaften zu verringern. Es bedarf vielmehr einer dritten Kraft, die sich aus allen Teilen des demokratischen Spektrums sammeln und über die alten ideologischen Gräben hinausgehen müsste.

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2018-02: Repressive Toleranz als alte und neue Form der Gewalt

Mitte der 1960er Jahre sollte einer der großen Theoretiker der späteren Studentenbewegung, Herbert Marcuse, einen Begriff prägen, der auch zum Verständnis unserer heutigen Debatten von Nutzen sein kann: die repressive Toleranz. Dieser ehrenwerte Begriff, allerdings ohne das beigefügte Adjektiv, war schon ein Axiom der (französischen) Aufklärung geworden. Er setzte einen Kontrapunkt zu jenem Fanatismus, dessen Quellen und Auswirkungen stets auf Aberglauben und Obskurantismus zu verweisen pflegten. Eine von der absolutistischen Macht korrumpierte Kirche setzte weniger auf die Macht des Glaubens und der Ideen als auf eine Gewalt, die an die niedrigsten Instinkte der Massen appellierte. Der Justizskandal um die Hugenottenfamilie Calas, der Frankreich in den 1760er Jahre erschütterte, nahm Voltaire zum Anlass, um unmittelbar in die politischen Verhältnisse einzugreifen. Philosophen wie Rousseau machten die Toleranz zum Herzstück ihrer Zivilreligion.

In den modernen westlichen Demokratien avancierte der Begriff geradezu zur Grundlage pluralistischer Parteiensysteme. Doch eben diese trügerische Etablierung in die moderne Staatsräson war es, die Marcuse dazu bewogen hatte, von einer repressiven Seite der Toleranz zu sprechen. Denn auch demokratische Regierungen üben sich da in repressiven Praktiken, wo sie ihre Interessen, Grenzen, Vorteile und strategische Erwägungen gefährdet sehen, eben so, wie es auch Diktaturen zu tun pflegen, die sich dabei allerdings wenig um die Toleranz anderer Meinungen zu scheren pflegen. Im Namen der Demokratie werden allerdings gerade auch Maßnahmen legitimiert und verteidigt, die nicht unserer Toleranz bedürfen, sondern eher unseren Widerstand zu spüren bekommen sollten. So werden Bündnisse mit manifesten Tyranneien geschlossen, Lobbyvertretern mehr Gehör und Beachtung geschenkt als Argumenten und Kriege geführt, um den Status Quo einer zutiefst ungerechten Weltwirtschaftsordnung aufrecht zu erhalten, als die sie Papst Franziskus jüngst bezeichnet hatte.

Damit aber wird der Geist der Toleranz in sein Gegenteil verkehrt. Unter den heutigen Bedingungen der politischen und sprachlichen Korrektheit erhält der in sich paradox erscheinende Begriff einen weiteren Begründungszusammenhang. In den letzten 25 Jahren hat sich politisches und gesellschaftliches Klima durchgesetzt, das nicht wenige auch noch für denkbar links, liberal und freiheitlich halten. Nicht verhindert wurde damit das Entstehen einer Gegenöffentlichkeit, die sich zwar Versatzstücke linker Politik zunutze macht, dabei aber zugleich an reaktionäre Dämonen appelliert. Deren sprachliche Entgleisungen können aber nur als Provokationen gelten, die die rational nicht immer nachvollziehbaren Grenzen des Sagbaren sichtbar machen. Um es klar zu sagen: Rassistische und antisemitische Diffamierungen haben nichts mit einem rationalen Diskurs zu tun, der sich zurecht gegen approbierte Wortpirouetten und Wendungen wehrt. Darin liegt doch gerade der Respekt vor sozialen und kulturellen Differenzen, vor anderen Meinungen, vor anderen sexuellen Orientierungen. Im öffentlichen Diskurs und Disput sollte es stets um die Sache gehen, bei der Herabsetzungen politisch Andersdenkender im Gegensatz zum Begriff der Toleranz keinen Platz haben.

Aber es ist nicht einzusehen, dass wir die Räume jenseits von Beleidigungen und bloßen Provokationen nicht ausloten und auch besetzen dürfen, selbst wenn hier das gewohnte Terrain der politischen und sprachlichen Korrektheit verlassen wird. Die neue repressive Toleranz greift überall da, wo streitbare Meinungen und Positionen Sprachregelungen zu verletzen drohen, die wie stillschweigende Vereinbarungen gehandelt werden. Diese erinnern an einen autoritären Chef, der ohne Absprache mit seinen Mitarbeitern Anordnungen trifft, die er aber ausdrücklich als Ergebnis von Vereinbarungen ausgibt. Doch gerade politische und sprachliche Korrektheiten sind es, die den Provokateuren in die Hände spielen. Denn diese können sich vor diesem Hintergrund als Befreier gerieren, denen es lediglich um die Freiheit von Andersdenkenden geht.

In der Universität gilt eine problematische Genderpolitik, die Dozenten wie Studenten umständliche und unelegante Formulierungen aufnötigt. Ich erspare mir, an dieser Stelle Beispiele zu geben. Wer diese Regeln nicht einhält, gerät recht rasch in Verdacht, ein Chauvinist zu sein, Frauen zu verachten und Schwule zu diskriminieren. Abgesehen davon, dass ich jede Gesinnungsschnüffelei für falsch halte, frage ich mich doch, ob all jene Sprecher, die im Sinne der oben angezeigten Sprachregelung handeln, tatsächlich keine Chauvinisten sind, Frauen nicht verachten und Schwule nicht diskriminieren. Eine nickende sprachliche Maske ist aber nicht zwangsläufig das Gesicht des Sprechers. Die Befürworter sprachlicher Korrektheit unterliegen dem naiven Urteil, dass sich in der Sprache auch immer das Reale ausdrücken muss. Dass dies in der Hochschule geschieht, ist umso schmerzlicher, als doch gerade hier in Literatur- und Kulturwissenschaft eigentlich bessere Einsichten über die Moderne gewonnen wurden. Der öffentliche Diskurs wird so gegängelt oder gar unterbunden, so dass kreative Auseinandersetzungen im Rahmen angstfreier und offener Debatten entlang gesellschaftlicher Konfliktlinien kaum noch eine Chance haben. Besonders eher diskursunerfahrene Menschen fürchten sich, Positionen zu vertreten, die womöglich nicht immer dem erreichten Stand der Diskussion entsprechen oder lieb gewordene Steckenpferde des sogenannten Mainstreams zur Disposition stellen. Sie können so leicht Opfer von Provokateuren werden, die sie vereinnahmen und zum Spielball ihrer Interessen machen.

Repressive Toleranz macht sich aber auch an anderer Stelle im Wissenschaftsbetrieb bemerkbar. Wissenschaftliche Schulen und Theoriezusammenhänge sind häufig nicht Grundlagen eines notwendigen Austauschs und Dialogs, sondern stecken vielmehr Einfluss- und Interessenssphären ab, in denen immer noch Meisterdenker herrschen, ohne dass diese aber als solche angesprochen werden wollen. Wer in den Geisteswissenschaften Erfolg haben will, sollte möglichst weiblich und jung sein, um sich dabei dann einem theoretischen Zusammenhang anzuschließen, der es im wissenschaftlichen Diskurs zu etwas gebracht hat. Eigenständige oder gar eigenwillige Positionen haben da am allerwenigsten eine Chance, wenn sie von Männern geäußert werden, die der Genderpolitik (nicht so sehr der entsprechenden Theorie) auch noch skeptisch gegenüber treten. Diese haben dann als so ‚misogyn‘ und ‚phallozentrisch‘ zu gelten, dass ihnen kein Platz mehr an einer deutschen Hochschule beschieden sein kann.

Was viele Zeitgenossen gar nicht zu begreifen scheinen, ist der Umstand, dass auch heute ein Normalcode oder, um es mit Michel Foucault zu sagen, ein Normalitätsprofil gesellschaftliches und individuelles Handeln bestimmt. Man könnte nun einwenden, dass wir Menschen individueller geworden sind und gar unsere Individualität allerorts zelebrieren. Auch das heute keine Scheiterhaufen der Inquisition mehr brennen, keine Hexen im diesseitigen Fegefeuer landen. Doch heute sind derartige Utensilien nicht mehr notwendig, um Hexenjagden zu veranstalten und Menschen in die Isolation zu treiben. Was im 16. oder 17. Jahrhundert schon als mächtige Waffe galt, fällt heute im Wettstreit der Medien umso mehr ins Gewicht: die Macht der öffentlichen Meinung, die aufgrund ihrer wankelmütigen Natur nur allzu leicht zum Opfer von Demagogen werden kann. Es ist sogar so, wie es Foucault bereits in den 1970er Jahren für die westlichen Gesellschaften diagnostiziert: Gerade in den Gesten vermeintlicher Befreiung, die so sehr den Mainstream ausmachen, liegen Momente einer kaum erkannten Repression.

Alles im allem. Unser gesellschaftlicher Diskurs ist alles andere als von Toleranz geprägt. In ihn fließen vielmehr jene Grenzen ein, die der freien Rede gesetzt sind. Denn die repressive Toleranz lässt es nicht zu, dass sich mit den besten Argumenten auch Innovationen durchsetzen, sondern dass mit den ohnehin Einflussreichen auch das Vorhersagbare siegt. Meister wollen ihre Ebenbilder produzieren, die indes nicht besser sein können als ihre Originale.

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