Einträge (aus blog.de) von 2009-2014

03a-2014 Schreiben an den Deutschen Romanistenverband“

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Liebe Frau Eckkrammer,

gestatten Sie mir, dass ich zu diesem Zeitpunkt nochmals auf mich aufmerksam mache. Ich hoffe, ich gehe Ihnen nicht auf die Nerven. In diesem Fall bitte ich Sie schon jetzt um Entschuldigung.

Im letzten Semester war ich, wie Sie sich sicherlich noch erinnern können, leider stellenlos. Im nächsten Semester, fürchte ich, kann dies nicht so weitergehen, weil ich andernfalls nicht weiß, wo ich dann mit meinen Sachen, meinen 10 T Büchern bleiben soll.

Helfen Sie mir doch bitte weiter, dass ich eine Stelle vertreten kann, irgendeine, nur damit ich etwas Geld verdiene und dem Rentenalter ein wenig näher komme. Nicht, dass ich nicht bereit wäre, meiner beruflichen Existenz schon früher ein Ende zu setzen. Denn, dass die akademische Gilde mich offensichtlich nicht haben will (auch wenn viele meiner Studenten ganz anders über mich denken), ist mir schon in den letzten dreizehn Jahren dieser verrückten Privatdozentenexistenz immer wieder klar geworden.

Aber aus einsichtigen finanziellen Gründen ist dies leider noch zu früh, so dass ich immer noch arbeiten muss (was ich in diesem Beruf trotz aller Widrigkeiten auch immer gern getan habe, warum weiß ich selbst nicht). Wie immer auch, eine andere Arbeit finde ich in meinem Alter nicht, gleichgültig, ob ich mich im Supermarkt als Gehilfe oder als Verkäufer im Mediengroßhandel bewerbe. Ich habe schon mehrfach verleugnet, dass ich mich habilitiert habe und sogar abgestritten, dass ich promoviert wurde.

Ein Witz, wenn man bedenkt, dass es Zeitgenossen gibt, die so vehement auf Unschuld und Recht ihrer akademischen Weihen bestehen. Aber leider kann ich zwanzig Jahre im akademischen Dienst nicht in meinem CV verleugnen, schon gar nicht die Vertretungen an ca. zehn deutschen Hochschulen, die bisher niemandem Anlass zur Klage gaben. Überdies fehlt mir leider die Patina eines Verkäufers, auch wenn ich als Student jahrelang im Buchhandel gearbeitet habe.

Ich weiß, dass Ihnen nur beschränkte Mittel zur Verfügung stehen. Ich bitte Sie aber in dieser Situation besonders um Ihre Hilfe. Gern bin ich bereit, einen Teil meines ersten Gehaltes für die Ausstattung der Clearingstelle zu spenden, damit auch anderen geholfen werden kann. Ich weiß, moncas n’est pas unique. Es gibt soviele andere…
Aber es will  mir nicht in den Kopf, dass ich so schwer vermittelbar bin, während doch eine ganze Reihe meiner ehemaligen Kollegen und Studenten aus Leipzig ihren Platz an der Hochschule gefunden haben. Dass ausgerechnet ich nach bisher zehn Vertretungen auf derartig existenziell bedrohliche Schwierigkeiten stoße, erscheint mir unbegreiflich – und dies obwohl ich mich in Leipzig auch noch als erster (nach der Wende in unserem Fach) habilitiert habe.

Eine Rezension meiner Arbeit von Seiten des renommierten amerikanischen Hispanisten Vernon Chamberlin finden Sie übrigens auf meiner Homepage kianharaldkarimi.de unter der Rubrik /Profil/Habilitation.

 
Aber in heutigen Zeiten kann man nicht wissen, ob mein Migrationshintergrund nicht doch ein Grund für derartige Umstände sind. Ich habe da mein Vertrauen in die deutsche Akademie längst verloren. Seit mehr als zwanzig Jahren bin ich Mitglied in Ihrem Verband, aber ein wirklicher Nutzen hat sich mir daraus bisher nicht erschlossen. Aber das ist beileibe keine Kritik an Sie und Ihre Vorgänger, sondern an einem insgesamt ineffizienten System, das die Arbeitsplatzbesitzer im Auge hat und die Stellenlosen vergißt.-

Sollten Sie noch weitere Unterlagen von meiner Seite benötigen, lasse ich sie Ihnen, wie immer Sie wollen, zukommen, postalisch, elektronisch, persönlich oder auch alles zusammen.

Mit herzlichem Gruß

Ihr

Kian-Harald Karimi

04-2011: Im Zweifel…

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Dr.
Karl-Theodor zu Guttenberg


Dr.
Silvana Koch-Mehrin


Dr.
Veronika Saß

Dr.
Uwe Brinkmann

Dr.
Bernd Althusmann (?)

Dr.
Margarita Mathiopoulos (?)

Dr.
Jorgo Chatzimarkakis (?)

03 – 2011: Impostores scientiae

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Nach langer Zeit kehre ich wieder zu meinem Tagebuch zurück. Inzwischen ist Vieles geschehen, und immer wieder denke ich daran aufzugeben. Wieder sitze ich auf der Straße, wie so oft in meinem Leben. Und doch komme ich weiter. Ich veröffentliche: Jetzt habe ich gerade einen langen Beitrag beendet, der mir gut gelungen ist. In den beiden Veranstaltungen, die ich als unbezahlte Lehraufträge an der HU Berlin anbiete, erfahre ich positiven Zuspruch. Aber dennoch die Anerkennung, oder wenigstens eine bescheidene existenzielle Grundlage, derer auch ein noch so kleiner Privatdozent bedarf, bleibt mir versagt. Bis zum Ende des Jahres werde ich noch über Arbeitslosengeld verfügen, dann werde ich am Ende sein…
Doch ich will nicht nur von mir reden. Es ist schon eine merkwürdige Koinzidenz, dass zu diesem Zeitpunkt auch andere ihre Plage haben. Achtbare Politiker sind mit ihren Arbeiten an die akademische Öffentlichkeit getreten, die ihnen so lange den Applaus nicht versagte, bis sie von einer wachsenden Internetgemeinde um einen Ruhm gebracht wurden, den sie im Grunde nicht benötigten. Öffentlichkeit und Medien schrieen auf und zeigten mit den Fingern auf jene, die sie zuvor noch in Triumphzügen auf den Schultern getragen hatten.
Man mag über Herrn von Guttenberg und Frau Koch-Mehrin erzürnt sein (ich war es auch und habe eine an die Kanzlerin gerichtete Petition unterschrieben), doch auch hier ist es wieder die deutsche Universität selbst, der Repräsentation und große Namen über alles gehen muss. Manch ein Tyrann und Despot trägt heute den Ehrendoktorhut einer deutschen oder europäischen Hochschule, und es wäre doch fatal, wenn nicht auch wenigstens demokratische Politiker ihren guten Namen mit einem Doktortitel zu schmücken wüssten. Ein Deutscher ohne Titel ist nackt, aber mehr noch, eine Universität ohne Prominente ist ebenso nackt und bloß. Gerade die Geistes- und Humanwissenschaften, die unter dem Druck ihrer Verwertbarkeit um ihre gesellschaftliche Stellung ringen, bedürfen eines symbolischen Kapitals. Die wissenschaftliche Leistung und Kompetenz tritt hinter dem Erfolgsdruck großer Namen und Institutionen zurück. Danach werden letztlich Entscheidungen getroffen. In diesem Sinn funktioniert ein Code von Beziehungen, eine Sprache mit stillschweigenden Gesten, bekannten Formeln, vielsagenden Gesichtsausdrücken, die einem Bewerber, Wissenschafter und Dozenten mit einem ‚licet‘ zulassen oder seinen Zugang in ihre Mauern mit einem ’non licet‘ bedenken, ganz wie es ihnen beliebt.
Das Abschreiben oder Kopieren ist zweifellos ein Problem, das nicht auf eine Personengruppe wie die Studenten beschränkt ist. Aber ‚copy‘ und ‚paste‘-Verfahren sind nur die Spitze des Eisbergs, da sie nur auf das Problem des Scheins, der oberflächlichen Repräsentation reagieren. Denn im Grunde geht es doch darum, wie intellektuelle Leistungen bewertet werden.
Leistungen werden nicht gerecht bewertet, und es wäre pure Demagogie zu behaupten, dass es immer klare Kriterien gäbe, dies zu tun. Daran sind bisher alle Gesellschaftsordnungen einschließlich ihrer Alternativen gescheitert. Aber da gibt es noch das Versprechen der bürgerlichen Revolutionen, dass zunächst nicht der Zufall der Geburt zählt, sondern das Primat der Leistung. ‚Copy‘ und ‚paste‘-Verfahren spielen auch bei den Besetzungen von Professuren, von Mittelbaustellen und anderen Positionen eine entsprechende Rolle. Darüber spricht man freilich viel zu selten in den Medien, obschon es doch viel entscheidender ist als die akademischen Provinzpossen jener Politiker, die gar nicht an der Hochschule tätig sind und den Doktorhut zur bloßen Pflege ihres Image tragen.
Es ist zwar gut und richtig, dass sich Akademiker zu Wort melden, um Gleichmut und Duldsamkeit entgegen zu wirken, die die Politik in diesem Zusammenhang an den Tag legt. Aber leider ist dies nur der erste Schritt, dem eigentlich ein weiterer folgen müsste. Im Frühjahr 2005 nahm ich an einer Veranstaltung der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag zur Hochschulpolitik teil. Ich meldete mich zu Wort und kritisierte vor ca. 500 Besuchern, dass mehr als Leistungen persönliche Beziehungen an der Hochschule zählen. Ich erwartete Protest von Seiten des doch eher konservativen Auditoriums. Tosender Beifall war die Reaktion auf meine Aussagen. Denn es gibt letztlich kaum Akademiker und Hochschulangehörige, die nicht auf Grund eigener Erfahrungen wüssten, was sich Tag für Tag in der akademischen Gilde abspielt. Ich habe damals nicht Besonderes gesagt, aber ich war der einzige, der es in diesem Zusammenhang gesagt hat…

02 – 2011: Wenn ein Ensemble zum Vorbild werden könnte

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Der französische Film ‚Das Konzert‘ (OT Le Concert) des rumänischen Regisseurs Radu Mihaileanu aus dem Jahr 2009 berührt. Seine Geschichte wäre rasch erzählt, was aber  ohnehin zur Genüge im Netz geschieht.

An dieser Stelle sei also hier nur auf eine recht spezifische Lektüre hingewiesen, die auch an arbeitslose Akademiker und Privatdozenten denken läßt. Diese scheinen einige Gemeinsamkeiten mit jenem seltsamen Ensemble abgehalfterter Symphoniker zu haben, das eine Einladung des Pariser ‚Théâtre du Châtelet‘ an das weltbekannte Bolschoiorchester wahrnimmt und damit die Absurdität der großen Namen auf die Spitze treibt. Denn ebendies geschieht nur mit der traditionell so grandiosen Reputation der Mutter aller russischen Ensembles, die Andrej Filipow, der einstmals weltberühmte Leiter des Orchesters, mit List undVerstand für seine eigenen Ziele zu nutzen versteht.

Denn inzwischen wird das offizielle Bolschoi von einem mittelmäßigen Apparat geleitet, der dessen altem Renommé keineswegs mehr gerecht wird. Filipows Karriere selbst wurde noch während der sowjetischen Ära aus politischen Gründen beendet, hatte er sich jedoch dem Veto der Kommunistischen Partei widersetzt und Juden auch weiterhin in seinem Ensemble beschäftigt. Aus seiner Sicht erschließt sich aus der Harmonie eines Orchesters, was in der gesellschaftlichen Realität zum Albtraum für Millionen wurde und das historische Scheitern einer ihnen nicht selten faszinierend anmutenden Vision offenbaren sollte: der Kommunismus. In dem Maße wie ein wechselseitiges Einvernehmen und ein wirklicher Ausgleich zwischen den Völkern und Interessengruppen in der Sowjetunion nicht erreichbar wurde und sich schon gar nicht auf einem Schlag als realistisch erwies, wuchs der zentralistische, bürokratische und ideologische Zwang, mit dem die Sphäre der Politik die Illusion einer Harmonie zu herbeizuführen suchte. Diese Form staatlicher Nötigung sollte sich auch auf eine öffentliche Aufführung von Tschaikowskijs Violinkonzert D-Dur op. 35 auswirken, die Filipow 1980 dirigiert hatte. Da war Politkommissar Gawrilow plötzlich auf der Bühne erschienen, um seinen Dirigentenstab vor allen Zuschauern zerbrechen und ihn als Volksfeind zu denunzieren.

Dreißig Jahre später sammelt der zum Putzmann degradierte Filipow die inzwischen entlassenen Mitglieder seines ehemaligen Orchesters büchstäblich von der Straße auf. Es sind alte, abgeschobenene Menschen, die auch die postsowjetische Gesellschaft mit ihren Oligarchen und Potentaten zur Marginalie werden ließ, Juden und ‚Zigeuner‘, die in ihrem jeweiligen Ghetto ein jämmerliches Leben fristeten. Und dennoch sind ihnen Talent und Begabung nicht abhanden gekommen. Die Kraft ihres Spiels sucht sich nach wie vor einen neuen Ausdruck, dem allerdings noch der feine Schliff und die Präzision fehlen. Der langjährige Mangel an gemeinsamen Proben findet einen bescheidenen und dennoch umso vollendeten Ausgleich in der Pariser Aufführung jenes Violinkonzertes, die nun ungetrübt und ungebrochen ihre Harmonie entfalten soll.

Entgegen allen Missklängen, die zunächst hörbar werden und das Projekt bedrohen, gelingt Filipow und sein Orchester mit Hilfe der berühmten Violistin Anne-Marie Jouquet ein Wunder, das den Erfolg des offiziellen Bolschoi bei weitem in den Schatten stellt. Unter dem Namen ‚Orchestre Andrej Filipow‘ erstürmt das neue Ensemble von Paris aus die Herzen des Publikums in der ganzen Welt. Der eigentliche Leiter des Bolschoi, der sich mit seiner Familie zufällig auch in der Seinemetropole befindet, wird ausgesperrt. Er kann dem Triumph der Truppe nicht mehr Einhalt gebieten, zumal sein Theater nur vom altem Namen und neuen wie alten Beziehungen zehrt.

Auch unsere Universitäten und vor allem ihre quälgeisteswissenschaftlichen Einrichtungen erinnern an jenes alte Bolschoi, das nur der Platzhalter einer überlebten akademischen Kultur ist. Denn auch hier sind Namen und Beziehungen alles. Kompetenz und Leistungen weichen vor der vermeintlichen Respektabilität von Institutionen zurück, vor denen Respekt längst nicht mehr geboten erscheint.

Doch anders als die abgeschobenen Mitglieder des Ensembles, die sich unter falschem Namen eine neue Reputation verschaffen, können Privatdozenten und arbeitslose Akademiker keine Institutionen eines neuen und anderen Geists gründen, schon deshalb nicht, weil diese nicht von der Wirtschaft gesponsert und/oder vom Staat gefördert werden. Sie sind vielmehr auf Chancen- und Leistungsgerechtigkeit an den bestehenden Hochschulen angewiesen, die ihnen unbeschadet ihres Namens, Alters, Geschlechts und Ansehens in jedem Fall zustünden. Und doch kann ihnen dieser kleine Film die Hoffnung geben, dass auch ihre Fähigkeiten einmal anerkannt werden, wenn sie ihre Interessen gemeinsam verteidigen und wie ein vielstimmiges Ensemble zusammenhalten – unbeschadet der völlig anderen Ausgangslage, die der Film gegenüber den Realitäten an unseren Hochschulen aufweist.

01 – 2011: Wenn kleine Zeichen zum Flächenbrand werden

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Im Alter von vierzehn Jahre war ich erschüttert, als sich der Student Jan Palach 1969 auf einem öffentlichen Platz selbst verbrannte, um gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch sowjetische Soldaten und Panzer zu protestieren. Der Mut, der dieser tapfere Mensch aufbrachte, entsprach aber auch der Verzweiflung einer Generation, dem Ende ihrer Hoffnung auf eine menschlichere Gesellschaft. Weitere Selbstverbrennungen waren die Folge, die allerdings selbst keine unmittelbaren Folgen zeitigten. Das Regime, das sie mit ihrem drastischen Freitod anklagten, sollte noch weitere zwanzig Jahre überdauern.

Anders die Selbstverbrennungen, die sich seit Dezember letzten Jahres in nordafrikanischen Ländern zutrugen. Auch wenn der Tod des 26 jährigen Tunesiers nach neuesten Informationen keinen politischen Hintergrund gehabt haben soll ( DER STANDARD, 23. Januar 2011), hat er nicht nur in seinem Land eine Revolution ausgelöst. Auch in anderen Teilen der Region sind junge Menschen, darunter auch Akademiker, diesem Beispiel gefolgt und haben ihrem Leben ein ähnliches Ende bereitet, um auf ihre ausweglose wirtschaftliche und berufliche Lage aufmerksam zu machen. Man muss schon sehr am Ende sein, um im eigenen Feuer zur Asche werden zu können (vgl.
Aber anders als am Ende der 1960er Jahre scheinen diese Selbstverbrennungen wie ein unmittelbares Fanal zu wirken: Es hat bislang den Anschein, als ob sie die von Autokraten beherrschte arabische Welt in Brand setzen könnten. Und die westliche Welt reagiert wie die von ihr einst so bekämpften orthodoxen Kommunisten.Während letztere Frieden und Fortschritt immer dann gefährdet sahen, wenn sich Menschen gegen ihre realsozialistische Geistes- und Politpolizei erhoben, sind es heute wie damals westliche Regierungen, die den Status Quo in den mit ihr verbündeten Diktaturen verteidigen und damit alle demokratischen Grundsätze fallen lassen. Die reichen Länder sehen es nur allzu gern, wenn der Preis ihrer Demokratie durch die Habenichtse bezahlt wird. Wenn diese aber selbst jene demokratischen Standards einfordern, die ihnen unter autokratischen Bedingungen bisher verwehrt wurden, sind die westlichen Demokratien nicht bereit, selbst Opfer zu bringen. Denn ein Diktator bedarf eines Rückhalts, der ihm bei seinem eigenen Volk fehlt. Er lässt sich leichter von außen erpressen und manipulieren. Die gegenläufigen Interessen, die im öffentlichen Raum aufeinander stoßen, kommen in seinen Entscheidungen, wenn überhaupt, nur gebrochen zum Ausdruck. Die westlichen Demokratien bedürfen der Diktaturen, sanktioniert diese Arbeitsteilung doch die entsprechende Verteilung von Ressourcen und weltweitem Reichtum zugunsten der ersteren.
Der Islamismus ist dabei zwar wohl mehr als ein bloßer Bürgerschreck. Er ist auch weit mehr als ein Schreckgespenst, denn es ist in einigen Ländern der islamischen Welt bereits zur materiellen Gewalt geworden und verstärkt seinen Zugriff auf andere Länder. Er ist im wahrsten Sinn der Seufzer der bedrängten Kreatur, der zum Haßgesang gegen den Westen mutiert. Aber die verschiedenen Spielarten des östlichen Fundamentalismus erfüllen eben auch jenes Unwort von der ‚Alternativlosigkeit‘, das die autokratische Diktatur in die vermeintlich einzig mögliche Regierungsform in Nordafrika und im Nahen Osten verkehrt. Mit seiner diskriminierenden Politik gegenüber den in Armut gehaltenen Völkern hat der Westen diesen Fundamentalisten ohnehin seit Jahrzehnten den notwendigen Treibstoff geliefert.http://www.elwatan.com/actualite/alger-des-jeunes-chomeurs-tabasses-et-un-autre-tente-de-s-immoler-devant-le-ministere-du-travail-06-02-2011-110451_109.php). „>

In den arabischen Ländern, aber auch im theokratisch regierten Iran, ist die Bevölkerung im Durchschnitt noch sehr jung. Vor allem gibt es dort inzwischen eine breite Gruppe gut ausgebildeter Menschen, die keine berufliche Perspektiven haben und auf der Straße stehen. Dieser soziale Sprengstoff ist die Quelle der Verzweiflung und auch weiterer Verzweiflungstaten, welche unmittelbare Folgen haben. Wer jung ist, hat keine wirtschaftliche und gesellschaftlicheZukunft und sieht sich mitunter gezwungen, zum Äußersten zu gehen, durch Selbstverbrennungen, durch gewaltsames, aber damit auch ohnmächtiges Anrennen gegen Soldaten und Panzer.

Was aber haben diese Szenarien mit uns in Deutschland und Europa zu tun? Es verhält sich bei uns doch diametral anders. Bei uns haben wir es nicht mit einem Überschuß an jungen Leuten zu tun. Die Gesellschaft wird älter, bald wird jeder dritte Deutsche über sechzig Jahre alt sein, aber wir tun gerade so, als gehörte allein der Jugend die Zukunft. Hier geschieht, was auch für alle anderen Menschen gilt, die aus aus dem Normalitätsprofil herausfallen. Denn im Geist schieben wir große Teile unseres Volkes, das im Zentrum des alten Kontinents doch niemals homogen war, aus ethnischen, kulturellen und religiösen Gründen ohnehin in entsprechende Ghettos ab. Inner- und außerhalb dieser unsichtbaren Mauern verhärten sich die Fronten, und manche ‚West Side Story‘ wird hier entstehen und Menschen auseinander reißen, die eigentlich zusammen gehören, um auf ihre Weise ‚Deutsche‘ zu sein, zu werden oder Anerkennung zu finden. Denn immerhin leitet sich der Begriff ‚deutsch‘ vom Althochdeutschendiutisc (westfränkischen *Þeodisk) ab, was ursprünglich „zum Volk gehörig“ heißt. Und dies sollten doch alle Menschen sein, die auch tatsächlich zu unserem Land gehören wollen und damit Ernest Renans klassische Bestimmung der Nation als Willensgemeinschaft erfüllen, ganz unabhängig davon, ob sie von Geburt aus Deutsche sind oder nicht. Denn wie sollte eine europäische Gemeinschaft oder gar einer Weltgesellschaft möglich sein, wenn ein analoges Zusammenwachsen oder Zusammenfinden im eigenen Land ausgeschlossen wäre? Wirkliche Patrioten und Weltbürger kommen immer dann überein, wenn sie das Prinzip der Vielfalt inner- und außerhalb ihres eigenen Landes gleichermaßen anerkennen.

Aber die Gruppe der Alten ist unbeschadet der Herkunft ihrer Angehörigen immer von substanziellen Nachteilen bedroht. Auch sie werden nach einem ähnlichen Schema um ihren Anteil an unserer Gesellschaft betrogen, sind sie doch in vielen Fällen von Chancen-, Leistungs- und Verteilungsgerechtigkeit ausgeschlossen. In dem Maße, wie in Nordafrika und im Nahen Osten der Anteil der jungen Menschen wächst, in dem Maße nimmt sie bei uns die Zahl der Alten zu. Während sich Stellenausschreibungen an den Universitäten in ihrer Toleranz geradezu überschlagen, wenn es um Frauen und behinderte Menschen geht, bleibt Akademikern im Greisenalter von fünfundfünfzig Jahren derartige Anerkennung versagt. Und selbstverständlich nicht nur Akademikern, sondern erst recht Menschen in der freien Wirtschaft. Wir sind so tolerant, dass wir für bestimmte Profile besondere Regeln gelten lassen, andere aber implizit ausschließen, auch dann, wenn wir es womöglich mit gescheiten Menschen zu tun haben. Und wir wissen dabei genau, dass wir dann eigentlich alle Beamten im Alter von fünfzig oder fünfundfünfzig Jahren entlassen müßten. Doch auch sie müssen bis wenigstens zum 65. oder demnächst 67. Lebensjahr arbeiten, um in den Genuß einer Rente zu kommen, den man ebenso gut ausgebildeten Menschen in ihrem Alter auf Grund ihres Alters versagt. Ich spreche hier ausdrücklich nicht davon, Menschen in diesem Alter noch in das Beamtenrecht aufzunehmen. Man kann auch als Angestellter denken und seine Pflicht tun. Aber man sollte unbeschadet ihres Alters alle Bewerber nach ihrer Kompetenz und Leistung bewerten.

Fährt man auf lange Sicht mit dieser Politik fort, wird man mit Opfern zu rechnen haben. Alte Menschen werden sich das Leben nehmen, weil man ihnen das Leben verwehrt. Was sollten sie auch anders tun, wenn ihre Zahl in dem Maße wächst, wie ihre Perspektiven abnehmen? Im Verhältnis zu den jungen Ländern in Nordafrika und im Nahen Osten haben wir es in Europa und Deutschland mit einer seitenverkehrten Lage zu tun. Doch die Verzweiflung, Ausschluß und massenhafte Altersarmut, auch in gebildeten und akademischen Schichten, können zu ähnlichen Reaktionen führen. Lernen wir daraus, bevor es zu spät ist, lernen wir aus kleinen Zeichen, die anderswo bereits einen Flächenbrand ausgelöst haben und einen ebensolchen auch bei uns auslösen können.

 

09 – 2010: Bitte um Unterstützung zum Neuen Jahr

Als ich vor anderthalb Jahren meine erste Notizen ins Netz stellte, dachte ich nicht, dass dieser Blog zu einer dauerhafteren Einrichtung werden würde. A la longue sollte die Tätigkeit eines Wissenschaftlers nicht darin bestehen, über seine Lage an der Universität Klage zu führen. Auch war ich nicht sicher, ob es für irgendeinen Menschen von Interesse ist, dass ich an dieser Situation leide. Ich bin nicht der einzige, der auf der Strecke geblieben ist, gehöre aber vielleicht zu den wenigen, die diesen Umstand offensiv an die Öffentlichkeit bringen.

Es ist scheint eine gute bürgerliche Tugend in diesem Land zu sein, die eigenen Niederlagen mit Würde einstecken zu müssen, auch wenn sie nicht aus dem eigenen Scheitern erwachsen, sondern aus den Gefährdungen ungerechter Verhältnisse, aus der Blindheit von wissenschaftlich gebildeten Menschen gegenüber Strukturen, die sie selbst wie stahlharte Fesseln dem gesunden Menschenverstand zum Trotz in ihren eigenen Entscheidungen behindern. Es gehört wohl zur vermeintlichen Stärke eines Menschen, den eigenen Intellekt in einem Glauben an ein Schicksal zu ertränken, das doch so blind gar nicht sein kann. Es sind schließlich zumeist immer noch Menschen mit zwei Augen, die es gestalten, auch wenn diese mit den Blick auf Sachzwänge, Quoten und Drittmittel häufig genug getrübt zu sein scheinen. Aber die vermeintliche Respektabilität, die uns die Augen vor dieser Wirklichkeit verschließt, ist nichts anderes als eine fatalistische Geste. Den Etablierten kostet sie wenig, den Zurückgelassenen aber ihre Selbstachtung, weil sie sich stets zu fragen haben, ob sie sich im demokratischen Streit Gehör zu verschaffen wussten, ob Schweigen nicht eine allzu kniefällige Zustimmung vor selbstverschuldeter Unmündigkeit ist, ob sich aus dem Scheitern an den Verhältnissen ein eigenes Versagen ableitet.

Ich werde also weiter machen, auch wenn die Zeit gegen mich arbeitet. Ich werde älter, auch wenn ich es mit der Mehrheit der Deutschen werde nach zehnjähriger Tätigkeit als Privatdozent und bald zwanzigjähriger Arbeit an der deutschen Hochschule. Aber wenn ich jetzt schwiege, wäre ich schon tot, und man würde mich vergessen, wie schon soviele in meiner Lage zu Unrecht vergessen wurden. Dann gäbe es die guten Leute, die ihren Zeitgenossen mit aller Ernsthaftigkeit versicherten, sie hätten von alledem nichts gewußt, hätten, sofern sie davon Kenntnis erlangt hätten, doch gewiß alles getan, um derlei Ungerechtigkeiten aus der Welt zu schaffen. In meinem Fall werden sie dies nicht sagen können, weil er durch Presse und Rundfunk gegangen ist, so dass ihre Unkenntnis dann einer Ignoranz gleich käme.

Ich schreibe diese Zeilen, weil das Schreiben von alters her seelische Entlastung bedeutet, aber auch weil ich auf Kollegen hoffe, die mich nicht im Stich lassen und mich für weitere Vertretungen empfehlen, so lange wenigstens, bis ich nicht mehr darauf angewiesen bin. Ich erwarte in dieser Hinsicht nicht mehr viel und wäre schon glücklich, wenn ich die vor mir liegenden zehn Jahre, einigermaßen gut überstünde. An meinem Fleiß und meiner Kompetenz und Geduld soll es nicht liegen, sofern man mir die Chance gibt, diese noch hinreichend unter Beweis zu stellen. Ich danke allen und wünsche den Lesern meines Blogs friedvolle Weihnachtsfeiertage und ein glückliches, erfolgreiches und gesundes Neues Jahr.

9-2009. Nomenklatur II

Operntexte prägen sich zuweilen gut in die Erinnerung ein, zumal wenn sie von einer einprägsamen Melodie begleitet werden, die sich im Alltag summen lässt. Ein solcher Evergreen ist sicherlich in Richard Wagners Oper ‚Lohengrin‘ zu hören, der mit den denkwürdigen Worten der Titelfigur verbunden ist: ‚Nie sollst Du mich befragen, noch Wissens Sorge tragen, woher ich kam der Fahrt, noch wie mein Nam‘ und Art.‘ Der Ritter ermahnt die junge Elsa, auf die Frage nach seiner Identität und Herkunft zu verzichten. Was einzig und allein zu zählen hat, ist seine Bereitschaft, die verleumdete Frau zu retten und ihre Unschuld zu vor aller Welt zu beweisen.

In einer auf Namen so festgelegten Zeit und Welt kann ein solches Ansinnen kaum auf Anerkennung hoffen, besonders dann nicht, wenn gegnerische Kräfte aus diesem Frageverbot ihren Gewinn zu ziehen suchen. Der Ritter muss seine Herkunft zu erkennen geben, seine Geschichte, seinen Namen, auch wenn diese Antwort kaum noch mehr über ihn verraten könnte als nicht vorher schon seine Taten über ihn zu berichten wüssten. Der Name soll ihn klassifizieren, im Guten wie im Schlechten, auch wenn unsere Blicke auf den Namensträger nicht ohnehin schon mehr über uns erzählen könnten als über den Betrachteten selbst.

In unserer Wissenschaftskultur hat der Namenlose keine Stimme. Was nützt die beste Erkenntnis, wenn sie sich nicht mit einem guten Namen schmücken könnte. Die Pseudonyme sind allein der Kunst vorbehalten. Die Wissenschaft, die des immer noch vielzitierten Geistes zumal, bedarf der Autorität eines präzisen zitierfähigen Namens. Die Wissenschaftsgeschichte kennt denn auch den ständigen Konflikt zwischen der Autorität der Namen, die Einsichten zur Wirkung verhilft und der Wirkung von Einsichten, die sich noch keinen Namen gemacht haben. Umso problematischer erscheint es, wenn hinter den Namen weniger neue Erkenntnisse, sondern eher eindringliche Autoritäten hervortreten. Dann droht der Name selbst zur Erkenntnis, oder sagen wir besser, zu einem guten oder bösen Omen zu werden, so dass sich aus dieser Maßgabe wohl auch der Grad der Freiheit bestimmen lässt, die in einer bestimmten Zeit möglich sein mag. Für unsere Zeit können wir in dieser Hinsicht aus unserer Erfahrung wohl wenig Gutes sagen: Bestimmte Einsichten finden kaum Gehör, weil das wissenschaftliche Establishment deren Namen bewusst verschweigt oder gar unterdrückt, andere finden hingegen ihre Zuhörer, sofern sich ihre Verlautbarungen nur an bekannte Namen heften. Doch gerade jene Namen, die sich mit der Konzentration vornehmlich auf bestimmte Strömungen und Schulen in Forschung und Lehre verbinden, verengen den Blick dieser üblen Zeit. Wer nicht zu bestimmten Codewörtern beifällig nickt, wer nicht bestimmte Namensträger in Ehrfurcht zitiert, hat wenig zu vermelden.

Ich wünschte, ich wäre jener Odysseus in der Höhle des Zyklopen. Er heißt ‚Niemand‘, und selbst wenn Du seinen Namen kennst, würdest Du seiner sprichwörtlichen List unterliegen, weil er als Niemand, als Nemo alles sein kann und doch nichts ist. Anders als der arme Lohengrin lässt er sich nicht dingfest machen und überwindet das Namensverbot mit Mutterwitz, indem er den nominalistischen Erkenntnisdrang seiner Zeitgenossen mit deren eigenen Waffen schlägt. Er kennt die Namen der anderen, während diese aber den seinigen in vermeintlicher Kenntnis seines Namens niemals kennen werden. „Wohl kannst Du mich befragen. Den Namen kann ich Dir noch sagen. Meine Namen kann ich Dir noch nennen, doch wer ich bin, das wirst Du nie erkennen.“

8-2009. Nomenklatur 1″“ In einem der Zehn Gebote heißt es: „Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren.“ Nicht Gott allein, sondern vornehmlich seinem Namen gilt es demnach, seine Achtung zu erweisen. Auch wenn wir es heute mit einer Ordnung zu tun haben, in der nicht der Name selbst, sondern die in seinem Zeichen erbrachten Leistungen Anerkennung erfahren sollen, verdichtet sich in diesem noch immer gesellschaftliche Wertschätzung und Achtung seines Trägers. Der Name öffnet Türen, aber schließt sie auch, ungeachtet der Tatsache, dass sich die Leistungen durchaus miteinander vergleichen ließe oder gar zum Nachteil des gewürdigten Namensinhabers ausschlügen. In einem Märchen des großen E.T.A. Hoffmann, dessen Lektüre mir seit meinem zwölften Lebensjahr immer wieder Freude bereitet, heißt es über den Protagonisten Klein Zaches, genannt Zinnober, dass dieser, wo und wann immer er sich trotz seiner Unbedarftheit und unansehnlichen Statur blicken ließ, Verdienste und ggfs. auch Verdienst seines potenziellen Rivalen oder Konkurrenten für sich in Anspruch nehmen konnte. Dank eines Zaubers der Fee Rosabelverde, der seine Nachteile stets in Vorzüge verwandelte, konnte er sich bis an die Spitze der Gesellschaft empor arbeiten. Nicht einmal die besonnensten Aufklärer konnten sich seiner Faszination entziehen und erlagen den Täuschungen gutwilliger Geister, deren Wirkung sie eigentlich bezweifelten. Aus dem Wechselbalg Klein Zaches wurde der Minister Zinnober, der wegen seines großen Namens von fast allen gerühmt wurde und auch als solcher sterben sollte.

Auch heute ist der Name eine echte Zauberformel, die kaum ausgesprochen das Schicksal eines Menschen von Geisterhand gesteuert zum Guten zu wenden vermag, so sakral ist der Name. Auch das Gegenteil ist natürlich möglich. Wer es sich erlaubt, einen eigenen Weg zu gehen, ohne vom eigenen Namen oder dem eines anderen abhängig sein zu wollen, gilt als Quärulant, auch wenn er vielleicht der friedlichste Mensch sein will. Sein Name ist wie ein rotes Tuch, das manche Leute anweht, um ihnen die gute Laune zu verderben. Und selbst wenn er einmal etwas Vernünftiges sagen sollte, verwandelt es sich aus deren Sicht in etwas Dahergesagtes oder Kokettes. Und der Sprecher bleibt, was er in deren Augen stets war: Der Verfemte, den es aus ihrem Gesichtskreis zu verbannen gilt. Selbst eine positive Ansage aus seinem Mund gleicht einem Plus vor einer von Negativzeichen bestimmten Klammer.
In Goethes Faust erkennt Mephisto, dass seine Zeitgenossen wohl den Bösen los seien, das Böse sich aber noch unter ihnen befände. Heute sind wir die großen Namen los, das Prinzip der Namen ist hingegen keineswegs verschwunden. Kleider machen Leute, Namen aber auf ebensolche, vielleicht noch auf eindringlichere Weise: Denn Kleider kann man wechseln, Namen haften an einem Menschen, auch wenn er diese durch Heirat o.ä. abgelegt haben sollte.
Auch gegenüber der postmodernen Differenzphilosophie erweisen sich Namen immun. Denn die Differenz in der Sprache politischer Korrektheit wird zwar als Wert an sich anerkannt. Doch um den Preis ihrer Abstraktion. Die Differenz, die sich im Konkreten mitteilt, verursacht bei manchen Kopfschmerzen oder gar Migräne. Wer zu kurz gekommen ist und dennoch seine Differenz einklagt, gilt als problematische Natur, die man am besten isoliert oder ignoriert.-
Manche Namen sind so verwunschen wie die der bösen Fee, die den guten Menschen das Leben verdirbt und zu verwünschen ist, weil sie sich selbst im Verwünschen so gut auskennt. Andere wiederum kommen gut durchs Leben. Ich bin über meinen Namen unglücklich. Er hat mir vor allem Nachteile gebracht, weil er wenig mit jenen romanischen Sprachen zu tun hat, deren Texte ich auch aus nichtberuflichen Gründen am liebsten lese. Ich schäme mich seiner nicht, schon deshalb weil die Sprache, der er gedenkt, zwischen tapferen Menschen auf den Straßen und Plätzen des Iran Verbindungen schafft und zu Veränderungen aufruft.
Auch könnte mich mein Name selbst dazu ermutigen, nicht immer nur zu verzweifeln. Wenn es ein guter Fußballspieler seines Namens geschafft hat, als ALI KARIMI einige Jahre lang auch die Herzen der deutschen Fans zu erobern, warum sollte es mir als sein unbekannter Namensvetter nicht auch gelingen, ein wenig Achtung für seine Arbeit zu erreichen?
Tatsächlich aber wäre ich gern nur eine Zahl, ein anonymes Nichts, um zumindest die Chance zu haben, mir einen Namen in meinem Beruf machen zu können.
Die Angst des modernen Menschen vor dem Verlust seines Namens ist mir aus dieser Sicht nicht so ganz begreiflich. Wenn sich im Namen doch nur die vorgefaßten Urteile, die positiven oder negativen Vorurteile über den Namensträger verdichten, besiegelte er unser Schicksal, der beschworenen Chancen- und Leistungsgerechtigkeit zum Trotz. Mein Name zumindest hat mir leider kein Glück gebracht. Hieße ich doch Friedrich Freiherr von Fürstenberg, würde es mir mit einiger Wahrscheinlichkeit auch fürstlicher ergehen als jetzt und dafür weniger karimischer, d. h. ausgegrenzt als stellenloser Privatdozent. Wahrscheinlicher ist, dass ein Karimi eher zum Aushängeschild deutscher Fussballspielkunst werden könnte als ein Professor der Romanistik – allen Promotionen und Habilitationen ungeachtet. Dominus nominis vobiscum.

1/2-2009. Am Anfang war das Wort.

Am Anfang war das Wort. Aber was ist aus dem Wort geworden? Ist es mir abhanden gekommen? Wenn man mir das Wort am Ende entzieht, mich nicht weiter arbeiten lässt, in einem wissenschaftlichen Beruf, in dem ich auf Grund meiner Erfahrungen immer mehr den Eindruck habe, mit dem Stigma des halben Migrantenkindes gezeichnet zu sein. Wird am Ende immer noch das Wort stehen oder das Schweigen – mein Schweigen?

Es wird davon abhängen, ob andere das Wort für mich ergreifen, weil sie nicht wollen, dass ich meine Arbeit einstellen und schweigen muss. ‚Mais mon cas n’est pas unique‘, möchte man sagen: Fachliche Kompetenz, persönliche Integrität, Leistungen und Verdienste um die wissenschaftliche Arbeit scheinen heute kaum noch eine Rolle zu spielen. Kollegen mit diesen Eigenschaften werden nicht unbedingt gefördert, es sei denn, sie haben ihre Gönner. Aber Gönner haben sie womöglich auch, wenn ihnen diese Eigenschaften fehlen. Andernfalls vermodern sie auf Arbeitsämtern und in ihrer Resignation. Zur gleichen Zeit rühren Politiker aller Parteien die Trommeln für mehr Bildung, dass man geradezu selbst gerührt sein könnte. Auch in dieser Hinsicht kennt der heutige Zynismus keine Grenzen.

Doch wenn es Stimmen gibt, die zu diesem Unrecht nicht schweigen und auf diesen Notstand hinweisen, werde auch ich nicht zum Schweigen verurteilt sein. Wann endlich haben alle auf Grund ihrer Kompetenz – ungeachtet ihres Namens, Status, Geschlechts, sexueller Orientierung oder Abstammung – diesselbe Chance? Wann endlich gelten nur die Leistungen und Integrität eines Bewerbers und nicht seine Beziehungen, die ihn allein noch nicht mit diesen Fähigkeiten ausstatten? Diese Frage ist nicht nur für den einzelnen entscheidend, sondern auch für die Zukunft wissenschaftlicher Disziplinen, die nur so stark sein können wie die Stärken ihrer Wissenschaftler. Letztlich ist sie auch für junge Menschen entscheidend, die sich mit dem Gedanken tragen, in die Wissenschaft zu gehen. Werden sie noch bereit sein, eine Karriere an der Universität anzustreben, auch auf die Gefahr hin, dass sie allein von der Gunst einzelner abhängen und ihnen diese trotz ihrer Kompetenz vielleicht wieder entzogen werden könnte?

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