01-2020 Als Nachtrag zu ‚Die vereinten Regionen und Nationen von Europa.Europäische Projektionen‘ (09-2019). Von der Aktualität der Geschichte.

Als Nachtrag zu meinem Blog im letzten Jahr füge ich noch ein paar Gedanken hinzu, die mein Bild zu diesem Thema komplettieren. Unter der Internetadresse

https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/50424609

fand ich zwischen den Jahren einen Beitrag, den Ute Planert mit dem Titel „’Weltgeist zu Pferde‘. Napoleons Erfolge zeigten Europa, welche Kraft in der nationalen Idee steckte“ in der Magazinausgabe des Spiegel (6-2007) vorlegte.

Auf den häufigen Einwurf, dass wir es hier mit einer längst abgegoltenen Geschichte zu tun haben, die letztlich nur von den Beschwernissen der gegenwärtigen Welt ablenken würde, antworten wir mit Th.W. Adorno:

Man will von der Vergangenheit loskommen: mit Recht, weil unter ihrem Schatten gar nicht sich leben läßt und weil des Schreckens kein Ende ist, wenn immer nur Schuld und Gewalt mit Schuld und Gewalt bezahlt werden soll; mit Unrecht, weil die Vergangenheit, der man entrinnen möchte, noch höchst lebendig ist. (Suhrkamp Werkausgabe 2003, 10.2: 555-556)

Die Epoche vor und nach dem Wiener Kongress (1815) war eine Zeit revolutionärer Veränderungen, philosophischer Höhenflüge (Hegel, Dtsch. Idealismus), wissenschaftlicher Forschung und intellektuellem Diskurs (Humboldt) in Deutschland. Man sollte nicht nur von den 1920er Jahren sprechen, deren Menetekel man üblicherweise mit dem Nationalsozialismus aufkommen sieht. Die 1820er Jahre verdienen unsere Aufmarksamkeit nicht weniger, zumal die politischen Eliten in jenem Jahrzehnt und in den Folgejahren das Projekt der bürgerlichen Nation in den unterschiedlichen Regionen und Bevölkerungsschichten des untergegangenen Römischen Reiches deutscher Nation zu verankern suchten. Entfacht wurde diese nationale Bewegung durch den Widerstand gegen Napoleon, der gerade in den Augen vieler linker Kräfte zu einem ordinären Usurpator geworden ist. Erinnern wir uns, dass Ludwig van Beethoven die Widmung seiner ursprünglich dem Kaiser zugeeigneten fünften Symphonie (Eroica) aus Enttäuschung zurücknahm.

Dass den Menschen am Vorabend der Völkerschlacht bei Leipzig schlimmste soziale Härten zugemutet wurden, macht Ute Planert für den zunehmenden Kampfeswillen gegen Napoleon verantwortlich:

Dass „viele Menschen in das antinapoleonische Lager [getrieben wurde] und sich im Herbst 1813 nach und nach der antifranzösischen Koalition anschlossen“, beruhte auf der „Erfahrung ökonomischer Ausbeutung und militärischer Belastung.“

Das revolutionäre Ziel einer Einigung Deutschlands lag zwar auf der Straße. Nur so konnte das Bürgertum seine Souveränität über die Fürstenherrschaft erlangen; nur so konnte es zum historischen Subjekt werden. Aber dieses Ziel wurde nicht von Anfang an von allen Schichten und überall verfochten, wie Ute Planert unterstreicht:

So „stellte sich Begeisterung für die deutsche Sache keineswegs flächendeckend ein. Sie blieb Angelegenheit der Studenten und Bildungsbürger in den Städten oder äußerte sich in protestantischen Regionen mit traditioneller Nähe zur preußischen Monarchie.

Die revolutionäre Idee der Nation versprach, aus Untertanen erstmalig in der Geschichte Bürger zu machen. Dass dieses Versprechen auf so schändliche Weise in sein Gegenteil verkehrt wurde, gilt als besonders tragischer Ausgang deutscher Nationalgeschichte. Der Kern dieser Tragik besteht allerdings darin, dass sich das Konzept der Nation gerade in der späteren historischen Phase des zweiten Kaiserreichs einer weitaus größeren Akzeptanz erfreute als noch 1815. Zu diesem Zeitpunkt verband es sich aber längst nicht mehr mit jener revolutionären Begeisterung, wie sie der deutschen Revolution von 1848 vorausgegangen war. Derartige historische Transformationsprozesse wären einmal eine Untersuchung wert gewesen. Wie verwandelte sich das noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erblühende deutsche Nationalbewusstsein binnen weniger Jahrzehnte in ein koloniales Bewusstsein? Wie wurde aus der revolutionären Souveränität der Bürger das ressentimentgeladene Bewusstsein weißer Herrenmenschen, die ihre Überlegenheit gegenüber Menschen nichteuropäischer Herkunft in Rivalität zu anderen europäischen Großmächten zur Schau trugen.

Man könnte nun entgegen dem Diktum Adornos einwenden, dass eine derartige Beschäftigung mit der Geschichte müßig und vergebens sei. Das Vergangene sei eben vergangen. Dass es aber tatsächlich noch sehr lebendig ist, zeigt sich, wenn wir auf die Überlegungen unseres letzten Blogs zurückkommen. Die Europäische Union bedeutet eben nicht die Überwindung der Nation als Konzept, sondern allenfalls dessen Rekodifizierung in neuen Grenzen. So gilt es heute, zwar nicht mehr aus Untertanen Bürger zu machen, sondern die Bürger der europäischen Nationalstaaten auf die Bürgerschaft eines europäischen Nationalstaats einzustimmen. Und diesbezüglich habe ich Einwände bezüglich dessen Konstitution geltend gemacht, die ich an dieser Stelle nicht mehr wiederholen muss. So wie der Aufbau der europäischen Nationalstaaten im 19. Jahrhunderts auf die Stimme der Bürger angewiesen war, die seinerzeit leider nicht immer und überall hörbar wurde, so ist dies heute notwendig, wenn sich ein neuer europäischer Superstaat erhebt, der in Wettstreit mit den großen Schwellenländern dieser Erde treten wird. Mitunter lässt sich aus dem Vergangenen einiges lernen, weil das Vergangene doch noch höchst lebendig ist.

…. wird ggfs. noch erweitert.

Über kianharaldkarimi

TAGEBUCH EINES PRIVATDOZENTEN IN DEUTSCHLAND Ein Versuch, mir meine Trauer, Resignation und Wut von der Seele zu schreiben, um nicht daran zu zerbrechen. ACHTEN SIE BITTE AUCH AUF MEINE HOMEPAGE! kianharaldkarimi.de
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