06-2019 Eine Welt ohne Hitler (Gioconda Belli)

Wie wäre es gewesen

– ohne Hitler –

dieses Deutschland, auf das ich nun blicke?

Der Speisesaal des Hotels

streng modern

mit schmuckloser Holzvertäfelung

trist, steril

erzählt mir von den Bombenangriffen.

Hätte Hitler nicht existiert

frühstückte ich heute Morgen in Göttingen

in dem tadellos erhaltenen Salon

eines barocken Gebäudes

voller Geschichte.

Achtzig Prozent der Stadt

wurde von den Bomben der Alliierten zerstört.

Wie viel ging in diesem Land verloren?

Welche Lieder, welch Lebenslust verschlang die Schuld?

Wie hätten diese Männer und Frauen mit ihren schönen

Gesichtern

– Erben von Goethe und Schiller –

ohne den Ruß und den Rauch jener makabren Schornsteine sein

können?

Welch neuer Beethoven, Bach

hätte die Welt der Musik wohl erfüllt

wäre der Geist so vieler Symphonien

nicht zerschlagen worden?

Und was sagen von den sechs Millionen Ausgelöschten?

Von den Juden, Kommunisten oder Zigeunern?

Von denen, die ohne Nachkommenschaft starben?

Welche Erleuchtungen, welche Erkenntnisse, welche Reichtümer

hätten ihr Leben bedeutet

in dem, was die Menschheit angesammelt

in der von allen geschmiedeten Hinterlassenschaft?

Welche Männer, welche Frauen haben wir verloren?

In welchen Städten würden sie heut wohnen?

Welche Kinder hätten sie?

Welche Lieben kamen nie zustande?

Welche von ihnen wären heute unsere Freunde?

Wer erklärt es uns?

Wer gibt uns das zerrissene Lied zurück

in solch unergründlicher Stille?

Über kianharaldkarimi

TAGEBUCH EINES PRIVATDOZENTEN IN DEUTSCHLAND Ein Versuch, mir meine Trauer, Resignation und Wut von der Seele zu schreiben, um nicht daran zu zerbrechen. ACHTEN SIE BITTE AUCH AUF MEINE HOMEPAGE! kianharaldkarimi.de
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