2018-03: Nachdenken über Trump

P1010083.JPGJedermann beschäftigt sich mit Trump und seinen Allüren. Nachdem dieser auch in unseren Chroniken des letzten Jahres eine besondere Rolle gespielt hatte, soll hier somit wiederum von ihm die Rede sein. In den Medien erscheint der amerikanische Präsident geradezu als eine Art Ubu Roi, jener skandalösen Titelfigur aus dem gleichnamigen Stück von Alfred Jarry, die sich mit Gewalt und Lächerlichkeiten zum König von Polen erklärt. Die eigentliche Politik dieser Karikatur eines Monarchen (in der Moderne erscheinen alle Monarchen irgendwie lächerlich, weil nicht sie es sind, die ihre Krone tragen, sondern vielmehr selbst von dieser getragen werden) weicht gegenüber seinen zumeist beklagenswerten Charakterzügen zurück. Narzissmus, Überheblichkeit, Großspurigkeit und verletzte Eitelkeit, um nur einige wenige dieser missratenen Merkmale einer verschlissenen Persönlichkeit zu erwähnen, nehmen einen so dominanten Platz ein, dass man leicht darüber vergessen könnte, um wen es sich dabei handelt.

Es geht schließlich nicht um Familiengeschichten von Onkel Heinz und Tante Agathe, sondern um die res publica, d. h. um eben das, was unsere gemeinsame Sache sein müsste, die Politik. Diese bloße Verkehrung der Politik in ein Boulevard kommt der Tendenz entgegen, die sich in der gesellschaftlichen Debatte, in den sozialen Medien breit macht. Statt sich auf die Suche nach politischen Lösungen zu begeben, begnügt man sich mit kluger Moral, eingedenk der Tatsache, dass die öffentlichen Dinge immer undurchschaubarer werden. Zum Spielball gegenläufiger Interessen geworden, zum Fachgebiet von Spezialisten und Technokraten, erscheint die Politik nicht mehr als Ort des Diskurses über notwendige Veränderungen in Staat und Gesellschaft. Was sich an geeignetem Ort nicht mehr in genügendem Maße realisieren kann, muss auf die Moral ausweichen, auf die bessere natürlich. Denn an dieser können natürlich auch die Unbedarftesten ihren Anteil haben; jeder kann seine politisch korrekte Meinung abgeben. Nicht selten geht man häufig von strengen Prinzipien aus, die man vor den Widrigkeiten des Lebens bewahren will, wohl wissend, dass das Leben die eigenen ehernen Gesetze relativiert.

Der amerikanische Präsident spielt in diesem Zusammenhang gerade deshalb eine probate Rolle, weil er mit seinen Skandalen, einfältigen Reden, konfusen Unterstellungen und Bezichtigungen an einer chronique scandaleuse schreibt, die beständig alle möglichen Tabus des öffentlichen Diskurses bricht. Was dabei aber außer Sichtweite gerät, ist wiederum die Politik selbst. Die Gründe, die zum Aufstieg Trumps führten, erlangen dabei eher ebenso wenig Aufmerksamkeit wie die Motive, die hinter seiner Politik stecken. Um es nochmals deutlich zu sagen. Herr Trump verdient alles andere als unsere Sympathie. Aber ebenso abwegig erscheint es, so einseitig der etablierten Politik zu folgen, die sich mit einer vermeintlich besseren Moral dem amerikanischen Ubu Roi entgegenstellt. Eine wirkliche Alternative wäre es freilich, in dessen Politik einen rationalen Kern zu suchen, der die Grenzen der bisher eher wenig zufrieden stellenden Antworten sprengt.

Nehmen wir Trumps Klagen über die Nachteile, die der amerikanischen Wirtschaft beim Export ihrer Waren nach Übersee erwachsen. Es ist allgemein bekannt, dass der europäische Zoll höhere Schranken aufstellt, als dies bei den Amerikanern der Fall ist. Natürlich könnten die reichen westlichen Länder einen Kompromiss schließen, um diese Schranken auf beiden Seiten zu senken und Handelskriege zu vermeiden. Doch gerade in dieser Hinsicht spielt der amerikanische Präsident, wohl eher unwillentlich, wenn nicht sogar unwissentlich, einen advocatus diaboli. Denn ist es nicht so, dass gerade die armen afrikanischen Länder über die ungerechten Verträge stöhnen, die ihnen von der Europäischen Union mit Druck und Zynismus aufgezwungen wurden? So gilt die Entrüstung der öffentlichen Moral dabei einzig und allein dem Flüchtlings- und Migrantenelend, das, soweit es Afrika betrifft, doch gerade Ergebnis einer zutiefst ungerechten Weltwirtschaftsordnung ist.

Der öffentliche Diskurs bleibt weitgehend bei deren Symptomen stehen, in denen sich menschliches Leid reproduziert. Er müsste aber viel stärker auf den Umstand eingehen, das Afrika einerseits unter dem freien Handel der Europäer leidet, andererseits aber eben auch Opfer einer europäischen Politik ist, die einen freien afrikanischen Handel nach Europa unterbindet. Man könnte aus der Politik Trumps insoweit Vorteile ziehen, als man die sich daraus entwickelnde Unordnung dazu nutzt, um so neue gerechtere Regeln zu entwickeln, die die alleinige Handschrift immer gleicher Mächte nicht mehr akzeptiert. Denn ist es nicht so, dass die Europäische Union an ihrer eigenen Heuchelei krankt, wenn sie sich einerseits für den freien Welthandel stark macht und dabei weinselig die Ode an die Freude intoniert (‘Wir werden doch alle Brüder’), andererseits aber ihre Zollschranken zum Schutz ihrer eigenen Märkte hochsetzt? Die Positionen der EU sind beileibe nicht so philanthropisch, wie sie es vorgeben zu sein. An diesem Widerspruch ließe sich doch ansetzen.

Aber ebendies würde einen Diskurs erfordern, der zunächst zur Analyse neigt und erst dann eine entsprechende Moral generiert. Denn Moral kann Politik nicht ersetzen, sondern eben nur bedingen, eine Banalität, die unter heutigen Bedingungen fast wie eine Weisheit anmutet. Das Beharren auf einer unumstößlichen Moral ist nicht selten mangelnden Kenntnissen in der Sache geschuldet. Es ist daher häufig Ausgangspunkt für einfache Antworten, das in dieser Hinsicht moralische Tabubrecher und Populisten zu nicht zu weniger simplen Positionen herausfordert.

Wie viele andere Zeitgenossen tue ich mich schwer damit, den bislang herrschenden Eliten in Wirtschaft und Politik gegenüber Trump einfach Absolution zu erteilen. Denn immerhin sind sie es doch, die auch auf anderen Politikfeldern dazu beigetragen haben, dass sich Populisten in Europa und den USA breit machen konnten. Aus meiner Sicht ist der politische Kanon nicht eben dazu geeignet, das Gewicht dieser Herrschaften zu verringern. Es bedarf vielmehr einer dritten Kraft, die sich aus allen Teilen des demokratischen Spektrums sammeln und über die alten ideologischen Gräben hinausgehen müsste.

Über kianharaldkarimi

TAGEBUCH EINES PRIVATDOZENTEN IN DEUTSCHLAND Ein Versuch, mir meine Trauer, Resignation und Wut von der Seele zu schreiben, um nicht daran zu zerbrechen. ACHTEN SIE BITTE AUCH AUF MEINE HOMEPAGE! kianharaldkarimi.de
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