2018-1 Zivilcourage und Gemeinschaftssinn im Film – Das Schweigende Klassenzimmer

Vor einigen Wochen habe ich mit einem guten Freund den neuen deutschen Spielfilm Das schweigende Klassenzimmer gesehen, das der Regisseur Lars Kraume nach dem gleichnamigen Sachbuch von Dietrich Garstka gedreht hatte. So belastend uns deutsche Geschichte auch erscheinend mag, so unerschöpflich ist sie doch auch als Quelle von Geschichten. Besonders lohnend erweist sie sich, wenn nicht nur prominente oder unbekannte Schurken auf die Leinwand kommen, sondern auch kleine und große Helden des Alltags, die um ihr eigenes Überleben, aber mindestens ebenso um das Leben anderer kämpften. Ging es schon in dem Liebesdrama Der Rote Kakadu, in dem Dominik Graf 2006 Regie geführt hatte, um Zivilcourage, so zeigte sich dieses Motiv drei Jahre später in Florian Gallenbergers Film John Rabe noch unumwundener und zuletzt in Claus Räfles Film Die Unsichtbaren – Wir wollen leben aus dem letzten Jahr am deutlichsten. Nicht zu vergessen ist in dieser Hinsicht auch die Dreiländerproduktion (D, F und GB) in der Regie von Vinzent Perez, die den Roman Falladas Jeder stirbt für sich allein neu verfilmte. In der Kunst erkennen wir die Zeichen der Zeit am allerbesten. Die Partitur unserer Zeit zeigt sich in der Kunst, in diesem Fall der Filmkunst deutlicher als in einem Alltag, in dem uns der Blick verstellt ist.

In diesen und in zahlreichen anderen deutschen Filmen mit Bezügen zur deutschen Geschichte gilt es nicht weniger um die Frage, ob das allgemeine Bild von den Deutschen als Volk der Mitläufer tatsächlich dem Urteil zahlloser Geschichten standhält. Die so häufig missbrauchte Kategorie des Helden erhält hier eine völlig andere Bedeutung, tritt der Held doch zumeist als Einzelkämpfer, wenn überhaupt, mit nur wenigen Gefährten in Erscheinung. Helden sind nicht die Protagonisten von Armeen, die das Vaterland gegen einen äußeren Feind schützen, sondern einzelne und nicht selten auch einsame Menschen, die sich im aufrechten Gang für ihre Heimat, ihre Familie und die ihrigen üben. Oder für jene, die sie zu den ihrigen zählen. Als Sophie Scholl von Gestapobeamten befragt wurde, ob sie erneut so handeln würde, entgegnete sie: „Ja, weil ich es für das Richtige für mein Volk halte.“ Es besteht kein Zweifel, dass es hier um das Gewissen von Menschen ging, für die es eine Schande war, dass das gesamte Gemeinwesen in die kollektive Haftumg für Staatsverbrechen hineingezogen wurde.  Autokratien und Diktatoren war es stets darum getan, ihre Macht vertikal und damit antimodern zu organisieren, dabei aber die Verantwortung für die Folgen ihrer Politik so zu verteilen, dass diese möglichst viele über die exekutive Gewalt hinaus zu tragen hatten. Möglichst viele sollten über den engeren Täterkreis hinaus haftbar gemacht und damit schuldig werden. Dabei hatten es jene, die nicht unmittelbar an Verbrechen beteiligt waren, stets ungleich schwerer, ihr Gewissen von einer ungleich abstrakteren Schuld zu reinigen. Immer plagte sie mit dem Gewissenskonflikt auch die Frage, was sie denn wohl unter ihren Umständen hätten tun können, um Verbrechen zu verhindern. Diese Frage, deren Antwort auch spätere und damit freiere Generationen schuldig bleiben mussten, lässt sich leicht stellen, aber oft kaum beantworten. Häufig belegen sie, wie am Beispiel der Geschwister Scholl, einen heldenhaften Widerstand im zivilen Leben, ohne allerdings in der Lage zu sein, Verbrechen gleich welcher Art und Größe tatsächlich  verhindern zu können. Aber natürlich stellt dieser aufrechte Gang nicht nur unter Beweis, dass selbst unter einer noch so gewalttätigen Diktatur ein offenes Wort, wenn auch um den Preis des eigenen Lebens, möglich ist. Er zeigt auch, dass hier im Namen einer schweigenden Minderheit zur Sprache gebracht wird, was auch zur  Tradition einer res publica in Deutschland gehört.

Auch im jüngsten Film Das schweigende Klassenzimmer geht es um einen Akt zivilen Ungehorsam gegen einem Staat, der sich geradezu zum antifaschistischen Vermächtnis der Geschwister Scholl bekannte. In der DDR gehörte das Aufbegehren gegen die Nazidiktatur zur besten deutschen Tradition, für die allerdings in den Grenzen des neuen Staates keine Verwendung mehr war. Überhaupt galt Zivilcourage den Machthabern als  Ausdruck eines individualistischen Bewusstseins, das als ungeeignetes Mittel in den Klassenkämpfen der Zeit erscheinen musste. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine ostdeutsche Abiturklasse, die sich anlässlich des Ungarischen Volksaufstands 1956 zu einer Schweigeminute für die Opfer im Unterricht entscheidet. Auf diese relativ zaghafte Solidaritätsbekundung reagiert die sozialistische Staatsmacht mit einer unverhältnismäßigen Härte, mit der weder die Schüler noch ihre Eltern oder die Schulleitung gerechnet haben. Doch mit dieser Reaktion ist nun gewiss, dass eigenständiges Denken oder gar das Bekenntnis zu einem eigenen Standpunkt gänzlich unerwünscht sind. Interessant ist dabei auch, wie ein Staatswesen, das auf kollektive Gemütsverfassungen setzt, doch mit den Interessen, Ambitionen und Ängsten des einzelnen Menschen spielt, wie Denunziation als Mittel der allumfassenden Kontrolle und als Überwindung oppositioneller Regungen eingesetzt wird. Der Tenor der Lieder, etwa ein FDJ-Aufbaulied aus der Feder Bert Brechts, ist so ganz anders als jene Wirklichkeit der DDR im Jahre 1956, in der Kadavergehorsam aus alten Zeiten nach wie vor an der Tagesordnung ist:

Besser als gerührt sein ist: sich rühren,
denn kein Führer führt aus dem Salat!
Selber werden wir uns endlich führen,
weg der alte, her der neue Staat!
Fort mit den Trümmern…

Jede noch so um das allgemeine Menschheitsglück besorgte Diktatur appelliert aus Menschkenntnis (nicht zuletzt der eigenen Funktionärskaste) stets an den Egoismus des einzelnen, der ihr kontrollierbarer erscheint als individuelles Aufbegehren. So wird selbst ein Minister in der Klasse vorstellig, um zu erzwingen, dass diese den Namen der Rädelsführer bekannt gibt, der den konterrevolutionären Aufstand angezettelt hat. Besonders brutal geht man mit Erik um, der mit Stolz auf seinen Vater, einem im KZ gepeinigten und verstorbenen Rotfrontkämpfer zurückblickt. Als man ihn aber damit erpresst, die Wahrheit über dessen ‚mangelnde Standfestigkeit‘ gegenüber den Nazis in der Presse preiszugeben und damit den schönen Schein des antifaschistischen Mythos zu zerstören, gerät die Situation außer Kontrolle. Letzten Ende nehmen sich die Schüler ihr Recht, das Abitur erfolgreich abzuschließen, im Westen freilich, weil die sozialistische Staatsmacht deren uneingeschränkte Solidarität mit der Relegation der gesamten Klasse bestraft. Die fragwürdige Moral besteht also darin, dass es nur dann sinnvoll ist standfest zu sein, wenn eine höhere Macht, nicht aber das eigene Gewissen diesen Sinn definiert.

Man könnte nun die Frage stellen, was für ein Sinn ein solcher Film in unseren demokratischen Verhältnissen haben könnte. Wer eine ‚demokratische Ordnung‘ aber ernst nimmt, weiß, dass diese nicht alles ordnet, eben weil alles andere ‚totalitär‘ wäre. Dass die Macht nicht immer mit jedermann ist, scheint ebenso gewiss wie der Umstand, dass schon ein offenes Wort bei uns auch verheerende Konsequenzen für den mutigen Sprecher nach sich ziehen kann. Eben da, wo der angeblich so freie Geist wohnt, ist Demokratie für nicht wenige Menschen eine Höflichkeitsfloskel, die nach dem alltäglichen Befinden eines anderen Menschen fragt, ohne aber tatsächlich genau wissen zu wollen, wie es um diesen steht. Natürlich wollen die meisten Menschen irgendwie zu den Anhängern der Demokratie gezählt werden, aber nur wenige sind tatsächlich daran interessiert, wegen allgemeiner demokratischer Verfahrensfragen ins Unrecht zu geraten oder gesetzt zu werden. Manche betrachten es gar als Skandalon, wenn ihre Zeitgenossen auf ihrer Meinung bestehen und diese auch noch offen kundtun. Und doch ist gerade in unserer Zeit, in die Demokratie angesichts zunehmender autokratischer Regime in der Welt und im sogenannten freien Westen selbst Bewährungsproben zu bestehen hat, Zivilcourage mehr denn je notwendig. Gerade Demokratie lebt von Zivilcourage und zivilem Aufbegehren, wie es die jungen Leute heute auf ihren Demonstrationen in Washington gegen die Waffenlobby unter Beweis stellen.

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