2017-6 Auf ein neues Jahr

Das Jahr ist im Rückblick rasch vorbeigezogen. Wenn ich aber an einzelne Tage oder gar Momente zurückdenke, dann hat es sich wie eine langsame Bahn von Station zu Station vorwärtsgeschraubt, ohne große Einsichten, vielleicht bis auf diese, dass es schwer ist, alte Gewohnheiten aufzugeben und sich in ganz neuen und anderen Lebenslagen zurechtzufinden. Wer diese Entwicklung durchgemacht hat, wird vor allem den Verlust an Freiheit beklagen, der sich mit dem Leben einer Honorarkraft einstellt. Jene Zeitgenossen, die nichts anderes kennen, werden aufgebracht widersprechen und daran erinnern, dass man doch schließlich sein eigener Herr ist, der seine Zeituhr selbst aufzieht und damit seine Arbeitsstunden so gestalten mag, wie er mag. Dies ist zwar richtig, aber der Universitätsbetrieb hat seine Freiheiten, die in nichtakademischen Arbeitszusammenhängen kaum bekannt sein dürften. Nun ist jede Stunde gezählt, weil jede Stunde ihren Termin hat, der zuweilen schwer ausgehandelt werden muss. Und jeder Termin ist nicht nur Lebenszeit, sondern auch Verdienst, um den zu ringen ist. Ich hätte nicht gedacht, dass ich als Angestellter eine solche Kraft gehabt hätte, mich auf diesem Markt so gut zu bewähren, auch wenn ich mir diesen Umstand nicht allein zu verdanken habe. Denn es hat freilich immer zahlreiche Leute gegeben, die mir das Arbeitsleben durch ihre Freundlichkeit und Hilfe so ungemein erleichtert haben.

Dieser tiefe Fall aus den Höhen der Akademikerherrlichkeit vor vier Jahren ließ mich anfangs Schlimmes befürchten, aber inzwischen habe ich zu meiner alten Sicherheit zurückgefunden. Und vielleicht sind derartige Schicksalsschläge nur Anlass, um noch stärker zu werden. Womöglich ist dies geradezu ein körperlicher Vorgang, der größere Vitalität mit sich bringt, damit wir die um so größeren Herausforderungen auch besser bestehen können. Doch die Schwierigkeiten und Enttäuschungen brechen nicht ab. Einen gewissen Halt hatte ich über Jahre an der Humboldt Universität durch meine Lehraufträge erfahren, die – obschon nicht bezahlt – mir aber von Seiten der Studenten viel Anerkennung eingebracht haben. Inzwischen sollen diese Aufträge aber honoriert werden, was einerseits sicherlich auch absolut gerechtfertigt ist, andererseits aber nun dazu führen wird, dass ich nicht mehr in jedem Semester meine Lehrtätigkeit fortsetzen kann. An den romanischen Seminaren in Berlin spricht man inzwischen von einem Überangebot, das bestehende feste Stellen in ihrem Bestand gefährdet. Lehrbeauftragter bedarf es daher um so weniger, zumal sie doch nur eine störende Größe für derlei Berechnungen sind. Ich hätte mich gern weiterhin mit einer unbezahlten Lehrtätigkeit abgefunden, da ich als Privatdozent ohnehin auch nur ein höchst ‚privater‘ Dozent bin, in dem Sinne nämlich, dass die Hochschule nur noch Ort meines privaten Zeitvertreibs ist. In beruflicher Hinsicht wurde ich buchstäblich aus der Universität vertrieben, aus meiner Heimat vertrieben. So ist heute noch nicht einmal mehr möglich, eine Tätigkeit als ständige Freizeitbeschäftigung auszuüben, auf die man sich über Jahrzehnte in Prüfungen und Publikationen vorbereiten musste. Es wäre abwegig, unter diesen Bedingungen von Wissenschaftsfreiheit zu sprechen, obschon hinreichend bekannt ist, dass alle Beteiligten vor Sachzwänge gestellt sind, die nicht sie zu verantworten haben.

Da nicht nur ich derartige Situationen hinzunehmen habe, zumal zahlreiche respektable Kollegen auf der Straße sitzen, werden sich die Verantwortlichen in Berufungskommissionen und Ministerien fragen müssen, ob ihre Entscheidungen gerecht und angemessen waren, ob sie den Interessen unseres Faches entsprachen. Aber diese Fragen pflegen in der sogenannten Gruppenuniversität mit ihren Einzelinteressen ohnehin unterzugehen, was gerade für eine strukturell so fragile Philologie wie die Romanistik von tragischer Tragweite sein dürfte. Dass die sogenannte Bologna-Reform, die sich heute eher wie eine Art Deformation ausnimmt, ihr Übriges dazu beigetragen hat, um diese Tendenz zu beschleunigen, ist zu einer Alltagsweisheit geworden. Die originäre Faszination der Romanistik beruht auf einem Gesamtzusammenhang, der komparatistisches Herangehen an Sprachen, Literaturen und Kulturen erst möglich und sinnvoll erscheinen lässt. Die Verschiedenheit der romanischen Räume, die in Europa, Nord- und Südamerika sowie Afrika von mehr als einer Milliarde Menschen bewohnt werden, ist jedoch inzwischen zu einer Geschiedenheit, Vereinzelung und Rivalität dieser Sprachen in der akademischen Sphäre verkommen. Kleine Fächer wie die Lusitanistik sind nahezu ganz verschwunden, obwohl es mir völlig paradox scheint, sich als Wissenschaftler dem lateinamerikanischen Raum zuzuwenden, ohne dabei etwa auch Brasilien zu berücksichtigen. Dass die Romanistik, in ihre Einzelphilologien zerfallen, demzufolge an Attraktivität verloren hat, ist aufgrund zurückgehender Studentenzahlen ebenfalls nur allzu offensichtlich geworden. Aber das ist eine andere traurige Geschichte, die auch anderswo schon erzählt wurde.

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Über kianharaldkarimi

TAGEBUCH EINES PRIVATDOZENTEN IN DEUTSCHLAND Ein Versuch, mir meine Trauer, Resignation und Wut von der Seele zu schreiben, um nicht daran zu zerbrechen. ACHTEN SIE BITTE AUCH AUF MEINE HOMEPAGE! kianharaldkarimi.de
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