2017-04 Wieder in Italien – Frühjahr 2000 – Sommer 2017

Z. Zt. bin ich in Italien und damit wieder an demselben Ort, in Punta Ala, den ich seit dem Ende der 1960er Jahre kenne. Manchmal ist eine Umgebung, eine Landschaft auch wie ein Buch, in dem die Zeit ihre Spuren einträgt. Wir erinnern uns früherer Zeiten, als wir an denselben Orten weilten, die einmal zur Kulisse von freudigen oder traurigen, ein anderes Mal komischen oder tragischen Erlebnissen wurden. Mehr als siebzehn Jahre sind es her, als ich hier einige Tage im Frühjahr 2000 verbrachte, um an einem Beitrag über den portugiesischen Dramatiker António José da Silva zu arbeiten, der im 18. Jahrhundert von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen im Zentrum Lissabon verbrannt worden war. Das Leben dieses gehetzten Juden hat mich seinerzeit sehr fasziniert, so dass mir die Arbeit recht leicht fiel, so leicht, dass der entsprechende Artikel bald einen beträchtlichen Umfang annahm.

Meine Stimmung war zu dieser Zeit doch sehr gut, hatte ch doch allen Widrigkeiten zum Trotz meine Habilitationsschrift bei der Fakultät in Leipzig eingereicht, so dass ich mir des Erfolges relativ sicher war. Außerdem war der Frühling in der Toscana so schön, dass ich nach schwierigen Jahren wieder neuen Lebensmut fassen konnte. Das Jahr 1999 war überaus anstrengend gewesen, hatte ich doch meine Schrift innerhalb weniger Monate beenden können, auch aufgrund des Umstands, dass ich seinerzeit stellungslos war und mir die ganze Tages- und Nachtzeit zur Verfügung stand, um mich dieser Tätigkeit zu widmen. Es gab keine Dienstobliegenheiten, die mich in meiner Arbeit behinderten, so dass ich mich ganz allein auf diese Aufgabe konzentrieren konnte. Der Abschluss dieser schwierigen Phase kommt mir zu einer Zeit in Erinnerung, in der das Ende meines Berufslebens absehbar ist. Seinerzeit hatte ich mit dem Ende der Habilitationsphase noch die berechtigte Hoffnung gehabt, eine berufliche Perspektive an der deutschen Hochschule zu haben. Heute weiß ich, dass ich einen schönen Traum geträumt, dass ich selbst eine éducation sentimentale erlebt habe.

Aber ich weiß auch, dass ich heute im Alter von zweiundsechzig Jahren anderen Tatsachen in die Augen sehen muss. Was mir heute noch bleibt, ist das Schreiben, das einem Wissenschaftler immer wichtiger sein sollte als akademische Ambitionen, Kongresse, Tagungen etc. Sicherlich, um die Bedeutung von Philologen, Geistes-, Kultur- oder Literaturwissenschaftlern ist es selten so schlecht bestellt gewesen wie heute. Aber es ist kaum damit zu rechnen, dass sie mit den häufigen Rendez-vous ihrer Berufsstände größere Achtungserfolge erreichen, so gut gemeint diese auch sein mögen. Diese Gedanken gehen mir heute durch den Kopf, wenn ich an das Frühjahr 2000 zurückdenke, das einen neuen Anfang zu versprechen schien.

Orte können Folien unserer Gedanken und Erinnerungen werden, besonders dann, wenn wir sie häufig, über Jahrzehnte, besucht haben. Als ich Punta Ala zuerst besuchte, war ich ein Junge von 14 Jahren, hatte gerade die siebente Klasse wiederholt, um ins Gymnasium überzuwechseln. Ich interessierte mich für Sprachen, las viel, und auch ziemlich viel durcheinander. In dieser Zeit hat es schreckliche Erdbeben in dieser Region gegeben. Einige Kleinstädte waren so sehr davon betroffen, dass die Hauswände und Fassaden mit Balken gestützt werden mussten, die von der einen zur anderem Seite über die Straßen gingen. Meine Eltern hatten Lebensmittel aus Deutschland importiert, da sie sich nicht sicher waren, das von ihnen Gewünschte auch in den zumeist noch kleinen Läden der Region zu erhalten. Das Leben war hier ebenso anders als in Deutschland wie die Fahrt von Berlin aus immer noch ein kleines Abenteuer war, besonders, wenn es galt, die zahlreichen Bergstraßen über die Alpen zu passieren. Auch das Italienische kam mir seinerzeit weniger flüssig als jetzt über die Lippen, so dass mir häufiger mein seinerzeit noch kümmerliches Schulfranzösisch zur Hilfe eilen musste.

Der Bau des Kondominiums war noch relativ neu. Eine deutsche Firma hatte es in Auftrag gegeben und war dabei in dn Konkurs gegangen. Immerhin war noch ein deutscher Verwalter für die gesamte Organisation zuständig. Und zahlreiche deutsche Urlauber verbrachten seinerzeit ihren Urlaub in dem Kondominium. Heute sind die Spuren deutscher Anwesenheit weitgehend erblasst. Nur der Name ‚Weltring‘ zeugt noch von dieser deutsch-italienischen Liebesgeschichte. Der Strand war noch relativ breit, denn es gab noch keinen großen Hafen, dessen Konstruktion die Strömungen in der Bucht komplett verändern sollte.

Ich denke gern an diese Zeit zurück, und wenn ich abends durch die leeren Gänge des Anwesens laufe, höre ich noch die Stimmen der deutschen Kinder und Jugendlichen, die sich mit denen der Italiener vermischten. Seinerzeit gab es noch eine Bar mit Spielautomaten und vor allem ein großes Fernsehgerät, das uns auch über die Mondlandung der Nasa berichtete. Es war eine Zeit der neuen Zuversichten, trotz Vietnamkrieg und Berliner Mauer. Es war eine Zeit des Übergangs, die aus alten Gewohnheiten in neue Ungewissheiten führte, wie ich sie selbst in meinem frühen Studienjahren erfahren sollte.

Diese und andere Erinnerungen sind an diesem Ort präsent, so dass mir eine Chronologie der Dinge entgleitet und ich manche Gedanken wahrscheinlich in eine andere Ordnung setze als es eigentlich zulässig wäre. In den späteren Jahren nahm ich zum Leidwesen meiner Eltern stets zahlreiche Bücher mit, die mir die Aufenthalte in Punta Ala zunehmend zur Lektüre werden ließen. Am Strand lernte ich ein älteres französisches Ehepaar kennen. Der spindeldürre Herr, der als Universitätsprofessor für moderne Philosophie in Rennes ansässig war, ließ in mir eine Vorstellung von akademischer Bildung aufkommen, wie ich sie mir zum Vorbild nahm und schließlich auch für mich selbst anstrebte. Dann schloss sich meinem Abitur alsbald ein Studium der Romanistik und Germanistik an der FU Berlin an. Doch der Sommer 1975 wurde zu einem vorläufigen Endpunkt in meiner Beziehung zu diesem geliebten italienischen Badeort. Erst nachdem ich dann meine Dissertation abgeschlossen hatte, konnte ich ihn dann im Sommer 1991 wieder aufsuchen. In der Zwischenzeit hatten sich meine Eltern getrennt, meine Mutter hatte wieder geheiratet, so dass ich erst jetzt wieder an meine alten Erinnerungen anknüpfen konnte. Doch in den Folgejahren sollte ich fast jeden Sommer wieder in Punta Ala sein, zumal ich dann mit dem Frühjahr 1993 in eine Assistentenstelle eintrat, die zur Habilitation führen sollte.

Seit dieser Zeit fühlte ich mich noch mehr mit diesem Ort verbunden, mit jener lateinischen Kultur, die meinem ‚Migrationshintergrund‘ ein wenig Sicherheit und Halt zu geben pflegt. Freilich hatte ich mir schon mit dem Lateinunterricht, der uns in den frühen 1970er Jahren von einem wunderbaren alten Lehrer erteilt worden war, eine Vorstellung von jener Sprachtradition erschließen können, die schließlich Grundlage der Romanistik ist. Aber nun als Habilitand erhielt ich den berechtigten Eindruck, auch im professionellen Sinn dazuzugehören, dabeizusein, vielleicht auch mit der Hoffnung, ein wenig so zu werden wie jener französische Professor, der seinerzeit am Strand Forschungsarbeiten las und zwischen den Lektüren seine Schwimmkünste zum Besten gab. Dieses Bild hat sich in mancher Hinsicht als trügerisch erwiesen.

Assistentenjahre sind Lehrjahre und als solche keine Herrenjahre, auch dann nicht, wenn sie sich im postmodernen Rahmen vollziehen, wenn in ihrem Verlauf tradierte Axiome der westlichen Geistesgeschichte aus deren Aufbau und deren Voraussetzungen zur Disposition gestellt, wenn diese ‚dekonstruiert‘ werden. Was wie ein intellektuelles Wagnis ausschaut, erweist sich letztlich als bloße Gedankenspielereien kluger, aber herrschender Geister, die keinesfalls lebende Hierarchien in Frage zu stellen beabsichtigen, schon gar nicht, wenn sie diese selbst bekleiden. Diese Strömung der Gegenwartsphilosophie scheint zur Rebellion, zur geistigen Libertinage einzuladen, aber nur ein recht naiver Mensch will diese Einladung auch tatsächlich annehmen und stellt dabei bestimmte Regeln in Zweifel, ein so naiver Mensch wie ich. Es müssen Zyniker geboren werden, die sich im postmodernen Denken wie bei einer Trimmdichspirale fit machen, während sie die prämodernen Gewichte hierarchischer Beziehungen im Leben noch mit sich herumtragen. Es ist wunderlich, in eine Zeit hineinzuwachsen, die mit großem Pathos jeglicher Ideologie entsagt, ihre Denkabstösse zugleich aber durch die Unfähigkeit zur Lebenspraxis selbst einem Ideologieverdacht aussetzt.

Inzwischen blicke ich gelassener auf diese Zeit zurück. Vieles habe ich gelernt, was mich mit der wissenschaftlichen Arbeit, aber auch mit mündlichen und schriftlichen Examina vertraut gemacht hat. Die Postmoderne erweist sich letztlich als eine radikal nominalistische Erscheinung, im Kleinen wie im Großen. Sie ist ein bloßes Gedankenexperiment und als solches tatsächlich ein intellektuelles Abenteuer, das aber keine nennenswerten Auswirkungen auf die Lebenspraxis haben dürfte. Während man strikte Oppositionen als ‚essenzialistisch‘ angesehen hatte, die aus einer historisch überlebten Epoche stammten, so sollte die Absage an dieses Axiom in der materiellen Wirklichkeit keine Bestätigung finden. Im Gegenteil, die weltweiten Konflikte beruhen auf eben jenen ‚verwunden’ geglaubten Oppositionen, ganz gleich ob diese zwischen Großmächten verlaufen, zwischen ideologischen Kontrahenten oder zwischen unterschiedlichen ökonomischen Interessen. Man gewinnt den Eindruck, dass sich das postmoderne Denken nachgerade als trotziges psychisches Kompensat für diese unverwüstlichen und umso unbarmherzigen Dualismen anbietet, als Herolde einer Avantgarde, die der Wirklichkeit bereit so weit vorausgeeilt sind, dass sie diese überhaupt nicht mehr treffen können. Es ist aber eine Ironie, dass die Theorie bereits dort von der Wirklichkeit eingeholt wird, wo sie entstanden ist, in der Universität selbst. Nicht nur ich, sondern auch unzählige andere Kollegen könnten ein Lied darüber singen. Doch wäre das postmoderne Denken über nette Accessoires hinausgegangen und zur materiellen Wirklichkeit geworden, dann würden wir unser Leben wohl nicht mehr wieder erkennen. Es wäre vielleicht nicht unbedingt ein besseres Leben, aber sicherlich ein gelasseneres Dasein, in dem die Hierarchien flacher, die Beziehungen unaufgeregter und die Forschungsbedingungen förderlicher wären, als wir dies heute eben erleben. Wäre dies in einer Stadt wie Leipzig möglich gewesen, so wäre dies ein intellektueller Triumph an eben jenem Ort gewesen, von dem die friedliche Revolution in der DDR ihren Ausgang genommen hatte.

Mittlerweile bin ich wieder am Ausgangspunkt meiner Gedanken in der Jetztzeit angekommen. Z. Zt. ziehen Unwetter über die Maremma, die, wie auch ich glaube, mit gewissem Recht einem vom Menschen gemachten Klimawandel zu verdanken sind. Im September hat es schon, soweit ich zurückdenken kann, schlimme Stürme und lang andauernde Regenschauer gegeben. Aber inzwischen sind die Wetterkapriolen ganz außer Rand und Band geraten, so sehr, dass nach fast einem halben Jahr der kompletten Dürre regelrechte Wasserbomben auf einen harten Erdboden fallen, der diese kaum noch aufzunehmen imstande ist. Eine italienische Mittelstadt, die mir schon vor mehr als zehn Jahren als kleine Perle des Tyrrhenisches Meeres ins Auge gefallen ist, ist Livorno, die Stadt Modiglianis und Mascagnis, eine Stadt voller Schüler und Studenten, Matrosen und Künstler. Sie wurde am letzten Wochenende wohl am meisten von den Stürmen heimgesucht. Eine ganze Familie soll ihren Tod gefunden haben, weil sie, wie soviele geschädigte Bürger im Hafenviertel von den Wassermassen überrascht worden waren. Gestern sind wird im Stau an dieser Hafenstraße entlang gefahren. Der Anblick der zusammengestürzten Bäume, der Fahrzeuge, die der Sturm durch die Luft geschleudert hatte, der verschlammten Fahrbahnen bringt mich zurück in eine weit zurückgelegene Zeit, in jene, als die Region vor beinahe einem halben Jahrhundert von schlimmen Erdbeben heimgesucht worden war. Selbst Paradiese haben ihre Hölle …

Post geht weiter.

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Über kianharaldkarimi

TAGEBUCH EINES PRIVATDOZENTEN IN DEUTSCHLAND Ein Versuch, mir meine Trauer, Resignation und Wut von der Seele zu schreiben, um nicht daran zu zerbrechen. ACHTEN SIE BITTE AUCH AUF MEINE HOMEPAGE! kianharaldkarimi.de
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