2017-01: Zum Neuen Jahr 2017: Die Eliten und ihre Populisten

Mein Blog ist mir immer ein guter Freund gewesen. Aber desgleichen kann ich nicht von mir selbst sagen. In letzter Zeit habe ich ihn sträflicherweise vernachlässigt, nicht zuletzt deshalb, weil mir mit dem Ende meiner beruflichen Tätigkeit an der Hochschule mein Lebenssinn abhandenzukommen drohte, wie er sich für mich seit erfolgreicher Habilitation und zahlreichen guten Vertretungen von Professuren in bestimmten Zielen konkretisierte. In diesen letzten zwanzig Jahren haben auch die Niederlagen und Rückschläge meine Hoffnungen nicht zerstören können. Vielleicht hoffte ich zuletzt nicht mehr auf eine Professur, wohl aber auf eine Dozentur im Mittelbau, mit der ich dann meine Berufsjahre zum Abschluss hätte bringen können.

Dass ich jetzt als Habilitierter und Privatdozent im Integrationsunterricht arbeite, macht mich empfindungs- und nahezu sprachlos. Auch bleibt kaum noch Zeit zum Schreiben, geschweige denn zum wissenschaftlichen Arbeiten. Wenn es denn Menschen gegeben haben sollte, die mir Übles wollten, so hätten sie in ihrer Übermacht einiges erreicht. Sie haben mich weitgehend zum Schweigen gebracht, aber eben doch nicht ganz. Ich hoffe, diese vor mir liegenden Jahre so zu überstehen, dass mir danach noch genügend Zeit bleibt, um meine wissenschaftliche Publikationstätigkeit wiederaufzunehmen.

Es liegen vor mir hunderte von Büchern, die allein für mein Projekt bestimmt waren. Doch die Zeit, es umzusetzen, ist mir inzwischen abhandengekommen. Zeit hatte ich, selbst als ich eigentlich gehabt haben sollte, eigentlich nicht einmal in meiner Habilitationsphase. Da musste ich darum kämpfen, 1) dass mir vertraglich auch die vollen sechs Jahre zugesichert wurden und 2) dass ich die einmal errungene Zeit auch primär für meine Habilitation nutzen durfte, was schließlich auch meine eigentliche Aufgabe war. Und auch fortan sollte ich niemals die Gelegenheit erhalten, meine wissenschaftliche Arbeit im Rahmen einer festen Stelle fortzusetzen. Dabei spielte es keine Rolle, dass ich inzwischen habilitiert war. Die Anstrengungen der Promotion und Habilitation konnten mir allenfalls dazu verhelfen, das Schreiben als bloßes Steckenpferd und zugleich mit Seriosität fortzusetzen. Wo andere eine sichere Pensio erwarten und dabei doch ihre Publikationstätigkeit womöglich inzwischen längst aufgegeben haben, werde ich Idealist bleiben müssen, nicht aus moralischer Überlegenheit, sondern einzig und allein aus dem Zwang ungünstiger Verhältnisse.

Aber diese betreffen nicht nur mich. Und daher will ich auch, wie in meinem Eintrag vom Spätsommer 2016 notiert, auf die augenblickliche Lage eingehen, die im zunehmenden Mißtrauen vieler Menschen gegenüber den politischen und wirtschaftlichen Eliten in der westlichen Welt ein gemeinsames Motiv findet. Dabei tun sich beunruhigende Fragen auf, die allerdings im öffentlichen Diskurs auf wenig Widerhall stoßen. Der Allerweltsbegriff ‚Populismus‘ versammelt scheinbar alle Feinde der demokratischen Ordnung um sich. Aber kaum einer wagt zu sagen, dass Demokratie und Populismus Verwandte sind, wenn auch Verwandte, die sich nicht sonderlich mögen. Aber dies mag schließlich in den besten Familien vorkommen. Denn der Wahlkampf in den USA hat längst gezeigt, dass der Streit zwischen repräsentativer und plebiszitärer Demokratie recht künstlich ist. Natürlich sind Volksabstimmungen und Referenden auch mit der gebotenen Skepsis zu betrachten, da sich komplexe Fragen nicht immer eindeutig beantworten lassen und Stimmungen deren Ergebnis auch verzerren können. Was aber, wenn Wahlkämpfe von bestimmten Bewerbern zu folgenschweren Plebisziten gemacht werden, wie dies einstmals schon zwischen 1930 und 1932 der Fall war und bei allen gebotenen Unterschieden zuletzt auch die Auseinandersetzungen zwischen Demokraten und Republikanern in den USA bestimmen sollte. Nicht umsonst hat man diese mit der vorausgegangenen Volksabstimmung in Großbritannien verglichen, die schließlich den Brexit einleitete.

‚Elite‘ und ‚Masse‘ stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander. Im vordemokratischen Zeitalter konstituierte sich diese Elite durch das Blut, das sich wie eine genealogische Linie durch Generationen aristokratischer Familien schlängelte. Mit der Demokratie war die Elite aber nicht mehr gegeben, sondern mußte ihre Legitimität vielmehr in Wahlen begründen. Doch es wäre weit gefehlt, wollte man dieses neue Prinzip mit einer meritokratischen Ordnung gleichsetzen, die in der westlichen Welt von jeher immer eher Ideal denn Realität war. Die Kombination von Interessen und Geld ist letztlich so unschlagbar, dass sie selbst neue Traditionslinien und Erbschaften in Politik, Wirtschaft, Kultur, und so ließe sich hinzufügen, auch in der Wissenschaft hervorbringen. Die Autonomisierung der Sprache im Diskurs trug das ihrige dazu bei, dass sich diese Eliten in Selbstgesprächen verwickeln, zu denen Außenstehende kaum noch Zugang hatten. 

Gegen diese Elitebildung formiert sich Widerstand, der heute wie damals mit dem Leid der Zukurzgekommenen und Unterprivilegierte spielt. Denn in derartigen Situationen, die häufig nach Pulverdampf riechen, treten Figuren vom Schlage großer und kleiner Agitatoren, Demagogen und Einflüsterer auf. Diesen geht es vornehmlich darum, dieses Elend so auszunutzen, dass sie unbemerkt eine neue Elite bilden können, wenn dies nicht schon vorher getan haben. Besonders in Deutschland ist es zur Mode geworden, jede Entwicklung der neueren Zeit, ja jedes auch nur kleine Symptom, das auf widrige und repressive Verhältnisse deuten könnte, mit dem Nationalsozialismus in Zusammenhang zu bringen. Ich teile diese Mode grundsätzlich nicht, da ich nicht an den Fatalismus einer Geschichte glaube, die dem Gesetz der ewigen Wiederkehr unterliegt. Im Augenblick sehen wir schließlich, dass im sogenannten „Populismus“ nicht einfach etwas Altes wiederkehrt, sondern auch Neues einbricht, so etwa in Großbritannien, dessen Demokratie bisher immer wieder als geradezu mustergültige Überbietung des klassischen athenischen Modells aufgefasst wurde, wahrscheinlich auch weil mit diesem der Erfolg des Ordo-Liberalismus gefeiert werden konnte. Entgegen dieser grundsätzlichen Einsicht stelle ich dem Leser am Ende dieses Eintrags ein längeres Zitat aus Ernst Glaesers Roman Der letzte Zivilist (1934) zur Verfügung, in dem die Wirkung einer Wahlkampfrede Hitlers am Ende der Weimarer Politik ausgelotet wird. Ähnlichkeiten zu heutigen Ereignissen liegen dabei auf der Hand, ohne dass deren Akteure eine Gleichsetzung mit Adolf Nazi über sich ergehen lassen müssten.

Zunächst aber will ich meinen Beitrag zu einem vorläufigen Abschluß bringen. Eine Elite befindet sich immer dann in einem Kampf mit einer anderen Elite, wenn die bisher geltenden Diskurse ihre Legitimation zu verlieren drohen, wenn ihr Sinnpotenzial erschöpft ist. Gekämpft wird um Deutungsmacht und Geltungshoheit. Sind schon die alten Eliten des Populismus fähig, so müssen die neuen es erst Recht sein, um ihren Diskurs als Protest besonderen Nachdruck zu verleihen und damit zur Macht zu kommen. Meine These ist also, dass die Demokratie ihre Scharlatane selbst hervorbringt. Deren Chancen wachsen mit der Unzufriedenheit derer, die sich als Chancenlose von Demagogen gegen noch schwächere Teile der Gesellschaft ausspielen lassen. Das kennen wir aus der deutschen Geschichte, aber eben nicht mehr nur aus dieser. Hüten wir uns heute vor denen, die sich den Protest auf die Fahne schreiben und dabei doch nur mit unseren Frustrationen spielen.

Ernst Gläser: Der letzte Zivilist (1934)

Bäuerle sitzt in der tobenden Halle. Er hat den Kopf auf den Knauf seines Stockes gestützt. Er sieht nicht nach links, er sieht nicht nach rechts — er sieht auf den Boden. Mit allen Mitteln seines Verstands sucht er sich klarzumachen, was geschieht. Es gelingt ihm nicht. Dieser Mann auf der Bühne braucht nur ein Wort zu sprechen, und schon toben die Leute. Da, jetzt… Ein Brausen geht über die Galerie, es erfasst den Saal, schon ist die Woge über alle Köpfe hinweg. Wer soll da standhalten! Bäuerle hört genau hin. Eine barbarische Stimme. Raffiniert, wie er moduliert. Wie er Suggestivfragen stellt. Wie er die Pausen dehnt und dann die Spannung überrennt. Noch nie hat Bäuerle einen Menschen so sprechen gehört. Das bricht wie ein Gewitter über einen. Der Mann ist… Hahaha… Ha… Heil!… eine böse Naturkraft. Ich werde… Aufhängen! Auf hängen!… Jetzt spricht er plötzlich wie ein Kind. Wie? Deutschland… Vaterland…Volk… Liebe… Da schluchzt eine Frau… ganz laut… hemmungslos… unsere Toten… wofür? wofür? …welch ein Schrei! … der Saal ist zum Zerreißen gespannt. Für diesen Staat! Für diese Juden! Für diesen Kapitalismus!! (…) 

So gewaltig ist das Echo. Aus tausend Kehlen dröhnt die Antwort, brüllt die Verzweiflung vor diesem einen Mann. Da ist es, Stählins Blut, da ist es, Anheggers Blut, er hat es in den Händen, er gießt es über die Köpfe, heillos züngeln die Flammen empor. Bäuerle beißt in den Elfenbeingriff seines Stocks. Er spürt den zuckenden Leib der Massen, fassungslos sitzt er vor dieser ungeheuerlichen Beschwörung. Und plötzlich beginnt es wie Schläge auf den zuckenden Leib zu prasseln. Uns gehört die Macht! Uns gebührt die Macht! Uns! Und sie springen auf, und sie jubeln, und sie werfen die Hände, und sein Wille reißt sie zu sich heran, bis sie nichts mehr sehen, bis sie nichts mehr denken, bis sie sind, wie er sie haben will.
Inmitten des Aufruhrs, der Raserei, des Tumults der Begeisterung prüft Bäuerle kalten Auges den Mann. Er sieht seine Bewegungen, dieses Außersichsein der Hände, dieses Toben der Faust, diese herrische Geste des nach unten weisenden Daumens. Und er sieht, wie die Menschen diesen hypnotisierenden Gesten folgen, wie sie sich beugen, sich erheben, wie sie hassen und sich verneigen und wie sie außer sich werden, wenn er ihre Wunden berührt. Das ist es, jetzt begreift es Bäuerle. Hier steht ein Mann, der rücksichtslos auf die Wunden weist. Ja, er ätzt sie noch, er legt sie hemmungslos frei. Wie sie brüllen, wie sie aufspringen und toben. Was sagt er da? Wir sind arm. Wir haben nichts mehr. Du und du und das ganze ehrliche deutsche Volk… ja, ja, ja… schreien sie zurück. Das Wundfieber hat sie gepackt. Alles, was schmerzt, hier können sie es herausschreien, zu Hause nicht, im Geschäft nicht, vor den Behörden nicht, aber vor diesem Mann! Scharfäugig sitzt der Amerikaner auf dem Stuhl. Er spürt das Grausen, das aufsteigt. Die Insassen eines Millionenlazaretts sind aufgesprungen, sie zeigen ihre Schwären, sie brauchen nicht mehr zu lächeln wie bei den Visiten der amtlichen Ärzte. Hier steht der neue. 

Schonungslos deutet er auf das Blut und den Eiter. Gebt mir das Messer, ruft er, gebt mir die Macht! Die Menge ist aufgesprungen. Ein Heil aus tausend Kehlen dröhnt wider die Kuppel. Wortlos geht der Mann von der Bühne nach unten. Sie bilden Spalier. Sie reißen sich an den Kleidern, sie springen auf die Stühle, fliegende Haare, fliegende Hände, ein Kreißsaal von Männern und Frauen. 

Über kianharaldkarimi

TAGEBUCH EINES PRIVATDOZENTEN IN DEUTSCHLAND Ein Versuch, mir meine Trauer, Resignation und Wut von der Seele zu schreiben, um nicht daran zu zerbrechen. ACHTEN SIE BITTE AUCH AUF MEINE HOMEPAGE! kianharaldkarimi.de
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