010 – 2015: Je suis Paris, mais aussi la banlieue

Das Massaker von Paris und einige mögliche Hintergründe

Die sozialen Netze, die Fernseh- und Rundfunknachrichten, die Gespräche auf den Straßen, Plätzen und an den Stammtischen – alles beschäftigt sich mit den Massakern, die am Freitag, den 13. November in verschiedenen Teilen der Pariser Innenstadt stattfanden. Soviele Ereignisse, die uns als Symbole erreichen und uns geradezu zum Interpretieren aufrufen.

  • Das Konzerthaus Bataclan ist in jüdischem Besitz, so dass auch antisemitische Motive bei dem Anschlag eine Rolle gespielt haben können.
  • Ein Freitag, der 13. November ist schon immer ein Zeitpunkt gewesen, der bei vielen Menschen abergläubische Instinkte wachruft.
    Paris ist nicht nur die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, sondern auch die Kapitale des westlichen Hedonismus und libertärer ideen, das Vorbild für alle Sodoms dieser Welt.
  • Frankreich selbst gilt als das säkularisierteste Land der Welt, dessen Staatsräson aber sicherlich auch eine offen ideolgische Ausrichtung hat, mit der bewussten Geltungskraft französischer Sprache, Kultur und republikanischem Modell („mission civilisatrice“).

Diese Hinweise können Symbole sein, die Ort und Zeit der Anschläge in ihrer Dimension erklären könnten. Zu einem dieser Symbole wie die Wahl der Stadt Paris haben sich die Islamisten offen bekannt, zu Paris, das sie als verrufene Stätte einer schmutzigen westlichen Dekadenz zu kennen glauben. Paris ist für sie die absolute Gegenseite der Kaaba, der westlchste Punkt in der westlichen Hemisphäre. Dort Schrecken und Chaos zu verbreiten, erscheint den Staatsislamisten legitim, weckt Paris und seine Zerstörung doch deren Triumphgefühl.

Paris als Projektionsfläche der eigenen Ohnmacht

Als Deutscher erinnert man sich unwillkürlich jener Bilder vom Sommer 1940 als Hitler die Stadt an einem frühen Morgen in Augenschein nahm, mit Faszination und Hass zugleich, jenes Produkt westlicher Kultur, dessen Triumph es nachzueifern, aber auch niederzuschmettern gilt. Als Hauptstadt einer großen Nation bot sich Paris als Projektionsfläche komplexbeladener Ressentiments an, die sich in einer Mischung aus Bewunderung und Zetstörungswut äußerte. Die Deutschen erblickten in jenem Frankreich eben genau jene mit kulturellem Prestige und zugleich politischer Macht ausgestatteten Nation, die sie bis Napoleon nicht zu werden vermochten und auch noch nach der Reichsgründung von 1871 und vor allem mit dem Ersten Weltkrieg immer noch nicht zu werden verstanden. Den Größenwahn schienen sie mit Nation zu verwechseln, auch wenn sie nach dem Abgrund, vor dem das Nazireich sie gestellt hatte, eine bessere Republik als jemals zuvor erleben durften. Aus meiner Sicht ist es nicht eine vage europäische Einigung gewesen, die uns Deutschen eine starke Zivilgesellschaft mit mancher Zivilcourage bescherte, sondern die Allianz mit Frankreich. Sie setzte einer historischen Wunde ein Ende, die die Entwicklung der beiden Länder, vor allem aber Deutschlands über lange Zeit behindert hatte. Und doch ist Paris ein Faszinosum geblieben, umso mehr für uns Deutsche, seitdem es sich nicht mehr zur Zielscheibe des Chauvinismus anbot. Die ganze Stadt ist ein Welttheater, das der ganzen Welt als Bühne großer Ereignisse dient. Was sich hier ereignet, sieht die Welt, ganz anders als jenes Geschehen, das sich an den großen Rändern ereignet. Seit meiner Schulzeit war ich immer voller Bewunderung für dieses Land, das immerhin der Welt mitnichten nur auf militärische, sondern auch auf zivile Weise seinen Stempel aufdrückte. Zugleich war mir aufgrund meines langjährigen Interesses für Afrika bewusst, das dieser Stempel auch sehr tiefe Wunden in manchen Teilen der Erde hinterlassen hatte. Wann immer ich mit Menschen aus Afrika oder der afrikanischen Welt ins Gespräch kam, sah ich mich veranlasst, ein Land zu verteidigen, das mir obwohl es nicht das meinige war stets doch seit Jahrzehnten kulturelle und intellektuelle Vorbilder zur Verfügung gestellt hatte. Und doch war mir schon als Schüler bewusst, dass meine Liebe zur französischen Sprache und Literatur im Widerspruch stehen musste zu jenen Ressentiments, die in den ehemaligen Kolonien gegen die alte Metropole Nahrung gefunden hatten, Ressentiments, die nur im Wort mit jenen deutschen Gefühlen zur Übereinstimmung kamen, nicht in ihrer Tragweite und ihren Gründen. Keinem kritischen Geist, sei er noch so frankophon und frankophil, durfte entgangen sein, dass der Kolonialismus nicht nur ein historisches Unrecht gegenüber den Völker der sog. Dritten Welt war. Noch schlimmer aber sind die Konsequenzen, die sich in struktureller Sicht aus der Kolonialgeschichte ergeben mussten.

Die Postulate der Bergpredigt 

Es stellte ein bis heute währendes Mißverhältnis zwischen einer in den Metropolen erreichten Entwicklung und jener Unterentwicklung ein, welche dieser in ehrfürchtigem Abstand zu folgen hatte. Mißverhältnisse aber offenbaren Machtverhältnisse. Und an dieser Stelle kommen wir zu unserem Ausgangspunkt zurück. Freilich liegen die Gründe für die mörderischen Islamismus auch in der arabisch-islamischen Welt selbst, in der Unduldsamkeit einer auf ihre archaischen Usprünge zurückgetriebenen Religionsausübung. Ich verzichte in diesem Zusammenhang darauf, Aussagen über den Islam zu machen, der mir als Katholik fremd geblieben ist. Der wichtigste Anknüpfungspunkt ist und bleibt für mich die Bergpredigt, zu der Atheisten wie Gläubige einen, wenn auch unterschiedlichen Zugang haben dürften. Dass die Verfolgten selig sind und nicht ihre Verfolger, dass Himmel und Welt den kleinen Leuten, nicht aber den kleinlichen Leuten und großen Herren gehören sollten, dass das erhoben werde, was bisher machtloser Schüchternheit preisgegeben war, und dass nicht etwa schon wieder Glückritter und Opportunisten das große Los ziehen dürfen  —  all das hat stets meinen Glauben an Gott begründet. Sofern andere Religionen diesen menschlichen Zugang, mit anderen Worten, Riten und Gesten teilen mögen, so bin ich ganz auf ihrer Seite. Sofern sie sich aber von diesen Postulaten der Bergpredigt entfernen oder ihnen sogar entgegen stehen, brauche ich sie jedenfalls nicht.

Die Gefahren aus heutiger Sicht

Diese Paraphe allerdings lässt uns nicht die Augen vor den unausweichlichen Gründen, die bei uns Deutschen, Franzosen und Europäern liegen. Das obengenannte strukturelle Mißhältnis zwischen Entwicklung und Unterentwicklung, das zwischen der islamisch-arabischen Welt und dem Westen liegt, kehrt in unseren Städten und Vorstädten wieder, in den Habenichtsen, die aufgrund ihres Namens und Wohnorts ausgemustert werden, jene, die sich als Rächer ihrer Heimatreligion und -kultur verstehen, die den Westen in ihrer Bewunderung verachten und in ihrer Verachtung bewundern. Man denke nur an jene, die sich dem IS verpflichten. Mit Verwunderung musste das westliche Publikum feststellen, dass die Täter nicht arme Fellachen oder fanatische Gotteskrieger aus Syrien oder Afghanistan sind, sondern Bürger aus eben diesen Vorstädten. Ich bin, wie Sie liebe Leser wissen, ein Skeptiker, was die der Wanderungsbewegungen angeht. In der menschlichen Aufnahme dieser armen Migranten kehrt aber ganz offenbar die Botschaft der Bergpredigt wieder. Angela Merkel tat Recht daran, sie nicht am Eintritt auf deutsches Staatsgebiet zu hindern, sondern willkommen zu heißen. Eine Abweisung wäre gar nicht möglich gewesen, hätte Europa noch stärker diskreditiert, wobei der Autoritätsverlust noch stärker gewesen wäre. Denn einmal bis vor die österreichischen und deutschen Grenzen gelangt, hätten die Flüchtlingsströme nicht Retour gemacht. Wohin hätten sie denn auch gehen sollen? In die unterversorgten Flüchtlingslager in der Türkei oder im Libanon? Oder gar in Kriegsgebiete? Und doch bleibt die Skepsis, nicht weil es angebracht wäre, den Migranten terroristische Absichten zu unterstellen. Vielmehr erscheint sie mir insoweit begründet, als nicht wenige unter den über eine Millionen Migranten auch weiterhin zu den Habenichtsen gehören werden, weil sie die Integration nicht finden werden, die wir für sie erhoffen. Die Zahl der Unzufriedenen in jenen Ghettos, die auch bei uns entstanden sind, wird wachsen und damit auch die Rekrutierungsspirale des Terrorismus, die sich weiter drehen wird. Meine Skepsis erwächst aus den eigenen Erfahrungen, die sich wie jede dieser Art nicht universalisieren lassen. Aber aufgrund meiner eigenen Biographie als Migrantenkind, der leisen Diskriminierungen, die mir selbst widerfahren sind, habe ich mein Vertrauen in die Integrationskraft meiner deutschen Heimat verloren.

Meine begründete Skepsis

Wenn man hier vor nunmehr sechzig Jahren geboren wurde, kann man es schwer verkraften, in seinen Personalunterlagen noch heute den Hinweis auf seine iranische, nicht aber auf seine deutsche Staatsangehörigkeit wiederzufinden. Man bleibt am Ende immer, was man ist. Man mag sich in seinem ganzen Leben quälen, aber ein positives Resultat wird sich trotz aller Mühen nicht einstellen. Es ist für mich schwer vorstellbar, dass es einem Migranten, der bisher weit weniger gute Bildungschancen hatte als ich und die deutsche Sprache nicht beherrscht, besser als mir ergehen dürfte, als mir, der in diesem Land in einer Akademikerfamilie aufgewachsen ist und seitdem stets hier gelebt hat.
Ich kann dem ehemaligen Bürgermeister von Berlin-Neukölln Buschkowsky in seiner Analyse hinsichtlich der massenhaften Einwanderung nur zustimmen. Es werden nun weitere Parallelgesellschaften entstehen, die sich in den deutschen Städten vielleicht nicht unbedingt am Stadtrand, sondern in den Zentren ausbreiten werden. Die Solidarität und Menschlichkeit in unserer Gesellschaft werden weiter abnehmen, da sich diese Tugenden tendenziell auf die eigene Gruppe beziehen werden. Und doch wird der Klassencharakter der Gesellschaft insoweit zunehmen, als die ethnische Herkunft soziale Unterschiede verfestigen werden.
Meine Leser werden mir verzeihen, dass ich diese wichtige Frage auch zu einem eigenem Problem mache. Es ist keine Wichtigtuerei im Spiel, sondern lediglich eine Sensibilität von meiner Seite, die auch von meinen Erfahrungen herrührt. Diese kehren blitzlichtartig in meinen Gedanken wieder, verschiedene Szenen der letzten Jahrzehnten, Demütigungen nd Respektlosigkeiten, die ich den Verursachern nicht nachtrage, die aber doch schmerzen.
Inzwischen lebe ich zwar im Zentrum von Berlin, und doch gilt meine Sympathie nicht nur den Opfern der Pariser Massaker, sondern auch den Banlieues, aus denen Islamisten stammen. Mit ihnen verbindet mich keine Sympathie, aber eine ungefähre Vorstellung von Ohnmacht, die auch mir in meinem Leben so häufig widerfahren ist.

Über kianharaldkarimi

TAGEBUCH EINES PRIVATDOZENTEN IN DEUTSCHLAND Ein Versuch, mir meine Trauer, Resignation und Wut von der Seele zu schreiben, um nicht daran zu zerbrechen. ACHTEN SIE BITTE AUCH AUF MEINE HOMEPAGE! kianharaldkarimi.de
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