06-2015 Absolute Wahrheiten vertragen kein Wahlrecht

 Stilbruch

von Kian-HaraldKarimi @ 14.06.2015 – 18:14:02

Berlin , den 16. Juni 2015

Vor ungefähr vierzehn Tagen landete eine Nachricht auf meinem Rechner, die der Absender mir in einem Anruf bereits angekündigt hatte. Aufgrund meiner Abwesenheit konnte ich sie später auf dem AB abhören, sodass sich kein unmittelbares Gespräch mit dem Anrufer mehr ergab. Meine Recherchen ergaben, dass es sich bei diesem um einen muslimischen Prediger handelte, der sich bisher nicht nur damit begnügt hatte, für seine Religion zu werben. Seine Morddrohungen gegen SPD-Politiker aus Brandenburg waren vielmehr die Kehrseite einer Medaille, die ich seinerzeit noch nicht gekannt hatte. Aber auch die mir vorliegende Nachricht lässt ein religiöses Weltbild erkennen, von der wir nur hoffen können, dass es niemals zur Mehrheitsmeinung gehören wird.

Als Katholik, der von seiner Kirche immer wieder auch zu Widerworten gedrängt wird, ist mir eine Pädagogik der Angst natürlich bekannt. Doch hier ist diese so unumwunden, dass man meint, alle gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte hätten keinen Einfluss auf die Reflexionen des Absenders gehabt. Doch meine Erfahrung sagt mir, dass diese Pädagogik immer wieder von religiösen Menschen ausgeübt wird, die von der Sorge getrieben werden, sie könnten ihre symbolische Macht verlieren. Dass sie sich auf ihren Schöpfer berufen, ist allerdings nicht nur dem propagandistischen Zweck ihrer Botschaft geschuldet. Auch nicht allein jener Konkurrenz religiöser Angebote, die in einer offenen, westlichen Gesellschaft zum Alltag gehört.

Wir leben in einer Postmoderne, in der religiöse Gemeinschaften um ihre Gläubigen kämpfen müssen. Dass das Heilige verdampft, absolut erscheinende Wahrheiten und Dogmen, die über Jahrhunderte Bestand hatten, sich verflüchtigen, darauf hatte schon Marx hingewiesen. Auch wenn die Kirchentage ein anderes Bild bieten, hat die Religion als symbolischer Teil des Alltags in Deutschland und Westeuropa beträchtlich an Einfluss verloren. Den Gründen, soweit sie im Spanien des 19. Jahrhunderts Wirkung zeitigten, bin ich übrigens in meiner Habilitationsschrift nachgegangen. Gerade bei muslimischen Geistlichen und Predigern geht die Angst um, die hier lebenden Migranten könnten ihnen entgleiten und das vermeintliche Gift des Atheismus in ihre Heimatländer hineintragen.

Derartige Konversionsversuche, von denen der an mich gerichtete nur einer von sehr zahlreichen sein dürfte, lassen erkennen, dass sie im Gegenzug diese Bewegung nach Westen umzukehren suchen. Dabei glauben sie, auf eine spirituell verödete, im Grunde entchristlichte Gesellschaft zu stoßen, deren Selbstwertgefühl viel zu sehr auf Werten beruht, wie sie von Wirtschaftsdaten und Börsenkursen fixiert sind. Dabei kommen ihnen in Deutschland auch noch jene Gleichgewichtsstörungen zugute, die sich aus den von einer traumatischen Geschichte hinterlassenen Unsicherheiten ergeben.

Die unerhörte Radikalität der Hitlerschen Vernichtungspolitik, die letztlich nur aufgrund des totalen Versagens der deutschen Eliten von links bis rechts möglich war, scheint noch heute allen politischen Diskursen in diesem Land ein striktes Entweder-Oder aufzuerlegen. Es ist nur allzu verständlich, dass kein ernst zu nehmender Mensch in Deutschland mit diesem furchtbaren Erbe in Zusammenhang gebracht werden will. Dennoch lastet auf jedem von uns der mehr oder weniger offen geäußerte Verdacht, man habe nicht hinreichend aus dieser Geschichte gelernt. Diese stillschweigende Voraussetzung bestimmt auch eine Mehrzahl jener Aussagen, die den Islam betreffen. Man fürchtet sich, in den Ludergeruch des Rassismus zu geraten, so dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem politischen Konzepten ausbleibt, die den heutigen Islam bestimmen. Da ist man schon eher bereit, sich kritisch mit einem Christentum auseinanderzusetzen, von dem sich zahlreiche dieser Zeitgenossen ohnehin verabschiedet haben.

Die eigene Ratlosigkeit, wenn nicht Indifferenz in Sachen Religion lässt unter diesen Umständen dann nur noch den an dieser Stelle eher hilflosen Vorwurf zu, dass man sich da doch in dem gefährlichen Bereich des Rassismus und der Diskriminierung gegen Mitbürger muslimischen Glaubens bewege. Gestützt wird diese Warnung durch die NSU-Morde und die Pegida-Demonstrationen, die zumeist friedlichen Menschen zu Opfer degradiert.

Diese Zeitgenossen vergessen dabei allerdings, was der spanische Romancier Benito Pérez Galdós als typisches Krisenzeichen der Moderne ansah: Man bewege sich in einem Kreislauf zwischen religiöser Gleichgültigkeit und Glaubensfanatismus, wobei sich jede Seite in der jeweils anderen reproduziere. Die religiöse Leidenschaftslosigkeit der Mehrheit setzt bei einer eher trotzigen Minderheit einen Eifer frei, der sich in emphatisch vorgetragenen Bekenntnissen, wenn nicht gar in nicht weniger heftigen Konversionsversuchen entlade.

Solange sich zwischen einer säkularisierten Gesellschaft und ihrer ererbten christlichen Väterreligion eine solche Spannung auftut, wird sie in alternativen Räumen noch als eine länger andauernde Emanzipationsbewegung von überlebten Traditionen angesehen werden. Man wird dort das Recht des Individuums für sich reklamieren, das sich gerade in religiösen und weltanschaulichen Fragen auf sein Gewissen berufen kann.

Wenn sich diese Spannung aber zu einer Religion entwickelt, die im Zuge von Migrationen erst bei uns heimisch zu werden beginnt, tritt diese Gewissensentscheidung hinter den Gegensatz zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zurück, um als ein ‚ethnischer‘ Konflikt zu erscheinen. Jede noch so gut gemeinte, aber missverstandene öffentliche Äußerung kann in einer hämisch beobachtenden Welt dann als Rassismus gewertet werden. Ein Wahrheitsabsolutismus mit christlichem Profil ist für eine religionsindifferente Öffentlichkeit allenfalls noch ein Ärgernis. Sofern sich dieses Wahrheitsmonopol aber ein anderes Aussehen zulegt und andere Riten ihn begleiten, will man angesichts xenophober gesellschaftlicher Tendenzen nur allzu leichtfertig darüber hinwegsehen.

Die Auseinandersetzung mit einer ins Politische getriebene Religion verträgt sich aber nur wenig mit multikulturellen Ansätzen. ‚Multikultur‘ setzt ein tolerantes, aber mehr oder weniger unverbundenes Nebeneinander verschiedener kultureller Milieus voraus, die  keine Dominanz für sich beanspruchen dürfen. Der politische Islam in seinen extremsten Formen strebt aber nach eben dieser Dominanz, nach einer Theokratie, wie sie Hegel schon als die fürchterlichste und finsterste aller Staatsformen bezeichnen sollte.

Die Anhänger einer multikulturellen Gesellschaft befinden sich hingegen zumeist ohnehin schon so sehr in einem entchristlichten bzw. areligiösen Kontext, dass sie der Debatte über einen politischen Islam häufig genug hilflos gegenüber stehen. Auch kommen sie als Kontrahenten in dieser Debatte überhaupt weniger in Frage als Juden oder Christen, die an ihrer jeweiligen Religion festhalten und in der Lage sind, Zugänge zum jeweiligen religiösen Nachbarn und so auch zu moderaten Muslimen zu finden.

In jedem Fall geht es nun nicht mehr nur um das Verhältnis zwischen Individuum und Religion, sondern um unterschiedliche Gesellschaftskonzeptionen, die ganze Bevölkerungsgruppen, womöglich gerade an den Grenzen kultureller Milieus, in Konflikte stürzen kann. Ebendies tritt nun bei Zeitgenossen zutage, die aufgrund von Namen und Herkunft an diesen Grenzen stehen oder wenigstens zu stehen scheinen. Und ebendies ist nun ausgerechnet auch bei mir der Fall, obwohl ich schon seit meiner Kindheit im deutschen Kulturmilieu integriert bin. Es steht aber wohl außer Frage, dass dem islamischen Prediger mein iranisch-arabischer Name, womöglich auch meine Biographie auf den Gedanken gebracht haben könnte, aus mir einen willigen Konvertiten zu machen.

Berlin, den 22. Juni 2015 (Fortsetzung Blog 06-2015)

Darin sehe ich allerdings eine große Gefahr, vor allem insoweit, als dies ständigen Anlass zum Mißtrauen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen geben dürfte. Ich habe auf meinen Blogs immer wieder auf die unverdienten Vor- bzw. Nachteile hingewiesen, die Menschen aufgrund ihres Namens unausgesetzt zu genießen bzw. zu erleiden haben. Aufklärung und bürgerliche Revolutionen hatten seit dem 18. Jahrhundert ‚wider dem Zufall der Geburt‘ (Renate Baader) gestritten, dessen Erbe sich jedoch bis heute im Zufall der Namen fortsetzt. Nicht allein vereinzelte Diskriminierungen, sondern ganze Systeme des Klientelismus bestimmen noch heute weithin das Bild unserer Gesellschaft und ihrer Verkehrsformen. Umgekehrt ist auch bekannt, dass der Klang mancher fremder Namen bei Job- und Wohnungssuche zu Nachteilen führen kann, denen die entsprechenden Bewerber ausgesetzt sind. Namen sind bestens dazu geeignet, zum Schicksal für ihre Träger zu werden.

Diese Einsicht gilt auch dann, wenn aus bestimmten Namen Rückschlüsse oder auch nur Mutmaßungen auf religiöse oder politische Optionen ihrer Träger gezogen werden. Besonders die heutige Bedrohungslage, die von der Wirkung eines politischen Islams ausgeht, könnte auch in Deutschland zu Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen führen. Man könnte den Nachbarn schon aufgrund seines Namens unter den Generalverdacht stellen, mit islamistischen Kreisen zu sympathisieren oder gar mit ihnen gemeinsame Sache zu machen. Einer Integration aller Menschen in Deutschland ungeachtet ihres Namens, ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion würde damit unabsehbaren Schaden zugefügt. Es ist sehr gut vorstellbar, dass Menschen, die an den Schranken dieser Gesellschaft gescheitert sind oder zu scheitern drohen, im Visier derartiger Anwerbungsversuche stehen. Mögen diese dennoch auf wenig fruchtbaren Boden fallen. Und mögen sich allen Menschen die Türen öffnen, die sie aufgrund ihrer Leistungen und Kompetenzen auch aufzustoßen imstande sind.

Aus diesem Grund habe ich die kurze Korrespondenz (s. u.) mit dem von mir namentlich nicht genannten Islamisten auch den Lesern meines Blogs zu Verfügung gestellt. Wenigstens will ich versuchen, dazu einen kleinen Beitrag zu leisten. Ich bin und bleibe ein Deutscher mit iranisch-deutschen Wurzeln, in seiner Kultur ein europäischer Deutscher (aber durchaus ein Euroskeptiker), ein Katholik in der Konfession und ein romanischer Philologe in der Profession. Absoluten Wahrheiten bin ich nach wie vor nicht zugänglich, soweit sich diese nicht auf ausschließlich private Glaubensgründe beziehen. Absolute Wahrheiten in Hinblick auf Lebensformen, Politik, Kultur und Gesellschaft haben in der Geschichte des Abend- wie des Morgenlandes nur grausame Ergebnisse hervorgebracht, die sich zum Leidwesen ganzer Völker zum jetzigen Zeitpunkt wiederholen. Als Kind beider Weltteile wünsche ich mir, mit meinem Gemischtwarenladen in meinem Alter noch eine Chance zu haben, in diesem Land, das ich liebe, für diese Gesellschaft, in der ich lebe, mit meinen fachlichen Kompetenzen an der Hochschule für etwas längere Zeit arbeiten zu dürfen. Ich will nicht, dass mir weder mein Name noch mein Alter und Geschlecht zum Schicksal wird. Dies wünsche ich weder mir selbst noch irgendeinem anderen Menschen in meiner Lage. Wenn nötig, sollte man auf Pseudonyme zurückgreifen, die einem eher zu Gebote stehen als ererbte Familiennamen.  

Bis bald wieder

Ihr/Euer
Kian-Harald Karimi

Friedhof
Sehr geehrter Herr XYZ,

Ich weiß gar nicht, ob Sie mit dieser Mail tatsächlich mich gemeint haben können.

Im Grunde genommen, schätze ich die Pluralität der Religionen sehr. Ich fühle mich wohl in einer Gesellschaft, in der nicht eine, sondern verschiedene Glaubensrichtungen miteinander koexistieren können. Dies war in Europa früher auch nur selten der Fall, in der islamischen Welt ist es leider noch immer so, dass Andersgläubige von Angehörigen der Mehrheitsreligion bedrängt werden. [..] Das wichtigste Gebot heißt: Du sollst nicht töten. Und dies gilt für Juden, Christen und Muslime. Ich bin trotz meines Namens gläubiger Katholik. Dass Sie mir diese Nachricht hinterlassen, um mich aufzufordern, Muslim zu werden, liegt nahe, dass Christen wie ich ihre Kirche verlassen können.

Und das ist gut so, da aufrechter Glaube keinen Zwang duldet. Und ebendies aber ist Muslimen verwehrt. Sie können nicht Katholik, Buddhist oder Jude werden, weil sie mit der Geburt verpflichtet sind, Muslim zu bleiben. Das finde ich wenig überzeugend. Warum habe ich die Freiheit, mich einer anderen Religion zuzuwenden, während dies anderen nicht erlaubt sein soll? Wenn dies einmal doch der Fall sein sollte, bin ich bereit, mir Ihre Botschaft nochmals anzuschauen. Aber solange bleibe ich schon aus diesem Grund Katholik. Denn als Katholik kann ich aus der Kirche austreten. Ebendies ist die Freiheit, die Gott allen seinen Geschöpfen geschenkt hat.

Mit freundlichem Gruß
Ihr K.-H.K.


„Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen.

Sehr geehrter Wissenschaftler Dr. Kian-Harald Karimi,

ich hoffe meine Nachricht erreicht Sie bei bester Gesundheit; Ihre E-Mailadresse habe ich aus dem Telefonbuch der Bundeshauptstadt Berlin. Zweifelsohne bin ich einer der Muslime und rufe zum Weg meines Herrn.
Auch wenn Ihnen das momentan nicht bewusst ist – mit dieser meiner Nachricht spiele ich eine zentrale Rolle in Ihrem Leben! Der Islam – in seiner ursprünglichen Form – ist die absolute Wahrheit und der einzige Weg in das Paradies. Widerstand ist zwecklos und wird mit der Hölle bestraft!
Jeder wahrhaftige Prophet – ob es nun Abraham, Moses, Jesus, oder Muhammad war – hatte dieselbe Aufgabe und dieselbe Botschaft. Sie haben die Menschen aufgerufen, nicht der Schöpfung, sondern dem Schöpfer zu dienen.
Sofern Sie religiös an das Juden- bzw. Christentum gebunden sind, sollten Sie folgendes Faktum unbedingt beherzigen; Thora und Evangelium in ihrer ursprünglichen Form sind verloren gegangen, abgesehen davon sind sie durch den Quran abrogiert.
Neben Allah darf nichts und niemand angebetet werden! Das war die Kernbotschaft aller Propheten, auch von Jesus und Moses. Wenn Sie Fragen haben, können Sie mich gerne kontaktieren. Anregungen und sachliche Kritik sind jederzeit willkommen. […]
Beenden möchte ich mit folgender Offenbarung: „Und euer Gott (Allah, der Heilige) ist ein Einziger Gott. Es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Allerbarmer, dem Barmherzigen.“ [Quran 2:163]

Allahu Akbar!“

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Über kianharaldkarimi

TAGEBUCH EINES PRIVATDOZENTEN IN DEUTSCHLAND Ein Versuch, mir meine Trauer, Resignation und Wut von der Seele zu schreiben, um nicht daran zu zerbrechen. ACHTEN SIE BITTE AUCH AUF MEINE HOMEPAGE! kianharaldkarimi.de
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