05 – 2015 Parlons franchement: Plädoyer für eine offene Sprache in eigener und in anderer Sache

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Gegen die Wissenschaft der Philologie wäre nichts zu sagen: aber die Philologen sind auch die Erzieher. Da liegt das Problem, wodurch auch diese Wissenschaft unter ein höheres Gericht kommt. — Und würde wohl die Philologie noch existiren, wenn die Philologen nicht ein Lehrerstand wären?

Friedrich Nietzsche: Notizen zu Wir Philologen, März 1875

Liebe Leser,

Bis jetzt bin ich Ihnen/Euch den Schluß dieses Blogs 03-2015 schuldig geblieben. Er sollte schon vor zwei Wochen folgen. Ich bedauere diesen Umstand, aber die Nachhilfestunden und zahlreiche andere Arbeiten sind so anstrengend, dass ich abends kaum noch in der Lage bin, mich zum Schreiben aufzuraffen. Da die folgenden Zeilen aber in einem persönlichem Ton gehalten sind, habe ich mich dazu entschlossen, sie einem neuem Blogeintrag zuzuordnen.

In diesem neuen Rahmen versuche ich zu einer Bilanz zu kommen. Eine begütigende, versöhnende und freundliche Sprache will uns über den Charakter der Dinge hinwegtäuschen. Seit der frühen Moderne zieht die Sprache ihre Vorbilder aus Werbung und Propaganda, jenen Meistern der Überredung und Manipulation. Tatsächlich leben wir aber weder in der besten noch in der schlechtesten aller Welten, sondern in einer Mittelmäßigkeit, in der uns das Bittere weniger bitter, das Sauere uns weniger sauer und das Schlechte uns weniger schlecht erscheinen soll. Aber auch die erfreulichen Seiten des Lebens werden auf das notwendige Maß gestutzt. Es bedarf keiner technologisch erzeugten Matrix, die sich wie in dem gleichnamigen Film zwischen den Menschen und seine Wirklichkeit stellt, um ihn zu verblenden. Die gelenkte Sprache verfügt über hinreichende Mittel, um ihn in der Gewißheit einer an sich gut eingerichteten Welt zu wiegen.
Ich will aber nicht für andere, sondern auf Grund eigener Erfahrungen nur für mich selbst sprechen und Schlüsse für mein eigenes berufliches Leben ziehen, die vielleicht auf für andere Kollegen in meiner Lage von Nutzen sein können:

  • Seit anderthalb Jahrzehnte bemühe ich mich um eine ständige Tätigkeit an der Hochschule. Zuvor hatte man mir immer wieder versichert, wie wichtig es doch für mich wäre, eine Habilitationsschrift vorzulegen.
  • Nachdem ich diese Arbeit dann erfolgreich abgeschlossen hatte, wurde mir immer wieder bedeutet, dass ich diese unbedingt auch veröffentlichen müsste.
  • Nachdem diese dann auch als Veröffentlichung vorlag, die im Übrigen meine gesamten Ersparnisse verschlang, wurde mir nahe gelegt, noch viel mehr zu publizieren.
  • Nachdem ich dann soviel publiziert hatte, dass mir sogar Journalisten die Frage stellten, warum ich dennoch nicht berufen wurde, erfuhr ich einen weiteren Grund für meine Schwierigkeiten. Ich sei doch immerhin keine Frau, sondern ein Mann, wie einmal eine Frauenbeauftragte beklagte, und diesen Umstand könne ich auch nicht durch ein noch so gutes Curriculum und ebenso wenig durch auch noch so interessante Vorträge entkräften.
  • Nachdem ich in dieser Hinsicht nichts Grundsätzliches ändern konnte und wollte, teilten mir gutwillige Kollegen mit, dass ich in bestimmten akademischen Kreisen als zu selbstbewusst und zu eigenständig angesehen werde.
  • Nachdem sich auch in dieser Hinsicht nicht sehr viel ändern liess, nahm ich die Gelegenheiten an, die mir Journalisten boten, um auf meine Lage aufmerksam zu machen. Dabei ging es mir niemals nur um mich selbst, sondern um die grundsätzliche Frage, welche Voraussetzungen denn neben der Habilitation noch in Hinblick auf eine Berufung in Frage kämen.
  • Aber auch nun wurde mir von bestimmter Seite bedeutet, dass man derartige Fragen nicht in der Öffentlicheit verhandeln dürfe. Im Übrigen läge es bei mir doch gar nicht an mangelnden Leistungen und Kompetenzen. Ich hätte schon mehr als genug veröffentlicht und Professuren vertreten. Ich sei in jeder Hinsicht bekannt und werde auch fachlich von vielen Kollegen geschätzt.
  • Nachdem ich also diese Meriten vorweisen konnte, warf man mir nun mein Alter vor. Ich sei schon ein etwas älterer Kollege, was ich aus zwei Gründen schon für sehr merkwürdig hielt.
  1. Vor fünfzehn Jahren war ich erheblich jünger, meine Chancen aber keineswegs größer, wie ich weiter oben umrissen habe.
  2. Immerhin musste ich in dieser langen Zeit auch den Umstand hinnehmen, Jahr um Jahr in Vertretungen älter zu werden. Was hat überhaupt das Alter mit intellektuellen Leistungen zu tun, die nicht notwendigerweise mit diesem sinken müssen? Nicht zur Debatte stehen dabei körperliche Fähigkeiten, die mit dem Alter Einschränkungen erfahren mögen.Haben intellektuelle Leistungen ein Geschlecht, ein Alter oder eine Herkunft? Haben sie eine Hautfarbe? Haben wir denn aus der Geschichte des Patriarchats so wenig gelernt, dass wir dessen Ordnung heute umkehren müssen, von alt auf jung, von männlich auf weiblich?

Leider schaffen diese stillschweigenden Kriterien, die heute für Berufungen geltend gemacht werden, inzwischen auch weitere Benachteiligungen, und zwar in Hinblick auf Anträge bei Stiftungen und ähnlichen Einrichtungen. Da man ohne eine feste Stelle nicht zur Nomenklatur gehört und sich damit auch nicht mit den bunten Federn eines Netzwerks schmücken kann, erscheinen auch die eigenen Leistungen als weniger förderungsfähig als jene, die andere berufene Kollegen erbringen. Nicht dass nicht auch diese an Drittmittelanträgen verzweifelten. Aber als Antragsteller ohne Stelle kann man gar nichts mehr anstellen, auch wenn man ähnliche Leistungen und Kompetenzen vorzuweisen weiß.
Was man mir nämlich bis jetzt nicht mitteilte, sind die Hintergründe der Schwierigkeiten, die seit den letzten Jahrzehnten hinter mir liegen. Ich sehne mich nach einer offenen und ehrlichen Sprache, mit der mutige und unabhängige Akademiker in guten wie in schlechten Zeiten ihre Haltung gegenüber den Tagesereignissen zum Ausdruck zu bringen pflegten. 

Meinen Lesern danke ich für ihre Geduld und verbleibe mit besten Wünschen zum Pfingstsonntag, den 24. Mai 2015.

Über kianharaldkarimi

TAGEBUCH EINES PRIVATDOZENTEN IN DEUTSCHLAND Ein Versuch, mir meine Trauer, Resignation und Wut von der Seele zu schreiben, um nicht daran zu zerbrechen. ACHTEN SIE BITTE AUCH AUF MEINE HOMEPAGE! kianharaldkarimi.de
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