01-2020 Als Nachtrag zu ‚Die vereinten Regionen und Nationen von Europa.Europäische Projektionen‘ (09-2019). Von der Aktualität der Geschichte.

Als Nachtrag zu meinem Blog im letzten Jahr füge ich noch ein paar Gedanken hinzu, die mein Bild zu diesem Thema komplettieren. Unter der Internetadresse

https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/50424609

fand ich zwischen den Jahren einen Beitrag, den Ute Planert mit dem Titel „’Weltgeist zu Pferde‘. Napoleons Erfolge zeigten Europa, welche Kraft in der nationalen Idee steckte“ in der Magazinausgabe des Spiegel (6-2007) vorlegte.

Auf den häufigen Einwurf, dass wir es hier mit einer längst abgegoltenen Geschichte zu tun haben, die letztlich nur von den Beschwernissen der gegenwärtigen Welt ablenken würde, antworten wir mit Th.W. Adorno:

Man will von der Vergangenheit loskommen: mit Recht, weil unter ihrem Schatten gar nicht sich leben läßt und weil des Schreckens kein Ende ist, wenn immer nur Schuld und Gewalt mit Schuld und Gewalt bezahlt werden soll; mit Unrecht, weil die Vergangenheit, der man entrinnen möchte, noch höchst lebendig ist. (Suhrkamp Werkausgabe 2003, 10.2: 555-556)

Die Epoche vor und nach dem Wiener Kongress (1815) war eine Zeit revolutionärer Veränderungen, philosophischer Höhenflüge (Hegel, Dtsch. Idealismus), wissenschaftlicher Forschung und intellektuellem Diskurs (Humboldt) in Deutschland. Man sollte nicht nur von den 1920er Jahren sprechen, deren Menetekel man üblicherweise mit dem Nationalsozialismus aufkommen sah. Die 1820er Jahre verdienen unsere Aufmarksamkeit nicht weniger, zumal die politischen Eliten in jenem Jahrzehnt und in den Folgejahren das Projekt der bürgerlichen Nation in den unterschiedlichen Regionen und Bevölkerungsschichten des untergegangenen Römischen Reiches deutscher Nation zu verankern suchten. Entfacht wurde diese nationale Bewegung durch den Widerstand gegen Napoleon, der gerade in den Augen vieler linker Kräfte zu einem ordinären Usurpator geworden ist. Erinnern wir uns, dass Ludwig van Beethoven die Widmung seiner ursprünglich dem Kaiser zugeeigneten fünften Symphonie (Eroica) aus Enttäuschung zurücknahm.

Dass den Menschen am Vorabend der Völkerschlacht bei Leipzig schlimmste soziale Härten zugemutet wurden, macht Ute Planert für den zunehmenden Kampfeswillen gegen Napoleon verantwortlich:

Dass „viele Menschen in das antinapoleonische Lager [getrieben wurde] und sich im Herbst 1813 nach und nach der antifranzösischen Koalition anschlossen“, beruhte auf der „Erfahrung ökonomischer Ausbeutung und militärischer Belastung.“

Das revolutionäre Ziel einer Einigung Deutschlands lag zwar auf der Straße. Nur so konnte das Bürgertum seine Souveränität über die Fürstenherrschaft erlangen; nur so konnte es zum historischen Subjekt werden. Aber dieses Ziel wurde nicht von Anfang an von allen Schichten und überall verfochten, wie Ute Planert unterstreicht:

So „stellte sich Begeisterung für die deutsche Sache keineswegs flächendeckend ein. Sie blieb Angelegenheit der Studenten und Bildungsbürger in den Städten oder äußerte sich in protestantischen Regionen mit traditioneller Nähe zur preußischen Monarchie.

Die revolutionäre Idee der Nation versprach, aus Untertanen erstmalig in der Geschichte zu Bürgern zu machen. Dass dieses Versprechen auf so schändliche Weise in sein Gegenteil verkehrt wurde, gilt als besonders tragischer Ausgang deutscher Nationalgeschichte. Der Kern dieser Tragik besteht allerdings darin, dass sich das Konzept der Nation gerade in der späteren historischen Phase des zweiten Kaiserreichs einer weitaus größeren Akzeptanz erfreute als noch 1815. Zu diesem Zeitpunkt verband es sich aber längst nicht mehr mit jener revolutionären Begeisterung, wie sie der deutschen Revolution von 1848 vorausgegangen war.

Man könnte nun entgegen dem Diktum Adornos einwenden, dass eine derartige Beschäftigung mit der Geschichte müßig und vergebens sei. Das Vergangene sei eben vergangen. Dass es aber tatsächlich noch sehr lebendig ist, zeigt sich, wenn wir auf die Überlegungen unseres letzten Blogs zurückkommen. Die Europäische Union bedeutet eben nicht die Überwindung der Nation als Konzept, sondern allenfalls dessen Rekodifizierung in neuen Grenzen. So gilt es heute, zwar nicht mehr aus Untertanen Bürger zu machen, sondern die Bürger der europäischen Nationalstaaten auf die Bürgerschaft eines europäischen Nationalstaats einzustimmen. Und diesbezüglich habe ich Einwände bezüglich dessen Konstitution geltend gemacht, die ich an dieser Stelle nicht mehr wiederholen muss. So wie der Aufbau der europäischen Nationalstaaten im 19. Jahrhunderts auf die Stimme der Bürger angewiesen war, die seinerzeit leider nicht immer und überall hörbar wurde, so ist dies heute notwendig, wenn sich ein neuer europäischer Superstaat erhebt, der in Wettstreit mit den großen Schwellenländern dieser Erde treten wird.

…. wird ggfs. noch erweitert.

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In memoriam. Der große E.TA. Hoffmann (1776-1822), genialer Dichter, Musiker und Maler der deutschen Romantik, zudem tapferer Freigeist im literarischen Widerstand seiner Zeit

Aus: Deutsche Biographie (1972)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz33071.html

Mit dem „Meister Floh“ und der damit verbundenen Affäre treten am Ende seines Lebens in fast symbolischer Weise noch einmal der Künstler und der Jurist H. gemeinsam ins Blickfeld. Als Jurist hatte er es nach anfänglichen Hilfsdiensten in Berlin mit Kriminalfällen zu tun. Am 1.10.1819 wurde er Mitglied der „Immediatkommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“. Hartnäckig und mutig widersetzte er sich mit seinen Kollegen allen Versuchen, die Kommission zu einem politischen Instrument gegen die liberalen und revolutionären Bestrebungen der Zeit zu machen. Das zeigen die überlieferten Gutachten H.s innerhalb der Untersuchungen gegen A. L. Follen, G. L. Roediger, F. L. Jahn und L. von Mühlenfels; H. wies die gegen sie vorgebrachten Anklagen zurück und votierte für die Freilassung der Inhaftierten. Im Rahmen dieser „Demagogen“-Aktionen stieß er mit dem Polizeidirektor K. A. von Kamptz zusammen, dem er unrechtmäßige Eingriffe in einen Untersuchungsvorgang vorwarf. Kamptz seinerseits leitete im Januar 1822, nachdem H. zu seiner Erleichterung bereits aus der Kommission ausgeschieden und in den Oberappellationssenat aufgerückt war, eine Aktion gegen das im Druck befindliche Märchen „Meister Floh“ ein, mit dem Ziel, den Verdacht der gebrochenen Pflicht zur Amtsverschwiegenheit, der Beamtenverleumdung und der Majestätsbeleidigung bestätigt zu sehen. Nach Beschlagnahme des Manuskripts sah Kamptz, der im Märchen als Knarrpanti karikiert wird, seine Vorwürfe als berechtigt an. Der „Meister Floh“ konnte daher nur in zensurierter Form erscheinen. H., wegen seiner letzten schweren Krankheit nicht vernehmungsfähig, verfaßte eine Verteidigungsschrift, die zu den bedeutendsten poetologischen Äußerungen des Dichters gehört; er betont darin abermals die Notwendigkeit einer Integration der Teile zu einem Ganzen und führt damit die Problematik der Heterogenität der Teile einerseits und des „Zusammenhangs der Dinge“ andererseits fort. Die Erkenntnis des unheilbar Disparaten war ihm bis zuletzt Voraussetzung und Antrieb zur künstlerischen Arbeit. Sein Werk stellt nicht eine heile Welt dar, aber indem es dem künstlerischen Prinzip der Integration des Heterogenen folgt und dieses Prinzip selbst zum Gegenstand des Erkennens seiner Leser macht, gewährt es einen Blick in das verlorene Paradies. Die „Meister-Floh“-Affäre blieb unerledigt. H., der seit Januar 1822 an einer Lähmung litt, die von den Beinen zu den Armen aufstieg, starb, als die Lähmung auf sein Atemzentrum übergriff.

Gérard de Nerval (1852)

L’Allemagne! La terre de Gœthe et de Schiller, le pays d’Hoffmann; la vieille Allemagne, notre mère à tous.

Ludwig van Beethoven (1820)

Ich ergreife die Gelegenheit, durch Herrn N. mich einem so geistreichen Manne, wie Sie sind, zu nähern. Auch über meine Wenigkeit haben Sie geschrieben. Auch unser Herr N. N. zeigte mir in seinem Stammbuche einige Zeilen von Ihnen über mich. Sie nehmen also, wie ich glauben muss, einigen Anteil an mir. Erlauben Sie mir zu sagen, dass dieses von einem mit so ausgezeichneten Eigenschaften begabten Manne Ihresgleichen mir sehr wohl tut. Ich wünsche Ihnen alles Schöne und Gute und bin Euer Hochwohlgeboren

mit Hochachtung ergebenster Beethoven.

Richard Wagner (Mein Leben, 1911)

Leidenschaftlich unterhielt man sich oft über die Hoffmannschen Erzählungen, welche damals noch ziemlich neu und von grossem Eindruck waren. Ich erhielt von hier an durch mein erstes, zunächst nur oberflächliches Bekanntwerden mit diesem Phantastiker eine Anregung, welche sich längere Jahre hindurch bis zur exzentrischen Aufgeregtheit steigerte, und mich durch die sonderbarste Anschauungsweise der Welt beherrschte.

Stefan Zweig (1929)

Unirdische Welt, aus Rauch und Traum geformt, phantastisch in den Figuren, das ist E.T.A. Hoffmanns Welt. Manchmal ist sie ganz lind und süß, seine Erzählungen reine, vollkommene Träume, manchmal aber erinnert er sich mitten im Träumen an sich selbst und an sein eigenes schief gewachsenes Leben: dann wird er bissig und böse, zerrt die Menschen schief zu Karikaturen und Unholden, nagelt das Bildnis seiner Vorgesetzten, die ihn schinden und quälen, höhnisch an die Wand seines Hasses – Gespenster der Wirklichkeit mitten im gespenstischen Wirbel. (…)

Wer hundert Jahre Probe besteht, der hat sie für immer bestanden, und so gehört E. T. A. Hoffmann – was er nie geahnt, der arme Schacher am Kreuz der irdischen Nüchternheit – zur ewigen Gilde der Dichter und Phantasten, die am Leben, das sie quält, die schönste Rache nehmen, indem sie ihm farbigere, vielfältigere Formen vorbildlich zeigen, als sie die Wirklichkeit erreicht.

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09-2019 Die vereinten Regionen und Nationen von Europa. Europäische Projektionen.

1. Historische Voraussetzungen

Historisch gesehen war Europa stets ein Kampfplatz widerstreitender Parteien und zugleich Ausgangspunkt weltweiter Eroberungen, welche die Globalisierung des 20. und 21. Jahrhunderts überhaupt erst ermöglichen sollten. Deutschland und Europa teilten sich allerdings über Jahrhunderte einen Status als bloße geographische Erscheinung, nicht als politische Gemeinschaft, die zu einer kollektiven Erzählung fähig gewesen wäre.

Während sich in Deutschland über lange Zeit verschiedene Stämme oder Regionen hervortaten, sind es in Europa alte Nationalstaaten wie Frankreich, England oder Portugal gewesen, die auf alte Geschichten zurückblicken konnten. Aber es spricht für die absolute Diversität historischer Emtwicklungen, dass es sich gerade in Osteuropa anders verhält, weil dort große Imperien wie Russland, das Osmanische Reich und die Habsburger Monarchie ihren Sitz hatten.

Entgegen diesen Inkongruenzen haben sich die EU-Eliten darauf geeinigt, in der politischen Organisationsform des Nationalstaats den missliebigen Schatten ihrer eigenen Ziele auszumachen. Die gängige Geschichtsschreibung, die dem Leser in Schulbüchern, Medien oder Standardwerken unterbreitet wird, bricht die europäische Geschichte auf Kriege widriger, aggressiver Nationen herunter, wie sie uns modellhaft im Gegensatz zwischen den sogenannten Erbfeinden Frankreich und Deutschland gleich einem Modell verfehlter Geschichte entgegentritt. Ausgeblendet wird dabei nicht selten, dass dieser Gegensatz schon Jahrhunderte vor dem bürgerlichen Zeitalter bestanden hatte, als Deutschland noch kein politischer Begriff und ähnlich zerstückelt war wie unser heutiger Kontinent. Wahrscheinlich beruhte der bezeichnete Gegensatz sogar auf dem Umstand, dass Frankreich ein starker Territorialstaat war, dessen schwacher Nachbar nicht zuletzt an den Privatkriegen seiner Duodezfürsten zerbrach. Auf andere Weise wurde Polen mit dem Verlust seiner Selbständigkeit von Preußen und dem russischen Zarenreich in die Zange genommen und so eine fatale Tradition begründet, die dann im 20. Jahrhundert auf grausame Weise durch Deutschland und die Sowjetunion fortgesetzt werden sollte. So reichen die Monarchien und Feudalsysteme ihre Konflikte, Allianzen und Erbfeindschaften an die Nationalstaaten weiter, die diese wiederum der Europäischen Union hinterlassen.

2. Die Anpassung des Nationalstaats an die Globalisierung

Ein offenes Geheimnis ist die zukünftige Organisationsform Europas, die keine andere sein wird als der bislang dämonisierte Nationalstaat. Nicht selten ist von ‚Nation Europa‘ oder ‚Republik Europa‘ die Rede, was nicht die Überwindung, sondern Erweiterung nationalstaatlicher Strukturen impliziert. Diese aber bedeuten nichts Geringeres als die Anpassung des alten Nationalstaats an die Größenverhältnisse der Globalisierung, wie sie schon George Orwell in seinem diesbezüglich nicht eben häufig zitierten Roman ‚1984‘ als Konflikt zwischen den imperialen Machtblöcken Ozeanien, Eurasien und Ostasien andeutet.

Diese Entwicklung von kleineren Einzelstaaten zu Kolossen stellt sich zwar in einer derartigen Dimension als etwas Neues heraus. Aber wirklich außergewöhnlich ist sie keineswegs, denn bereits die Bildung von Territorialstaaten am Ende des Mittelalters bzw. zu Beginn der Neuzeit impliziert einen ähnlichen Vorgang, der wie Foucault es beschreibt, den Krieg aus dem Landesinneren an die Grenzen des Territoriums verschiebt. Als beispielhaft darf hier wiederum Frankreich gelten, dessen Monarchen sich über die Territorialfürsten stellen und vom XV. bis zum XVIII. Jahrhundert ihre Macht zusehends zentralisieren. Regime können sich ändern, doch der traditionelle Zentralismus der französischen Republik dürfte eine Konsequenz dieser historischen Tendenz sein.

Ganz anders Deutschland, das bis zur Gründung des zweiten deutschen Kaiserreichs als ein unüberschaubares Gebilde von Kleinstaaten der Rivalität Preußens und Österreich-Ungarns unterworfen war. Kriege spielten sich bis 1870 nicht an den deutschen Grenzen ab, sondern auf deutschem Boden selbst. Furchtbarstes Ereignis war in diesem Zusammenhang der Dreißigjährige Krieg. Von ca. 18 Mio Menschen, die seinerzeit im Reich lebten, verloren ein Drittel ihr Leben. Historische Gründe für militärische Konflikte sind demnach nicht die bloße Existenz von Nationalstaaten.

Vielmehr ist anzunehmen, dass die Ungleichzeitigkeit der Verhältnisse, die Verschiedenheit staatlicher Organisationsformen Kriege in Europa erst ermöglichten. Ähnlich waren die historischen Ausgangsbedingungen in Italien, das zum Leidwesen Machiavellis unausgesetzt Spielball größerer Mächte wurde, so etwa zwischen dem französischen König François I. und dem spanischen Carlos I., seines Zeichens auch Kaiser Karl V. des Heiligen Römischen Deutscher Nation.

3. George Orwells ‚1984‘ als literarische Warnung vor großen staatlichen Gebilden

Natürlich bestand das Problem nicht allein in der unterschiedlichen Größe der europäischen Staaten, sondern in der Tendenz großer Territorien, sich kleinere einfach einzuverleiben, eine Tendenz, mit der es die europäische Politik noch immer zu tun hat. Damit kommen wir aber einem Problem näher, das ebenfalls hinreichend Gestalt im Roman ‚1984‘ findet.

Seit dieser Zeit nämlich war der Krieg buchstäblich ein Dauerzustand geworden, wenn es sich auch genaugenommen nicht immer um den gleichen Krieg handelte. Mehrere Monate während seiner Kindheit hatten in London selbst wirre Straßenkämpfe getobt, an einige davon erinnerte er sich noch lebhaft. Aber die geschichtliche Entwicklung genau zu verfolgen und zu sagen, wer jemals wen bekämpfte, wäre vollständig unmöglich gewesen, denn keine schriftliche Aufzeichnung oder mündliche Überlieferung erwähnte je eine andere Konstellation als die gegenwärtig gültige. So war zum Beispiel in diesem Augenblick, um das Jahr 1984 (man schrieb tatsächlich das Jahr 1984), Ozeanien mit Eurasien im Kriegszustand und mit Ostasien verbündet. In keiner öffentlichen oder privaten Verlautbarung wurde je zugegeben, daß die drei Mächte jemals anders gruppiert gewesen seien. In Wirklichkeit war es, wie Winston sehr wohl wußte, erst vier Jahre her, daß Ozeanien Ostasien bekriegt und mit Eurasien ein Bündnis gehabt hatte. Aber das war nur ein kleiner Schimmer historischen Wissens, den er auch nur besaß, weil seine Erinnerung noch nicht hinreichend kontrollierbar war. Offiziell hatte nie eine Veränderung in der Kombination der Partner stattgefunden. Ozeanien führte mit Eurasien Krieg: also hatte Ozeanien immer mit Eurasien Krieg geführt. Der augenblickliche Feind stellte immer das Böse an sich dar, und daraus folgte, daß jede vergangene oder zukünftige Verbindung mit ihm undenkbar war.

Die Auflösung kleinerer Staaten in große Imperien ist an sich noch keine Friedenslösung, selbst wenn sie sich mit weniger autokratischen Mitteln vollzieht als unter der Diktatur des ‚Großen Bruders‘. Die Europäische Union versteht sich selbst als Friedensprojekt, aber zugleich auch als notwendige Konsequenz einer Globalisierung, in der sich eine multipolare Welt abzeichnet. Deren Akteure sind Staaten wie Indien, China, Russland, Brasilien und die USA, die selbst von so außerordentlichen Dimension sind, dass sie sich nicht einem wie immer gearteten Verbund anschließen können. So ist es bezeichnend, dass sich der Verband südostasiatischer Nationen ASEAN gegen die aufkommende Hegemonialmacht VR China gegründet hat. Und ähnlich verhält es sich in dieser Beziehung mit der Europäischen Union, deren osteuropäische Mitgliedsstaaten vor allem Schutz vor der hegemonialen Großmacht Russland suchen.

4. Große Schwellenländer als potenzielle Gefahren für kleinere Staaten

Desto unmäßiger sich staatliche Gebilde in Raum, in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht ausdehnen, desto größer scheinen die Fliehkräfte zu werden, die sich ihnen zu entziehen suchen. In den genannten Ländern wird zwangsläufig ein Widerspruch zwischen politischem Zentrum und einer Peripherie entstehen, die sich nicht als Teil einer Gesamtstruktur versteht, sondern regionale, ethnische und soziale Besonderheiten ihrer jeweiligen Region geltend machen wird. Gerade die Vereinigten Staaten von Amerika machen hier die Probe aufs Exempel, wenn von den regionalen und politischen Rändern aus gegen das ‚liberale‘ Establishment in Washington zu Felde gezogen wird.

Aber auch Länder wie China, Indien. Brasilien oder Russland haben ihr jeweiliges ‚Kaschmirproblem‘, ihre regionalen und religiösen Minderheiten, ihre Ureinwohner, die offensichtlich nicht in das Bild der entsprechenden Zentralmacht passen. Bei allen Unterschieden müssten an anderer Stelle einmal die Gemeinsamkeiten untersucht werden, die sich hier auftun. In diesen Ländern werden die demokratischen Institutionen untergraben (USA, Brasilien, Indien) oder die Entwicklung einer demokratischen Zivilgesellschaft mit aller Gewalt verhindert (Russland, VR China). Demokratie erfordert Transparenz und überschaubare Prozesse der Meinungsbildung.

Die schiere Größe und Weite dieser Länder legt es nahe, dass sich ein Machtzentrum bilden muss, das mit Parteien, Behörden, Geheimdiensten und militärischen Komplexen wie ein Staat im Staate wirkt. Zentralisierung bedeutet aber Verlust an Mitsprache der Bürger, ihrer regionalen, sprachlichen und politischen Vielfalt. Heute wiederholen sich Formationsprozesse, die wir sie in kleineren Dimensionen bereits aus der Geschichte der Nationalstaaten kennen.

5. Zurück zu Orwell

Was bereits weltweit nach dem Ende der bipolaren Blockbildung in Politologie und Kulturwissenschaft wieder entdeckt wurde, ist die Politik des Raums, wie ich sie 2002 selbst in einem Beitrag über die Mehrsprachigkeit behandelt habe. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, dass die neue Präsidentin der Europäischen Union gerade die besondere geopolitische Kompetenz der Kommission (a truly geopolitical commission) hervorhebt. Jenes Europa, das sich anmaßt, den Schlusschor der Neunten Symphonie Ludwig van Beethovens zu seiner Hymne zu machen („Alle Menschen werden Brüder“), will mitspielen im Konzert der Großmächte, ohne sich zu fragen, ob es nicht fragwürdig ist, an einem derart schlechten Musikstück überhaupt mitzuwirken. Indem sich die Machtblöcke bei Orwell so sehr in Rivalität begegnen, ähneln sie sich gerade deshalb auf so erschreckende Weise. Ihre Gemeinsamkeit besteht gerade in ihrer übermäßigen Ausdehnung, die aggressives Verhalten nach außen und gegen die eigenen Bürger bedingt. Im Innern macht sich ein dosierter, wenn nicht sehr kontrollierter Austausch von Informationen in gelenkten Medien bemerkbar. ‚Alternative‘ Fakten, fake news werden verbreitet, die die historische Wirklichkeit in eine von den Institutionen gewünschte Logik bringen, wie wir es auch aus dem Reich des Großen Bruders kennen.

Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit. »Wer die Vergangenheit beherrscht«, lautete die Parteiparole, »beherrscht die Zukunft; wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit.« Und doch hatte sich die Vergangenheit, so wandelbar sie von Natur aus sein mochte, nie gewandelt. Das gegenwärtig Wahre blieb wahr bis in alle Ewigkeit.

Erinnern wir uns es uns weiter, dass im Zuge dieser Geschichtsklitterung auch eine Umwertung der Werte betrieben wird. Nach der gängigen Sprachregelung bedeuten Frieden Krieg, Freiheit Sklaverei und Unwissenheit Stärke. Politische Macht aber verkörpert sich in der Gestalt des Großen Bruders, die omnipräsent ist und absolute Wahrheit für sich in Anspruch nimmt. Und an dieser Stelle verlassen wir die Fiktion, um uns erneut der politischen Realität zuzuwenden: der charismatische Führer, der in Wahlkämpfen die Massen fasziniert, aufhetzt und dabei einen gemeinsamen Feind heraufbeschwört. Auf diese Weise wird das Zerrissene wieder zu einem Ganzen zusammengefügt, auch wenn diesem Umstand Minderheiten jeder Art zum Opfer fallen.

Man könnte nun einwenden, dass es sich bei den genannten Staaten in den meisten Fällen um Föderationen handelt (Ausnahme: VR China), deren Republiken über eine große oder weitgehende Autonomie verfügen. Insoweit bestände zwischen dem Ganzen und den Teilen doch ein gewisser Ausgleich, der eine mehr oder minder angemessene Verteilung von Macht und damit auch deren Kontrolle implizierte.

Beim genauen Hinsehen erweist sich doch, dass eine solche Balance in Indien, Brasilien oder gar in Russland nicht besteht, wobei diese Frage innerhalb des EU-Bereichs bisher nicht völlig geklärt ist. Die EU-Institutionen, aber auch populistische Bewegungen in einigen Mitgliedsländern sind hier sehr bemüht, einen schroffen Gegensatz zwischen dem Ganzen und den Teilen entstehen zu lassen. Aus Brüssel hört man allenthalben, dass Nationalstaaten ohnehin die Quelle allen europäischen Unglücks seien (wobei in dem Vertrag von Lissabon der Begriff ‚Nation‘ nicht ein einziges Mal auftaucht), während die äußerste politische Rechte diese in deren Zugehörigkeit zur Union selbst verortet.

6. Das große malentendu bei dem Begriff der Nation

Dabei tritt historische Ignoranz auf beiden Seiten offen zutage, so dass wir den Begriff an dieser Stelle in aller Kürze klären müssten. Man hat das 19. Jahrhundert vielfach als ‚Zeitalter der Nationalstaaten‘ bezeichnet, dabei aber verkannt, dass die Projektionsebene nicht nur die Nation, sondern auch immer die Menschheit war.

Unter dem Eindruck der Revolutionen, die seit 1750 die alte Ordnung in Europa und Amerika erschütterten, entwickelte sich in der idealistischen Philosophie die Überzeugung, dass die historische Zeit rasch vorangeht und sich damit auch die Nationen als temporäres Stadium der Geschichte selbst erledigten. So vertrat etwa Goethe die Ansicht, dass Nationalliteraturen nicht viel besagten, weil die Epoche der Weltliteratur an der Tagesordnung sei. Unter den liberalen Geistern herrschte vielfach die Vorstellung, dass die Nationen eine Art Transitionsrahmen darstellten, in dem die Menschheit allmählich zu sich selber finden könne. Nach Auffassung Hegels ist die Geschichte von einem unwiderstehlichen Prozess bestimmt, in der die Vernunft zu einer zweiten Natur des Menschen wird. Mit dieser emanzipiert er sich von seiner barbarischen Seite und kehrt dieser, anthropologisch gesehen, den Rücken. Die Überwindung von Zwängen, wie sie den Menschen aufgrund von Familien-, Standes- und Stammeszugehörigkeit auferlegt sind und seinen Willen bestimmen, liegt bereits in der Logik des kategorischen Imperativs. Denn dieser ruft jedes Individuum dazu auf, unabhängig von seiner Herkunft und Religion, zum universellen Beispiel für seine Mitmenschen zu werden.

Die verhängnisvolle Entwicklung, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das für das an sich linke und progressive Nationalprinzip zu einer schweren Belastung geworden ist, hat zwar nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gerade die Rückkehr zur Hegelschen Geschichtsphilosophie begünstigt, wohl aber das Misstrauen in geltende politische Religionen. Besonders in Deutschland hat der Nazismus nicht nur die politischen Grundlagen der Nation erschüttert, sondern bis in die sinnlichsten Bereiche hinein eine ruinöse Abbrucharbeit geleistet. Im Grunde hat er die Nation unter dem Einfluss eines wissenschaftlich verbrämten Rassismus (aus dem Westens übrigens, Houston Stuart Chamberlain, Artur de Gobineau) zu einem vulgären und barbarischen Stammesprinzip, zu einem bloßen Abstammungsprinzip, degradiert, was sie freilich in keiner Weise ist. So war Deutschland schon immer ein ‚Kelter‘ der Nationen, ein wichtiges Bindeglied zwischen dem Osten und dem Westen des Kontinents.

Dieses Missverständnis verkennt nämlich, dass die modernen bürgerlichen Nationen im Gegenteil auf einem Plebiszit beruhen, wie dies Ernest Renan in seinem berühmten Beitrag zu diesem Thema ausführte. Im Idealfall ist die Nation eine Komposition des Heterogenen, des Diversen und der heute so vielzitierten Mannigfaltigkeit. Der Nazismus war nicht nur ein Menschheitsverbrechen, sondern auch ein fürchterlicher Irrtum, ein Schwindel, wie er nicht treffender in Michel Tourniers ‚Roi des aulnes‘ (Erlkönig) anhand perverser Bilder des Ambivalenten illustriert wurde.

Nicht zuletzt in Deutschland haben diese historischen Gegebenheiten, vornehmlich in der liberalen, konservativen und linken Mitte neue Projektionen produziert, die sich allmächtig auf den Fluchtpunkt Europa richten. So nimmt die Europäische Union geradezu metaphysische Dimensionen an, die bei uns als Überwindung des Nationalprinzips erachtet werden, wohl wissend, dass sich dessen Geltung bis an die Grenzen Europas ausdehnt und damit in der Tat noch absoluter und totalitärer zu werden verspricht.

Nationen sind, wie ich es in einem jüngeren Beitrag zum Ausgangspunkt nahm, bewegliche Formen des Denkens, wie Schiffe, die am Horizont auftauchen, untergehen oder gar in der Versenkung verschwinden können. Sie stehen und fallen mit einem öffentlichen Diskurs, einer kollektiven Erzählung und Erinnerung, um es nochmals zu wiederholen, der von einer Polis getragen und zur Grundlage einer Gemeinschaft wird. So ist die Nation im Zuge des Kolonialismus zwar zu einem universalen Prinzip geworden. Es existiert aber keine Menschheitsnation, was sicherlich auf dem ersten Blick unsere Sympathien auf sich ziehen müsste, bei genauem Hinsehen aber wohl eine fürchterliche Perspektive wäre, wenn wir Hannah Arendt in ihrer Schrift ‚Macht und Gewalt‘ folgen. Das Imperium vom Schlage eines ’star wars‘-Kosmos rückt unwillkürlich in unsere kollektive Erinnerung.

Auch Regionen eignen sich keineswegs in Hinblick auf politische Religionen als neutrale Fluchtpunkte und bloße Folklore. Wie in den 1990er Jahren Jugoslawien, so droht demnächst Spanien und Großbritannien vielleicht die Auflösung ihrer nationalen Einheit. Wenn sich Regionen zu einer Nation zusammenschließen können (z. B. Belgien, Deutschland, Italien im 19. Jahrhundert), dann vermögen es diese wiederum auch sich zu autonomisieren und abzuspalten, was aus unserer Sicht vielleicht ein beklagenswerter historischer Irrtum wäre.

Doch nicht uns obliegt diese Entscheidung, sondern jenen Menschen, die Teil der betreffenden Polis sind. Wie ich mich entsinne, hat sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks gerade die Regierung der Bundesrepublik Deutschland auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker berufen, als es um die staatliche Form ging, in der die Deutschen in Zukunft zusammenleben wollen. Die Menschen sind auch heute, die das Recht haben, ihre Stimme bezüglich der Europäischen Union zu erheben und zu entscheiden, welche Perspektiven ihnen für den Kontinent, für ihr Land, ihre Region am sinnvollsten erschienen mögen. Gerade darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, schon gar nicht von Seiten einer Kommission, deren Präsidenten von Auserwählten ausgesucht und bestimmt werden.

7. Die Perspektive der Vereinten Regionen und Nationen Europas

Damit Europa kein bloßer Joker in einer krummen Machtpolitik wird, bedarf es dieser Mitsprache aller Menschen. Die Perspektive einer europäischen Einigung ist vom Grundsatz her völlig richtig, aber nur dann, wenn das Prinzip der Subsidiarität tatsächlich umgesetzt wird, d. h. wenn eine Föderation vereinter europäischer Regionen und Nationen mit gleichen Rechten und Pflichten entsteht. Aus dieser auszutreten, sollte dann ebenso wenig als Majestätsbeleidigung gelten, sondern eine Analogie zum freien Assoziations- und Koalitionsprinzip bilden, das es Bürgern erlaubt, Vereinen, Parteien und religiösen Gemeinschaften beizutreten, diese aber auch nach ihrem Willen wieder zu verlassen.

Föderale Strukturen, wie sie bereits in einigen Mitgliedsländern der EU bestehen, könnten ein gutes Beispiel sein, um staatlichen Zentralismus zu vermeiden. Denn ebendiesen kennen wir aus der deutschen Geschichte auch als verhängnisvoll und demokratiefeindlich. Im Ganzen müssen wir Europa wie einen Legobaukasten begreifen, in dem sich Teile zusammensetzen, aber auch wieder vereinzeln können. Nur indem wir die Regionen Europas in ihren geschichtlichen Kontexten, ihren wechselseitigen Abhängigkeiten, ihren Beziehungen zu anderen Kontinenten anerkennen, werden diese auch in der Lage sein, den jeweiligen Zusammenschluss zu suchen, die den Teilen aufgrund ihrer Tradition, ihrer revolutionären Erfahrungen, aber auch historischen Belastungen angemessen ist.

Friedrich Schillers Wort „Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden, wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf“ trifft heute unter anderen historischen Umständen auf Europa zu. Damit es zu einer poltischen Gemeinschaft wird, muss es von unten aus den Städten, Regionen und Nationen wachsen und durch diese starke Wurzeln schlagen. Nur wenn die Fliehkräfte der EU in föderative oder konföderative Partizipationsstrukturen umgeleitet werden, wird es auf Dauer möglich sein, sezessionistischen und nationalistischen Kräften Energien zu entziehen. Europa hat mehr verdient als eine Behörde in Brüssel. Es braucht mehrere Optionen, nicht nur die EU.

Der Beitrag wird ggfs. noch erweitert.

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08-2019 Die Dichterin (Gertrud Kolmar, 1894-1943)

Du hältst mich in den Händen ganz und gar.

Mein Herz wie eines kleinen Vogels schlägt
In deiner Faust.Der du dies liest, gib acht;
Denn sieh, du blätterst einen Menschen um.
Doch ist es dir aus Pappe nur gemacht,

Aus Druckpapier und Leim, so bleibt es stumm
Und trifft dich nicht mit seinem großen Blick,
Der aus den schwarzen Zeichen suchend schaut,
Und ist ein Ding und hat ein Dinggeschick.

Und ward verschleiert doch gleich einer Braut,
Und ward geschmückt, daß du es lieben magst,
Und bittet schüchtern, daß du deinen Sinn
Aus Gleichmut und Gewöhnung einmal jagst,

Und bebt und weiß und flüstert vor sich hin:
„Dies wird nicht sein.“ Und nickt dir lächelnd zu.
Wer sollte hoffen, wenn nicht eine Frau?
Ihr ganzes Treiben ist ein einzig: „Du…“

Mit schwarzen Blumen, mit gemalter Brau,
Mit Silberketten, Seiden, blaubestemt.
Sie wußte manches Schönere als Kind
Und hat das schönre andre Wort verlernt. – [….]

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07-2019 Heimat, meine Trauer / Deutschland, meine Trauer(Text: Johannes R. Becher Musik: Hanns Eisler)

Zitiert nach Ernst Busch: Neue deutsche Volkslieder. Hanns Eisler / Johannes R. Becher. Aurora 5 80 003. Hrsg. 1963; Nachaufl. 1968, 1972.

Hanns Stein sings Hanns Eisler (lyrics: Brecht). Das deutsche Miserere – 1971 Link zur Vertonung

Heimat, meine Trauer,
Land im Dämmerschein,
Himmel, du mein blauer,
Du mein Fröhlichsein.

Einmal wird es heißen:
Als ich war verbannt;
Hab ich, dich zu preisen,
Dir ein Lied gesandt.

War, um dich zu einen,
Dir ein Lied geweiht,
Und mit Dir zu weinen
In der Dunkelheit …

Himmel schien, ein blauer,
Friede kehrte ein –
Deutschland, meine Trauer,
Du, mein Fröhlichsein.

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06-2019 Eine Welt ohne Hitler (Gioconda Belli)

Wie wäre es gewesen

– ohne Hitler –

dieses Deutschland, auf das ich nun blicke?

Der Speisesaal des Hotels

streng modern

mit schmuckloser Holzvertäfelung

trist, steril

erzählt mir von den Bombenangriffen.

Hätte Hitler nicht existiert

frühstückte ich heute Morgen in Göttingen

in dem tadellos erhaltenen Salon

eines barocken Gebäudes

voller Geschichte.

Achtzig Prozent der Stadt

wurde von den Bomben der Alliierten zerstört.

Wie viel ging in diesem Land verloren?

Welche Lieder, welch Lebenslust verschlang die Schuld?

Wie hätten diese Männer und Frauen mit ihren schönen

Gesichtern

– Erben von Goethe und Schiller –

ohne den Ruß und den Rauch jener makabren Schornsteine sein

können?

Welch neuer Beethoven, Bach

hätte die Welt der Musik wohl erfüllt

wäre der Geist so vieler Symphonien

nicht zerschlagen worden?

Und was sagen von den sechs Millionen Ausgelöschten?

Von den Juden, Kommunisten oder Zigeunern?

Von denen, die ohne Nachkommenschaft starben?

Welche Erleuchtungen, welche Erkenntnisse, welche Reichtümer

hätten ihr Leben bedeutet

in dem, was die Menschheit angesammelt

in der von allen geschmiedeten Hinterlassenschaft?

Welche Männer, welche Frauen haben wir verloren?

In welchen Städten würden sie heut wohnen?

Welche Kinder hätten sie?

Welche Lieben kamen nie zustande?

Welche von ihnen wären heute unsere Freunde?

Wer erklärt es uns?

Wer gibt uns das zerrissene Lied zurück

in solch unergründlicher Stille?

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05-2019 Strophen. (Michail Lermontov, Üb. Rainer Maria Rilke)

Einsam tret ich auf den Weg, den leeren,

Der durch Nebel leise schimmernd bricht;

Seh die Leere still mit Gott verkehren

Und wie jeder Stern mit Sternen spricht.

Feierliches Wunder: hingeruhte

Erde in der Himmel Herrlichkeit…

Ach, warum ist mir so schwer zumute?

Was erwart ich denn? Was tut mir leid?

Nichts hab ich vom Leben zu verlangen

Und Vergangenes bereu ich nicht:

Freiheit soll und Friede mich umfangen

Im Vergessen, das der Schlaf verspricht.

Aber nicht der kalte Schlaf im Grabe.

Schlafen möcht ich so jahrhundertlang,

Dass ich alle Kräfte in mir habe

Und in ruhiger Brust des Atems Gang.

Dass mir Tag und Nacht die süße, kühne

Stimme sänge, die aus Liebe steigt,

Und ich wüsste, wie die immergrüne

Eiche flüstert, düster hergeneigt.

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04-2019: État d’esprit ‘19 – Betrachtungen eines politischen Menschen zur Situation unserer Zeit

1. Grenzen der Zeit

Es wird immer wieder gesagt, dass wir in einer von Krisen und Kriegen geschüttelten Zeit leben. Häufig ist noch zu hören, dass ausgerechnet jetzt die Weichen für die Zukunft gestellt werden, vielleicht könnte man hinzufügen, dass unsere Gegenwart noch lange in der Zukunft fortwirken wird, wie ein leuchtender Stern, der als Planet längst verglommen ist. Ich habe es aber immer für problematisch gehalten, einer womöglich unabgeschlossenen Epoche eine dominante Signatur zuzuschreiben und diese dann auch noch in einen wohlklingenden Namen zu kleiden. Erst recht gilt dies wohl für eine Zeit, die die unsrige ist. Denn wann endet sie? Ginge sie mit unserem Tod zu Ende, so könnten die Nachgeborenen den Anfang einer neuen Zeit wohl kaum noch ansetzen, weil letztlich mit dem Ableben eines Menschen immer auch eine komplette Welt untergeht.

Doch ohne Frage gibt es Epochenbrüche, die so offensichtlich sind wie jener, der sich mit der Kanonade von Valmy am 20. September 1794 geräuschvoll vom alten Europa verabschiedete. Der Geheime Rat Goethe, der bei der Schlacht zwischen dem revolutionären Frankreich und Preußen als Begleiter seines Herzogs zugegen war, belegte dies mit dem einprägsamen Satz, dass von hier und heute eine neue Epoche der Weltgeschichte ausgehe, und die Augenzeugen sagen könnten, sie seien dabei gewesen. Auch der Sturm auf Winterpalais im Oktober 1917 oder der Fall der Berliner Mauer im November 1989 markierten ähnliche Brüche, und das Leben der meisten Menschen ging weiter. Es war vorher gestorben worden, derweil neue Erdenbürger das Licht der Welt erblickten. Und das Leben anderer sollte mit dem Finale des Kalten Krieges zu seinem Ende kommen, während es auch anderen Menschen gegeben wurde weiterzuleben, obschon es ihnen womöglich immer noch schwerfallen sollte, sich Berlin, Deutschland und Europa nun ungeteilt vorstellen zu können.

 

2. Zur Bedeutung individueller Lebensgestaltung

2.1 Der Individualismus als Lebensgefühl unserer Zeit

Zu den Signaturen, die unsere Zeit bestimmen, gehört aus meiner Sicht ein individualistisches Lebensgefühl, das keineswegs neuartig ist und deshalb umso mehr als besonderes Kennzeichen gerade unserer Gegenwart umstritten sein dürfte. Doch ein Vergleich mit den späten 1960er und 1970er Jahren macht sogleich klar, dass der Individualismus seinerzeit zumeist anders in der öffentlichen Meinung empfunden wurde als dies heute der Fall ist. Sicherlich fühlten sich konservative Geister schon immer von den Grenzüberschreitungen ihrer Mitmenschen gestört. Der aufkommende Feminismus, die gerade entstehende Schwulenbewegung, vor allem die Widersetzlichkeit und Aufsässigkeit junger Leute, die in Wohngemeinschaften zusammenlebten und sich gar noch revolutionär gebärdeten, wurden vielfach als Provokation empfunden und nicht zuletzt auch einem anarchischen individualistischen Treiben zugeschrieben. Und dennoch galt Individualismus, von linksradikaler Phraseologie oder reaktionärer Gebärde abgesehen, zumeist als etwas Emanzipatorisches und daher auch als gesellschaftliche Notwendigkeit. Die westlichen Gesellschaften begannen sich so rasch zu ändern, weil sich viele Menschen in Familie, Freundeskreisen, aber auch in staatlichen und wirtschaftlichen Zusammenhängen aus einer ihnen spürbar gewordenen Lebensenge befreiten. Die christlichen Kirchen taten sich freilich schwer damit, weil sie im Prinzip einer Gemeinde dachten, in dem sich der einzelne nach einer Hirtenmoral unterzuordnen und anzupassen hatten.

Noch in dieser Zeit begannen sich aber Intellektuelle wie Pier Paolo Pasolini (Freibeuterschriften. Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft. Berlin: Wagenbach, 1981) zu fragen, ob lange Haare noch ein Zeichen von Emanzipation oder nicht doch eher ein modischer Trend seien, dem jedermann stehe. Er entdeckte das Universum des bäuerlichen Lebens und damit jene Solidarität, die dem Trotz gegen eine widrige Natur und eine nicht minder feindliche Regierung entsprang. Der Individualismus wurde aus seiner Sicht zu einer modischen Zeiterscheinung, der man sich zu beugen hatte, wollte man nicht als unmodern oder reaktionär gelten. Und gerade heute gewinnt sein Urteil an Aktualität.

2.2 Ein zunehmend toxischer Individualismus

Denn jener Individualismus, mit dem wir auf Schritt und Tritt Bekanntschaft machen müssen, hat mitunter grausame und hedonistischen Züge erhalten, voll von Selbstbezug und masslosem Egoismus. In unerträglichen, ideologisch überfrachteten Diskussionen schleicht sich immer wieder jene sprichwörtliche Unduldsamkeit ein, die ausschliesslich die eigene Sprache versteht, um die der anderen mehr bewusst als unbewusst misszuverstehen. Ob im Strassenverkehr, wo neue elektrische Roller, gerade hier in Berlin-Mitte, Bürgersteige bevölkern und dabei Passanten geflissentlich übersehen, ob am Arbeitsplatz oder in schulischen Einrichtungen, wo Mobbing inzwischen zum Alltag gehört, überall geht es darum, dem anderen sein Gesicht als ein möglichst hasserfülltes und womöglich gewalttätiges zu zeigen, so als könne die eigene Individualität nur dann ihre Wirkung hinterlassen, wenn sie als ausschließlich aggressiver Gestus wahrgenommen wird.

In der Politik sind nicht nur die sogenannten Volksparteien in eine Krise getreten; auch ein System des Ausgleichs und des Kompromisses droht uns abhanden zu kommen und der Unnachgiebigkeit neuer Akteure Platz zu machen. Dieses Land der Mitte war, historisch gesehen, schon immer ein fruchtbarer Boden für diese polemische Saat und könnte es im Namen von Prinzipienreiterei und Unduldsamkeit erneut werden. Und sicher ist diese verhängnisvolle Entwicklung, wie wir sie mit der Präsidentschaft Donald Trumps heraufziehen sahen (vgl. 2018-03), auch jenem unterschiedslosen Geplapper liberaler Eliten und Amtsträger zuzuschreiben, die ihren Diskurs einzig und allein nach den Opportunitäten des Alltags ausrichteten und dabei die vom Niedergang bedrohten Mittelschichten vernachlässigten.

3. Die bürgerlichen Mittelklassen als Träger des Individualismus

3.1 Die Zerstörung und Selbstzerstörung der bürgerlichen Mittelklassen

Es wäre trivial, diese Zeit wiederum in die Nähe der frühen 1930er Jahre zu rücken. Aber in einem Punkt erscheint dies zumindest angemessen. Wie vor den Hitlerjahren handelt es sich heute wiederum um eine bürgerliche Mittelklasse, die mit wachsenden Sorgen in einen wirtschaftlichen Abgrund blickt. Denn gerade sie ist es heute wie damals, die ihre angeblich so ehernen Prinzipien zugunsten kurzfristiger Vorteile in die Gosse wirft, indem sie diese aber fortwährend als blosse Formeln an ihre Kinder und Kindeskinder weitergibt. In seiner Autobiografie Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend. (Hamburg: Rowohlt 2006, S. 343-344) beschreibt Joachim Fest diese Zeit so:

Zu viele gesellschaftlichen Mächte hatten an der Zerstörung dieser [bürgerlichen] Welt mitgewirkt, die politische Rechte ebenso wie die Linke, die Kunst, die Literatur, die Jugendbewegung und andere. Hitler hat im Grunde nur weggeräumt, was an Resten noch herumgestanden hatte. Er war ein Revolutionär. Aber indem er sich ein bürgerliches Aussehen zu geben verstand, hat er die hohlen Fassaden des Bürgertums mit Hilfe der Bürger selbst zugrunde gerichtet: Das Verlangen, ihm ein Ende zu machen, war übermächtig. […] Im Innern war diese Schicht lange morsch; insofern bin ich nach den Grundsätzen einer abgelebten Ordnung erzogen worden. Sie hat mir ihre Regeln und ihre Traditionen bis hin zu ihrem Gedichtekanon vermacht. Das hat mich etwas von der Zeit entfernt; zugleich hat diese Ordnung mir ein Stück festen Grundes verschafft, der mir in den folgenden Jahren manchen Halt vermittelte.

Unwiderruflich vorbei ist zwar die Hitlerei, nicht jedoch, was in den 1920er und 1930er Jahren zu ihr führte, aber sicherlich heute eine andere Barbarei hervorbringen mag, die mit der Zeit auch eine weitaus internationale Dimension annehmen wird. Das Problem, mit dem wir damals wie heute konfrontiert sind, besteht im ambivalenten Status der bürgerlichen Mittelklassen. Diese sind seit ihrer Entstehung stets von hybrider Natur, d. h. sie rekrutierten sich bereits im 19. Jahrhundert, im Zeitalter des Bürgers, aus verschiedenen Schichten, aus Adel und Bauerntum, um dann in den Städten zu einer eigenen, aber auf sozialer Ebene immer durchlässigen Kategorie zu werden. Die Comédie Humaine Honoré de Balzacs, aber auch der englische Gesellschaftsroman bieten hinreichende Belege für diese Annahme.

3.2 Das Bürgertum als hybride Klasse

Heute gilt dies auch für Einwanderer aus entfernten Regionen der Welt, denen die deutsche Sprache und Kultur bis dato noch unbekannt ist. Ihren besten Zugang zu unserer Gesellschaft finden sie über die Mittelschichten, zumal wenn sie selbst als Händler, Intellektuelle, Lehrer und Träger freier Berufe (Ärzte, Rechtsanwälte) die Mitte der Gesellschaft erreichen. Denn bürgerlich zu sein, bedeutet auch, sich im eigenen Selbstverständnis und im sozialen Leben als Individuum zu inszenieren. Zugleich haben die Mittelschichten aber auch jene von Joachim Fest beschriebenen Traditionen entwickelt, die zumindest im nördlichen Deutschland aus preussisch-protestantischen Beständen herrühren und zuweilen auch gern im Gleichschritt marschierten.

In diesem Sinn war das Bürgertum, vor allem in seinen freien Berufen, in seinen Akademikern, in seinem Werte- und Gedichtekanon sowie seinen Bildungsinstitutionen auch eine Art Korporation. Diese kollektive Zuschreibung rivalisierte demnach mit einer individualistischen Lebenshaltung, die im Zuge von Moderne und Postmoderne zusehends an Boden gewann. Denn jener Prozess, den Marx bereits auf dem Höhepunkt der bürgerlichen Revolution erkannt haben will („Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.“), nimmt in unserer Zeit weiter Fahrt auf.

Paradoxerweise sind es in den 1960er und 1970er Jahren gerade jene Akteure fūr die weitere Selbstauflösung des Bürgertums in ihrer korporativen Erscheinung zuständig, die selbst bürgerlicher Herkunft sind. Und noch paradoxer will es erscheinen, dass sich dieser Prozess just in jenen linken Gruppen reproduziert, die selbst zumeist aus dem Bürgertum stammen. Den zunächst emanzipatorischen Anliegen, die seinerzeit zahlreiche Studenten zum Protest gegen ein autoritäres und scheinheiliges Bürgertum auf die Strasse brachten, folgte ein merkwürdiger weitaus autoritärerer Karneval. In diesem Sinne ersetzten sie den Bürger- durch den Proletenkult, um sich aus Scham vor der eigenen Herkunft zu einem neuen Kollektiv zu bekennen, einer revolutionären Arbeiterklasse. Stalin, allen voran Mao Zedong galten ihnen als weit weniger autoritär als Adenauer, stiegen diese in ihren Augen doch zu Ikonen gesellschaftlicher und kultureller Befreiung auf. Dass Derartiges geschehen konnte, hatte mit dem moralischen Verfall der Väter- und Großvätergeneration zu tun, die sich weidlich über die Gewalttaten ihrer Söhne und Töchter echauffierten, aber ihre eigenen Gewalttaten verschwiegen und dabei noch grausige Kriege wie jenen in Vietnam zum Schutz der Freien Welt rechtfertigten.

4. Der Normalisierungszwang im Namen der Mittelklassen

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4.1. Emanzipation vs. Anpassung und Uniformität

Und damit schliesst sich der Kreis. Stehen die Mittelklassen einerseits für einen bürgerlichen Individualismus, der gerade vor dem Hintergrund einer allgegenwärtigen Weltmarktgesellschaft im Hedonismus der Warenwelt zur höchsten Entfaltung kommt, so kann der Rekurs auf kollektive Werte auch immer zum Kontrapunkt werden. Vor der NS-Herrschaft gab das Bürgertum mehrheitlich seine Wertvorstellungen auf, um sich in die vermeintliche Volksgemeinschaft einzureihen. Der klassische Wunsch, sich durch humanistische Bildung oder bestimmte Wertvorstellungen vom gemeinen Volk abzuheben, trat vor dem Wunsch nach persönlichem Wohlstand zurück. Insoweit stehen die späten 1960er und 1970er Jahren mit ihrem gesellschaftlich erstarkenden Individualismus in einem asymmetrischen Verhältnis zueinander zu jenem verordneten Nationalkollektiv in der Nazizeit. Doch der Wunsch des Bürgers nach wirtschaftlichem Aufschwung war am Anfang de 1930er Jahre nach einer gewaltigen Rezession ebenso spürbar wie im Zuge der Studentenbewegung, nachdem sich erste Risse im westdeutschen Wirtschaftswunderland gezeigt hatten.

Die wirtschaftlichen und politischen Konjunkturen können in den Mittelklassen, grob umrissen, zwei gegensätzliche Tendenzen befördern, ein Festhalten an der eigenen Autonomie gegenüber anderen Klassen und Schichten der Bevölkerung einerseits oder die Unterwerfung unter die bloßen Verhältnisse des Weltmarktes, aber auch unter einen charismatischen Führer, in dessen Hände man die Geschicke der Nation gibt. Gibt das Bürgertum seine eigenen Werte preis unter dem Vorwand, nur unter diesen Bedingungen seien diese zu verteidigen, kann eine demokratische Ordnung in Gefahr geraten, können autoritäre Zustände mit autokratischen Folgen entstehen. Es ist wie heute aber auch eine andere Option denkbar.

4.2. Transformationen der liberalen Gesellschaft

Die Selbstaufgabe der Mittelklassen kann im Ergebnis auch nach jenem Modell erfolgen, wie wir es im Zuge der 1968er beschrieben haben. Was zunächst mit einem emanzipatorischem Erwachen wie ein frischer Frühlingswind eine in überlebten Werten befangene Gesellschaft durchschüttelte, ging in ihrer dominanten Variante in einen beispiellosen Hedonismus und narzisstischen Verirrungen über, was bis heute anhält. Dabei geht die Tendenz zur Befreiung glücklicherweise nicht ganz verloren.

Die Bewegung der Frauen und der Schwulen haben viel dazu beigetragen, ‚die alten Mumien vom Podest‘ zu reißen, auch wenn einem Teil des Feminismus recht reduktive Vorstellungen von Emanzipation innewohnen. Die Debatten über den sogenannten Gender Main Stream, die nicht zuletzt auch reaktionäre Geister auf den Plan rufen, zeigen, dass sich eine Kulturelite nur allzu gerne im Sprachlich-Symbolischen aufhält, ohne das häufig viel diffusere Reale überhaupt zu erfassen. Kaum noch wahrnehmbar ist indes dabei jene den emanzipatorischen Wandlungen der 1960er Jahre folgende linksradikale Variante, die ebenfalls dazu beitrug, noch verbliebenen bürgerlichen Konventionen den Kampf anzusagen. Auch sie implizierte letztendlich ein Abtreten der Mittelklassen, die sich drappiert mit den Symbolen der Befreiung auf einen permissiven Standort zurückzogen. Doch darin waren ihnen auch andere Klassen und Schichten gleich, die sich allesamt einem Normalisierungszwang unterwarfen. Lassen wir an dieser Stelle wiederum Pier Paolo Pasolini zu Wort kommen, der in seiner Kritik an der liberalen Gesellschaft Michel Foucault doch sehr nahe kommt.

Kein faschistischer Zentralismus“, meint Pasolini, „hat das geschafft, was der Zentralismus der Konsumgesellschaft geschafft hat. Der Faschismus propagierte ein reaktionäres und monumentales Modell, das sich jedoch real nie durchzusetzen vermochte. Die verschiedenen Sonderkulturen (die der Bauern, der Subproletarier, der Arbeiter) richteten sich vielmehr weiter unbeirrbar nach ihren überlieferten Modellen. Die Repression ging nur so weit, wie es zur Sicherung des verbalen Konsenses erforderlich war. Heute dagegen ist der vom Zentrum geforderte Konsens zu den herrschenden Modellen bedingungslos und total. Die alten kulturellen Modelle werden verleugnet. […]

Mit Hilfe des Fernsehens hat das Zentrum das Ganze Land, das historisch außerordentlich vielfältig und reich an originären Kulturen war, seinem Bilde angeglichen. Ein Prozess der Nivellierung hat begonnen, der alles Authentische und Besondere vernichtet. Das Zentrum erhob seine Modelle zu Normen der Industrialisierung, die sich nicht mehr damit zufrieden geben, dass der ‚Mensch konsumiert‘, sondern mit dem Anspruch auftreten, es dürfe keine andere Ideologie als die des Konsums geben.

4.3 Die in Unordnung geratenen Seinsweisen der Menschen

In dieser Zeit mit weltweit zunehmenden autokratischen Tendenzen stellt sich aus heutiger Sicht die Frage, ob diese nicht auf jenen toxischen Individualismus reagieren, mit dem sich ein notwendiges Gleichgewicht zwischen dem Selbstsein (dem Menschen in seinen Eigeninteressen und Befindlichkeiten), dem Mitsein (dem Menschen als gesellschaftliches Wesen) und dem Gegebensein (die Natur, Gott) verloren hat. Eingedenk der klimatischen Verwüstungen, die vielfach in der Öffentlichkeit wie eine Heimsuchung empfunden werden, erscheint Letzteres heute zwar in einem gänzlich anderen Licht. Die jungen Leute, die freitags aus Sorge um ihre Zukunft auf die Straße gehen, spüren selbst angesichts ihres eigenen Selfie-Individualismus, dass dieses Gefüge nicht in Ordnung ist. Denn wenn wir Pasolini richtig verstehen, dann kann die Selbstaufgabe der Mittelklassen auch darin bestehen, dass diese ihren Konsumismus, Hedonismus und ihren zur Schau getragenen Liberalismus auf den Ruinen ihrer einstigen Wertvorstellungen und Konventionen gesellschaftsfähig machen.

Das Paradoxe an dieser Entwicklung lässt sich nur schwer beschreiben. Sicherlich, es gibt die in sozialer Hinsicht Abgehängten, seien es Individuen, Städte, Regionen oder ganze Länder. Sie brauchen ihre Ohren nicht mehr vor den „Zukunfts-Sirenen des Marktes“ (Nietzsche) zu verstopfen, weil diese ohnehin schon lange keine Wirkumg mehr auf sie ausüben. Nicht nur sie wenden sich aber zu Recht oder zu Unrecht anderen Sirenen zu, die lautstark auf sich aufmerksam machen und ihre Zuhörer ins Verhängnis führen. Aber auch in der Mitte der Gesellschaft fühlen sich Menschen durch das rücksichtslose, zuweilen übergriffige Verhalten ihrer Mitmenschen belästigt oder gar bedroht, obwohl es doch sie selbst sind, die sich auf ähnliche Weise verhalten können. Auf allen Ebenen wird man gewahr, wie sehr sich die Relationen zwischen den Seinsformen verschoben haben. Der einstigen Einseitigkeit, jener alten Uniformität platter Gehorsamsregeln, ist eine nicht minder banale Monotonie unterschiedslosen Geplappers gewichen, von dem Neil Postman schon in den 1980er Jahren gesprochen hatte. Dabei ist unverkennbar, wie Foucault es einmal irgendwo formulierte, dass das Ungesagte weitaus mehr über den gesellschaftlichen Diskurs aussagt als das, was sich eigentlich in Wort, Bild und Ton darstellt.

Demokratie bedeutet aber, im Diskurs wieder richtig zu rücken, was eben durch diesen in Verhalten und Erziehung in Unordnung geraten ist. Es ist aber nicht sicher, ob diese Strategie noch verfangen kann. Zu sehr drückt nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene jene Versuchung des charismatischen oder wenigstens doch mächtigen Führers, der vermeintlich heilt, was in der sozialen Wirklichkeit zerbrochen wurde.

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5. Bilanz

Es bedeutet aber auch, dass geltende Koordinaten einer Überprüfung bedürfen. Was ‚rechts‘ und ‚links‘ ist, hat sich nicht nur an diskursiven Traditionen zu orientieren. Dass das eine bisher zumeist beschränkter Nationalismus und aggressiver Rassismus bedeutet, ist zwar heute immer noch richtig. Ebenso auch dass das andere sich mit Weltoffenheit und Toleranz verbindet. Und doch können wir diese sehr ins Allgemeine gehaltene Aussage nicht mehr ungeteilt übernehmen, zumal beide Traditionen von Verbrechen gezeichnet sind, die in ihrem Namen begangen wurden. Was ‚Faschismus‘ heißt, ist zwar nicht immer genau definiert, doch wenigstens in Bildern hinreichend bekannt. Was ‚Antifaschismus‘ besagt, hat noch diffusere Bilder hervorgebracht, die des Aufstands im jüdischen Ghetto, die der französischen Résistance, der Partisanen in den besetzten Gebieten, aber auch jener Terror, der im Namen der Befreiung gegen Antifaschisten, Juden und Christen, selbst gegen Kommunisten und parteilose Linke wüten sollte. An vermeintlich charismatischen Führern hat es auf beiden Seiten nicht gemangelt. Doch Lichtalben haben sich fast ausschließlich als Nachtgestalten zu erkennen gegeben. Die Traditionen sind verbaut, auch wenn ich mit den meisten Antifaschisten sympathisiere, die für eine gute Sache zu kämpfen glauben und es zumeist auch tun.

Was heute gerade im Zeichen des Weltmarktes so verheißungsvoll erscheint, kann nicht nur neue einseitige Abhängigkeiten wie im Kolonialzeitalter produzieren. Es kann auch im Inneren der Regionen und Nationen Stimmungs- und Bewusstseinslagen hervorbringen, die genau deren Selbstisolation oder gar Rassenhochmut bewirken. Zugleich ist aber auch denkbar, dass diese ihre Autonomie gegenüber dem Weltmarkt verteidigen, dass sie sich einem als falsch erkannten Weg verweigern, wie dies etwa beim Staat Kalifornien der Fall ist, der sich von der verhängnisvollen Klimapolitik der jetzigen US-amerikanischen Zentralregierung abgrenzt. Vor dem Hintergrund des Brexit rückt die so lang umkämpfte nationale Einheit Irlands ebenso in den Bereich des Möglichen wie die Unabhängigkeit Schottlands.

Nicht weniger stellt sich die Frage, was denn geschähe, wenn sich ein einstmals frei gewählter Präsident der Europäischen Kommission auf ähnlich politische Weise gebärdete wie die Herren Orban oder Salvini. Wir sprachen von Stimmungs- und Bewusstseinslagen. Warum sollte in der Europäischen Union nicht möglich sein, was im Superstaat USA längst Realität geworden ist, wo der Präsident Teile seines Volkes gegeneinander ausspielt, hohe Grenzzäune errichten will und Einwanderer tutti quanti aufs Übelste diffamiert und schikaniert.

Wie die festen Milieus in der Gesellschaft schwinden, so müssen auch diskursive Traditionen aus ihrer Genese und Entwicklung bewertet werden. Was ‚rückschrittlich‘ oder ‚progressiv‘ ist, muss sich aufgrund heutiger Erfahrungen aus den jeweiligen Kontexten ergeben. ‚Individualismus‘, seines Zeichens als Erbschaft unserer Kultur ein Äquivalent für das erstrebte Ziel eigenständigen Denkens und Handels, ist heute kein unschuldiges Kind mehr. Ebensowenig ist gesellschaftlicher Zusammenhang und soziale Solidarität nicht mehr unbedingt mit einen Zwangskollektiv zu verwechseln, das Dissens der Meinungen und Differenz der Lebensauffassungen nicht zuließe. Auch Geschichte bedeutet, neue Erfahrungen zu machen, ohne in alte Traditionen zurückfallen zu müssen.

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2018-1 Zivilcourage und Gemeinschaftssinn im Film – Das Schweigende Klassenzimmer

Vor einigen Wochen habe ich mit einem guten Freund den neuen deutschen Spielfilm Das schweigende Klassenzimmer gesehen, das der Regisseur Lars Kraume nach dem gleichnamigen Sachbuch von Dietrich Garstka gedreht hatte. So belastend uns deutsche Geschichte auch erscheinend mag, so unerschöpflich ist sie doch auch als Quelle von Geschichten. Besonders lohnend erweist sie sich, wenn nicht nur prominente oder unbekannte Schurken auf die Leinwand kommen, sondern auch kleine und große Helden des Alltags, die um ihr eigenes Überleben, aber mindestens ebenso um das Leben anderer kämpften. Ging es schon in dem Liebesdrama Der Rote Kakadu, in dem Dominik Graf 2006 Regie geführt hatte, um Zivilcourage, so zeigte sich dieses Motiv drei Jahre später in Florian Gallenbergers Film John Rabe noch unumwundener und zuletzt in Claus Räfles Film Die Unsichtbaren – Wir wollen leben aus dem letzten Jahr am deutlichsten. Nicht zu vergessen ist in dieser Hinsicht auch die Dreiländerproduktion (D, F und GB) in der Regie von Vinzent Perez, die den Roman Falladas Jeder stirbt für sich allein neu verfilmte. In der Kunst erkennen wir die Zeichen der Zeit am allerbesten. Die Partitur unserer Zeit zeigt sich in der Kunst, in diesem Fall der Filmkunst deutlicher als in einem Alltag, in dem uns der Blick verstellt ist.

In diesen und in zahlreichen anderen deutschen Filmen mit Bezügen zur deutschen Geschichte gilt es nicht weniger um die Frage, ob das allgemeine Bild von den Deutschen als Volk der Mitläufer tatsächlich dem Urteil zahlloser Geschichten standhält. Die so häufig missbrauchte Kategorie des Helden erhält hier eine völlig andere Bedeutung, tritt der Held doch zumeist als Einzelkämpfer, wenn überhaupt, mit nur wenigen Gefährten in Erscheinung. Helden sind nicht die Protagonisten von Armeen, die das Vaterland gegen einen äußeren Feind schützen, sondern einzelne und nicht selten auch einsame Menschen, die sich im aufrechten Gang für ihre Heimat, ihre Familie und die ihrigen üben. Oder für jene, die sie zu den ihrigen zählen. Als Sophie Scholl von Gestapobeamten befragt wurde, ob sie erneut so handeln würde, entgegnete sie: „Ja, weil ich es für das Richtige für mein Volk halte.“ Es besteht kein Zweifel, dass es hier um das Gewissen von Menschen ging, für die es eine Schande war, dass das gesamte Gemeinwesen in die kollektive Haftumg für Staatsverbrechen hineingezogen wurde.  Autokratien und Diktatoren war es stets darum getan, ihre Macht vertikal und damit antimodern zu organisieren, dabei aber die Verantwortung für die Folgen ihrer Politik so zu verteilen, dass diese möglichst viele über die exekutive Gewalt hinaus zu tragen hatten. Möglichst viele sollten über den engeren Täterkreis hinaus haftbar gemacht und damit schuldig werden. Dabei hatten es jene, die nicht unmittelbar an Verbrechen beteiligt waren, stets ungleich schwerer, ihr Gewissen von einer ungleich abstrakteren Schuld zu reinigen. Immer plagte sie mit dem Gewissenskonflikt auch die Frage, was sie denn wohl unter ihren Umständen hätten tun können, um Verbrechen zu verhindern. Diese Frage, deren Antwort auch spätere und damit freiere Generationen schuldig bleiben mussten, lässt sich leicht stellen, aber oft kaum beantworten. Häufig belegen sie, wie am Beispiel der Geschwister Scholl, einen heldenhaften Widerstand im zivilen Leben, ohne allerdings in der Lage zu sein, Verbrechen gleich welcher Art und Größe tatsächlich  verhindern zu können. Aber natürlich stellt dieser aufrechte Gang nicht nur unter Beweis, dass selbst unter einer noch so gewalttätigen Diktatur ein offenes Wort, wenn auch um den Preis des eigenen Lebens, möglich ist. Er zeigt auch, dass hier im Namen einer schweigenden Minderheit zur Sprache gebracht wird, was auch zur  Tradition einer res publica in Deutschland gehört.

Auch im jüngsten Film Das schweigende Klassenzimmer geht es um einen Akt zivilen Ungehorsam gegen einem Staat, der sich geradezu emphatisch zum antifaschistischen Vermächtnis der Geschwister Scholl bekannte. In der DDR gehörte das Aufbegehren gegen die Nazidiktatur zu den besten deutschen Traditionen, für die allerdings in den Grenzen des neuen Staates keine Verwendung mehr war. Überhaupt galt Zivilcourage den Machthabern als  Ausdruck eines individualistischen Bewusstseins, das als ungeeignetes Mittel in den Klassenkämpfen der Zeit erscheinen musste. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine ostdeutsche Abiturklasse, die sich anlässlich des Ungarischen Volksaufstands 1956 zu einer Schweigeminute für die Opfer im Unterricht entscheidet. Auf diese relativ zaghafte Solidaritätsbekundung reagiert die sozialistische Staatsmacht mit einer unverhältnismäßigen Härte, mit der weder die Schüler noch ihre Eltern oder die Schulleitung gerechnet haben. Doch mit dieser Reaktion ist nun gewiss, dass eigenständiges Denken oder gar das Bekenntnis zu einem eigenen Standpunkt gänzlich unerwünscht sind. Interessant ist dabei auch, wie ein Staatswesen, das auf kollektive Gemütsverfassungen setzt, doch mit den Interessen, Ambitionen und Ängsten des einzelnen Menschen spielt, wie Denunziation als Mittel der allumfassenden Kontrolle und als Überwindung oppositioneller Regungen eingesetzt wird. Der Tenor der Lieder, etwa ein FDJ-Aufbaulied aus der Feder Bert Brechts, ist so ganz anders als jene Wirklichkeit der DDR im Jahre 1956, in der Kadavergehorsam aus alten Zeiten nach wie vor an der Tagesordnung ist:

Besser als gerührt sein ist: sich rühren,
denn kein Führer führt aus dem Salat!
Selber werden wir uns endlich führen,
weg der alte, her der neue Staat!
Fort mit den Trümmern…

Jede noch so um das allgemeine Menschheitsglück besorgte Diktatur appelliert aus Menschkenntnis (nicht zuletzt der eigenen Funktionärskaste) stets an den Egoismus des einzelnen, der ihr kontrollierbarer erscheint als individuelles Aufbegehren. So wird selbst ein Minister in der Klasse vorstellig, um zu erzwingen, dass diese den Namen der Rädelsführer bekannt gibt, der den konterrevolutionären Aufstand angezettelt hat. Besonders brutal geht man mit Erik um, der mit Stolz auf seinen Vater, einem im KZ gepeinigten und verstorbenen Rotfrontkämpfer zurückblickt. Als man ihn aber damit erpresst, die Wahrheit über dessen ‚mangelnde Standfestigkeit‘ gegenüber den Nazis in der Presse preiszugeben und damit den schönen Schein des antifaschistischen Mythos zu zerstören, gerät die Situation außer Kontrolle. Letzten Ende nehmen sich die Schüler ihr Recht, das Abitur erfolgreich abzuschließen, im Westen freilich, weil die sozialistische Staatsmacht deren uneingeschränkte Solidarität mit der Relegation der gesamten Klasse bestraft. Die fragwürdige Moral des Staates besteht also darin, dass es nur dann sinnvoll ist standhaft zu sein, wenn eine höhere Macht, nicht aber das eigene Gewissen diesen Sinn definiert.

Man könnte nun die Frage stellen, was für ein Sinn ein solcher Film in unseren demokratischen Verhältnissen haben könnte. Wer eine ‚demokratische Ordnung‘ aber ernst nimmt, weiß, dass diese nicht alles ordnet, eben weil alles andere ‚totalitär‘ wäre. Dass die Macht nicht immer mit jedermann ist, scheint ebenso gewiss wie der Umstand, dass schon ein offenes Wort bei uns auch verheerende Konsequenzen für den mutigen Sprecher nach sich ziehen kann. Eben da, wo der angeblich so freie Geist wohnt, ist Demokratie für nicht wenige Menschen eine Höflichkeitsfloskel, die nach dem alltäglichen Befinden eines anderen Menschen fragt, ohne aber tatsächlich genau wissen zu wollen, wie es um diesen steht. Natürlich wollen die meisten Menschen irgendwie zu den Anhängern der Demokratie gezählt werden, aber nur wenige sind tatsächlich daran interessiert, wegen allgemeiner demokratischer Verfahrensfragen ins Unrecht zu geraten oder gesetzt zu werden. Manche betrachten es gar als Skandalon, wenn ihre Zeitgenossen auf ihrer Meinung bestehen und diese auch noch offen kundtun. Und doch ist gerade in unserer Zeit, in die Demokratie angesichts zunehmender autokratischer Regime in der Welt und im sogenannten freien Westen selbst Bewährungsproben zu bestehen hat, Zivilcourage mehr denn je notwendig. Gerade Demokratie lebt von Zivilcourage und zivilem Aufbegehren, wie es die jungen Leute heute auf ihren Demonstrationen in Washington gegen die Waffenlobby unter Beweis stellen.

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07 – 2015 Umzug meines Blogs bis zum Dezember 2015 – Willkommen auf meinem neuen Blog

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Sehr verehrte Damen und sehr geehrte Herren, werte Freunde meines Blogs,

ich bedanke mich bei den Mitarbeitern von blog.de für die ausgezeichneten Möglichkeiten, einen eigenen Blog zu erstellen und über Jahre zu führen. Ich bedauere daher schon jetzt die Entscheidung dieses Portals, seine Dienste zum Ende des Jahres einzustellen. Angesichts der guten Erfahrungen mit blog.de fällt es mir schwer, mich für einen anderen Anbieter zu entscheiden. Ich werde daher an verschiedenen Stellen versuchen, meine alten Blogeinträge auf eine neue Seite zu migrieren, wie es wohl in der Fachsprache heißt. Aber abgesehen von dieser gekonnten Vokabel kenne ich mich in dieser Hinsicht so gut wie gar nicht aus. Da mir aber noch etwa fünf Monate bleiben, hoffe ich bis dahin eine passende Lösung gefunden zu haben.

Kurzfristig habe ich es zunächst bei ‚wordpress‘ versucht, wo ich unter

kianharaldkarimi.wordpress.com

erreichbar bin. Es kommt mir sehr darauf an, dass die Einträge der letzten fünf Jahre nicht sang- und klanglos aus dem Netz verschwinden. Leider finde ich aber weder das Design des neuen Blogs ansprechend genug, wobei mir auch das alte fehlt, das doch zu dem von mir angestrebten Rahmenthema so gut passt. Es ist zunächst nur ein Versuch, und meine Blogs werden womöglich bei einem Anbieter landen, der für einen für derartige Arbeiten nicht eben begabten Blogger die besten, d. h. am besten zugänglichen Instrumente liefert.

Liebe Leser. Ich freue mich über Ihr wachsendes Interesse an meinem Blog und versuche, mein Möglichstes zu tun. Meinen nächsten Blogeintrag werde ich Ihnen unter dem alten wie dem neuen Portal zugänglich machen.

Zunächst einmal wünsche ich Ihnen allen die vorzüglichste Sommerfrische.

Ihr
Kian-Harald Karimi

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Moi aussi, je suis Charlie

charlie
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01 – 2015: Ein frohes Neues Jahr 2015 oder To Be or not to be

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Liebe Leserinnen und Leser, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe private Dozentinnen und Dozenten, liebe Welt (weiblich, männlich und sächlich), ich weiß nicht, ob ich diesen Blog in diesem Jahr, das jetzt beginnt, noch zu Ende bringen werde. Sosehr mich die weitere Entwicklung selbst auch betreffen mag, so wenig kann ich sie beeinflussen. Ich kann sie nur kommentieren, wie ein ferner Beobachter auf das Leben anderer. Schon lange belegen meine Kommentare, dass ich nicht der Verfasser meines eigenen Lebens bin, sondern es allenfalls wie ein. Chronist mit Anmerkungen versehen kann. Entscheidungen fällen andere, ich kann sie nur in meine Lebensgewohnheiten übertragen, d. h. diese an die Gegebenheiten anpassen, die ich in dieser Folge zu bewältigen habe. Mir geht es wie zahlreiche andere Zeitgenossen, die vergeblich nach dem Sinn westlicher Freiheit suchen. Nicht wenige versuchen sich durch eine fragwürdige Mitgift der Zeit selbst einzuschläfern, durch Drogen, Alkohol. Ich urteile nicht darüber, da mir diese Erfahrung fehlt und damit fremd ist. Diese Ignoranz macht mich nicht zu einem besseren Menschen, sondern in dieser Hinsicht eher zu einem unerfahrenen. Doch mein Wunsch nach neuen Erfahrungen geht in eine völlig andere Richtung. 

Meine neuen Lebens- und Arbeitsbedingungen im Jahr 2015 Seit 1993 arbeite ich nun als wissenschaftlicher Angestellter an deutschen Hochschulen. Nachdem ich 1990 meine Dissertation abgeschlossen hatte, erhielt ich drei Jahre später die Gelegenheit, mich im Rahmen einer wissenschaftlichen Assistenz zu habilitieren. Im Sommer 2000 war dann mein Verfahren erfolgreich abgeschlossen, und ich konnte seither zahlreiche Professuren in der Republik vertreten. Dass man mir offenbar solche Aufgaben auch noch in allen größeren romanistischen Teilbereichen (bis auf den rumänischen) zugetraut haben musste, lag also auf der Hand. Dass ich die Erwartungen von Kollegen und Studenten befriedigt haben musste, dürfte auf Grund der langen Folge von Vertretungen auch der Fall gewesen sein. Meine Lehrzeit war also überaus lang, hatte aber paradoxerweise dennoch keine Berufung zur Folge. Zur Zeit sieht es sogar so aus, dass ich mit absolut leeren Händen dastehe, so als ob ich bisher nie vertreten, publiziert und gearbeitet hätte. Als Kind und Jugendlicher habe ich mich als Fremdkörper in diesem Land empfunden. Das Studium der Romanistik, dann die Promotion und schließlich die Habilitation hatten mir dazu verholfen, mich dann doch als Teil dieses Landes zu fühlen. Doch die beständigen Niederlagen, die ich im Zuge meiner Privatdozentur, erst recht aber in den letzten Jahren erleben musste, haben mir meine Fremdheit und meinen ‚Migrationshintergrund‘ wieder vor Augen geführt. Zu sehr habe ich den traurigen Eindruck gewonnen, dass man mich nicht dabei haben will. Wie kann ich unter diesen erschwerten Bedingungen noch ein freier Mensch bleiben? Wie kann ich statt ständige Klage zu sein, auch ein Stück Hoffnung für mich selbst und andere werden. Denn gegenüber dem allgegenwärtigen Leiden Hunderttausender Flüchtlinge, den unzähligen Kriegen, Konflikten und Krisen, welche die heutige Welt erschüttern, erscheint selbst die noch so leidige Situation von stellenlosen Privatdozenten und arbeitslosen Akademikern trotz ihrer offenkundigen Tragik doch unverhältnismäßig harmlos und somit in gewisser Weise lächerlich. Man verkennte die Zeichen dieser grauen und grausamen Zeit, wenn man die unmittelbarsten Existenzängste ganzer Völker nicht ernst nähme und die eigenen Befindlichkeiten nicht in ein Verhältnis zu diesen setzte. Letztlich ist jeder von uns nur eine Stimme in der Partitur unserer Zeit, eine Fußnote im Text der Geschichte. Man darf sich nicht so wichtig  nehmen, als dass man diese allgemeine Lage außer Acht ließe. Aber als gute Philologen wissen wir, dass auch jede Fußnote ihre Berechtigung haben kann und als solche Beachtung verdient. Fußnoten pflegen im wissenschaftlichen Text immer dann aufzutreten, wenn eine Aussage um Ausblicke, Erweiterungen, Zusätze, genauere Angaben, aber auch Relativierungen ergänzt werden muss. In Hinblick auf die Biographien von privaten Dozenten und Kollegen aus dem Mittelbau scheint mir besonders der letztere Fall zutreffend zu sein. Ihre unzähligen Fußnoten räumen in einem Text voll selbstzufriedener Reden der Politiker und Ökonomen sowie jener zum Behaglichen neigenden Chroniken unserer Zeit ein, dass nicht jedem Zeitgenossen die dem allgemeinen Applaus preisgegebenen Wohltaten von Staat und Wirtschaft in gleicher Weise zukommen und beglücken. In zumeist jeder dieser Fußnoten trifft der Leser auf Erfahrungen, die das allgemeine Gerede von der Chancen- und Leistungsgerechtigkeit Lügen strafen. Erst wenn der Leser späterer Jahre auch diese Fußnoten wahrnimmt, kann er ermessen, was die Zeit um Anno Domini 2015 ausmacht. Lässt er sie unbeachtet, fällt ihm nur das laute Spektakel einer in Fieberanfällen aufgekratzten Selbstzufriedenheit auf, die sich beständig auf die Schulter klopft. Unter Gähnen vernimmt man die altbekannten Siegesmeldungen vom größten Exporteur, vom größten Rückgang der Arbeitslosenzahlen und vom bisher höchsten Anstieg der erwerbstätigen Bevölkerung. Jedermann geht es so gut, dass freilich kein Anlass zur Klage mehr besteht. Wer oder was dennoch klagt, ist unverbesserlicher Querulant, der sich gegenüber Gesellschaft, Staat und Wirtschaft als undankbar erweise. Wenn man dann auch noch einen Migrationshintergrund hat, erwächst daraus ein noch gravierenderes Problem, das in diesem Kontext nicht unterschlagen werden soll.

Fremd als Eingeborener mit ‚Migrationshintergrund‘ in diesem ‚Einwanderungsland‘. in Deutschland Ich habe im Rahmen dieses Blogs schon häufig meine Haltung zu erkennen gegeben, so dass ich dies eigentlich nicht mehr tun müsste. Dennoch will ich auch diesmal nicht unterschlagen, dass ich dieses Land, seine Kultur und Sprache liebe, sogar außerordentlich liebe. Manchmal fällt es mir schwer zu verstehen, warum es so viele Deutsche gibt, die ihrem eigenen Land nur mit Ablehnung oder gar Hass begegnen können, immer mit dem Hinweis auf die Hitlerei, die den Massenmord im deutschen Namen legitimierte und diesen damit in den Dreck zog. Diese Zeit war schrecklich, auch schrecklich lang, doch glücklicherweise war ihr keine Dauer von tausend Jahren beschieden, wie dies die Nazis glauben machen wollten. Seit den 1960er Jahren hat in Kultur, Wissenschaft und Politik dieses Landes wie nirgendwo anders ein Prozeß eingesetzt, in dessen Verlauf Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus in allen gesellschaftlichen Bereichen diskutiert wurden. Natürlich gibt es immer noch Xenophobie, Antisemitismus und Rassismus, die sich leider Straßen und Plätzen austoben. Dennoch macht es keinen Sinn, diesem Land feindselig gegenüber zu stehen, weil man es mit dem alten argwöhnischen Aussagen bedenkt, es sei ohnehin so schuldhaft in seine eigene Geschichte verstrickt, dass es immer wieder zum Wiederholungstäter zu werden drohe. Eine solche Haltung gegen sich selbst käme schließlich einer Sippenjustiz gleich, die zur Rechtnorm des NS-Staates gehörte. Wer sie gegen sich selbst anwandte, könnte es eines Tages auch gegen andere tun.

Natürlich haben die Gemetzel des sogenannten ‚Nationalsozialistischen Hintergrunds‘ an muslimischen Migranten Spuren hinterlassen. Aber nicht weniger bedrückt mich neben der Xenophobie auch eine merkwürdige zur Schau getragene Xenophilie, die nicht bereit ist, tatsächlich über öffentliche und schöngeistige Bekundungen der Solidarität hinauszugehen und die Grenze zwischen schönem Schein und bitterer Realität anzutasten. Da wird mit Recht davon gesprochen, dass man Fremde und Migranten im Rahmen einer ‚Willkommenskultur‘ aufnehmen soll. Doch was geschieht mit jenen Deutschen, die bereits in den 1950er oder 1960er Jahren mit einem Migrationshintergrund in dieses Land hineingeboren wurden. Was soll man davon halten, dass man neue Migranten in dieses Land zu integrieren sucht, derweil man nicht daran fragt, wie es jenen geht, die bereits in dieses Land hineingeboren wurden, bevor man auch nur an die Anderen denken konnte?
Ich habe mich niemals für einen „cas unique“ gehalten, für einen Sonderfall, der ganz aus der Reihe gefallen wäre. Aber in letzter Zeit hat es mich doch stutzig gemacht, wie überrascht sich potenzielle neue nichtakademische Arbeitgeber über meine Bewerbung zeigten. Und auch erinnere ich mich sehr gut jener Journalisten, die mich im Lauf des letzten Jahrzehnts zu meiner Situation befragten. Immer wieder ließen sie von ihrer Seite das Unverständnis durchblicken, dass ein habilitierter Akademiker nach so zahlreichen Professorenvertretungen noch immer nicht wenigstens mit einer festen Stelle im Mittelbau bedacht worden sei. 

Keine positive, aber auch keine negative Diskriminierung

Ich habe es immer für falsch gehalten, nach der Art eines profiling beurteilt zu werden, wie wir es aus den USA kennen. Gerade in Einrichtungen, die vorrangig auf die wissenschaftliche Kompetenz ihrer Beamten und Angestellten angewiesen sind, sollte auch einzig und allein diese und keine anderen Kategorien im Vordergrund stehen. Frauen gilt es selbstverständlich zu fördern, da sie zumindest in den Geistes- und Humanwissenschaften auch einen wesentlichen Anteil an den Studierenden haben.
Aber diese Förderung sollte im Rahmen einer Gleichstellung mit ihren männlichen Kollegen erfolgen und nicht als Ergebnis einer Besserstellung. Denn diese haben frühere  Generationen schließlich in den vorangegangenen Jahrhunderten auf Grund eines Patriarchats zur Genüge kennenlernen können, als Frauen der Zugang zum Studium verwehrt wurde und schon gar nicht daran gedacht war, sie in Professorenkollegien aufzunehmen. Eine ähnliche Haltung gilt natürlich auch für Minderheiten jeglicher Art. Eine positive Diskriminierung sollte ebenso ausgeschlossen sein wie eine negative. Und da habe ich in letzterer Hinsicht wirklich meine Zweifel. Bin ich nicht letztlich doch Opfer einer negativen Diskriminierung geworden? Klingt es nicht zynisch, wenn man allenthalben in Bezug auf ausländische Jugendliche hört, dass sie nur im Zuge größerer Bildungschancen ihren Platz in unserem Land finden können? Wie schwierig ist es doch, auch als gebildete Kraft ohne Chancen leben zu müssen. Eigentlich dürfte man doch dann gar nicht mehr existieren. Lange Zeit habe ich geglaubt, diese Schwierigkeiten seien zufälliger Natur, schon deshalb, weil mir Verschwörungstheorien schon immer zuwider waren. Doch der Umstand, dass immer wieder über meinen Fall in den Medien berichtet wurde, dass ich über ein Jahrzehnt Professuren an fast zehn deutschen Hochschulen vertreten habe, dass ich großen Anklang bei Studenten in meinen Seminaren und Vorlesungen fand und dass ich trotz unentwegter Publikationen, sollte doch über den bloßen Zufall hinausgehen.
Sollten meine Herkunft und mein Name bei diesen Zufällen nicht vielleicht doch ein wenig Pate gestanden haben? Es bleibt Spekulation, da keinem Bewerber auf einen Lehrstuhl oder auf eine Mittelbaustelle derartige Gründe mitgeteilt werden, wenn sie ausschlaggebend waren oder zumindest doch eine Rolle spielten. Doch will es mir nicht recht gelingen, das Bild, das sich unser Land gegenüber neuen Flüchtlingen und Migranten gibt, mit meinen beruflichen Erfahrungen in Einklang zu bringen. Das allgemeine Gerede von der Willkommenskultur müsste zumindest auch einmal jene berücksichtigen, die sich in diesem Land auf Grund ihrer Geburt, ihrer längst erfolgten kulturellen Integration eines Bürgerrechts erfreuen sollten. Menschen wie ich könnten für eine gelungene Integration stehen, zumal diese aufgrund  von Familienverhältnissen und sozialen Milieu auch hätte begünstigt werden können. Meine Eltern waren beide Ärzte, d. h. Akademiker, die mich dazu erzogen, gute Leistungen in der Schule zu erbringen, mein Abitur zu machen und wie sie Medizin zu studieren. Letzteres ist ihnen nicht gelungen, da mein Interessen in eine völlig andere Richtung gingen. Aber sicherlich hatte ich es bei diesen Voraussetzungen leichter als andere Migranten, zumal mein Mutter Deutsche war und unsere Familie kein geschlossener Organismus war, sondern sich als offen gegenüber der deutschen Gesellschaft und deren Veränderungen erwies. Auch in kultureller und religiöser Hinsicht waren meine Voraussetzungen mehr als gegeben. Ich wurde trotz anfänglicher schulischer Probleme nicht allein ‚integriert‘, sondern voll und ganz assimiliert: Einzig und allein die deutsche Sprache zählte für mich als Kind und Jugendlicher. Kaum geboren, wurde ich im katholischen Glauben getauft und vornehmlich in meiner katholischen Oberschule auch erzogen. Für mich sind diese Bindungen noch heute von großer Bedeutung. Auch bin ich meinen Eltern für diese guten Voraussetzungen dankbar, zumal Geburt und Herkunft nicht in meiner Hand lagen, sondern mir zum Geschenk gemacht wurden.
Die Schwierigkeiten, die ich in den letzten Jahrzehnten an der deutschen Hochschule zu gewärtigen hatte, widerlegen die vermeintlichen Integrationserfolge in meinem Fall indes auf doppelte Weise: einmal in Hinblick auf meinen ‚Migrationshintergrund‘, ein Begriff, der übrigens im Französischen gänzlich unbekannt ist, zum Anderen in Hinblick auf die allseits proklamierte Chance, die Bildung allen Lern- und Arbeitswilligen, allen sozialen Aufsteigern vermeintlich bereit hält. Mein Fall, und wahrscheinlich noch zahlreiche andere, zeigen gerade, dass selbst diese guten Bedingungen nicht unbedingt zum Erfolg führen müssen. Sie sollten all jenen Migranten, die mit großen Hoffnungen in unser Land kommen, eine Mahnung sein, dass viele Wünsche und Hoffnungen unerfüllt bleiben werden. Wenn selbst beste Aussichten nicht unbedingt zum erwünschten Erfolg führen, dann wird sich dies womöglich bei jenen Einwanderern als noch schwieriger erweisen, die viel größere Integrationsleistungen zu erbringen haben. Ich wäre gerne mit anderen ein Stück Hoffnung für sie. Aber wie sollte dies möglich sein, wenn ich es noch nicht einmal für mich selbst bin?
 
Seit längerer Zeit zergrüble ich mich den Kopf, wie ich diesem Blogeintrag einen sinnvollen Schluß geben könnte. Aber die Zeit des sinnvollen Schreibens scheint wohl in meinem Leben auch zu ihrem vorläufigen Ende zu kommen. Die jetzige Zeit verliere ich mit dem Nachjagen von Terminen, die vielleicht meinen Nachhilfeschülern nützen, mir aber nur wenig Geld einbringen. Wie gern würde ich doch wieder schreiben. Erst eben erhalte ich die Rückmeldung einer Herausgeberin, die sich sehr über einen neuen Beitrag von mir gefreut hat. Wie wohltuend ist es doch, wieder einmal gedruckt zu werden, auch wenn man damit kein Geld und erst recht keine Stellung zu erwarten hat. Dennoch beim Schreiben hatte ich noch immer das Gefühl, die Zeit als arbeitloser Privatdozent wenigstens sinnvoll nutzen zu können. Aber jetzt bin ich nicht einmal in formaler Hinsicht arbeitslos. Ich lebe von den spärlichen Euros, die ich verdiene. Und so fehlt mir Zeit zu schreiben, was sich auch auf diesen Blogeintrag auswirken musste. Aber noch schlimmer als der Zeitmangel sind die Sinndefizite, die mir diese Monate schon gebracht haben. Die Unproduktivität beginnt sich in Unproduktivität fortzusetzen, um sich wie eine Last auf alles produktive Denken und Arbeiten zu legen. Die vielen wissenschaftlichen Pläne, die vielversprechenden Projekte bleiben liegen, die hoffnungsvoll in Schreibtischfächern schlummern. Und irgendwann werden mir auch die Worte fehlen, die eigene Situation noch gedanklich zu ordnen und zu Papier zu bringen…

Zitat eines namenlos gebliebenen Privatdozenten (N.N.)

Was sind dies nur für Zeiten, in denen Plagiateure Minister oder Abgeordnete werden können, derweil Habilitierte und Privatdozenten von Nachhilfestunden leben müssen?

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03a-2019: Emmy Hennings (1885-1948): Tänzerin

Dir ist als ob ich schon gezeichnet wäre 
Und auf der Totenliste stünde. 
Es hält mich ab von mancher Sünde. 
Wie langsam ich am Leben zehre!

Und ängstlich sind oft meine Schritte, 
Mein Herz hat einen kranken Schlag 
Und schwächer wird’s mit jedem Tag. 
Ein Todesengel steht in meines Zimmers Mitte.

Doch tanz ich bis zur Atemnot. 
Bald werde ich im Grabe liegen 
Und niemand wird sich an mich schmiegen. 
Ach, küssen will ich bis zum Tod.


03b-2019: Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898): Firnelicht

Wie pocht‘ das Herz mir in der Brust

Trotz meiner jungen Wanderlust,

Wann, heimgewendet, ich erschaut

Die Schneegebirge, süss umblaut,

Das grosse stille Leuchten!


Ich atmet eilig, wie auf Raub,

Der Märkte Dunst, der Städte Staub.

Ich sah den Kampf. Was sagest du,

Mein reines Firnelicht, dazu,

Du grosses stilles Leuchten?


Nie prahlt ich mit der Heimat noch

Und liebe sie von Herzen doch!

In meinem Wesen und Gedicht

Allüberall ist Firnelicht,

Das grosse stille Leuchten.


Was kann ich für die Heimat tun,

Bevor ich geh im Grabe ruhn?

Was geb ich, das dem Tod entflieht?

Vielleicht ein Wort, vielleicht ein Lied,

Ein kleines stilles Leuchten!

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02-2019: Wissenschaft, Gesellschaft und Wertung (mit neuem Zusatz vom 9. Mai 2019)

In meiner Schul- und Studentenzeit waren mir Bewertungen ein Gräuel. Ich hasste es, bewertet zu werden, vielleicht auch aus der Sorge, man könnte eher aufgrund von Aussehen, Herkunft und Eltern taxiert werden. Hinzu kam, dass der Leistungsgedanken vor dem Hintergrund der dann verglimmenden Studentenbewegung in den 1970er und 1980er Jahre nicht gerade en vogue war. Ich erinnere mich noch gut der Sitzstreiks, die Studentengruppen gegen sprachliche Einstufungstests anstifteten, weil sie der Ansicht waren, dass diese nur zu weiteren Ungerechtigkeiten führen würden.

Heute bin ich ganz anderer Meinung, nicht zuletzt deshalb, weil Leistung die einzige Kategorie ist, die Menschen im Wettbewerb noch eine reale Chance gibt. Sie bietet dem Einzelnen die Möglichkeit, seine Kompetenz unter Beweis zu stellen, im Vergleich mit jenen, die dies auf gleicher Ebene tun. Konkurrenz kann für alle Mitbewerber zerstörerisch sein, aber Nepotismus ist es in noch umfassenderen Sinn, da er als aristokratisches Prinzip vornehmlich auf große Namen setzt, und dies meist indem er von deren Leistungen absieht. Am besten ist ein fairer Wettbewerb, der eben zunächst die Leistungen der Bewerber bewertet, um dann Geschlecht, Augen- oder Haarfarbe in Betracht zu ziehen.

Damit kommen wir zu einem entscheidenden Punkt des Leistungsprinzips. Menschen vergleichen unausgesetzt, auch wenn sie sich selbst vielleicht Vergleichen nicht immer stellen mögen. Sie fragen sich z. B. bei der jetzigen Missbrauchsdebatte in der katholischen Kirche, warum ein Priester, der sich an einem Kind vergeht, besser gestellt sein soll als ein Arzt an einem katholischen Krankenhaus, der seine Arbeit verliert, weil er gegen das Sakrament der Ehe verstösst und ein zweites Mal heiratet. Vergleiche sind auch die Grundlage des Leistungsprinzips, da hier ungeachtet der Person und ihrem Ansehen entsprechende Parameter in Beziehung gesetzt werden.

Die gegenwärtige Krise unserer westlichen Gesellschaften liegt aus meiner Sicht in der Gestaltung des Leistungsprinzips. Sie umfasst alle Bereiche des öffentlichen Lebens, die Bildungseinrichtungen, die Kirchen und die Politik. Denn inzwischen fällt dem Leistungsprinzip jene Rolle zu, die im vorrevolutionären Frankreich dem cartesianischen Cogito als Sprengsatz der ständische Gesellschaft mit ihren Privilegien zugekommen war. Angesichts wachsender Dysfunktionen in Politik und Wirtschaft, der Rolle des TÜV’s bei der Abnahme des Unglücksstaudamms in Brasilien, des Flughafens in Berlin fragen sich immer mehr Menschen in anstrengenden, aber unterbezahlten Positionen, warum die Herrschaften in der bel étage aus ihrer Sicht für ihre an sich untalentierte Arbeit, ihre Inkompetenz und Verantwortungslosigkeit so gut honoriert werden. Ähnliche Vorwürfe richten sich gegen Politiker aller Kolör, zumal mit dem Hinweis, dass diese für ihre möglichen Fehlentscheidungen auch haftbar gemacht werden sollten.

Machen wir einen kleinen Exkurs in die Geschichte der Philosophie. Warum entstand diese nicht in den grossen archaischen Reichen, sondern gerade in den griechischen Stadtstaaten? Die Antwort auf diese Frage geben Gilles Deleuze und Félix Guattari. In Persien sind es die gottähnlichen Monarchen, die über Recht und Unrecht entscheiden, die Urteile sprechen. Unterliegen diese hier keinerlei Befragung gegensätzlicher oder abweichender Standpunkte, so sind sie in der griechischen Polis Gegenstand von Debatten. Aus dieser Notwendigkeit, Werturteile zu begründen und zu erklären entsteht die Philosophie der Antike. Es bedarf einer grundsätzlichen Wertorientierung, auf deren Grundlage auch im praktischen Leben gehandelt werden kann.

Gerade unsere demokratische Gesellschaft lebt vom Aushandeln von Werturteilen, zumal dann, wenn sie auf dem Pluralismus von Meinungen und Perspektiven beruht. Denn wie anders sollte über die Legitimität von Anliegen befunden werden, wenn nicht durch meinungsbildende Prozesse? Doch können diese nicht auf angemessene Weise stattfinden, wenn ihnen der zugrunde liegende Kompass abhanden gekommen ist.

Meine Erfahrungen beziehen sich natürlich zunächst auf den Bereich der Hochschulen, wo Berufungsentscheidungen in den letzten Jahren immer häufiger in Zweifel gezogen werden. Aber so ließe sich fragen, wie ist es um die Wissenschaften, besonders die Geisteswissenschaften bestellt, wenn Kommissionen sich nicht auf einen Wertekanon oder objektivierbare Kriterien stützen, um geeignete Kandidaten für Professuren zu finden, wenn sie eher sekundären Ausschlusskriterien folgen, wenn sie darauf verzichten, unabhängige Positionen gegenüber Netzwerken Respekt zu zollen. Kann eine Wissenschaft, die letztlich auf derart schütteren Grundlagen beruht, selbst überhaupt noch Werturteile aussprechen? Hat sie sich nicht schon längst im Ränkespiel der Wissenschaftler selbst aufgegeben? Gilt Ähnliches nicht auch für die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die die Fülle der Anträge mit ihrem Budget abstimmen muss und dabei auch außerwissenschaftliche Interessenlagen, wie das Alter des Antragstellers, die Rolle seines Arbeitsbereichs zu berücksichtigen hat. Ich selbst wollte zu einem afrikanischen Thema arbeiten und musste bei der Durchsicht bisher bewilligter Projekte feststellen, dass Afrika seinerzeit (2015) so gut wie keine Rolle bei der DFG spielte. Wer aber, mit welcher Autorität, urteilt hier über die Legitimität von Projekten? Natürlich derjenige, der die seinigen durchzusetzen sucht. Hier verhandelt also Partei gegen Partei. Hier geht es einzig und allein von Einflusssphären, die Personen, aber auch Fächer betreffen. Wie ich den entsprechenden Gutachten entnehmen konnte, mangelt es gerade hier an einer orientierenden Grundlage, die eigentlich jeder Beurteilung vorausgehen müsste, zumal man/frau/es dem Antragsteller zugesteht, dass er die intellektuelle Eignung habe, sein an sich wichtiges Projekt erfolgreich zu Ende zu führen. Stattdessen ergehen sich die Formulierungen in kleingeistigen Hinweisen auf das Fehlen dieses oder jenes Titels, auf mein Alter, auf die aus ihrer Sicht zuweilen antragsfremde Diktion, auf meine an sich reichhaltige Publikationsliste…“Von daher“, wie heutzutage jede Begründung in der Alltagssprache eingeleitet wird, ist auch nicht mit einer wirklichen Würdigung eines derartigen Projekts zu rechnen, wenn es nicht in die Befindlichkeiten und Interessenlage von Gutachtern hineinpasst. Aus diesem Grund müssen diese auch ebenso anonym sein wie deren verlautbarte Sprache, die sich kaum mit dem Anliegen eines solchen Projekts auseinandersetzt und in Allgemeinplätzen zu verharren pflegt.

Aber ich will nicht reduktiv auf diese Erfahrungen aus einem Bereich setzen, der für die meisten Bürger dieses Landes ohnehin keine oder zumindest keine sonderlich große Rolle spielt. Denn ob es sich um die Diäten der Abgeordneten handelt, um die überdimensionierte Altersversorgung von Dax-Vorständen, überall stellen sich Menschen die Frage nach der Legitimität derartiger Bezüge. Und natürlich auch die Frage der tüchtigen Habenichtse, warum ihre Arbeit nicht auch entsprechende Anerkennung findet.

Die Wertschätzung von Tätigkeiten und Kompetenzen, kurzum von Leistungen ist die Grundlage der bürgerlich-liberalen Gesellschaft. Diese hatte vor mehr als zweihundert Jahren mit dem Versprechen begonnen, dass sich der Bürger einen Namen machen muss, den er im Gegensatz zum Aristokraten nicht hat. Geräten diese Fundamente ins Wanken, erleben die Rattenfänger mit ihren falschen Verheißungen Hochkonjunktur.

Blicken wir uns um. Ob in den USA, in Brasilien oder auf den Philippinen – überall ist die liberale Ordnung erschüttert. Es ist nur eine Frage der Zeit, wenn diese Erschütterungen auch uns in Deutschland treffen werden. Europa ist keine Euroase mehr. In Italien sind die liberalen Parteien am Ende. Und in unserem geliebten Nachbarland Frankreich toben bürgerkriegsähnliche Unruhen gegen einen Präsidenten, der bei der Einweihung eines neuen Bahnhofs von einem Ort spricht, in dem erfolgreiche Menschen auf jene treffen, die nichts sind (Originalzitat: „Dans une gare, on croise des gens qui réussissent et des gens qui ne sont rien“). Was für eine eitle Maskerade der Bevorrechteten, die genau wissen, wen sie zu den Bevorrechteten zu zählen haben, zumal sie selbst die Mechanismen der Bevorrechtung aus eigenem Erleben, aus der eigenen Karriere erfahren haben! Dieser Zynismus der Herrschenden wird die Beherrschten dazu veranlassen, ihren Respekt zu verlieren.

Zusatz, Berlin, 9. Mai 2019

Viele Zeitgenossen scheinen gar nicht bemerkt zu haben, dass das sogenannte Profiling nach Geschlecht, sexueller Orientierung, Herkunft, Religion o.Ä. gerade jenen Macht verleiht, die diese im Namen von Gleichberechtigung, Gerechtigkeit u.s.w. über andere ausüben. Dass diesen notwendigen und löblichen Postulaten damit äußerst selten gedient ist, liegt auf der Hand. Dass sie zu Instrumenten in den Händen dieser Wohlverteiler werden, die damit auch überall da, wo Stellen ausgeschrieben und Posten verteilt werden, Privilegien einräumen oder sie auch entziehen, ist eine allgemein anerkannte Einsicht. Aber dieser folgt kein adäquates Handeln, zumal man sich doch auf der richtigen Seite sieht. Gleichberechtigung ist aber nur dann möglich, wenn wir ungeachtet unseres Geschlechts, unserer sexuellen Orientierung, unserer Herkunft nach unseren Leistungen beurteilt werden.

Dies war unter besonders erstarrten patriarchalen Verhältnissen nicht der Fall, als Frauen der Zutritt zu Akademie und Universität versperrt war. Es ist gut, dass diese Zeiten der Vergangenheit angehören, und es ist richtig, dass noch mehr getan werden muss, damit Frauen einen gleichberechtigten Platz in allen Wissenschaften einnehmen. Aber dies darf nicht um den Preis neuer Ungerechtigkeiten geschehen, deren Opfer Frauen und Männer gleichermaßen sind. Ich weiß, dass ich hier von Selbstverständlichkeiten und Banalitäten spreche. Umso schlimmer für die Tatsachen, möchte man mit Ernst Bloch einwerfen. Umso schlimmer, dass wir hier von Banalitäten sprechen, die dem Normalisierungszwang zuwiderlaufen. An diesen Tatsachen wird sich zeit meines Lebens wohl nichts mehr ändern.

Ich habe Jahrzehnte gegen dieses Profiling gekämpft, das meine akademische Laufbahn zerstörte. Ich habe diesen Kampf, wie zu erwarten war, verloren und aufgegeben. Aber ich blicke ohne Zorn auf meine Zeit, die Emanzipation und Gleichberechtigung verhieß, ohne dass ich sie selbst jemals am eigenen Leibe erlebt hätte. Unter diesen Umständen fällt es mir jedoch nicht schwer, mir vorzustellen, wie Frauen einstmals behandelt wurden und z. T. auch heute noch behandelt werden können, wenn sie sich auf eine Professur bewerben. Weiterer Erkenntnisgewinn in unserer Zeit ist jedoch, dass wir nicht mehr Frauen sein müssen, um Missverhältnisse bei Berufungen, DFG-Anträgen zu erfassen. Sicherlich war dies auch weit früher schon der Fall, denn auch unter patriarchalen Bedingungen galt unter Männern nicht die volle Gleichberechtigung. Was war mit jüdischen Wissenschaftlern, die nicht erst durch die Nazis diskriminiert wurden? Und natürlich geht es auch Frauen heute nicht unähnlich, wenn sie es unter vermeintlich frauenfreundlicheren Bedingungen trotz ihrer Leistungen keine berufliche Anerkennung finden. Aber zu keiner Zeit wurde soviel von Chancengleichheit gesprochen wie in der unsrigen. Und zu keiner Zeit wurde soviel geheuchelt wie in der heutigen.

Es wird späteren Generationen, Akademikerinnen und Akademikern, vorbehalten bleiben, diesen Kampf auszufechten und so mehr Chancengleichheit zu erwirken.

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01-2019: Transitzeit (2018/19)

Seit Wochen überlege ich, wie und mit welchen Worten ich mich wieder bei meinen Lesern melde. Seit meinem letzten Eintrag (2018-04) ist nicht nur der Sommer, sondern auch das Jahr vergangen. Ich fand einfach keinen Anknüpfungspunkt zu meinen letzten Blog, in dem ich nochmals auf den Umstand einging, dass sich Romanisten nicht nur durch abgesicherte, mehr oder weniger gut bezahlte akademische Positionen geehrt werden, sondern auch außerhalb von Universitätsmauern wiederfinden. Dass letztere eher im Schatten stehen und von Gesellschaft und akademischer Nomenklatur übersehen werden, liegt auf der Hand. Gute Freunde haben mir jedoch immer davor gewarnt, mich in Selbstmitleid einzuschließen.

Ich hoffe aber, dass mein letzter Blog nicht in diesem Sinne verstanden wird. Denn Selbstmitleid ist sicherlich die letzte Droge, die wir als Privatdozenten oder arbeitslose Akademiker gerade brauchen könnten. Ein Narkotikum, das unsere Schmerzen über die eigenen Misserfolge kaum lindern kann und vielmehr genau die Sache jener betreibt, die zu eben diesen Misserfolgen beigetragen haben. Es geht mir jedenfalls nicht um Selbstmitleid, sondern darum, mir in den letzten zehn Jahre mit den Mitteln selbst zu helfen, auf die ich mich am besten verstehe, mit denen der Sprache. Der Prozess des Schreibens nimmt sich nicht nur wie eine Bühne aus, auf dem die laut gedachten Gedanken tanzen und sich von schlechten Gefühlen im kathartischen Sinn reinigen. In ihm gewinnt man auch neue Einsichten über seine Mitwelt, zumal auch diese daran teilnehmen kann.

Es ist durchaus möglich, dass mir manche Leser meine Offenheit übel genommen haben, da sie der Ansicht sind, dass man die eigene Person nicht so sehr in den Vordergrund rücken sollte, vor allem aber, dass man Probleme, die sich aus der eigenen akademischen Vita ergeben, niemals öffentlich zur Sprache bringen sollte. Ich will nicht ausschließen, dass ich mit meinem Blog selbst zu dem bekannten Umstand beigetragen habe, dass ich nicht zum Professor berufen wurde. Demokratie pflegt letztlich leider immer dann zu enden, wo die konkreten Arbeits- und Lebensumstände zu beginnen pflegen.

Wahrscheinlich war ich zu naiv, zu sehr von der Bedeutung dessen überzeugt, was wir in unseren Seminaren über Postmoderne und Postkolonialismus zum freien Aushandeln von Wertvorstellungen, zum Vermeiden von Essenzialismen diskutiert haben. Ich war viel zu sehr davon überzeugt, dass diese Zäsuren in unserem Denken doch auch Auswirkungen auf unser zwischenmenschliches Handeln und unseren Alltag haben müssten, dass sich diese nicht auf eine bloße Gedankenakrobatik zu beschränken hätten. Was mich stets enttäuschte, waren jene akademischen Mit- und Nachdenker, die mit der Realität anders umzugehen pflegten als mit ihren theoretischen Steckenpferden. Aufgrund meiner theoretischen Skepsis hätte ich es besser wissen müssen, zumal ich die grandiosen Widersprüche zwischen Theorie und Praxis aus den 1970er Jahren der ML-Bewegung zur Genüge habe kennen lernen dürfen.

Ich spreche von der Vergangenheit. Mit dem letzten Jahr ist für mich die Einsicht gekommen, dass ich kein Akademiker im Vollzeitmodus mehr sein werde und damit ein wichtiger Zeitabschnitt in meinem Leben endgültig einen Abschluss gefunden hat. Ich bin extra muros und freue mich darauf, dass in zwei Jahren eine andere, vielleicht noch wichtigere Phase ihrem Ende entgegen geht. Ich werde dann im Rentenalter sein und mich endgültig dem zuwenden, was ich immer als mein eigentliches Ziel angesehen habe, zu schreiben und evtl. auch noch zu lehren, sofern die Studenten es wollen und die Universitätsverwaltung es erlaubt. Vielleicht würde es mich auch freuen, meine Teilnahme an Kongressen und Tagungen anmelden zu können, zu denen ich nunmehr ohne Sorge um Listenplätze beitragen kann.

Damit wird sich auch dieser Blog allmählich verwandeln. Der Ort der Selbstverständigung über die verlorene und verworrene Lage eines Privatdozenten wird neuen Aufgaben weichen. Aber dieser Blog wird sich stets besonders jenen jüngeren Lesern bzw. Kollegen zuwenden, die sich in meiner bisherigen Situation wieder erkennen und ebenso wie ich nach Orientierung suchen, dabei aber weitaus jünger sind als ich und demnach noch einen viel weiteren, womöglich noch steinigeren Berufsweg vor sich haben. Dennoch wird sich die Bedeutung allmählich zugunsten aktueller Fragen, auch der politischen und kulturellen Gegenwart, verschieben müssen. Man kann nicht ewig mit Abschiedsgesten auf sich aufmerksam machen, wenn der Zug schon lange an einem vorbeigefahren ist. Vielmehr gilt es neue Wege zu beschreiten, auch wenn diese unvertrauter erscheinen mögen als jene auf einem Campus.

In den letzten Jahren hatte ich immer wieder vergebens gehofft, ich könnte noch einmal eine Vertretung übernehmen und so die Zeit meiner Privatdozentur beenden. Aber was schon für Rentner zutreffend ist, nämlich dass sie in der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen werden, gilt heute auch schon für ältere Kollegen. Während ein liberales Milieu nach außen stets bemüht ist, jeden Verdacht des Rassismus von sich zu weisen, gehört Altersdiskriminierung in Kommissionen, DFG und anderen Einrichtungen zur Tagesordnung. Wenn Du eine bestimmte Altersgrenze erreicht hast, nützen Dir entgegen verlautbarter Meinung weder Zeugnisse noch Erfahrungen. Natürlich lässt sich à la longue etwas gegen diese Verhältnisse unternehmen, aber Du kannst nicht so lange warten, bis eine alternde Gesellschaft aufhört, ihrem sentimentalen Jugendwahn Adieu zu sagen. Bis dahin bist Du selbst zu einem so blinden Fleck geworden, so dass Du ohnehin nicht mehr bemerkt wirst.

Menschen in einer solchen Situation können sich aber nur dann wieder sichtbar machen, wenn sie sich zu Wort zu melden und im Rahmen enger Grenzen am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen. Wie selten zuvor finden wir uns heute in einer Welt wieder, die uns immer unverständlicher geworden ist. Als Geisteswissenschaftler haben wir aber die Aufgabe, unseren kulturellen Kosmos in Geschichte und Gegenwart zu verstehen und verständlich zu machen. Normalerweise tun wir dies, indem wir uns zu wissenschaftlichen Themen äußern. Auf diesem Blog werde ich zwar selbstverständlich keine wissenschaftlichen Beiträge publizieren, wohl aber auf entsprechende Projekte zu sprechen kommen, denen ich mich in Zukunft noch zuwenden werde. In diesem vorwissenschaftlichen Raum werden Fragen vorformuliert, die im wissenschaftlichen Diskurs noch weiter zu vertiefen sind.

Fortsetzung folgt

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2018-04 Romanisten ‚intra et extra muros‘

Wer in seinem Leben ein gewisses Alter erreicht hat, dürfte eine ungemein große Menge von Zeitgenossen kennengelernt haben. Anlässlich meiner Dissertation musste ich seinerzeit zahlreiche portugiesische Theaterstücke lesen, von denen mir besonders eines in guter Erinnerung geblieben ist. In diesem existenzialistischen Mehrakter mit dem bezeichnenden Titel Condenados à vida (1963; zu Deutsch vielleicht Zum Leben verurteilt) von Luís Francisco Rebello geht es um die Frage, wie Menschen ins Leben finden, welchen Weg sie einschlagen, wohin sie gehen wollen und wo sie schließlich ankommen. Das Bild, das im Stück gewählt wird, ist ein großer Bahnhof mit ein- und ausfahrenden Züge. Menschen, so glaube ich mich zu erinnern, blicken einander an, wechseln beim Umsteigen ein paar Worte miteinander, um dann ihre Reise fortzusetzen. Ich fand dieses Bild damals schon ansprechend, da es tatsächlich unsere Lebenswirklichkeit wiedergibt. Wir treffen Menschen, lernen sie vielleicht ein wenig oder auch besser kennen (und vergessen dabei zuweilen auch ihre Namen), um sie alsbald wieder aus den Augen zu verlieren, so als hätten sie niemals für uns existiert, wie auf einer Durchreise, wie wir sie im Übergang von einer Phase unseres Lebens zu einer anderen erleben, oder manchmal auch von einem Drama zum anderen. Alles erscheint oftmals so flüchtig und konturlos, und doch bleiben selbst in diesen flüchtigen Begegnungen noch Erinnerungen an Menschen, die einmal unseren Alltag kreuzten.

So unüberschaubar die Anzahl der Menschen ist, die einmal Teil unserer Gespräche, bisweilen sogar unseres Handelns wurden, so sehr verengt sich doch die Sicht, wenn wir auf unser Studium zurückblicken. Die Kommilitonen, die sich wie ich der Romanistik zuwandten, lassen sich zwar nicht an einer Hand ablesen. Und doch bleibt ihre Gruppe übersichtlich genug, um die wichtigsten unter ihnen noch mit Namen zu kennen. Als ich meine Dissertation abschloss, nahm ich zwar nicht an, dass ich ein Orchideenfach studiert hatte, aber eben auch nicht ein solches Massensortiment wie Jura, Betriebswirtschaft oder Ingenieurwesen. Immerhin werden auch an den Romanischen Seminaren und Instituten massenhaft Lehrer für den Französisch-, Spanisch. Und Italienischunterricht ausgebildet, die dazu bestimmt sind, auf die inzwischen unterbesetzten Stellen an den Schulen nachzurücken.

In einem größeren Kreis der Atlantikbrücke, zu der ich vor zwölf Jahren einmal eingeladen worden war, musste ich allerdings erkennen, dass ich mit meiner Annahme im Irrtum war. Zahlreiche prominente, aber auch weniger bekannte Leute gaben damals zu erkennen, dass sie französische Literatur- oder spanische Sprachwissenschaft studiert hatten. In ihrer Mehrzahl schienen sie ihren Beruf oder ihre Berufung in anderen Bereichen gefunden zu haben. Sie machten mir dennoch seinerzeit ausnahmslos Mut, meinen Traum von einer Lehr- und Forschungstätigkeit in diesem schönen Fach nicht aufzugeben und vor allem optimistisch in die Zukunft zu blicken. Natürlich bin ich ihren Rat, so gut ich konnte, gefolgt. Es erübrigt sich, heute über diese Naivität zu lächeln oder darauf gar mit Zynismus zu reagieren.

Da ich heute kaum noch Gelegenheit habe, mich mit Kollegen über die wohl nicht ganz unproblematische Situation unserer Disziplin auszutauschen, dachte ich, nun ganz und gar extra muros zu sein. Was hatte der Deutsch- und Integrationsunterricht für Migranten und Flüchtlinge schon mit Absolventen oder Studienabbrecher der Romanistik zu tun? Doch auch jetzt muss ich umso mehr erkennen, dass unzählige Kollegen auch aus unserem Fach kommen. Angesichts des Umstands, dass sich so viele helle Köpfe unter ihnen befinden, kann ich mich heute fast über den überstürzten Ausgang meiner Universitätslaufbahn hinwegtrösten. Allerdings nur fast, denn auf habilitierte Kollegen bin ich bis jetzt jedenfalls nicht gestoßen. Nichtsdestotrotz überrascht mich die große Zahl an guten Leuten, die unserem Fach den Rücken zugewandt haben und sich nolens volens umorientieren mussten. Es ist zumindest schön, sich nicht als Einzelgänger außerhalb der schützenden Mauern der Hochschule fühlen zu müssen.

Was aber geschieht mit jenen glücklichen oder vielleicht auch unglücklichen Kollegen, die die Chance haben, ihren Beruf intra muros ausüben zu können. Von nicht wenigen weiß ich, dass sie mit Erleichterung in den Ruhestand gegangen sind, weil sie die katastrophalen Auswirkungen des Bolognaprozesses für dieses interdisziplinär-komparatistischen Faches nicht mehr ertragen konnten, weil sie um die Freiheit ihrer Lehre fürchteten und nicht zuletzt, weil sie daran verzweifelten, dass ihre Professuren nach ihrer Emeritierung abgewickelt werden sollen. Noch immer soll es Menschen geben, die sich auch ein Leben nach ihrem eigenen Ableben vorstellen wollen und viel dafür tun, dass nach ihnen eben nicht die Sintflut kommt. Andere wiederum haben genug von einer an sich hochqualifizierten Lehre, die den vielfach unvorbereiteten Studenten nicht mehr entsprechen mag. Und daran haben diese nur einen recht maßvollen Anteil. Was sollen sie denn tun, wenn hinter ihnen kulturelle Traditionen zusammenbrechen, auf die sie selbst längst nicht mehr bauen können? Andere Kollegen mögen vielleicht erkennen, dass sie nicht unbedingt den richtigen Beruf gewählt haben, oder besser gesagt, dass man sie nicht auf die richtige Stelle gesetzt hat. So vertraute mir ein Kollege unlängst an, dass er wohl als Bibliothekar am richtigeren Platz gewesen wäre als auf einem Lerstuhl.

Doch was soll man tun, und damit kehren wir zu jenem Bild zurück, mit dem wir diesen Blog eingeführt haben. Man begegnet sich auf einem imaginären Bahnhof des Lebens. Üblicherweise nimmt man den Zug, von dem man glaubt, dass er am angestrebten Ziel ankommen mag. Nicht alle bekommen aber den Fahrschein, den sie sich so gewünscht haben. Die einen treffen genau die richtigen Menschen, von denen sie nach vorne geschoben werden, die anderen verfehlen eine solche Begegnung, vielleicht weil ihnen die Lektüre immer wichtiger war als Zufallsbekanntschaften, oder um im Jargon zu bleiben, als Seilschaften, die im stickigen akademischen Milieu, gleichgültig ob unter Herren- oder unter Frauenherrschaft, schon immer so wichtig waren. Wieder andere, aber nur wenige, sind hingegen so stark, eigensinnig und überzeugend, dass sie weitgehend ohne Protektion zum Ziel kamen, wohl weil sie An- und Abfahrtszeiten stets im Kopf hatten. Die Angehörigen dieser Gruppe habe ich immer am meisten bewundert. Traurig ist dabei nur, dass sie meinesgleichen nicht als Verbündeten angesehen haben, um Protektionismus jeder Form den Garaus zu machen.

Als habilitierter Romanist und Integrationslehrer habe ich mich längst von jenen Regionen entfernt, in denen ich meinem Leben ein glücklicheres Ziel zu geben hoffte. Der Zug fährt immer weiter und bringt mich an Ufer, die für mich nicht unbedingt neu, in jedem Fall aber ungewohnt und anstrengend sind. Meine Ziele werde ich nicht mehr erreichen, wohl aber die Gewissheit, dass mein Zug größere Distanzen zurücklegen musste als jene, die ihre Fahrgäste aufgrund eines Rufs direkt zum Ziel brachten, vielleicht auch, dass ich mich nun sehr konkret und praktisch mit den Konsequenzen von Migration auseinandersetzen muss und mich nicht mehr in postmodernen Denkgebäuden vor dieser oft anstrengenden und mitunter auch deprimierenden Wirklichkeit verbergen kann. Ich musste häufig umsteigen, musste bei einer Vertretung immer gewahr bleiben, dass es vielleicht die letzte sein würde, bis es schließlich tatsächlich auch die letzte war. Und doch obwohl ich in eine Richtung fahre, in die ich niemals wollte, treffe ich doch Gesichter, die mir nicht fremd sind und mich an meine ursprünglichen Ziele erinnern. Niemals geht man so ganz…

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2018-03: Nachdenken über Trump

P1010083.JPGJedermann beschäftigt sich mit Trump und seinen Allüren. Nachdem dieser auch in unseren Chroniken des letzten Jahres eine besondere Rolle gespielt hatte, soll hier somit wiederum von ihm die Rede sein. In den Medien erscheint der amerikanische Präsident geradezu als eine Art Ubu Roi, jener skandalösen Titelfigur aus dem gleichnamigen Stück von Alfred Jarry, die sich mit Gewalt und Lächerlichkeiten zum König von Polen erklärt. Die eigentliche Politik dieser Karikatur eines Monarchen (in der Moderne erscheinen alle Monarchen irgendwie lächerlich, weil nicht sie es sind, die ihre Krone tragen, sondern vielmehr selbst von dieser getragen werden) weicht gegenüber seinen zumeist beklagenswerten Charakterzügen zurück. Narzissmus, Überheblichkeit, Großspurigkeit und verletzte Eitelkeit, um nur einige wenige dieser missratenen Merkmale einer verschlissenen Persönlichkeit zu erwähnen, nehmen einen so dominanten Platz ein, dass man leicht darüber vergessen könnte, um wen es sich dabei handelt.

Es geht schließlich nicht um Familiengeschichten von Onkel Heinz und Tante Agathe, sondern um die res publica, d. h. um eben das, was unsere gemeinsame Sache sein müsste, die Politik. Diese bloße Verkehrung der Politik in ein Boulevard kommt der Tendenz entgegen, die sich in der gesellschaftlichen Debatte, in den sozialen Medien breit macht. Statt sich auf die Suche nach politischen Lösungen zu begeben, begnügt man sich mit kluger Moral, eingedenk der Tatsache, dass die öffentlichen Dinge immer undurchschaubarer werden. Zum Spielball gegenläufiger Interessen geworden, zum Fachgebiet von Spezialisten und Technokraten, erscheint die Politik nicht mehr als Ort des Diskurses über notwendige Veränderungen in Staat und Gesellschaft. Was sich an geeignetem Ort nicht mehr in genügendem Maße realisieren kann, muss auf die Moral ausweichen, auf die bessere natürlich. Denn an dieser können natürlich auch die Unbedarftesten ihren Anteil haben; jeder kann seine politisch korrekte Meinung abgeben. Nicht selten geht man häufig von strengen Prinzipien aus, die man vor den Widrigkeiten des Lebens bewahren will, wohl wissend, dass das Leben die eigenen ehernen Gesetze relativiert.

Der amerikanische Präsident spielt in diesem Zusammenhang gerade deshalb eine probate Rolle, weil er mit seinen Skandalen, einfältigen Reden, konfusen Unterstellungen und Bezichtigungen an einer chronique scandaleuse schreibt, die beständig alle möglichen Tabus des öffentlichen Diskurses bricht. Was dabei aber außer Sichtweite gerät, ist wiederum die Politik selbst. Die Gründe, die zum Aufstieg Trumps führten, erlangen dabei eher ebenso wenig Aufmerksamkeit wie die Motive, die hinter seiner Politik stecken. Um es nochmals deutlich zu sagen. Herr Trump verdient alles andere als unsere Sympathie. Aber ebenso abwegig erscheint es, so einseitig der etablierten Politik zu folgen, die sich mit einer vermeintlich besseren Moral dem amerikanischen Ubu Roi entgegenstellt. Eine wirkliche Alternative wäre es freilich, in dessen Politik einen rationalen Kern zu suchen, der die Grenzen der bisher eher wenig zufrieden stellenden Antworten sprengt.

Nehmen wir Trumps Klagen über die Nachteile, die der amerikanischen Wirtschaft beim Export ihrer Waren nach Übersee erwachsen. Es ist allgemein bekannt, dass der europäische Zoll höhere Schranken aufstellt, als dies bei den Amerikanern der Fall ist. Natürlich könnten die reichen westlichen Länder einen Kompromiss schließen, um diese Schranken auf beiden Seiten zu senken und Handelskriege zu vermeiden. Doch gerade in dieser Hinsicht spielt der amerikanische Präsident, wohl eher unwillentlich, wenn nicht sogar unwissentlich, einen advocatus diaboli. Denn ist es nicht so, dass gerade die armen afrikanischen Länder über die ungerechten Verträge stöhnen, die ihnen von der Europäischen Union mit Druck und Zynismus aufgezwungen wurden? So gilt die Entrüstung der öffentlichen Moral dabei einzig und allein dem Flüchtlings- und Migrantenelend, das, soweit es Afrika betrifft, doch gerade Ergebnis einer zutiefst ungerechten Weltwirtschaftsordnung ist.

Der öffentliche Diskurs bleibt weitgehend bei deren Symptomen stehen, in denen sich menschliches Leid reproduziert. Er müsste aber viel stärker auf den Umstand eingehen, das Afrika einerseits unter dem freien Handel der Europäer leidet, andererseits aber eben auch Opfer einer europäischen Politik ist, die einen freien afrikanischen Handel nach Europa unterbindet. Man könnte aus der Politik Trumps insoweit Vorteile ziehen, als man die sich daraus entwickelnde Unordnung dazu nutzt, um so neue gerechtere Regeln zu entwickeln, die die alleinige Handschrift immer gleicher Mächte nicht mehr akzeptiert. Denn ist es nicht so, dass die Europäische Union an ihrer eigenen Heuchelei krankt, wenn sie sich einerseits für den freien Welthandel stark macht und dabei weinselig die Ode an die Freude intoniert (‘Wir werden doch alle Brüder’), andererseits aber ihre Zollschranken zum Schutz ihrer eigenen Märkte hochsetzt? Die Positionen der EU sind beileibe nicht so philanthropisch, wie sie es vorgeben zu sein. An diesem Widerspruch ließe sich doch ansetzen.

Aber ebendies würde einen Diskurs erfordern, der zunächst zur Analyse neigt und erst dann eine entsprechende Moral generiert. Denn Moral kann Politik nicht ersetzen, sondern eben nur bedingen, eine Banalität, die unter heutigen Bedingungen fast wie eine Weisheit anmutet. Das Beharren auf einer unumstößlichen Moral ist nicht selten mangelnden Kenntnissen in der Sache geschuldet. Es ist daher häufig Ausgangspunkt für einfache Antworten, das in dieser Hinsicht moralische Tabubrecher und Populisten zu nicht zu weniger simplen Positionen herausfordert.

Wie viele andere Zeitgenossen tue ich mich schwer damit, den bislang herrschenden Eliten in Wirtschaft und Politik gegenüber Trump einfach Absolution zu erteilen. Denn immerhin sind sie es doch, die auch auf anderen Politikfeldern dazu beigetragen haben, dass sich Populisten in Europa und den USA breit machen konnten. Aus meiner Sicht ist der politische Kanon nicht eben dazu geeignet, das Gewicht dieser Herrschaften zu verringern. Es bedarf vielmehr einer dritten Kraft, die sich aus allen Teilen des demokratischen Spektrums sammeln und über die alten ideologischen Gräben hinausgehen müsste.

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2018-02: Repressive Toleranz als alte und neue Form der Gewalt

Mitte der 1960er Jahre sollte einer der großen Theoretiker der späteren Studentenbewegung, Herbert Marcuse, einen Begriff prägen, der auch zum Verständnis unserer heutigen Debatten von Nutzen sein kann: die repressive Toleranz. Dieser ehrenwerte Begriff, allerdings ohne das beigefügte Adjektiv, war schon ein Axiom der (französischen) Aufklärung geworden. Er setzte einen Kontrapunkt zu jenem Fanatismus, dessen Quellen und Auswirkungen stets auf Aberglauben und Obskurantismus zu verweisen pflegten. Eine von der absolutistischen Macht korrumpierte Kirche setzte weniger auf die Macht des Glaubens und der Ideen als auf eine Gewalt, die an die niedrigsten Instinkte der Massen appellierte. Der Justizskandal um die Hugenottenfamilie Calas, der Frankreich in den 1760er Jahre erschütterte, nahm Voltaire zum Anlass, um unmittelbar in die politischen Verhältnisse einzugreifen. Philosophen wie Rousseau machten die Toleranz zum Herzstück ihrer Zivilreligion.

In den modernen westlichen Demokratien avancierte der Begriff geradezu zur Grundlage pluralistischer Parteiensysteme. Doch eben diese trügerische Etablierung in die moderne Staatsräson war es, die Marcuse dazu bewogen hatte, von einer repressiven Seite der Toleranz zu sprechen. Denn auch demokratische Regierungen üben sich da in repressiven Praktiken, wo sie ihre Interessen, Grenzen, Vorteile und strategische Erwägungen gefährdet sehen, eben so, wie es auch Diktaturen zu tun pflegen, die sich dabei allerdings wenig um die Toleranz anderer Meinungen zu scheren pflegen. Im Namen der Demokratie werden allerdings gerade auch Maßnahmen legitimiert und verteidigt, die nicht unserer Toleranz bedürfen, sondern eher unseren Widerstand zu spüren bekommen sollten. So werden Bündnisse mit manifesten Tyranneien geschlossen, Lobbyvertretern mehr Gehör und Beachtung geschenkt als Argumenten und Kriege geführt, um den Status Quo einer zutiefst ungerechten Weltwirtschaftsordnung aufrecht zu erhalten, als die sie Papst Franziskus jüngst bezeichnet hatte.

Damit aber wird der Geist der Toleranz in sein Gegenteil verkehrt. Unter den heutigen Bedingungen der politischen und sprachlichen Korrektheit erhält der in sich paradox erscheinende Begriff einen weiteren Begründungszusammenhang. In den letzten 25 Jahren hat sich politisches und gesellschaftliches Klima durchgesetzt, das nicht wenige auch noch für denkbar links, liberal und freiheitlich halten. Nicht verhindert wurde damit das Entstehen einer Gegenöffentlichkeit, die sich zwar Versatzstücke linker Politik zunutze macht, dabei aber zugleich an reaktionäre Dämonen appelliert. Deren sprachliche Entgleisungen können aber nur als Provokationen gelten, die die rational nicht immer nachvollziehbaren Grenzen des Sagbaren sichtbar machen. Um es klar zu sagen: Rassistische und antisemitische Diffamierungen haben nichts mit einem rationalen Diskurs zu tun, der sich zurecht gegen approbierte Wortpirouetten und Wendungen wehrt. Darin liegt doch gerade der Respekt vor sozialen und kulturellen Differenzen, vor anderen Meinungen, vor anderen sexuellen Orientierungen. Im öffentlichen Diskurs und Disput sollte es stets um die Sache gehen, bei der Herabsetzungen politisch Andersdenkender im Gegensatz zum Begriff der Toleranz keinen Platz haben.

Aber es ist nicht einzusehen, dass wir die Räume jenseits von Beleidigungen und bloßen Provokationen nicht ausloten und auch besetzen dürfen, selbst wenn hier das gewohnte Terrain der politischen und sprachlichen Korrektheit verlassen wird. Die neue repressive Toleranz greift überall da, wo streitbare Meinungen und Positionen Sprachregelungen zu verletzen drohen, die wie stillschweigende Vereinbarungen gehandelt werden. Diese erinnern an einen autoritären Chef, der ohne Absprache mit seinen Mitarbeitern Anordnungen trifft, die er aber ausdrücklich als Ergebnis von Vereinbarungen ausgibt. Doch gerade politische und sprachliche Korrektheiten sind es, die den Provokateuren in die Hände spielen. Denn diese können sich vor diesem Hintergrund als Befreier gerieren, denen es lediglich um die Freiheit von Andersdenkenden geht.

In der Universität gilt eine problematische Genderpolitik, die Dozenten wie Studenten umständliche und unelegante Formulierungen aufnötigt. Ich erspare mir, an dieser Stelle Beispiele zu geben. Wer diese Regeln nicht einhält, gerät recht rasch in Verdacht, ein Chauvinist zu sein, Frauen zu verachten und Schwule zu diskriminieren. Abgesehen davon, dass ich jede Gesinnungsschnüffelei für falsch halte, frage ich mich doch, ob all jene Sprecher, die im Sinne der oben angezeigten Sprachregelung handeln, tatsächlich keine Chauvinisten sind, Frauen nicht verachten und Schwule nicht diskriminieren. Eine nickende sprachliche Maske ist aber nicht zwangsläufig das Gesicht des Sprechers. Die Befürworter sprachlicher Korrektheit unterliegen dem naiven Urteil, dass sich in der Sprache auch immer das Reale ausdrücken muss. Dass dies in der Hochschule geschieht, ist umso schmerzlicher, als doch gerade hier in Literatur- und Kulturwissenschaft eigentlich bessere Einsichten über die Moderne gewonnen wurden. Der öffentliche Diskurs wird so gegängelt oder gar unterbunden, so dass kreative Auseinandersetzungen im Rahmen angstfreier und offener Debatten entlang gesellschaftlicher Konfliktlinien kaum noch eine Chance haben. Besonders eher diskursunerfahrene Menschen fürchten sich, Positionen zu vertreten, die womöglich nicht immer dem erreichten Stand der Diskussion entsprechen oder lieb gewordene Steckenpferde des sogenannten Mainstreams zur Disposition stellen. Sie können so leicht Opfer von Provokateuren werden, die sie vereinnahmen und zum Spielball ihrer Interessen machen.

Repressive Toleranz macht sich aber auch an anderer Stelle im Wissenschaftsbetrieb bemerkbar. Wissenschaftliche Schulen und Theoriezusammenhänge sind häufig nicht Grundlagen eines notwendigen Austauschs und Dialogs, sondern stecken vielmehr Einfluss- und Interessenssphären ab, in denen immer noch Meisterdenker herrschen, ohne dass diese aber als solche angesprochen werden wollen. Wer in den Geisteswissenschaften Erfolg haben will, sollte möglichst weiblich und jung sein, um sich dabei dann einem theoretischen Zusammenhang anzuschließen, der es im wissenschaftlichen Diskurs zu etwas gebracht hat. Eigenständige oder gar eigenwillige Positionen haben da am allerwenigsten eine Chance, wenn sie von Männern geäußert werden, die der Genderpolitik (nicht so sehr der entsprechenden Theorie) auch noch skeptisch gegenüber treten. Diese haben dann als so ‚misogyn‘ und ‚phallozentrisch‘ zu gelten, dass ihnen kein Platz mehr an einer deutschen Hochschule beschieden sein kann.

Was viele Zeitgenossen gar nicht zu begreifen scheinen, ist der Umstand, dass auch heute ein Normalcode oder, um es mit Michel Foucault zu sagen, ein Normalitätsprofil gesellschaftliches und individuelles Handeln bestimmt. Man könnte nun einwenden, dass wir Menschen individueller geworden sind und gar unsere Individualität allerorts zelebrieren. Auch das heute keine Scheiterhaufen der Inquisition mehr brennen, keine Hexen im diesseitigen Fegefeuer landen. Doch heute sind derartige Utensilien nicht mehr notwendig, um Hexenjagden zu veranstalten und Menschen in die Isolation zu treiben. Was im 16. oder 17. Jahrhundert schon als mächtige Waffe galt, fällt heute im Wettstreit der Medien umso mehr ins Gewicht: die Macht der öffentlichen Meinung, die aufgrund ihrer wankelmütigen Natur nur allzu leicht zum Opfer von Demagogen werden kann. Es ist sogar so, wie es Foucault bereits in den 1970er Jahren für die westlichen Gesellschaften diagnostiziert: Gerade in den Gesten vermeintlicher Befreiung, die so sehr den Mainstream ausmachen, liegen Momente einer kaum erkannten Repression.

Alles im allem. Unser gesellschaftlicher Diskurs ist alles andere als von Toleranz geprägt. In ihn fließen vielmehr jene Grenzen ein, die der freien Rede gesetzt sind. Denn die repressive Toleranz lässt es nicht zu, dass sich mit den besten Argumenten auch Innovationen durchsetzen, sondern dass mit den ohnehin Einflussreichen auch das Vorhersagbare siegt. Meister wollen ihre Ebenbilder produzieren, die indes nicht besser sein können als ihre Originale.

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2017-6 Auf ein neues Jahr

Das Jahr ist im Rückblick rasch vorbeigezogen. Wenn ich aber an einzelne Tage oder gar Momente zurückdenke, dann hat es sich wie eine langsame Bahn von Station zu Station vorwärtsgeschraubt, ohne große Einsichten, vielleicht bis auf diese, dass es schwer ist, alte Gewohnheiten aufzugeben und sich in ganz neuen und anderen Lebenslagen zurechtzufinden. Wer diese Entwicklung durchgemacht hat, wird vor allem den Verlust an Freiheit beklagen, der sich mit dem Leben einer Honorarkraft einstellt. Jene Zeitgenossen, die nichts anderes kennen, werden aufgebracht widersprechen und daran erinnern, dass man doch schließlich sein eigener Herr ist, der seine Zeituhr selbst aufzieht und damit seine Arbeitsstunden so gestalten mag, wie er mag. Dies ist zwar richtig, aber der Universitätsbetrieb hat seine Freiheiten, die in nichtakademischen Arbeitszusammenhängen kaum bekannt sein dürften. Nun ist jede Stunde gezählt, weil jede Stunde ihren Termin hat, der zuweilen schwer ausgehandelt werden muss. Und jeder Termin ist nicht nur Lebenszeit, sondern auch Verdienst, um den zu ringen ist. Ich hätte nicht gedacht, dass ich als Angestellter eine solche Kraft gehabt hätte, mich auf diesem Markt so gut zu bewähren, auch wenn ich mir diesen Umstand nicht allein zu verdanken habe. Denn es hat freilich immer zahlreiche Leute gegeben, die mir das Arbeitsleben durch ihre Freundlichkeit und Hilfe so ungemein erleichtert haben.

Dieser tiefe Fall aus den Höhen der Akademikerherrlichkeit vor vier Jahren ließ mich anfangs Schlimmes befürchten, aber inzwischen habe ich zu meiner alten Sicherheit zurückgefunden. Und vielleicht sind derartige Schicksalsschläge nur Anlass, um noch stärker zu werden. Womöglich ist dies geradezu ein körperlicher Vorgang, der größere Vitalität mit sich bringt, damit wir die um so größeren Herausforderungen auch besser bestehen können. Doch die Schwierigkeiten und Enttäuschungen brechen nicht ab. Einen gewissen Halt hatte ich über Jahre an der Humboldt Universität durch meine Lehraufträge erfahren, die – obschon nicht bezahlt – mir aber von Seiten der Studenten viel Anerkennung eingebracht haben. Inzwischen sollen diese Aufträge aber honoriert werden, was einerseits sicherlich auch absolut gerechtfertigt ist, andererseits aber nun dazu führen wird, dass ich nicht mehr in jedem Semester meine Lehrtätigkeit fortsetzen kann. An den romanischen Seminaren in Berlin spricht man inzwischen von einem Überangebot, das bestehende feste Stellen in ihrem Bestand gefährdet. Lehrbeauftragter bedarf es daher um so weniger, zumal sie doch nur eine störende Größe für derlei Berechnungen sind. Ich hätte mich gern weiterhin mit einer unbezahlten Lehrtätigkeit abgefunden, da ich als Privatdozent ohnehin auch nur ein höchst ‚privater‘ Dozent bin, in dem Sinne nämlich, dass die Hochschule nur noch Ort meines privaten Zeitvertreibs ist. In beruflicher Hinsicht wurde ich buchstäblich aus der Universität vertrieben, aus meiner Heimat vertrieben. So ist heute noch nicht einmal mehr möglich, eine Tätigkeit als ständige Freizeitbeschäftigung auszuüben, auf die man sich über Jahrzehnte in Prüfungen und Publikationen vorbereiten musste. Es wäre abwegig, unter diesen Bedingungen von Wissenschaftsfreiheit zu sprechen, obschon hinreichend bekannt ist, dass alle Beteiligten vor Sachzwänge gestellt sind, die nicht sie zu verantworten haben.

Da nicht nur ich derartige Situationen hinzunehmen habe, zumal zahlreiche respektable Kollegen auf der Straße sitzen, werden sich die Verantwortlichen in Berufungskommissionen und Ministerien fragen müssen, ob ihre Entscheidungen gerecht und angemessen waren, ob sie den Interessen unseres Faches entsprachen. Aber diese Fragen pflegen in der sogenannten Gruppenuniversität mit ihren Einzelinteressen ohnehin unterzugehen, was gerade für eine strukturell so fragile Philologie wie die Romanistik von tragischer Tragweite sein dürfte. Dass die sogenannte Bologna-Reform, die sich heute eher wie eine Art Deformation ausnimmt, ihr Übriges dazu beigetragen hat, um diese Tendenz zu beschleunigen, ist zu einer Alltagsweisheit geworden. Die originäre Faszination der Romanistik beruht auf einem Gesamtzusammenhang, der komparatistisches Herangehen an Sprachen, Literaturen und Kulturen erst möglich und sinnvoll erscheinen lässt. Die Verschiedenheit der romanischen Räume, die in Europa, Nord- und Südamerika sowie Afrika von mehr als einer Milliarde Menschen bewohnt werden, ist jedoch inzwischen zu einer Geschiedenheit, Vereinzelung und Rivalität dieser Sprachen in der akademischen Sphäre verkommen. Kleine Fächer wie die Lusitanistik sind nahezu ganz verschwunden, obwohl es mir völlig paradox scheint, sich als Wissenschaftler dem lateinamerikanischen Raum zuzuwenden, ohne dabei etwa auch Brasilien zu berücksichtigen. Dass die Romanistik, in ihre Einzelphilologien zerfallen, demzufolge an Attraktivität verloren hat, ist aufgrund zurückgehender Studentenzahlen ebenfalls nur allzu offensichtlich geworden. Aber das ist eine andere traurige Geschichte, die auch anderswo schon erzählt wurde.

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2017-5 Aus: Wilhelm Raabe – Die Chronik der Sperlingsgasse – Kapitel 2

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Am 15. November Es ist eigentlich eine böse Zeit! Das Lachen ist teuer geworden in der Welt, Stirnrunzeln und Seufzen gar wohlfeil. Auf der Ferne liegen blutig dunkel die Donnerwolken des Krieges, und über die Nähe haben Krankheit, Hunger und … Weiterlesen

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2017-04 Wieder in Italien – Frühjahr 2000 – Sommer 2017

Z. Zt. bin ich in Italien und damit wieder an demselben Ort, in Punta Ala, den ich seit dem Ende der 1960er Jahre kenne. Manchmal ist eine Umgebung, eine Landschaft auch wie ein Buch, in dem die Zeit ihre Spuren einträgt. Wir erinnern uns früherer Zeiten, als wir an denselben Orten weilten, die einmal zur Kulisse von freudigen oder traurigen, ein anderes Mal komischen oder tragischen Erlebnissen wurden. Mehr als siebzehn Jahre sind es her, als ich hier einige Tage im Frühjahr 2000 verbrachte, um an einem Beitrag über den portugiesischen Dramatiker António José da Silva zu arbeiten, der im 18. Jahrhundert von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen im Zentrum Lissabon verbrannt worden war. Das Leben dieses gehetzten Juden hat mich seinerzeit sehr fasziniert, so dass mir die Arbeit recht leicht fiel, so leicht, dass der entsprechende Artikel bald einen beträchtlichen Umfang annahm.

Meine Stimmung war zu dieser Zeit doch sehr gut, hatte ch doch allen Widrigkeiten zum Trotz meine Habilitationsschrift bei der Fakultät in Leipzig eingereicht, so dass ich mir des Erfolges relativ sicher war. Außerdem war der Frühling in der Toscana so schön, dass ich nach schwierigen Jahren wieder neuen Lebensmut fassen konnte. Das Jahr 1999 war überaus anstrengend gewesen, hatte ich doch meine Schrift innerhalb weniger Monate beenden können, auch aufgrund des Umstands, dass ich seinerzeit stellungslos war und mir die ganze Tages- und Nachtzeit zur Verfügung stand, um mich dieser Tätigkeit zu widmen. Es gab keine Dienstobliegenheiten, die mich in meiner Arbeit behinderten, so dass ich mich ganz allein auf diese Aufgabe konzentrieren konnte. Der Abschluss dieser schwierigen Phase kommt mir zu einer Zeit in Erinnerung, in der das Ende meines Berufslebens absehbar ist. Seinerzeit hatte ich mit dem Ende der Habilitationsphase noch die berechtigte Hoffnung gehabt, eine berufliche Perspektive an der deutschen Hochschule zu haben. Heute weiß ich, dass ich einen schönen Traum geträumt, dass ich selbst eine éducation sentimentale erlebt habe.

Aber ich weiß auch, dass ich heute im Alter von zweiundsechzig Jahren anderen Tatsachen in die Augen sehen muss. Was mir heute noch bleibt, ist das Schreiben, das einem Wissenschaftler immer wichtiger sein sollte als akademische Ambitionen, Kongresse, Tagungen etc. Sicherlich, um die Bedeutung von Philologen, Geistes-, Kultur- oder Literaturwissenschaftlern ist es selten so schlecht bestellt gewesen wie heute. Aber es ist kaum damit zu rechnen, dass sie mit den häufigen Rendez-vous ihrer Berufsstände größere Achtungserfolge erreichen, so gut gemeint diese auch sein mögen. Diese Gedanken gehen mir heute durch den Kopf, wenn ich an das Frühjahr 2000 zurückdenke, das einen neuen Anfang zu versprechen schien.

Orte können Folien unserer Gedanken und Erinnerungen werden, besonders dann, wenn wir sie häufig, über Jahrzehnte, besucht haben. Als ich Punta Ala zuerst besuchte, war ich ein Junge von 14 Jahren, hatte gerade die siebente Klasse wiederholt, um ins Gymnasium überzuwechseln. Ich interessierte mich für Sprachen, las viel, und auch ziemlich viel durcheinander. In dieser Zeit hat es schreckliche Erdbeben in dieser Region gegeben. Einige Kleinstädte waren so sehr davon betroffen, dass die Hauswände und Fassaden mit Balken gestützt werden mussten, die von der einen zur anderem Seite über die Straßen gingen. Meine Eltern hatten Lebensmittel aus Deutschland importiert, da sie sich nicht sicher waren, das von ihnen Gewünschte auch in den zumeist noch kleinen Läden der Region zu erhalten. Das Leben war hier ebenso anders als in Deutschland wie die Fahrt von Berlin aus immer noch ein kleines Abenteuer war, besonders, wenn es galt, die zahlreichen Bergstraßen über die Alpen zu passieren. Auch das Italienische kam mir seinerzeit weniger flüssig als jetzt über die Lippen, so dass mir häufiger mein seinerzeit noch kümmerliches Schulfranzösisch zur Hilfe eilen musste.

Der Bau des Kondominiums war noch relativ neu. Eine deutsche Firma hatte es in Auftrag gegeben und war dabei in dn Konkurs gegangen. Immerhin war noch ein deutscher Verwalter für die gesamte Organisation zuständig. Und zahlreiche deutsche Urlauber verbrachten seinerzeit ihren Urlaub in dem Kondominium. Heute sind die Spuren deutscher Anwesenheit weitgehend erblasst. Nur der Name ‚Weltring‘ zeugt noch von dieser deutsch-italienischen Liebesgeschichte. Der Strand war noch relativ breit, denn es gab noch keinen großen Hafen, dessen Konstruktion die Strömungen in der Bucht komplett verändern sollte.

Ich denke gern an diese Zeit zurück, und wenn ich abends durch die leeren Gänge des Anwesens laufe, höre ich noch die Stimmen der deutschen Kinder und Jugendlichen, die sich mit denen der Italiener vermischten. Seinerzeit gab es noch eine Bar mit Spielautomaten und vor allem ein großes Fernsehgerät, das uns auch über die Mondlandung der Nasa berichtete. Es war eine Zeit der neuen Zuversichten, trotz Vietnamkrieg und Berliner Mauer. Es war eine Zeit des Übergangs, die aus alten Gewohnheiten in neue Ungewissheiten führte, wie ich sie selbst in meinem frühen Studienjahren erfahren sollte.

Diese und andere Erinnerungen sind an diesem Ort präsent, so dass mir eine Chronologie der Dinge entgleitet und ich manche Gedanken wahrscheinlich in eine andere Ordnung setze als es eigentlich zulässig wäre. In den späteren Jahren nahm ich zum Leidwesen meiner Eltern stets zahlreiche Bücher mit, die mir die Aufenthalte in Punta Ala zunehmend zur Lektüre werden ließen. Am Strand lernte ich ein älteres französisches Ehepaar kennen. Der spindeldürre Herr, der als Universitätsprofessor für moderne Philosophie in Rennes ansässig war, ließ in mir eine Vorstellung von akademischer Bildung aufkommen, wie ich sie mir zum Vorbild nahm und schließlich auch für mich selbst anstrebte. Dann schloss sich meinem Abitur alsbald ein Studium der Romanistik und Germanistik an der FU Berlin an. Doch der Sommer 1975 wurde zu einem vorläufigen Endpunkt in meiner Beziehung zu diesem geliebten italienischen Badeort. Erst nachdem ich dann meine Dissertation abgeschlossen hatte, konnte ich ihn dann im Sommer 1991 wieder aufsuchen. In der Zwischenzeit hatten sich meine Eltern getrennt, meine Mutter hatte wieder geheiratet, so dass ich erst jetzt wieder an meine alten Erinnerungen anknüpfen konnte. Doch in den Folgejahren sollte ich fast jeden Sommer wieder in Punta Ala sein, zumal ich dann mit dem Frühjahr 1993 in eine Assistentenstelle eintrat, die zur Habilitation führen sollte.

Seit dieser Zeit fühlte ich mich noch mehr mit diesem Ort verbunden, mit jener lateinischen Kultur, die meinem ‚Migrationshintergrund‘ ein wenig Sicherheit und Halt zu geben pflegt. Freilich hatte ich mir schon mit dem Lateinunterricht, der uns in den frühen 1970er Jahren von einem wunderbaren alten Lehrer erteilt worden war, eine Vorstellung von jener Sprachtradition erschließen können, die schließlich Grundlage der Romanistik ist. Aber nun als Habilitand erhielt ich den berechtigten Eindruck, auch im professionellen Sinn dazuzugehören, dabeizusein, vielleicht auch mit der Hoffnung, ein wenig so zu werden wie jener französische Professor, der seinerzeit am Strand Forschungsarbeiten las und zwischen den Lektüren seine Schwimmkünste zum Besten gab. Dieses Bild hat sich in mancher Hinsicht als trügerisch erwiesen.

Assistentenjahre sind Lehrjahre und als solche keine Herrenjahre, auch dann nicht, wenn sie sich im postmodernen Rahmen vollziehen, wenn in ihrem Verlauf tradierte Axiome der westlichen Geistesgeschichte aus deren Aufbau und deren Voraussetzungen zur Disposition gestellt, wenn diese ‚dekonstruiert‘ werden. Was wie ein intellektuelles Wagnis ausschaut, erweist sich letztlich als bloße Gedankenspielereien kluger, aber herrschender Geister, die keinesfalls lebende Hierarchien in Frage zu stellen beabsichtigen, schon gar nicht, wenn sie diese selbst bekleiden. Diese Strömung der Gegenwartsphilosophie scheint zur Rebellion, zur geistigen Libertinage einzuladen, aber nur ein recht naiver Mensch will diese Einladung auch tatsächlich annehmen und stellt dabei bestimmte Regeln in Zweifel, ein so naiver Mensch wie ich. Es müssen Zyniker geboren werden, die sich im postmodernen Denken wie bei einer Trimmdichspirale fit machen, während sie die prämodernen Gewichte hierarchischer Beziehungen im Leben noch mit sich herumtragen. Es ist wunderlich, in eine Zeit hineinzuwachsen, die mit großem Pathos jeglicher Ideologie entsagt, ihre Denkabstösse zugleich aber durch die Unfähigkeit zur Lebenspraxis selbst einem Ideologieverdacht aussetzt.

Inzwischen blicke ich gelassener auf diese Zeit zurück. Vieles habe ich gelernt, was mich mit der wissenschaftlichen Arbeit, aber auch mit mündlichen und schriftlichen Examina vertraut gemacht hat. Die Postmoderne erweist sich letztlich als eine radikal nominalistische Erscheinung, im Kleinen wie im Großen. Sie ist ein bloßes Gedankenexperiment und als solches tatsächlich ein intellektuelles Abenteuer, das aber keine nennenswerten Auswirkungen auf die Lebenspraxis haben dürfte. Während man strikte Oppositionen als ‚essenzialistisch‘ angesehen hatte, die aus einer historisch überlebten Epoche stammten, so sollte die Absage an dieses Axiom in der materiellen Wirklichkeit keine Bestätigung finden. Im Gegenteil, die weltweiten Konflikte beruhen auf eben jenen ‚verwunden’ geglaubten Oppositionen, ganz gleich ob diese zwischen Großmächten verlaufen, zwischen ideologischen Kontrahenten oder zwischen unterschiedlichen ökonomischen Interessen. Man gewinnt den Eindruck, dass sich das postmoderne Denken nachgerade als trotziges psychisches Kompensat für diese unverwüstlichen und umso unbarmherzigen Dualismen anbietet, als Herolde einer Avantgarde, die der Wirklichkeit bereit so weit vorausgeeilt sind, dass sie diese überhaupt nicht mehr treffen können. Es ist aber eine Ironie, dass die Theorie bereits dort von der Wirklichkeit eingeholt wird, wo sie entstanden ist, in der Universität selbst. Nicht nur ich, sondern auch unzählige andere Kollegen könnten ein Lied darüber singen. Doch wäre das postmoderne Denken über nette Accessoires hinausgegangen und zur materiellen Wirklichkeit geworden, dann würden wir unser Leben wohl nicht mehr wieder erkennen. Es wäre vielleicht nicht unbedingt ein besseres Leben, aber sicherlich ein gelasseneres Dasein, in dem die Hierarchien flacher, die Beziehungen unaufgeregter und die Forschungsbedingungen förderlicher wären, als wir dies heute eben erleben. Wäre dies in einer Stadt wie Leipzig möglich gewesen, so wäre dies ein intellektueller Triumph an eben jenem Ort gewesen, von dem die friedliche Revolution in der DDR ihren Ausgang genommen hatte.

Mittlerweile bin ich wieder am Ausgangspunkt meiner Gedanken in der Jetztzeit angekommen. Z. Zt. ziehen Unwetter über die Maremma, die, wie auch ich glaube, mit gewissem Recht einem vom Menschen gemachten Klimawandel zu verdanken sind. Im September hat es schon, soweit ich zurückdenken kann, schlimme Stürme und lang andauernde Regenschauer gegeben. Aber inzwischen sind die Wetterkapriolen ganz außer Rand und Band geraten, so sehr, dass nach fast einem halben Jahr der kompletten Dürre regelrechte Wasserbomben auf einen harten Erdboden fallen, der diese kaum noch aufzunehmen imstande ist. Eine italienische Mittelstadt, die mir schon vor mehr als zehn Jahren als kleine Perle des Tyrrhenisches Meeres ins Auge gefallen ist, ist Livorno, die Stadt Modiglianis und Mascagnis, eine Stadt voller Schüler und Studenten, Matrosen und Künstler. Sie wurde am letzten Wochenende wohl am meisten von den Stürmen heimgesucht. Eine ganze Familie soll ihren Tod gefunden haben, weil sie, wie soviele geschädigte Bürger im Hafenviertel von den Wassermassen überrascht worden waren. Gestern sind wird im Stau an dieser Hafenstraße entlang gefahren. Der Anblick der zusammengestürzten Bäume, der Fahrzeuge, die der Sturm durch die Luft geschleudert hatte, der verschlammten Fahrbahnen bringt mich zurück in eine weit zurückgelegene Zeit, in jene, als die Region vor beinahe einem halben Jahrhundert von schlimmen Erdbeben heimgesucht worden war. Selbst Paradiese haben ihre Hölle …

Post geht weiter.

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2017-03 Auferstanden aus der Sprache

Und wieder kehre ich nach langer Zeit zu meinem Blog zurück, der bisher in diesem Jahr erst zwei Einträge verzeichnet. Womöglich haben sich schon zahlreiche meiner Leser von mir verabschiedet, da sie kaum noch Neuigkeiten von meiner Seite erwarten. Aber ich will doch Wort halten und immer wieder neue Notizen hinterlassen. Doch wird dies aufgrund meiner vollständig veränderten Lage nicht mehr so häufig der Fall sein können wie früher, zu meinem Bedauern, denn ich lese und schreibe sehr gern. 

Meine jetzige Lehrtätigkeit als Deutschlehrer auf Honorarbasis hat mein gesamtes Leben radikal verändert. Meine Arbeit als Privatdozent hatte zwar angesichts so zahlreicher Vertretungen immer auch etwas Unstetes. Über Jahrzehnte, zuerst als Assistent in Leipzig, dann als Vertreter von Professuren bin ich durch ganz Deutschland gereist, ohne mich jemals auf ein bestimmtes Institut, auf bestimmte Kollegen konzentrieren zu können. Dem Vagabundieren zwischen Hochschulen wie Leipzig und Bonn, Berlin und Heidelberg, Augsburg und Saarbrücken, Potsdam und Gießen entsprach auch eine intellektuelle Vagabondage zwischen unterschiedlichsten Schwerpunkten in der Romanistik.

 

Unter diesen Umständen hatte ich mich immer wieder mit den Schwerpunkten bzw. Profilen auseinanderzusetzen, die den von mir zu vertretenden Professuren entsprachen. Was ich selbst stets als wohltuend empfunden habe, nicht erst in die Versuchung eines behäbigen Beamtendasein zu geraten und beweglich zu bleiben, hat sich aus der Sicht eines akademischen Establishments womöglich als Defizit erwiesen. Der Wunsch, nicht ein bestimmtes Thema zu kolonisieren, sondern immer wieder neue Bereiche kennenzulernen, wird nicht eben geschätzt. Ebenso wenig konnte man mir womöglich verzeihen, dass ich mich in den letzten Jahren der ‚Neuen Romania‘ zugewandt hatte. 

Aber wer konnte mir dies verübeln, wenn ich nach meinen Studien über eher klassische Themen im ‚Finis Africae‘ ein neues Ziel zu suchte, mit dem ich auch eine nicht zuletzt auch finanzielle Förderung meiner neuen Projekte verband. Immerhin war ich aufgrund meiner fachlich zwar geachteten Habilitationsschrift nicht zum Professor berufen worden. Ich hätte aber von Anfang wissen müssen, dass entsprechende Institutionen nicht nach der tatsächlichen wissenschaftlichen Lebensleistung eines Antragstellers fragen, sondern diese einzig und allein nach dem Maß von Status und Alter berechnen. Die Bewertung eines zur Vorlage gebrachten Projekts beruht nicht auf dessen Sinnhaftigkeit und Qualität, sondern vorzugsweise auf der Frage, wie weit es der Antragssteller in der akademischen Hierarchie gebracht hat. Kommt noch dessen vorgerücktes Alter hinzu, so scheint das 55. Lebensjahr aus dieser engen Sicht wohl überhaupt die Grenze einer ernstzunehmenden akademischen Vita zu markieren. Nur jene, die vormals schon in den wohlverdienten Beamtenstatus berufen worden waren, können auch mit einer größeren Autorität auftreten, auch wenn nicht wenige von ihnen gleichfalls mit ihren Anträgen in Forschungsinstitutionen scheitern, allerdings mit weitaus weniger unangenehmen Konsequenzen für sie selbst.

Man sagt, dass die Zeit Wunden heilt. Dies ist aber wohl nur eine Teilwahrheit. Die zeitliche Distanz zu einem Unglück, einer Niederlage erlaubt es uns nur, die Wunden besser zu ertragen. So würde ich meine Situation beschreiben. Die Lehrtätigkeit als DaF-Lehrer bringt mich mitunter mit interessanten und hochmotivierten Menschen zusammen, die mir diese oft einseitige Arbeit an und mit der Sprache sehr erleichtert haben. Dennoch muss die poetische und literarische Seite der Sprache mit dem Studium der Grammatik eher weit in den Hintergrund rücken. Und auch meine wissenschaftliche Arbeit muss naturgemäß unter diesen Verhältnissen leiden. Ein alter Freund riet mir, meine Projekte auf dem Schreibtisch zu stapeln, um sie dann zu gegebener Zeit wieder in Angriff nehmen zu können. Etwas Anderes wird mir wohl auch kaum übrig bleiben.

Für mich war es stets ein Hobby, eine wissenschaftliche Tätigkeit ausüben zu können. Vielleicht hätte es auch immer ein Hobby für mich bleiben sollen, zumal ich nicht wenige Kollegen kenne, die sich im höheren Altern noch sehnsüchtig daran erinnern, wie sie einstmals begonnen hatten. Einige dieser Kollegen mussten fassungslos mitansehen, wie der Lehrstuhl, den sie womöglich in Jahrzehnten langer Arbeit aufgebaut hatten, nach ihrer Emeritierung gestrichen werden sollte. Andere wiederum waren der langen Kämpfe mit mißgünstigen Neidern überdrüssig und sahen sich mit dem Ende ihrer Dienstzeit buchstäblich aus ihren Seminaren gedrängt. Diese Leidensphasen sind mir glücklicherweise erspart geblieben. Ich wusste immer schon am Anfang einer Vertretung, dass meine Semester gezählt sind. Privatdozent zu sein, heißt, schon früh die eigene Endlichkeit zu erfahren.

Wenn ich jedoch von einem Hobby spreche, dann gewiss nicht, weil ich die akademische Tätigkeit etwa mit Geringschätzung betrachten würde. Vielmehr ist nichts anderes als das Gegenteil denkbar. In bestimmter Hinsicht habe ich mich immer als konservativ empfunden, nicht im ideologischen, sondern eher naiven Sinn. Ich war stets der Meinung, dass wissenschaftliche Erkenntnis und Methode auch Ausdruck einer Lebenshaltung sein sollten. Ich konnte einfach nicht akzeptieren, dass Feminismus, Gender- bzw. Queertheorie oder Philosophie der Postmoderme zu schnöden Geschäftsmodellen degradiert werden. Diese und andere Wissensbereiche haben an einem akademischen Markt Anteile, die im Zuge von Berufungen, Projektbewilligungen, Stellenausschreibungen, SFB (Sonderforschungsbereiche) etc. zu- oder abnehmen. 

Dass Feministen womöglich in ihrem privaten Glück Machoallüren ertragen, die sie in ihrem wissenschaftlichen Diskurs heftig bekämpfen, dass postmoderne Professoren mitunter auch an prämodernen Kategorien und Hierarchien festhsalten, die sie in ihren Vorlesungen zu dekonstruieren wagen, erschien mir unfassbar. Es ist eine Binsenweisheit, dass wir allemal in Widersprüchen leben, die wir auch beim besten Willen nicht aufzulösen imstande sind. Aber wenn der Zusammenhang von Leben und Beruf, Theorie und Praxis einen Sinn haben soll, müsste er sich an dieser Stelle einstellen.

In diesem Sinn ist es mir auch wichtig, die Frage nach der political correctness erneut aufzuwerfen. Es steht für mich überhaupt nicht zur Debatte, dass in öffentlichen Dingen keine persönlichen Beschimpfungen und Denunziationen gestattet sein dürfen. Aber alles, was über diese menschlichen Selbstverständlichkeiten hinausgeht, ist mir zuwider. Wenn sich die Sprache in Euphemismen hüllt bzw. historisch entstandene Begriffe oder Namen durch Worte ersetzt, die dem Stil und den Auffassungen der Zeit entsprechen, halte ich dies für überaus problematisch.

Ein Beispiel: Als ich auf dem Afrikatag in Bayreuth vor einigen Jahren über den antikolonialistischen Roman des Katalanen Albert Sánchez Piñol Pandora al Congo referierte, der an die Zeitstimmung vor und während des Ersten Weltkriegs in Großbritannien erinnerte, musste ich aus historischen Gründen zweimal das Unwort ‚Neger‘ in den Mund nehmen. Auf meinen Vortrag ging fast niemand der Sektionsteilnehmer ein. Der eigentliche Gesprächsgegenstand war dieses Wort, das es doch zu vermeiden gelte. Mein Herz schlägt immer für Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Aber ist es nicht spätestens seit Freud eine Binsenweisheit, dass das Gesagte nicht das Gemeinte sein muss, dass die Sprache nicht immer verräterisch sein muss, wie dies gerade an der Praxis der Nationalsozialisten hinlänglich zu belegen wäre? Ist es nicht gerade so, dass das Euphemistische der Barbarei auch immer die himmelschreiend unmenschliche Seite des Unrechts kaschiert. Waren eitle Lügenwörtchen wie ‚Lebensraum im Osten‘, ‚Endlösung‘, ‚Sonderbehandlung‘ oder die hygienischen ‚Brausebäder‘, nicht zu sprechen von Tugenden wie ‚Anstand‘, ‚Sauberkeit‘ nicht gerade die geeigneten Kulissen für den Genozid? Müssten nicht gerade wir Deutschen gelernt haben, dass nicht schöne Worte auch eine schöne Wirklichkeit ergeben? Natürlich wussten die Teilnehmer meiner Sektion, dass ich keine rassistischen Untertöne im Sinn hatte. Aber wie leicht ist es doch, die eigene gute Gesinnung an den vermeintlichen sprachlichen Fehltritten eines anderen unter Beweis zu stellen? Ein historischer Roman wird, sofern er seinen Gegenstand ernst nimmt, stets den Versuch unternehmen, dem Leser in den Spannungsbogen historischer Horizonte einzuführen. Dabei treten die Kategorien und Wertmaßstäbe der eigenen Zeit in eine Spannung mit jener Epoche, die zum Objekt des Erzählens wird. Diese Gegebenheiten wird eine literaturkritische Bestandsaufnahme ebenso zu berücksichtigen haben wie dies ein Restaurator gegenüber den Beschädigungen eines Artefakts unternimmt. Dieser wird das Kunstwerk nicht so zurichten, dass eben diese Spuren verschwinden, so als ob er es neu geschaffen hätte. Vielmehr wird er die schadhaften Stellen so markieren, dass dem Betrachter die Ergebnisse der Restaurierungsarbeiten ersichtlich werden. Hier tritt ihm kein geliftetes, sondern ein in die Jahre gekommenes Kunstwerk vor die Augen.

Die angesprochene Form der political correctness ist daher auch keineswegs ‚links‘ oder korrekt, sofern mit ihr eine bloße moralische Geste der historischen Dialektik ihren Platz streitig macht. Es ist längst bekannt, dass sich die Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner in den 1960er und 1970er Jahren stets als Emanzipation der Neger verstand, wobei ’niger‘ im Lateinischen nichts anderes als ’schwarz‘ meint. Es gibt sogar zwei afrikanische Staaten, Nigeria und Niger, die in ihrem Namen auf diese Etymologie anspielen. Die Abgrenzung vollzog sich über Jahrzehnte immer zu jenem verachtenden Unwort, das den Buchstaben G verdoppelt. Was und wer die Veränderung sprachlicher Koordinaten hervorgerufen hat, vermag ich nicht sicher einzuschätzen. Es dürften weiße Diskursteilnehmer gewesen sein, denen mit wachsender Erschütterung offenbar geworden ist, was ihren schwarzen Schwestern und Brüdern über Jahrhunderte angetan worden war und noch immer wird, was denen in ihrem Namen gerade jetzt angetan wird. Diese historische Schuld lässt sich aber nicht durch eine euphemistische Sprache abtragen. Gerade in der Bezeichnung ’negro‘, ’nègre‘ – in Abgrenzung zum ‚Weißen – offenbart sich diese doch hinlänglich. Tilgen wir den Namen, bringen wir nur unser schlechtes Gewissen zum Schweigen.

Was wir brauchen, ist eine Sprache, welche die Realien bei den Hörnern packt und nicht eine solche, die ihnen davonläuft. Sie muss den Anforderungen eines ‚mot juste‘ Rechnung tragen, das den Menschen, aber auch der Sache und mithin der Geschichte gerecht wird. Wir müssen die Spuren des durch Gewalt verzerrten Dialogs kenntlich machen, anstatt sie mit den Worten einer noch immer nicht gänzlich gelungenen Emanzipation kaschieren zu wollen.


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2017-02  Verspäteter Nachtrag zur Investitur des neuen US-Präsidenten

Die Zeichen stehen auf Sturm. Vor uns entstehen Konstellationen, die bisher unvorstellbar waren. Endgültig vorbei ist jene Welt des Kalten Krieges, in der Freund und Feind so gut voneinander unterscheidbar waren. Ein bislang bei uns wenig bekannter Mann, der die mindesten bürgerlichen Anstandsregeln ebenso missachtet wie Frauen im Allgemeinen und seine Gegner im Besonderen, wurde kürzlich in eines der bedeutendsten Ämter eingeführt. Doch in den USA war er bereits hinreichend durch Skandale und Übergriffe bekannt. Als Donald Trump (* 1946) noch weit vom Ziel einer Präsidentschaft entfernt war und ihm die allerwenigsten eine reale Chance einräumten, war er bereits kein unbeschriebenes Blatt mehr, das man sich zu einem neuen Diktat hätte bereitlegen können. Er gehörte stets zur alten Wirtschaftselite, war allerdings bisher nicht sehr eng mit dem politischen Establishment verflochten, was vielleicht auch erklärt, dass er von 2001-2009 der Demokratischen angehörte, um sodann der Republikanischen Partei beizutreten. Mit der Unterstützung der Schlechtweggekommen, Gestrandeten und Verzweifelten gelang es ihm, alle notwendige Kräfte, einschließlich der Dummheit und der schlimmsten Instinkte gegen das Establishment in beiden Parteien zu mobilisieren. Es ist eigentlich unnötig zu sagen, dass wir damit nicht seine Wähler beschimpfen wollen, wie manche voreilige Stimmen behaupten wollen. Es liegt auf der Hand, dass den Dauerarbeitslosen und dem Milliardär Trump gemeinsame Interessen fehlen. Es sind lediglich Verzweiflung und Hoffnung, die mit List und rhetorischer Raffinesse, getarnt als Grobheit, Halbwissen und Lügen, eine folgenschwere Allianz eingingen, um den Wahlkampf in diesem zum Sieg zu verhelfen.

Auch ich kann dieser Entwicklung nicht Gutes abgewinnen, schon allein deshalb, weil die ohnehin bescheidenen Fortschritte der Obama-Administration nun auch noch rückgängig gemacht werden sollen. Allerdings teile ich auch nicht die manichäische Ansicht, dass die Welt vor Trump in Ordnung war, während sie jetzt in endloses Chaos versinke. Es waren immerhin die bisherigen Verhältnisse, die die jetzige Situation überhaupt erst hervorbrachten. Wer die bisherige Globalisierung kritiklos verteidigt, wer die schroffen Ungerechtigkeiten zwischen reichen und armen Ländern als gegeben rechtfertigt, ist kein glaubwürdiger Kritiker der neuen Administration. Der Nationalismus des Herrn Trump, wie verlogen er doch auch immer sein mag, hat doch einen rationalen Kern, den wir alle ernstnehmen müssen. Die Welt des freien Handels beruht häufig genug auf einseitigen Abmachungen, die zumeist zu Lasten der schwächeren Seite gehen. Es ist wahr, profitiert haben letztlich auch Hunderte Millionen von Menschen in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien. Verloren haben aber zugleich Arbeiter- und Mittelklassen in den entwickelten Ländern Europas und Nordamerikas, die als nunmehr Deklassierte von den ‚Populisten‘ als Wähler für ihre antiliberale Politik rekrutiert werden.

Insofern erscheint es auch geraten, den liberalen Gegnern des Herrn Trump ein wenig mehr Misstrauen entgegenzubringen, ohne diesen selbst freilich mit Sympathie zu bedenken. Auch die linken Demonstranten, die monatelang zu Recht gegen TTIP und ähnliche Abkommen demonstrierten, reiben sich erstaunt die Augen. In Zweifel gezogen wird die Mär vom freien Welthandel nun auch von jenen, die aus ihrer Sicht bisher zum politischen Establishment gehörten. Damit entstehen ganz neue Konstellationen, die zurecht fragwürdig erscheinen. Der neue Präsident polarisiert die Gemüter derart, dass sich jene, die dem freien Welthandel bisher wenig abzugewinnen mochten, nun Gemeinsamkeiten mit Wirtschaftsliberalen finden. Dabei geraten Alternativen jenseits von enthemmter Globalisierung und Protektionismus aber aus dem Blickfeld, obwohl sie doch gerade zu den Verhältnissen geführt haben, wie wir sie jetzt vorfinden. 

Freilich mutet es seltsam an, wenn ausgerechnet die Führungsnation der westlichen Welt einem protektionistischen Kurs folgt, obwohl doch ihre Politik der letzten hundert Jahre immer darauf bedacht war, neue Märkte für sich zu gewinnen und alles zu tun, damit nationalistische oder autonomistische Strömungen in den armen Ländern scheitern. Wer immer auch dieser Politik widersprach und die Expansion von US-Firmen erschwerte, wurde im Zuge des Kalten Krieges als Kommunist oder Feind des Westens denunziert. Ob Mossadegh, Nasser, Lumumba oder der zunächst noch zum Nationalismus neigende Castro – tutti quanti wurden sie des Kommunismus bezichtigt, obschon es ihnen doch vor allem um wirtschaftliche Unabhängigkeit gegenüber den amerikanischen Monopolen ging. Letztlich stand dabei nicht der vielzitierte ideologische Gegensatz zwischen offener Gesellschaft und Kommunismus im Vordergrund als vielmehr der Umstand, dass sich die Einparteienstaaten kaum für offene Märkte eigneten, sondern ein beständiges Risiko für die Sicherheit amerikanischer Investitionen darstellten. Inzwischen gibt es wenigstens diese Gefahren nicht mehr, so dass es um so erstaunlicher erscheint, dass zur gleichen Zeit auch die Briten, die alten Beherrscher der Meere, als Folge des Brexits ihre Zugbrücken hochziehen. So macht gerade diese merkwürdige Koinzidenz dies- und jenseits des Atlantiks auch in kultureller Hinsicht eine Paradoxie ersichtlich. Jene Länder, die das Englische zur ‚mother of all tongues‘ (David Crystal, English as a Global Language) erklären, wollen in die Selbstisolation einer Provinz zurückzukehren. Jene Länder, die die Globalisierung unserer Welt gerade mit der angelsächsischen Variante des Kapitalismus verbanden, wollen sich aus einem von ihnen angestossenen, unwiderruflich erscheinenden Prozess zurückziehen. Freilich könnte dies auch zu einer Chance für Frankreich und Deutschland werden, Großbritannien und seiner einstigen Kolonie andere sozio-kulturelle Modelle entgegenzusetzen, das differenzierter auf die eigenen soziale Verhältnisse, einschließlich auf jene in den armen Länder in Übersee reagiert.

Dabei gilt es diesen differenzierten Blick auch auf das europäische Projekt zu werfen, ein Blick, der leider seitens unserer Eliten nicht immer hinreichend verstanden wird. Zu rasch gerät auch berechtigte Kritik an den bestehenden Verhältnissen der Europäischen Union in den Verdacht des Euroskeptizismus, der es den Herrschenden letztlich erspart, auf begründete Argumente zu antworten. Doch inzwischen ist ‚Europa‘ kein Zauberwort mehr, mit dem man den Einbruch des ewigen Friedens zelebrieren könnte. Man will sich auch etwas dabei denken, und dies müssen mehr als nur schöne Worte und pathetische Versprechungen sein. Zwar sind Europäische und Amerikanische Union als Projekte keineswegs deckungsgleich, aber demungeachtet greifen die USA doch der in Europa intendierten Entwicklung weit voraus, konstituieren sie doch bereits jetzt schon eine Föderation von Staaten, während sich diese in Europa noch auf dem Weg in diese engverbundene Staatlichkeit befindet. Hatten uns die Befürworter der EU nicht immer gesagt, dass wir mit einer gemeinsamen Staatlichkeit aller Europäer auch die Engstirnigkeit nationaler Interessen, Nationalismus und Rassismus überwinden würden? Wäre ein Herr Trump in letzter Konsequenz nicht auch gerade eine Perspektive, die uns dereinst mit einer Europäischen Union erwarten könnte, zumal wenn wir dann einen Präsidenten hätten, der mit ähnlichen Machtbefugnissen ausgestattet wäre. Gerade in der Politik der Vereinigten Staaten resümieren sich doch genauso jene Allmachtsphantasien, wie sie nur Staaten und Nationen mit unmäßiger Macht für sich in Anspruch nehmen können. Was uns in Europa bisher vor diesem kollektiven Schicksal verschont hat, ist vielleicht gerade die Tatsache, dass nicht ein Präsident regiert, sondern vielmehr achtundzwanzig Repräsentanten. (Kürzlich wurde übrigens gemeldet, dass es Bestrebungen in Kalifornien gibt, sich von der Amerikanischen Union zu lösen und auf eine Eigenstaatlichkeit hinzuarbeiten, vgl. http://www.t-online.de/nachrichten/ausland/usa/id_80205056/calexit-kalifornien-will-sich-von-usa-abspalten-kampagne-laeuft.html, 28.01.2017).

Es bleibt noch immer zu klären, wie Autonomie und Union in ein faires und zugleich notwendiges Gleichgewicht gebracht werden können. Die europäischen Völker gehören zweifelsohne zusammen und damit auch zu einer Union. Nur kommt es darauf an, wie die Bundesstaatlichkeit der einzelnen Nationalstaaten zu fassen wäre. Jedenfalls nicht so, dass diese wie dumme Schüler vom gestrengen Oberlehrer in Brüssel vorgeführt werden. Es scheint, dass gerade in dieser Konstellation Gefahren und Risiken angelegt sind, die auch zu Herrn Trump und zu Herrn Bannon geführt haben. Es liegt an uns, neue Perspektiven jenseits dieses Verhängnisses zu finden.

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