07 – 2015 Umzug meines Blogs bis zum Dezember 2015 – Willkommen auf meinem neuen Blog

blog design stormy
Sehr verehrte Damen und sehr geehrte Herren, werte Freunde meines Blogs,

ich bedanke mich bei den Mitarbeitern von blog.de für die ausgezeichneten Möglichkeiten, einen eigenen Blog zu erstellen und über Jahre zu führen. Ich bedauere daher schon jetzt die Entscheidung dieses Portals, seine Dienste zum Ende des Jahres einzustellen. Angesichts der guten Erfahrungen mit blog.de fällt es mir schwer, mich für einen anderen Anbieter zu entscheiden. Ich werde daher an verschiedenen Stellen versuchen, meine alten Blogeinträge auf eine neue Seite zu migrieren, wie es wohl in der Fachsprache heißt. Aber abgesehen von dieser gekonnten Vokabel kenne ich mich in dieser Hinsicht so gut wie gar nicht aus. Da mir aber noch etwa fünf Monate bleiben, hoffe ich bis dahin eine passende Lösung gefunden zu haben.

Kurzfristig habe ich es zunächst bei ‚wordpress‘ versucht, wo ich unter

kianharaldkarimi.wordpress.com

erreichbar bin. Es kommt mir sehr darauf an, dass die Einträge der letzten fünf Jahre nicht sang- und klanglos aus dem Netz verschwinden. Leider finde ich aber weder das Design des neuen Blogs ansprechend genug, wobei mir auch das alte fehlt, das doch zu dem von mir angestrebten Rahmenthema so gut passt. Es ist zunächst nur ein Versuch, und meine Blogs werden womöglich bei einem Anbieter landen, der für einen für derartige Arbeiten nicht eben begabten Blogger die besten, d. h. am besten zugänglichen Instrumente liefert.

Liebe Leser. Ich freue mich über Ihr wachsendes Interesse an meinem Blog und versuche, mein Möglichstes zu tun. Meinen nächsten Blogeintrag werde ich Ihnen unter dem alten wie dem neuen Portal zugänglich machen.

Zunächst einmal wünsche ich Ihnen allen die vorzüglichste Sommerfrische.

Ihr
Kian-Harald Karimi

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Moi aussi, je suis Charlie

charlie
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01 – 2015: Ein frohes Neues Jahr 2015 oder To Be or not to be

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Liebe Leserinnen und Leser, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe private Dozentinnen und Dozenten, liebe Welt (weiblich, männlich und sächlich), ich weiß nicht, ob ich diesen Blog in diesem Jahr, das jetzt beginnt, noch zu Ende bringen werde. Sosehr mich die weitere Entwicklung selbst auch betreffen mag, so wenig kann ich sie beeinflussen. Ich kann sie nur kommentieren, wie ein ferner Beobachter auf das Leben anderer. Schon lange belegen meine Kommentare, dass ich nicht der Verfasser meines eigenen Lebens bin, sondern es allenfalls wie ein. Chronist mit Anmerkungen versehen kann. Entscheidungen fällen andere, ich kann sie nur in meine Lebensgewohnheiten übertragen, d. h. diese an die Gegebenheiten anpassen, die ich in dieser Folge zu bewältigen habe. Mir geht es wie zahlreiche andere Zeitgenossen, die vergeblich nach dem Sinn westlicher Freiheit suchen. Nicht wenige versuchen sich durch eine fragwürdige Mitgift der Zeit selbst einzuschläfern, durch Drogen, Alkohol. Ich urteile nicht darüber, da mir diese Erfahrung fehlt und damit fremd ist. Diese Ignoranz macht mich nicht zu einem besseren Menschen, sondern in dieser Hinsicht eher zu einem unerfahrenen. Doch mein Wunsch nach neuen Erfahrungen geht in eine völlig andere Richtung. 

Meine neuen Lebens- und Arbeitsbedingungen im Jahr 2015 Seit 1993 arbeite ich nun als wissenschaftlicher Angestellter an deutschen Hochschulen. Nachdem ich 1990 meine Dissertation abgeschlossen hatte, erhielt ich drei Jahre später die Gelegenheit, mich im Rahmen einer wissenschaftlichen Assistenz zu habilitieren. Im Sommer 2000 war dann mein Verfahren erfolgreich abgeschlossen, und ich konnte seither zahlreiche Professuren in der Republik vertreten. Dass man mir offenbar solche Aufgaben auch noch in allen größeren romanistischen Teilbereichen (bis auf den rumänischen) zugetraut haben musste, lag also auf der Hand. Dass ich die Erwartungen von Kollegen und Studenten befriedigt haben musste, dürfte auf Grund der langen Folge von Vertretungen auch der Fall gewesen sein. Meine Lehrzeit war also überaus lang, hatte aber paradoxerweise dennoch keine Berufung zur Folge. Zur Zeit sieht es sogar so aus, dass ich mit absolut leeren Händen dastehe, so als ob ich bisher nie vertreten, publiziert und gearbeitet hätte. Als Kind und Jugendlicher habe ich mich als Fremdkörper in diesem Land empfunden. Das Studium der Romanistik, dann die Promotion und schließlich die Habilitation hatten mir dazu verholfen, mich dann doch als Teil dieses Landes zu fühlen. Doch die beständigen Niederlagen, die ich im Zuge meiner Privatdozentur, erst recht aber in den letzten Jahren erleben musste, haben mir meine Fremdheit und meinen ‚Migrationshintergrund‘ wieder vor Augen geführt. Zu sehr habe ich den traurigen Eindruck gewonnen, dass man mich nicht dabei haben will. Wie kann ich unter diesen erschwerten Bedingungen noch ein freier Mensch bleiben? Wie kann ich statt ständige Klage zu sein, auch ein Stück Hoffnung für mich selbst und andere werden. Denn gegenüber dem allgegenwärtigen Leiden Hunderttausender Flüchtlinge, den unzähligen Kriegen, Konflikten und Krisen, welche die heutige Welt erschüttern, erscheint selbst die noch so leidige Situation von stellenlosen Privatdozenten und arbeitslosen Akademikern trotz ihrer offenkundigen Tragik doch unverhältnismäßig harmlos und somit in gewisser Weise lächerlich. Man verkennte die Zeichen dieser grauen und grausamen Zeit, wenn man die unmittelbarsten Existenzängste ganzer Völker nicht ernst nähme und die eigenen Befindlichkeiten nicht in ein Verhältnis zu diesen setzte. Letztlich ist jeder von uns nur eine Stimme in der Partitur unserer Zeit, eine Fußnote im Text der Geschichte. Man darf sich nicht so wichtig  nehmen, als dass man diese allgemeine Lage außer Acht ließe. Aber als gute Philologen wissen wir, dass auch jede Fußnote ihre Berechtigung haben kann und als solche Beachtung verdient. Fußnoten pflegen im wissenschaftlichen Text immer dann aufzutreten, wenn eine Aussage um Ausblicke, Erweiterungen, Zusätze, genauere Angaben, aber auch Relativierungen ergänzt werden muss. In Hinblick auf die Biographien von privaten Dozenten und Kollegen aus dem Mittelbau scheint mir besonders der letztere Fall zutreffend zu sein. Ihre unzähligen Fußnoten räumen in einem Text voll selbstzufriedener Reden der Politiker und Ökonomen sowie jener zum Behaglichen neigenden Chroniken unserer Zeit ein, dass nicht jedem Zeitgenossen die dem allgemeinen Applaus preisgegebenen Wohltaten von Staat und Wirtschaft in gleicher Weise zukommen und beglücken. In zumeist jeder dieser Fußnoten trifft der Leser auf Erfahrungen, die das allgemeine Gerede von der Chancen- und Leistungsgerechtigkeit Lügen strafen. Erst wenn der Leser späterer Jahre auch diese Fußnoten wahrnimmt, kann er ermessen, was die Zeit um Anno Domini 2015 ausmacht. Lässt er sie unbeachtet, fällt ihm nur das laute Spektakel einer in Fieberanfällen aufgekratzten Selbstzufriedenheit auf, die sich beständig auf die Schulter klopft. Unter Gähnen vernimmt man die altbekannten Siegesmeldungen vom größten Exporteur, vom größten Rückgang der Arbeitslosenzahlen und vom bisher höchsten Anstieg der erwerbstätigen Bevölkerung. Jedermann geht es so gut, dass freilich kein Anlass zur Klage mehr besteht. Wer oder was dennoch klagt, ist unverbesserlicher Querulant, der sich gegenüber Gesellschaft, Staat und Wirtschaft als undankbar erweise. Wenn man dann auch noch einen Migrationshintergrund hat, erwächst daraus ein noch gravierenderes Problem, das in diesem Kontext nicht unterschlagen werden soll.

Fremd als Eingeborener mit ‚Migrationshintergrund‘ in diesem ‚Einwanderungsland‘. in Deutschland Ich habe im Rahmen dieses Blogs schon häufig meine Haltung zu erkennen gegeben, so dass ich dies eigentlich nicht mehr tun müsste. Dennoch will ich auch diesmal nicht unterschlagen, dass ich dieses Land, seine Kultur und Sprache liebe, sogar außerordentlich liebe. Manchmal fällt es mir schwer zu verstehen, warum es so viele Deutsche gibt, die ihrem eigenen Land nur mit Ablehnung oder gar Hass begegnen können, immer mit dem Hinweis auf die Hitlerei, die den Massenmord im deutschen Namen legitimierte und diesen damit in den Dreck zog. Diese Zeit war schrecklich, auch schrecklich lang, doch glücklicherweise war ihr keine Dauer von tausend Jahren beschieden, wie dies die Nazis glauben machen wollten. Seit den 1960er Jahren hat in Kultur, Wissenschaft und Politik dieses Landes wie nirgendwo anders ein Prozeß eingesetzt, in dessen Verlauf Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus in allen gesellschaftlichen Bereichen diskutiert wurden. Natürlich gibt es immer noch Xenophobie, Antisemitismus und Rassismus, die sich leider Straßen und Plätzen austoben. Dennoch macht es keinen Sinn, diesem Land feindselig gegenüber zu stehen, weil man es mit dem alten argwöhnischen Aussagen bedenkt, es sei ohnehin so schuldhaft in seine eigene Geschichte verstrickt, dass es immer wieder zum Wiederholungstäter zu werden drohe. Eine solche Haltung gegen sich selbst käme schließlich einer Sippenjustiz gleich, die zur Rechtnorm des NS-Staates gehörte. Wer sie gegen sich selbst anwandte, könnte es eines Tages auch gegen andere tun.

Natürlich haben die Gemetzel des sogenannten ‚Nationalsozialistischen Hintergrunds‘ an muslimischen Migranten Spuren hinterlassen. Aber nicht weniger bedrückt mich neben der Xenophobie auch eine merkwürdige zur Schau getragene Xenophilie, die nicht bereit ist, tatsächlich über öffentliche und schöngeistige Bekundungen der Solidarität hinauszugehen und die Grenze zwischen schönem Schein und bitterer Realität anzutasten. Da wird mit Recht davon gesprochen, dass man Fremde und Migranten im Rahmen einer ‚Willkommenskultur‘ aufnehmen soll. Doch was geschieht mit jenen Deutschen, die bereits in den 1950er oder 1960er Jahren mit einem Migrationshintergrund in dieses Land hineingeboren wurden. Was soll man davon halten, dass man neue Migranten in dieses Land zu integrieren sucht, derweil man nicht daran fragt, wie es jenen geht, die bereits in dieses Land hineingeboren wurden, bevor man auch nur an die Anderen denken konnte?
Ich habe mich niemals für einen „cas unique“ gehalten, für einen Sonderfall, der ganz aus der Reihe gefallen wäre. Aber in letzter Zeit hat es mich doch stutzig gemacht, wie überrascht sich potenzielle neue nichtakademische Arbeitgeber über meine Bewerbung zeigten. Und auch erinnere ich mich sehr gut jener Journalisten, die mich im Lauf des letzten Jahrzehnts zu meiner Situation befragten. Immer wieder ließen sie von ihrer Seite das Unverständnis durchblicken, dass ein habilitierter Akademiker nach so zahlreichen Professorenvertretungen noch immer nicht wenigstens mit einer festen Stelle im Mittelbau bedacht worden sei. 

Keine positive, aber auch keine negative Diskriminierung

Ich habe es immer für falsch gehalten, nach der Art eines profiling beurteilt zu werden, wie wir es aus den USA kennen. Gerade in Einrichtungen, die vorrangig auf die wissenschaftliche Kompetenz ihrer Beamten und Angestellten angewiesen sind, sollte auch einzig und allein diese und keine anderen Kategorien im Vordergrund stehen. Frauen gilt es selbstverständlich zu fördern, da sie zumindest in den Geistes- und Humanwissenschaften auch einen wesentlichen Anteil an den Studierenden haben.
Aber diese Förderung sollte im Rahmen einer Gleichstellung mit ihren männlichen Kollegen erfolgen und nicht als Ergebnis einer Besserstellung. Denn diese haben frühere  Generationen schließlich in den vorangegangenen Jahrhunderten auf Grund eines Patriarchats zur Genüge kennenlernen können, als Frauen der Zugang zum Studium verwehrt wurde und schon gar nicht daran gedacht war, sie in Professorenkollegien aufzunehmen. Eine ähnliche Haltung gilt natürlich auch für Minderheiten jeglicher Art. Eine positive Diskriminierung sollte ebenso ausgeschlossen sein wie eine negative. Und da habe ich in letzterer Hinsicht wirklich meine Zweifel. Bin ich nicht letztlich doch Opfer einer negativen Diskriminierung geworden? Klingt es nicht zynisch, wenn man allenthalben in Bezug auf ausländische Jugendliche hört, dass sie nur im Zuge größerer Bildungschancen ihren Platz in unserem Land finden können? Wie schwierig ist es doch, auch als gebildete Kraft ohne Chancen leben zu müssen. Eigentlich dürfte man doch dann gar nicht mehr existieren. Lange Zeit habe ich geglaubt, diese Schwierigkeiten seien zufälliger Natur, schon deshalb, weil mir Verschwörungstheorien schon immer zuwider waren. Doch der Umstand, dass immer wieder über meinen Fall in den Medien berichtet wurde, dass ich über ein Jahrzehnt Professuren an fast zehn deutschen Hochschulen vertreten habe, dass ich großen Anklang bei Studenten in meinen Seminaren und Vorlesungen fand und dass ich trotz unentwegter Publikationen, sollte doch über den bloßen Zufall hinausgehen.
Sollten meine Herkunft und mein Name bei diesen Zufällen nicht vielleicht doch ein wenig Pate gestanden haben? Es bleibt Spekulation, da keinem Bewerber auf einen Lehrstuhl oder auf eine Mittelbaustelle derartige Gründe mitgeteilt werden, wenn sie ausschlaggebend waren oder zumindest doch eine Rolle spielten. Doch will es mir nicht recht gelingen, das Bild, das sich unser Land gegenüber neuen Flüchtlingen und Migranten gibt, mit meinen beruflichen Erfahrungen in Einklang zu bringen. Das allgemeine Gerede von der Willkommenskultur müsste zumindest auch einmal jene berücksichtigen, die sich in diesem Land auf Grund ihrer Geburt, ihrer längst erfolgten kulturellen Integration eines Bürgerrechts erfreuen sollten. Menschen wie ich könnten für eine gelungene Integration stehen, zumal diese aufgrund  von Familienverhältnissen und sozialen Milieu auch hätte begünstigt werden können. Meine Eltern waren beide Ärzte, d. h. Akademiker, die mich dazu erzogen, gute Leistungen in der Schule zu erbringen, mein Abitur zu machen und wie sie Medizin zu studieren. Letzteres ist ihnen nicht gelungen, da mein Interessen in eine völlig andere Richtung gingen. Aber sicherlich hatte ich es bei diesen Voraussetzungen leichter als andere Migranten, zumal mein Mutter Deutsche war und unsere Familie kein geschlossener Organismus war, sondern sich als offen gegenüber der deutschen Gesellschaft und deren Veränderungen erwies. Auch in kultureller und religiöser Hinsicht waren meine Voraussetzungen mehr als gegeben. Ich wurde trotz anfänglicher schulischer Probleme nicht allein ‚integriert‘, sondern voll und ganz assimiliert: Einzig und allein die deutsche Sprache zählte für mich als Kind und Jugendlicher. Kaum geboren, wurde ich im katholischen Glauben getauft und vornehmlich in meiner katholischen Oberschule auch erzogen. Für mich sind diese Bindungen noch heute von großer Bedeutung. Auch bin ich meinen Eltern für diese guten Voraussetzungen dankbar, zumal Geburt und Herkunft nicht in meiner Hand lagen, sondern mir zum Geschenk gemacht wurden.
Die Schwierigkeiten, die ich in den letzten Jahrzehnten an der deutschen Hochschule zu gewärtigen hatte, widerlegen die vermeintlichen Integrationserfolge in meinem Fall indes auf doppelte Weise: einmal in Hinblick auf meinen ‚Migrationshintergrund‘, ein Begriff, der übrigens im Französischen gänzlich unbekannt ist, zum Anderen in Hinblick auf die allseits proklamierte Chance, die Bildung allen Lern- und Arbeitswilligen, allen sozialen Aufsteigern vermeintlich bereit hält. Mein Fall, und wahrscheinlich noch zahlreiche andere, zeigen gerade, dass selbst diese guten Bedingungen nicht unbedingt zum Erfolg führen müssen. Sie sollten all jenen Migranten, die mit großen Hoffnungen in unser Land kommen, eine Mahnung sein, dass viele Wünsche und Hoffnungen unerfüllt bleiben werden. Wenn selbst beste Aussichten nicht unbedingt zum erwünschten Erfolg führen, dann wird sich dies womöglich bei jenen Einwanderern als noch schwieriger erweisen, die viel größere Integrationsleistungen zu erbringen haben. Ich wäre gerne mit anderen ein Stück Hoffnung für sie. Aber wie sollte dies möglich sein, wenn ich es noch nicht einmal für mich selbst bin?
 
Seit längerer Zeit zergrüble ich mich den Kopf, wie ich diesem Blogeintrag einen sinnvollen Schluß geben könnte. Aber die Zeit des sinnvollen Schreibens scheint wohl in meinem Leben auch zu ihrem vorläufigen Ende zu kommen. Die jetzige Zeit verliere ich mit dem Nachjagen von Terminen, die vielleicht meinen Nachhilfeschülern nützen, mir aber nur wenig Geld einbringen. Wie gern würde ich doch wieder schreiben. Erst eben erhalte ich die Rückmeldung einer Herausgeberin, die sich sehr über einen neuen Beitrag von mir gefreut hat. Wie wohltuend ist es doch, wieder einmal gedruckt zu werden, auch wenn man damit kein Geld und erst recht keine Stellung zu erwarten hat. Dennoch beim Schreiben hatte ich noch immer das Gefühl, die Zeit als arbeitloser Privatdozent wenigstens sinnvoll nutzen zu können. Aber jetzt bin ich nicht einmal in formaler Hinsicht arbeitslos. Ich lebe von den spärlichen Euros, die ich verdiene. Und so fehlt mir Zeit zu schreiben, was sich auch auf diesen Blogeintrag auswirken musste. Aber noch schlimmer als der Zeitmangel sind die Sinndefizite, die mir diese Monate schon gebracht haben. Die Unproduktivität beginnt sich in Unproduktivität fortzusetzen, um sich wie eine Last auf alles produktive Denken und Arbeiten zu legen. Die vielen wissenschaftlichen Pläne, die vielversprechenden Projekte bleiben liegen, die hoffnungsvoll in Schreibtischfächern schlummern. Und irgendwann werden mir auch die Worte fehlen, die eigene Situation noch gedanklich zu ordnen und zu Papier zu bringen…

Zitat eines namenlos gebliebenen Privatdozenten (N.N.)

Was sind dies nur für Zeiten, in denen Plagiateure Minister oder Abgeordnete werden können, derweil Habilitierte und Privatdozenten von Nachhilfestunden leben müssen?

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2017-5 Aus: Wilhelm Raabe – Die Chronik der Sperlingsgasse – Kapitel 2

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Am 15. November Es ist eigentlich eine böse Zeit! Das Lachen ist teuer geworden in der Welt, Stirnrunzeln und Seufzen gar wohlfeil. Auf der Ferne liegen blutig dunkel die Donnerwolken des Krieges, und über die Nähe haben Krankheit, Hunger und … Weiterlesen

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2017-04 Wieder in Italien – Frühjahr 2000 – Sommer 2017

Z. Zt. bin ich in Italien und damit wieder an demselben Ort, in Punta Ala, den ich seit dem Ende der 1960er Jahre kenne. Manchmal ist eine Umgebung, eine Landschaft auch wie ein Buch, in dem die Zeit ihre Spuren einträgt. Wir erinnern uns früherer Zeiten, als wir an denselben Orten weilten, die einmal zur Kulisse von freudigen oder traurigen, ein anderes Mal komischen oder tragischen Erlebnissen wurden. Mehr als siebzehn Jahre sind es her, als ich hier einige Tage im Frühjahr 2000 verbrachte, um an einem Beitrag über den portugiesischen Dramatiker António José da Silva zu arbeiten, der im 18. Jahrhundert von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen im Zentrum Lissabon verbrannt worden war. Das Leben dieses gehetzten Juden hat mich seinerzeit sehr fasziniert, so dass mir die Arbeit recht leicht fiel, so leicht, dass der entsprechende Artikel bald einen beträchtlichen Umfang annahm.

Meine Stimmung war zu dieser Zeit doch sehr gut, hatte ch doch allen Widrigkeiten zum Trotz meine Habilitationsschrift bei der Fakultät in Leipzig eingereicht, so dass ich mir des Erfolges relativ sicher war. Außerdem war der Frühling in der Toscana so schön, dass ich nach schwierigen Jahren wieder neuen Lebensmut fassen konnte. Das Jahr 1999 war überaus anstrengend gewesen, hatte ich doch meine Schrift innerhalb weniger Monate beenden können, auch aufgrund des Umstands, dass ich seinerzeit stellungslos war und mir die ganze Tages- und Nachtzeit zur Verfügung stand, um mich dieser Tätigkeit zu widmen. Es gab keine Dienstobliegenheiten, die mich in meiner Arbeit behinderten, so dass ich mich ganz allein auf diese Aufgabe konzentrieren konnte. Der Abschluss dieser schwierigen Phase kommt mir zu einer Zeit in Erinnerung, in der das Ende meines Berufslebens absehbar ist. Seinerzeit hatte ich mit dem Ende der Habilitationsphase noch die berechtigte Hoffnung gehabt, eine berufliche Perspektive an der deutschen Hochschule zu haben. Heute weiß ich, dass ich einen schönen Traum geträumt, dass ich selbst eine éducation sentimentale erlebt habe.

Aber ich weiß auch, dass ich heute im Alter von zweiundsechzig Jahren anderen Tatsachen in die Augen sehen muss. Was mir heute noch bleibt, ist das Schreiben, das einem Wissenschaftler immer wichtiger sein sollte als akademische Ambitionen, Kongresse, Tagungen etc. Sicherlich, um die Bedeutung von Philologen, Geistes-, Kultur- oder Literaturwissenschaftlern ist es selten so schlecht bestellt gewesen wie heute. Aber es ist kaum damit zu rechnen, dass sie mit den häufigen Rendez-vous ihrer Berufsstände größere Achtungserfolge erreichen, so gut gemeint diese auch sein mögen. Diese Gedanken gehen mir heute durch den Kopf, wenn ich an das Frühjahr 2000 zurückdenke, das einen neuen Anfang zu versprechen schien.

Orte können Folien unserer Gedanken und Erinnerungen werden, besonders dann, wenn wir sie häufig, über Jahrzehnte, besucht haben. Als ich Punta Ala zuerst besuchte, war ich ein Junge von 14 Jahren, hatte gerade die siebente Klasse wiederholt, um ins Gymnasium überzuwechseln. Ich interessierte mich für Sprachen, las viel, und auch ziemlich viel durcheinander. In dieser Zeit hat es schreckliche Erdbeben in dieser Region gegeben. Einige Kleinstädte waren so sehr davon betroffen, dass die Hauswände und Fassaden mit Balken gestützt werden mussten, die von der einen zur anderem Seite über die Straßen gingen. Meine Eltern hatten Lebensmittel aus Deutschland importiert, da sie sich nicht sicher waren, das von ihnen Gewünschte auch in den zumeist noch kleinen Läden der Region zu erhalten. Das Leben war hier ebenso anders als in Deutschland wie die Fahrt von Berlin aus immer noch ein kleines Abenteuer war, besonders, wenn es galt, die zahlreichen Bergstraßen über die Alpen zu passieren. Auch das Italienische kam mir seinerzeit weniger flüssig als jetzt über die Lippen, so dass mir häufiger mein seinerzeit noch kümmerliches Schulfranzösisch zur Hilfe eilen musste.

Der Bau des Kondominiums war noch relativ neu. Eine deutsche Firma hatte es in Auftrag gegeben und war dabei in dn Konkurs gegangen. Immerhin war noch ein deutscher Verwalter für die gesamte Organisation zuständig. Und zahlreiche deutsche Urlauber verbrachten seinerzeit ihren Urlaub in dem Kondominium. Heute sind die Spuren deutscher Anwesenheit weitgehend erblasst. Nur der Name ‚Weltring‘ zeugt noch von dieser deutsch-italienischen Liebesgeschichte. Der Strand war noch relativ breit, denn es gab noch keinen großen Hafen, dessen Konstruktion die Strömungen in der Bucht komplett verändern sollte.

Ich denke gern an diese Zeit zurück, und wenn ich abends durch die leeren Gänge des Anwesens laufe, höre ich noch die Stimmen der deutschen Kinder und Jugendlichen, die sich mit denen der Italiener vermischten. Seinerzeit gab es noch eine Bar mit Spielautomaten und vor allem ein großes Fernsehgerät, das uns auch über die Mondlandung der Nasa berichtete. Es war eine Zeit der neuen Zuversichten, trotz Vietnamkrieg und Berliner Mauer. Es war eine Zeit des Übergangs, die aus alten Gewohnheiten in neue Ungewissheiten führte, wie ich sie selbst in meinem frühen Studienjahren erfahren sollte.

Diese und andere Erinnerungen sind an diesem Ort präsent, so dass mir eine Chronologie der Dinge entgleitet und ich manche Gedanken wahrscheinlich in eine andere Ordnung setze als es eigentlich zulässig wäre. In den späteren Jahren nahm ich zum Leidwesen meiner Eltern stets zahlreiche Bücher mit, die mir die Aufenthalte in Punta Ala zunehmend zur Lektüre werden ließen. Am Strand lernte ich ein älteres französisches Ehepaar kennen. Der spindeldürre Herr, der als Universitätsprofessor für moderne Philosophie in Rennes ansässig war, ließ in mir eine Vorstellung von akademischer Bildung aufkommen, wie ich sie mir zum Vorbild nahm und schließlich auch für mich selbst anstrebte. Dann schloss sich meinem Abitur alsbald ein Studium der Romanistik und Germanistik an der FU Berlin an. Doch der Sommer 1975 wurde zu einem vorläufigen Endpunkt in meiner Beziehung zu diesem geliebten italienischen Badeort. Erst nachdem ich dann meine Dissertation abgeschlossen hatte, konnte ich ihn dann im Sommer 1991 wieder aufsuchen. In der Zwischenzeit hatten sich meine Eltern getrennt, meine Mutter hatte wieder geheiratet, so dass ich erst jetzt wieder an meine alten Erinnerungen anknüpfen konnte. Doch in den Folgejahren sollte ich fast jeden Sommer wieder in Punta Ala sein, zumal ich dann mit dem Frühjahr 1993 in eine Assistentenstelle eintrat, die zur Habilitation führen sollte.

Seit dieser Zeit fühlte ich mich noch mehr mit diesem Ort verbunden, mit jener lateinischen Kultur, die meinem ‚Migrationshintergrund‘ ein wenig Sicherheit und Halt zu geben pflegt. Freilich hatte ich mir schon mit dem Lateinunterricht, der uns in den frühen 1970er Jahren von einem wunderbaren alten Lehrer erteilt worden war, eine Vorstellung von jener Sprachtradition erschließen können, die schließlich Grundlage der Romanistik ist. Aber nun als Habilitand erhielt ich den berechtigten Eindruck, auch im professionellen Sinn dazuzugehören, dabeizusein, vielleicht auch mit der Hoffnung, ein wenig so zu werden wie jener französische Professor, der seinerzeit am Strand Forschungsarbeiten las und zwischen den Lektüren seine Schwimmkünste zum Besten gab. Dieses Bild hat sich in mancher Hinsicht als trügerisch erwiesen.

Assistentenjahre sind Lehrjahre und als solche keine Herrenjahre, auch dann nicht, wenn sie sich im postmodernen Rahmen vollziehen, wenn in ihrem Verlauf tradierte Axiome der westlichen Geistesgeschichte aus deren Aufbau und deren Voraussetzungen zur Disposition gestellt, wenn diese ‚dekonstruiert‘ werden. Was wie ein intellektuelles Wagnis ausschaut, erweist sich letztlich als bloße Gedankenspielereien kluger, aber herrschender Geister, die keinesfalls lebende Hierarchien in Frage zu stellen beabsichtigen, schon gar nicht, wenn sie diese selbst bekleiden. Diese Strömung der Gegenwartsphilosophie scheint zur Rebellion, zur geistigen Libertinage einzuladen, aber nur ein recht naiver Mensch will diese Einladung auch tatsächlich annehmen und stellt dabei bestimmte Regeln in Zweifel, ein so naiver Mensch wie ich. Es müssen Zyniker geboren werden, die sich im postmodernen Denken wie bei einer Trimmdichspirale fit machen, während sie die prämodernen Gewichte hierarchischer Beziehungen im Leben noch mit sich herumtragen. Es ist wunderlich, in eine Zeit hineinzuwachsen, die mit großem Pathos jeglicher Ideologie entsagt, ihre Denkabstösse zugleich aber durch die Unfähigkeit zur Lebenspraxis selbst einem Ideologieverdacht aussetzt.

Inzwischen blicke ich gelassener auf diese Zeit zurück. Vieles habe ich gelernt, was mich mit der wissenschaftlichen Arbeit, aber auch mit mündlichen und schriftlichen Examina vertraut gemacht hat. Die Postmoderne erweist sich letztlich als eine radikal nominalistische Erscheinung, im Kleinen wie im Großen. Sie ist ein bloßes Gedankenexperiment und als solches tatsächlich ein intellektuelles Abenteuer, das aber keine nennenswerten Auswirkungen auf die Lebenspraxis haben dürfte. Während man strikte Oppositionen als ‚essenzialistisch‘ angesehen hatte, die aus einer historisch überlebten Epoche stammten, so sollte die Absage an dieses Axiom in der materiellen Wirklichkeit keine Bestätigung finden. Im Gegenteil, die weltweiten Konflikte beruhen auf eben jenen ‚verwunden’ geglaubten Oppositionen, ganz gleich ob diese zwischen Großmächten verlaufen, zwischen ideologischen Kontrahenten oder zwischen unterschiedlichen ökonomischen Interessen. Man gewinnt den Eindruck, dass sich das postmoderne Denken nachgerade als trotziges psychisches Kompensat für diese unverwüstlichen und umso unbarmherzigen Dualismen anbietet, als Herolde einer Avantgarde, die der Wirklichkeit bereit so weit vorausgeeilt sind, dass sie diese überhaupt nicht mehr treffen können. Es ist aber eine Ironie, dass die Theorie bereits dort von der Wirklichkeit eingeholt wird, wo sie entstanden ist, in der Universität selbst. Nicht nur ich, sondern auch unzählige andere Kollegen könnten ein Lied darüber singen. Doch wäre das postmoderne Denken über nette Accessoires hinausgegangen und zur materiellen Wirklichkeit geworden, dann würden wir unser Leben wohl nicht mehr wieder erkennen. Es wäre vielleicht nicht unbedingt ein besseres Leben, aber sicherlich ein gelasseneres Dasein, in dem die Hierarchien flacher, die Beziehungen unaufgeregter und die Forschungsbedingungen förderlicher wären, als wir dies heute eben erleben. Wäre dies in einer Stadt wie Leipzig möglich gewesen, so wäre dies ein intellektueller Triumph an eben jenem Ort gewesen, von dem die friedliche Revolution in der DDR ihren Ausgang genommen hatte.

Mittlerweile bin ich wieder am Ausgangspunkt meiner Gedanken in der Jetztzeit angekommen. Z. Zt. ziehen Unwetter über die Maremma, die, wie auch ich glaube, mit gewissem Recht einem vom Menschen gemachten Klimawandel zu verdanken sind. Im September hat es schon, soweit ich zurückdenken kann, schlimme Stürme und lang andauernde Regenschauer gegeben. Aber inzwischen sind die Wetterkapriolen ganz außer Rand und Band geraten, so sehr, dass nach fast einem halben Jahr der kompletten Dürre regelrechte Wasserbomben auf einen harten Erdboden fallen, der diese kaum noch aufzunehmen imstande ist. Eine italienische Mittelstadt, die mir schon vor mehr als zehn Jahren als kleine Perle des Tyrrhenisches Meeres ins Auge gefallen ist, ist Livorno, die Stadt Modiglianis und Mascagnis, eine Stadt voller Schüler und Studenten, Matrosen und Künstler. Sie wurde am letzten Wochenende wohl am meisten von den Stürmen heimgesucht. Eine ganze Familie soll ihren Tod gefunden haben, weil sie, wie soviele geschädigte Bürger im Hafenviertel von den Wassermassen überrascht worden waren. Gestern sind wird im Stau an dieser Hafenstraße entlang gefahren. Der Anblick der zusammengestürzten Bäume, der Fahrzeuge, die der Sturm durch die Luft geschleudert hatte, der verschlammten Fahrbahnen bringt mich zurück in eine weit zurückgelegene Zeit, in jene, als die Region vor beinahe einem halben Jahrhundert von schlimmen Erdbeben heimgesucht worden war. Selbst Paradiese haben ihre Hölle …

Post geht weiter.

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2017-03 Auferstanden aus der Sprache

Und wieder kehre ich nach langer Zeit zu meinem Blog zurück, der bisher in diesem Jahr erst zwei Einträge verzeichnet. Womöglich haben sich schon zahlreiche meiner Leser von mir verabschiedet, da sie kaum noch Neuigkeiten von meiner Seite erwarten. Aber ich will doch Wort halten und immer wieder neue Notizen hinterlassen. Doch wird dies aufgrund meiner vollständig veränderten Lage nicht mehr so häufig der Fall sein können wie früher, zu meinem Bedauern, denn ich lese und schreibe sehr gern. 

Meine jetzige Lehrtätigkeit als Deutschlehrer auf Honorarbasis hat mein gesamtes Leben radikal verändert. Meine Arbeit als Privatdozent hatte zwar angesichts so zahlreicher Vertretungen immer auch etwas Unstetes. Über Jahrzehnte, zuerst als Assistent in Leipzig, dann als Vertreter von Professuren bin ich durch ganz Deutschland gereist, ohne mich jemals auf ein bestimmtes Institut, auf bestimmte Kollegen konzentrieren zu können. Dem Vagabundieren zwischen Hochschulen wie Leipzig und Bonn, Berlin und Heidelberg, Augsburg und Saarbrücken, Potsdam und Gießen entsprach auch eine intellektuelle Vagabondage zwischen unterschiedlichsten Schwerpunkten in der Romanistik.

 

Unter diesen Umständen hatte ich mich immer wieder mit den Schwerpunkten bzw. Profilen auseinanderzusetzen, die den von mir zu vertretenden Professuren entsprachen. Was ich selbst stets als wohltuend empfunden habe, nicht erst in die Versuchung eines behäbigen Beamtendasein zu geraten und beweglich zu bleiben, hat sich aus der Sicht eines akademischen Establishments womöglich als Defizit erwiesen. Der Wunsch, nicht ein bestimmtes Thema zu kolonisieren, sondern immer wieder neue Bereiche kennenzulernen, wird nicht eben geschätzt. Ebenso wenig konnte man mir womöglich verzeihen, dass ich mich in den letzten Jahren der ‚Neuen Romania‘ zugewandt hatte. 

Aber wer konnte mir dies verübeln, wenn ich nach meinen Studien über eher klassische Themen im ‚Finis Africae‘ ein neues Ziel zu suchte, mit dem ich auch eine nicht zuletzt auch finanzielle Förderung meiner neuen Projekte verband. Immerhin war ich aufgrund meiner fachlich zwar geachteten Habilitationsschrift nicht zum Professor berufen worden. Ich hätte aber von Anfang wissen müssen, dass entsprechende Institutionen nicht nach der tatsächlichen wissenschaftlichen Lebensleistung eines Antragstellers fragen, sondern diese einzig und allein nach dem Maß von Status und Alter berechnen. Die Bewertung eines zur Vorlage gebrachten Projekts beruht nicht auf dessen Sinnhaftigkeit und Qualität, sondern vorzugsweise auf der Frage, wie weit es der Antragssteller in der akademischen Hierarchie gebracht hat. Kommt noch dessen vorgerücktes Alter hinzu, so scheint das 55. Lebensjahr aus dieser engen Sicht wohl überhaupt die Grenze einer ernstzunehmenden akademischen Vita zu markieren. Nur jene, die vormals schon in den wohlverdienten Beamtenstatus berufen worden waren, können auch mit einer größeren Autorität auftreten, auch wenn nicht wenige von ihnen gleichfalls mit ihren Anträgen in Forschungsinstitutionen scheitern, allerdings mit weitaus weniger unangenehmen Konsequenzen für sie selbst.

Man sagt, dass die Zeit Wunden heilt. Dies ist aber wohl nur eine Teilwahrheit. Die zeitliche Distanz zu einem Unglück, einer Niederlage erlaubt es uns nur, die Wunden besser zu ertragen. So würde ich meine Situation beschreiben. Die Lehrtätigkeit als DaF-Lehrer bringt mich mitunter mit interessanten und hochmotivierten Menschen zusammen, die mir diese oft einseitige Arbeit an und mit der Sprache sehr erleichtert haben. Dennoch muss die poetische und literarische Seite der Sprache mit dem Studium der Grammatik eher weit in den Hintergrund rücken. Und auch meine wissenschaftliche Arbeit muss naturgemäß unter diesen Verhältnissen leiden. Ein alter Freund riet mir, meine Projekte auf dem Schreibtisch zu stapeln, um sie dann zu gegebener Zeit wieder in Angriff nehmen zu können. Etwas Anderes wird mir wohl auch kaum übrig bleiben.

Für mich war es stets ein Hobby, eine wissenschaftliche Tätigkeit ausüben zu können. Vielleicht hätte es auch immer ein Hobby für mich bleiben sollen, zumal ich nicht wenige Kollegen kenne, die sich im höheren Altern noch sehnsüchtig daran erinnern, wie sie einstmals begonnen hatten. Einige dieser Kollegen mussten fassungslos mitansehen, wie der Lehrstuhl, den sie womöglich in Jahrzehnten langer Arbeit aufgebaut hatten, nach ihrer Emeritierung gestrichen werden sollte. Andere wiederum waren der langen Kämpfe mit mißgünstigen Neidern überdrüssig und sahen sich mit dem Ende ihrer Dienstzeit buchstäblich aus ihren Seminaren gedrängt. Diese Leidensphasen sind mir glücklicherweise erspart geblieben. Ich wusste immer schon am Anfang einer Vertretung, dass meine Semester gezählt sind. Privatdozent zu sein, heißt, schon früh die eigene Endlichkeit zu erfahren.

Wenn ich jedoch von einem Hobby spreche, dann gewiss nicht, weil ich die akademische Tätigkeit etwa mit Geringschätzung betrachten würde. Vielmehr ist nichts anderes als das Gegenteil denkbar. In bestimmter Hinsicht habe ich mich immer als konservativ empfunden, nicht im ideologischen, sondern eher naiven Sinn. Ich war stets der Meinung, dass wissenschaftliche Erkenntnis und Methode auch Ausdruck einer Lebenshaltung sein sollten. Ich konnte einfach nicht akzeptieren, dass Feminismus, Gender- bzw. Queertheorie oder Philosophie der Postmoderme zu schnöden Geschäftsmodellen degradiert werden. Diese und andere Wissensbereiche haben an einem akademischen Markt Anteile, die im Zuge von Berufungen, Projektbewilligungen, Stellenausschreibungen, SFB (Sonderforschungsbereiche) etc. zu- oder abnehmen. 

Dass Feministen womöglich in ihrem privaten Glück Machoallüren ertragen, die sie in ihrem wissenschaftlichen Diskurs heftig bekämpfen, dass postmoderne Professoren mitunter auch an prämodernen Kategorien und Hierarchien festhsalten, die sie in ihren Vorlesungen zu dekonstruieren wagen, erschien mir unfassbar. Es ist eine Binsenweisheit, dass wir allemal in Widersprüchen leben, die wir auch beim besten Willen nicht aufzulösen imstande sind. Aber wenn der Zusammenhang von Leben und Beruf, Theorie und Praxis einen Sinn haben soll, müsste er sich an dieser Stelle einstellen.

In diesem Sinn ist es mir auch wichtig, die Frage nach der political correctness erneut aufzuwerfen. Es steht für mich überhaupt nicht zur Debatte, dass in öffentlichen Dingen keine persönlichen Beschimpfungen und Denunziationen gestattet sein dürfen. Aber alles, was über diese menschlichen Selbstverständlichkeiten hinausgeht, ist mir zuwider. Wenn sich die Sprache in Euphemismen hüllt bzw. historisch entstandene Begriffe oder Namen durch Worte ersetzt, die dem Stil und den Auffassungen der Zeit entsprechen, halte ich dies für überaus problematisch.

Ein Beispiel: Als ich auf dem Afrikatag in Bayreuth vor einigen Jahren über den antikolonialistischen Roman des Katalanen Albert Sánchez Piñol Pandora al Congo referierte, der an die Zeitstimmung vor und während des Ersten Weltkriegs in Großbritannien erinnerte, musste ich aus historischen Gründen zweimal das Unwort ‚Neger‘ in den Mund nehmen. Auf meinen Vortrag ging fast niemand der Sektionsteilnehmer ein. Der eigentliche Gesprächsgegenstand war dieses Wort, das es doch zu vermeiden gelte. Mein Herz schlägt immer für Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Aber ist es nicht spätestens seit Freud eine Binsenweisheit, dass das Gesagte nicht das Gemeinte sein muss, dass die Sprache nicht immer verräterisch sein muss, wie dies gerade an der Praxis der Nationalsozialisten hinlänglich zu belegen wäre? Ist es nicht gerade so, dass das Euphemistische der Barbarei auch immer die himmelschreiend unmenschliche Seite des Unrechts kaschiert. Waren eitle Lügenwörtchen wie ‚Lebensraum im Osten‘, ‚Endlösung‘, ‚Sonderbehandlung‘ oder die hygienischen ‚Brausebäder‘, nicht zu sprechen von Tugenden wie ‚Anstand‘, ‚Sauberkeit‘ nicht gerade die geeigneten Kulissen für den Genozid? Müssten nicht gerade wir Deutschen gelernt haben, dass nicht schöne Worte auch eine schöne Wirklichkeit ergeben? Natürlich wussten die Teilnehmer meiner Sektion, dass ich keine rassistischen Untertöne im Sinn hatte. Aber wie leicht ist es doch, die eigene gute Gesinnung an den vermeintlichen sprachlichen Fehltritten eines anderen unter Beweis zu stellen? Ein historischer Roman wird, sofern er seinen Gegenstand ernst nimmt, stets den Versuch unternehmen, dem Leser in den Spannungsbogen historischer Horizonte einzuführen. Dabei treten die Kategorien und Wertmaßstäbe der eigenen Zeit in eine Spannung mit jener Epoche, die zum Objekt des Erzählens wird. Diese Gegebenheiten wird eine literaturkritische Bestandsaufnahme ebenso zu berücksichtigen haben wie dies ein Restaurator gegenüber den Beschädigungen eines Artefakts unternimmt. Dieser wird das Kunstwerk nicht so zurichten, dass eben diese Spuren verschwinden, so als ob er es neu geschaffen hätte. Vielmehr wird er die schadhaften Stellen so markieren, dass dem Betrachter die Ergebnisse der Restaurierungsarbeiten ersichtlich werden. Hier tritt ihm kein geliftetes, sondern ein in die Jahre gekommenes Kunstwerk vor die Augen.

Die angesprochene Form der political correctness ist daher auch keineswegs ‚links‘ oder korrekt, sofern mit ihr eine bloße moralische Geste der historischen Dialektik ihren Platz streitig macht. Es ist längst bekannt, dass sich die Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner in den 1960er und 1970er Jahren stets als Emanzipation der Neger verstand, wobei ’niger‘ im Lateinischen nichts anderes als ’schwarz‘ meint. Es gibt sogar zwei afrikanische Staaten, Nigeria und Niger, die in ihrem Namen auf diese Etymologie anspielen. Die Abgrenzung vollzog sich über Jahrzehnte immer zu jenem verachtenden Unwort, das den Buchstaben G verdoppelt. Was und wer die Veränderung sprachlicher Koordinaten hervorgerufen hat, vermag ich nicht sicher einzuschätzen. Es dürften weiße Diskursteilnehmer gewesen sein, denen mit wachsender Erschütterung offenbar geworden ist, was ihren schwarzen Schwestern und Brüdern über Jahrhunderte angetan worden war und noch immer wird, was denen in ihrem Namen gerade jetzt angetan wird. Diese historische Schuld lässt sich aber nicht durch eine euphemistische Sprache abtragen. Gerade in der Bezeichnung ’negro‘, ’nègre‘ – in Abgrenzung zum ‚Weißen – offenbart sich diese doch hinlänglich. Tilgen wir den Namen, bringen wir nur unser schlechtes Gewissen zum Schweigen.

Was wir brauchen, ist eine Sprache, welche die Realien bei den Hörnern packt und nicht eine solche, die ihnen davonläuft. Sie muss den Anforderungen eines ‚mot juste‘ Rechnung tragen, das den Menschen, aber auch der Sache und mithin der Geschichte gerecht wird. Wir müssen die Spuren des durch Gewalt verzerrten Dialogs kenntlich machen, anstatt sie mit den Worten einer noch immer nicht gänzlich gelungenen Emanzipation kaschieren zu wollen.


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2017-02  Verspäteter Nachtrag zur Investitur des neuen US-Präsidenten

Die Zeichen stehen auf Sturm. Vor uns entstehen Konstellationen, die bisher unvorstellbar waren. Endgültig vorbei ist jene Welt des Kalten Krieges, in der Freund und Feind so gut voneinander unterscheidbar waren. Ein bislang bei uns wenig bekannter Mann, der die mindesten bürgerlichen Anstandsregeln ebenso missachtet wie Frauen im Allgemeinen und seine Gegner im Besonderen, wurde kürzlich in eines der bedeutendsten Ämter eingeführt. Doch in den USA war er bereits hinreichend durch Skandale und Übergriffe bekannt. Als Donald Trump (* 1946) noch weit vom Ziel einer Präsidentschaft entfernt war und ihm die allerwenigsten eine reale Chance einräumten, war er bereits kein unbeschriebenes Blatt mehr, das man sich zu einem neuen Diktat hätte bereitlegen können. Er gehörte stets zur alten Wirtschaftselite, war allerdings bisher nicht sehr eng mit dem politischen Establishment verflochten, was vielleicht auch erklärt, dass er von 2001-2009 der Demokratischen angehörte, um sodann der Republikanischen Partei beizutreten. Mit der Unterstützung der Schlechtweggekommen, Gestrandeten und Verzweifelten gelang es ihm, alle notwendige Kräfte, einschließlich der Dummheit und der schlimmsten Instinkte gegen das Establishment in beiden Parteien zu mobilisieren. Es ist eigentlich unnötig zu sagen, dass wir damit nicht seine Wähler beschimpfen wollen, wie manche voreilige Stimmen behaupten wollen. Es liegt auf der Hand, dass den Dauerarbeitslosen und dem Milliardär Trump gemeinsame Interessen fehlen. Es sind lediglich Verzweiflung und Hoffnung, die mit List und rhetorischer Raffinesse, getarnt als Grobheit, Halbwissen und Lügen, eine folgenschwere Allianz eingingen, um den Wahlkampf in diesem zum Sieg zu verhelfen.

Auch ich kann dieser Entwicklung nicht Gutes abgewinnen, schon allein deshalb, weil die ohnehin bescheidenen Fortschritte der Obama-Administration nun auch noch rückgängig gemacht werden sollen. Allerdings teile ich auch nicht die manichäische Ansicht, dass die Welt vor Trump in Ordnung war, während sie jetzt in endloses Chaos versinke. Es waren immerhin die bisherigen Verhältnisse, die die jetzige Situation überhaupt erst hervorbrachten. Wer die bisherige Globalisierung kritiklos verteidigt, wer die schroffen Ungerechtigkeiten zwischen reichen und armen Ländern als gegeben rechtfertigt, ist kein glaubwürdiger Kritiker der neuen Administration. Der Nationalismus des Herrn Trump, wie verlogen er doch auch immer sein mag, hat doch einen rationalen Kern, den wir alle ernstnehmen müssen. Die Welt des freien Handels beruht häufig genug auf einseitigen Abmachungen, die zumeist zu Lasten der schwächeren Seite gehen. Es ist wahr, profitiert haben letztlich auch Hunderte Millionen von Menschen in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien. Verloren haben aber zugleich Arbeiter- und Mittelklassen in den entwickelten Ländern Europas und Nordamerikas, die als nunmehr Deklassierte von den ‚Populisten‘ als Wähler für ihre antiliberale Politik rekrutiert werden.

Insofern erscheint es auch geraten, den liberalen Gegnern des Herrn Trump ein wenig mehr Misstrauen entgegenzubringen, ohne diesen selbst freilich mit Sympathie zu bedenken. Auch die linken Demonstranten, die monatelang zu Recht gegen TTIP und ähnliche Abkommen demonstrierten, reiben sich erstaunt die Augen. In Zweifel gezogen wird die Mär vom freien Welthandel nun auch von jenen, die aus ihrer Sicht bisher zum politischen Establishment gehörten. Damit entstehen ganz neue Konstellationen, die zurecht fragwürdig erscheinen. Der neue Präsident polarisiert die Gemüter derart, dass sich jene, die dem freien Welthandel bisher wenig abzugewinnen mochten, nun Gemeinsamkeiten mit Wirtschaftsliberalen finden. Dabei geraten Alternativen jenseits von enthemmter Globalisierung und Protektionismus aber aus dem Blickfeld, obwohl sie doch gerade zu den Verhältnissen geführt haben, wie wir sie jetzt vorfinden. 

Freilich mutet es seltsam an, wenn ausgerechnet die Führungsnation der westlichen Welt einem protektionistischen Kurs folgt, obwohl doch ihre Politik der letzten hundert Jahre immer darauf bedacht war, neue Märkte für sich zu gewinnen und alles zu tun, damit nationalistische oder autonomistische Strömungen in den armen Ländern scheitern. Wer immer auch dieser Politik widersprach und die Expansion von US-Firmen erschwerte, wurde im Zuge des Kalten Krieges als Kommunist oder Feind des Westens denunziert. Ob Mossadegh, Nasser, Lumumba oder der zunächst noch zum Nationalismus neigende Castro – tutti quanti wurden sie des Kommunismus bezichtigt, obschon es ihnen doch vor allem um wirtschaftliche Unabhängigkeit gegenüber den amerikanischen Monopolen ging. Letztlich stand dabei nicht der vielzitierte ideologische Gegensatz zwischen offener Gesellschaft und Kommunismus im Vordergrund als vielmehr der Umstand, dass sich die Einparteienstaaten kaum für offene Märkte eigneten, sondern ein beständiges Risiko für die Sicherheit amerikanischer Investitionen darstellten. Inzwischen gibt es wenigstens diese Gefahren nicht mehr, so dass es um so erstaunlicher erscheint, dass zur gleichen Zeit auch die Briten, die alten Beherrscher der Meere, als Folge des Brexits ihre Zugbrücken hochziehen. So macht gerade diese merkwürdige Koinzidenz dies- und jenseits des Atlantiks auch in kultureller Hinsicht eine Paradoxie ersichtlich. Jene Länder, die das Englische zur ‚mother of all tongues‘ (David Crystal, English as a Global Language) erklären, wollen in die Selbstisolation einer Provinz zurückzukehren. Jene Länder, die die Globalisierung unserer Welt gerade mit der angelsächsischen Variante des Kapitalismus verbanden, wollen sich aus einem von ihnen angestossenen, unwiderruflich erscheinenden Prozess zurückziehen. Freilich könnte dies auch zu einer Chance für Frankreich und Deutschland werden, Großbritannien und seiner einstigen Kolonie andere sozio-kulturelle Modelle entgegenzusetzen, das differenzierter auf die eigenen soziale Verhältnisse, einschließlich auf jene in den armen Länder in Übersee reagiert.

Dabei gilt es diesen differenzierten Blick auch auf das europäische Projekt zu werfen, ein Blick, der leider seitens unserer Eliten nicht immer hinreichend verstanden wird. Zu rasch gerät auch berechtigte Kritik an den bestehenden Verhältnissen der Europäischen Union in den Verdacht des Euroskeptizismus, der es den Herrschenden letztlich erspart, auf begründete Argumente zu antworten. Doch inzwischen ist ‚Europa‘ kein Zauberwort mehr, mit dem man den Einbruch des ewigen Friedens zelebrieren könnte. Man will sich auch etwas dabei denken, und dies müssen mehr als nur schöne Worte und pathetische Versprechungen sein. Zwar sind Europäische und Amerikanische Union als Projekte keineswegs deckungsgleich, aber demungeachtet greifen die USA doch der in Europa intendierten Entwicklung weit voraus, konstituieren sie doch bereits jetzt schon eine Föderation von Staaten, während sich diese in Europa noch auf dem Weg in diese engverbundene Staatlichkeit befindet. Hatten uns die Befürworter der EU nicht immer gesagt, dass wir mit einer gemeinsamen Staatlichkeit aller Europäer auch die Engstirnigkeit nationaler Interessen, Nationalismus und Rassismus überwinden würden? Wäre ein Herr Trump in letzter Konsequenz nicht auch gerade eine Perspektive, die uns dereinst mit einer Europäischen Union erwarten könnte, zumal wenn wir dann einen Präsidenten hätten, der mit ähnlichen Machtbefugnissen ausgestattet wäre. Gerade in der Politik der Vereinigten Staaten resümieren sich doch genauso jene Allmachtsphantasien, wie sie nur Staaten und Nationen mit unmäßiger Macht für sich in Anspruch nehmen können. Was uns in Europa bisher vor diesem kollektiven Schicksal verschont hat, ist vielleicht gerade die Tatsache, dass nicht ein Präsident regiert, sondern vielmehr achtundzwanzig Repräsentanten. (Kürzlich wurde übrigens gemeldet, dass es Bestrebungen in Kalifornien gibt, sich von der Amerikanischen Union zu lösen und auf eine Eigenstaatlichkeit hinzuarbeiten, vgl. http://www.t-online.de/nachrichten/ausland/usa/id_80205056/calexit-kalifornien-will-sich-von-usa-abspalten-kampagne-laeuft.html, 28.01.2017).

Es bleibt noch immer zu klären, wie Autonomie und Union in ein faires und zugleich notwendiges Gleichgewicht gebracht werden können. Die europäischen Völker gehören zweifelsohne zusammen und damit auch zu einer Union. Nur kommt es darauf an, wie die Bundesstaatlichkeit der einzelnen Nationalstaaten zu fassen wäre. Jedenfalls nicht so, dass diese wie dumme Schüler vom gestrengen Oberlehrer in Brüssel vorgeführt werden. Es scheint, dass gerade in dieser Konstellation Gefahren und Risiken angelegt sind, die auch zu Herrn Trump und zu Herrn Bannon geführt haben. Es liegt an uns, neue Perspektiven jenseits dieses Verhängnisses zu finden.

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2017-01: Zum Neuen Jahr 2017: Die Eliten und ihre Populisten

Mein Blog ist mir immer ein guter Freund gewesen. Aber desgleichen kann ich nicht von mir selbst sagen. In letzter Zeit habe ich ihn sträflicherweise vernachlässigt, nicht zuletzt deshalb, weil mir mit dem Ende meiner beruflichen Tätigkeit an der Hochschule mein Lebenssinn abhandenzukommen drohte, wie er sich für mich seit erfolgreicher Habilitation und zahlreichen guten Vertretungen von Professuren in bestimmten Zielen konkretisierte. In diesen letzten zwanzig Jahren haben auch die Niederlagen und Rückschläge meine Hoffnungen nicht zerstören können. Vielleicht hoffte ich zuletzt nicht mehr auf eine Professur, wohl aber auf eine Dozentur im Mittelbau, mit der ich dann meine Berufsjahre zum Abschluss hätte bringen können.

Dass ich jetzt als Habilitierter und Privatdozent im Integrationsunterricht arbeite, macht mich empfindungs- und nahezu sprachlos. Auch bleibt kaum noch Zeit zum Schreiben, geschweige denn zum wissenschaftlichen Arbeiten. Wenn es denn Menschen gegeben haben sollte, die mir Übles wollten, so hätten sie in ihrer Übermacht einiges erreicht. Sie haben mich weitgehend zum Schweigen gebracht, aber eben doch nicht ganz. Ich hoffe, diese vor mir liegenden Jahre so zu überstehen, dass mir danach noch genügend Zeit bleibt, um meine wissenschaftliche Publikationstätigkeit wiederaufzunehmen.

Es liegen vor mir hunderte von Büchern, die allein für mein Projekt bestimmt waren. Doch die Zeit, es umzusetzen, ist mir inzwischen abhandengekommen. Zeit hatte ich, selbst als ich eigentlich gehabt haben sollte, eigentlich nicht einmal in meiner Habilitationsphase. Da musste ich darum kämpfen, 1) dass mir vertraglich auch die vollen sechs Jahre zugesichert wurden und 2) dass ich die einmal errungene Zeit auch primär für meine Habilitation nutzen durfte, was schließlich auch meine eigentliche Aufgabe war. Und auch fortan sollte ich niemals die Gelegenheit erhalten, meine wissenschaftliche Arbeit im Rahmen einer festen Stelle fortzusetzen. Dabei spielte es keine Rolle, dass ich inzwischen habilitiert war. Die Anstrengungen der Promotion und Habilitation konnten mir allenfalls dazu verhelfen, das Schreiben als bloßes Steckenpferd und zugleich mit Seriosität fortzusetzen. Wo andere eine sichere Pensio erwarten und dabei doch ihre Publikationstätigkeit womöglich inzwischen längst aufgegeben haben, werde ich Idealist bleiben müssen, nicht aus moralischer Überlegenheit, sondern einzig und allein aus dem Zwang ungünstiger Verhältnisse.

Aber diese betreffen nicht nur mich. Und daher will ich auch, wie in meinem Eintrag vom Spätsommer 2016 notiert, auf die augenblickliche Lage eingehen, die im zunehmenden Mißtrauen vieler Menschen gegenüber den politischen und wirtschaftlichen Eliten in der westlichen Welt ein gemeinsames Motiv findet. Dabei tun sich beunruhigende Fragen auf, die allerdings im öffentlichen Diskurs auf wenig Widerhall stoßen. Der Allerweltsbegriff ‚Populismus‘ versammelt scheinbar alle Feinde der demokratischen Ordnung um sich. Aber kaum einer wagt zu sagen, dass Demokratie und Populismus Verwandte sind, wenn auch Verwandte, die sich nicht sonderlich mögen. Aber dies mag schließlich in den besten Familien vorkommen. Denn der Wahlkampf in den USA hat längst gezeigt, dass der Streit zwischen repräsentativer und plebiszitärer Demokratie recht künstlich ist. Natürlich sind Volksabstimmungen und Referenden auch mit der gebotenen Skepsis zu betrachten, da sich komplexe Fragen nicht immer eindeutig beantworten lassen und Stimmungen deren Ergebnis auch verzerren können. Was aber, wenn Wahlkämpfe von bestimmten Bewerbern zu folgenschweren Plebisziten gemacht werden, wie dies einstmals schon zwischen 1930 und 1932 der Fall war und bei allen gebotenen Unterschieden zuletzt auch die Auseinandersetzungen zwischen Demokraten und Republikanern in den USA bestimmen sollte. Nicht umsonst hat man diese mit der vorausgegangenen Volksabstimmung in Großbritannien verglichen, die schließlich den Brexit einleitete.

‚Elite‘ und ‚Masse‘ stehen in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander. Im vordemokratischen Zeitalter konstituierte sich diese Elite durch das Blut, das sich wie eine genealogische Linie durch Generationen aristokratischer Familien schlängelte. Mit der Demokratie war die Elite aber nicht mehr gegeben, sondern mußte ihre Legitimität vielmehr in Wahlen begründen. Doch es wäre weit gefehlt, wollte man dieses neue Prinzip mit einer meritokratischen Ordnung gleichsetzen, die in der westlichen Welt von jeher immer eher Ideal denn Realität war. Die Kombination von Interessen und Geld ist letztlich so unschlagbar, dass sie selbst neue Traditionslinien und Erbschaften in Politik, Wirtschaft, Kultur, und so ließe sich hinzufügen, auch in der Wissenschaft hervorbringen. Die Autonomisierung der Sprache im Diskurs trug das ihrige dazu bei, dass sich diese Eliten in Selbstgesprächen verwickeln, zu denen Außenstehende kaum noch Zugang hatten. 

Gegen diese Elitebildung formiert sich Widerstand, der heute wie damals mit dem Leid der Zukurzgekommenen und Unterprivilegierte spielt. Denn in derartigen Situationen, die häufig nach Pulverdampf riechen, treten Figuren vom Schlage großer und kleiner Agitatoren, Demagogen und Einflüsterer auf. Diesen geht es vornehmlich darum, dieses Elend so auszunutzen, dass sie unbemerkt eine neue Elite bilden können, wenn dies nicht schon vorher getan haben. Besonders in Deutschland ist es zur Mode geworden, jede Entwicklung der neueren Zeit, ja jedes auch nur kleine Symptom, das auf widrige und repressive Verhältnisse deuten könnte, mit dem Nationalsozialismus in Zusammenhang zu bringen. Ich teile diese Mode grundsätzlich nicht, da ich nicht an den Fatalismus einer Geschichte glaube, die dem Gesetz der ewigen Wiederkehr unterliegt. Im Augenblick sehen wir schließlich, dass im sogenannten „Populismus“ nicht einfach etwas Altes wiederkehrt, sondern auch Neues einbricht, so etwa in Großbritannien, dessen Demokratie bisher immer wieder als geradezu mustergültige Überbietung des klassischen athenischen Modells aufgefasst wurde, wahrscheinlich auch weil mit diesem der Erfolg des Ordo-Liberalismus gefeiert werden konnte. Entgegen dieser grundsätzlichen Einsicht stelle ich dem Leser am Ende dieses Eintrags ein längeres Zitat aus Ernst Glaesers Roman Der letzte Zivilist (1934) zur Verfügung, in dem die Wirkung einer Wahlkampfrede Hitlers am Ende der Weimarer Politik ausgelotet wird. Ähnlichkeiten zu heutigen Ereignissen liegen dabei auf der Hand, ohne dass deren Akteure eine Gleichsetzung mit Adolf Nazi über sich ergehen lassen müssten.

Zunächst aber will ich meinen Beitrag zu einem vorläufigen Abschluß bringen. Eine Elite befindet sich immer dann in einem Kampf mit einer anderen Elite, wenn die bisher geltenden Diskurse ihre Legitimation zu verlieren drohen, wenn ihr Sinnpotenzial erschöpft ist. Gekämpft wird um Deutungsmacht und Geltungshoheit. Sind schon die alten Eliten des Populismus fähig, so müssen die neuen es erst Recht sein, um ihren Diskurs als Protest besonderen Nachdruck zu verleihen und damit zur Macht zu kommen. Meine These ist also, dass die Demokratie ihre Scharlatane selbst hervorbringt. Deren Chancen wachsen mit der Unzufriedenheit derer, die sich als Chancenlose von Demagogen gegen noch schwächere Teile der Gesellschaft ausspielen lassen. Das kennen wir aus der deutschen Geschichte, aber eben nicht mehr nur aus dieser. Hüten wir uns heute vor denen, die sich den Protest auf die Fahne schreiben und dabei doch nur mit unseren Frustrationen spielen.

Ernst Gläser: Der letzte Zivilist (1934)

Bäuerle sitzt in der tobenden Halle. Er hat den Kopf auf den Knauf seines Stockes gestützt. Er sieht nicht nach links, er sieht nicht nach rechts — er sieht auf den Boden. Mit allen Mitteln seines Verstands sucht er sich klarzumachen, was geschieht. Es gelingt ihm nicht. Dieser Mann auf der Bühne braucht nur ein Wort zu sprechen, und schon toben die Leute. Da, jetzt… Ein Brausen geht über die Galerie, es erfasst den Saal, schon ist die Woge über alle Köpfe hinweg. Wer soll da standhalten! Bäuerle hört genau hin. Eine barbarische Stimme. Raffiniert, wie er moduliert. Wie er Suggestivfragen stellt. Wie er die Pausen dehnt und dann die Spannung überrennt. Noch nie hat Bäuerle einen Menschen so sprechen gehört. Das bricht wie ein Gewitter über einen. Der Mann ist… Hahaha… Ha… Heil!… eine böse Naturkraft. Ich werde… Aufhängen! Auf hängen!… Jetzt spricht er plötzlich wie ein Kind. Wie? Deutschland… Vaterland…Volk… Liebe… Da schluchzt eine Frau… ganz laut… hemmungslos… unsere Toten… wofür? wofür? …welch ein Schrei! … der Saal ist zum Zerreißen gespannt. Für diesen Staat! Für diese Juden! Für diesen Kapitalismus!! (…) 

So gewaltig ist das Echo. Aus tausend Kehlen dröhnt die Antwort, brüllt die Verzweiflung vor diesem einen Mann. Da ist es, Stählins Blut, da ist es, Anheggers Blut, er hat es in den Händen, er gießt es über die Köpfe, heillos züngeln die Flammen empor. Bäuerle beißt in den Elfenbeingriff seines Stocks. Er spürt den zuckenden Leib der Massen, fassungslos sitzt er vor dieser ungeheuerlichen Beschwörung. Und plötzlich beginnt es wie Schläge auf den zuckenden Leib zu prasseln. Uns gehört die Macht! Uns gebührt die Macht! Uns! Und sie springen auf, und sie jubeln, und sie werfen die Hände, und sein Wille reißt sie zu sich heran, bis sie nichts mehr sehen, bis sie nichts mehr denken, bis sie sind, wie er sie haben will.
Inmitten des Aufruhrs, der Raserei, des Tumults der Begeisterung prüft Bäuerle kalten Auges den Mann. Er sieht seine Bewegungen, dieses Außersichsein der Hände, dieses Toben der Faust, diese herrische Geste des nach unten weisenden Daumens. Und er sieht, wie die Menschen diesen hypnotisierenden Gesten folgen, wie sie sich beugen, sich erheben, wie sie hassen und sich verneigen und wie sie außer sich werden, wenn er ihre Wunden berührt. Das ist es, jetzt begreift es Bäuerle. Hier steht ein Mann, der rücksichtslos auf die Wunden weist. Ja, er ätzt sie noch, er legt sie hemmungslos frei. Wie sie brüllen, wie sie aufspringen und toben. Was sagt er da? Wir sind arm. Wir haben nichts mehr. Du und du und das ganze ehrliche deutsche Volk… ja, ja, ja… schreien sie zurück. Das Wundfieber hat sie gepackt. Alles, was schmerzt, hier können sie es herausschreien, zu Hause nicht, im Geschäft nicht, vor den Behörden nicht, aber vor diesem Mann! Scharfäugig sitzt der Amerikaner auf dem Stuhl. Er spürt das Grausen, das aufsteigt. Die Insassen eines Millionenlazaretts sind aufgesprungen, sie zeigen ihre Schwären, sie brauchen nicht mehr zu lächeln wie bei den Visiten der amtlichen Ärzte. Hier steht der neue. 

Schonungslos deutet er auf das Blut und den Eiter. Gebt mir das Messer, ruft er, gebt mir die Macht! Die Menge ist aufgesprungen. Ein Heil aus tausend Kehlen dröhnt wider die Kuppel. Wortlos geht der Mann von der Bühne nach unten. Sie bilden Spalier. Sie reißen sich an den Kleidern, sie springen auf die Stühle, fliegende Haare, fliegende Hände, ein Kreißsaal von Männern und Frauen. 

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01-2016 Nach langer Zeit …

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Nach langer Zeit bin ich wieder auf meinem Blog gelandet. Die letzten Einträge habe ich im Dezember letzten Jahres vorgenommen. Möglicherweise gibt es Leute, die der Meinung sind, dass ich mich ganz zurückgezogen hätte, wohl gar auch manche, die mich … Weiterlesen

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012-2015 Frohe Weihnachten 2015 an alle von uns. Joyeux Noël pour tous. Merry Christmas for all of us. Feliz Navidad. Feliz Natal. Buon Natale.

Die Weihnachtszeit ist wie ein langer Sonntag. Wie bei diesem gehört zu ihren Geflogenheiten, einem als langwierig, zuweilen auch düsteren Alltag empfundenen Alltag ein trostreiches Ende zu setzen, so als ob schließlich doch alles gut werde und das Licht durch die Dunkelheit strahle. Aber wir wissen es natürlich besser. Denn immerhin kam das Finale für viele Menschen in diesem Jahr eben nicht als gutes, sondern als dickes Ende.

Ich verzichte also darauf, an dieser Stelle einen süßlichen Kommenrar abzugeben, wie wir ihn aus Medien und Werbung kennen. Auch mich hat dieses Jahr so mancher Illusionen beraubt, denen ich aber nicht nachtrauere, auch wenn sie mir das Leben scheinbar so erleichtert haben. Am Ende mussten sie dann doch die bange Frage beantworten, ob sie auch einlösen, was sie vormals versprochen hatten. Und diesbezüglich sind für mich nur wenige Hoffnungen wahr geworden. Die akademischen Hoffnungen sind verflogen, und jetzt geht es nur noch um die bloße Existenz. Nicht nur für mich, sondern auch für Zeitgenossen, die ich aus meinem eigenen Leben kenne, aber aber auch für jene, die mir nur aus Erzählungen bekannt sind. Selten hat die allgemeine Zeitstimmung aus meiner Sicht so sehr eigenen Befindlichkeiten entsprochen wie gerade jetzt.

Dennoch gilt es diesen Beobachtungen nicht weitere Lamenti hinzuzufügen. Wenn das Leben uns so zahlreiche ernüchternde Überrschungen bereit hält, wird es uns vielleicht doch auch einmal wieder ins Erstaunen versetzen. Ich halte es mit dem alten Beamten Villaamil im Roman Miau von Pérez Galdós, der die Hoffnung auf Gerechtigkeit aufgibt und sich einen negativen Metaphysik verschreibt. Auf diese Weise erwartet er immer das Allerschlimmste, um sich dann positiv überraschen zu lassen.

Auf meinen alten Blog habe ich viele Leser gefunden, die mir gelegentlich auch ihre Meinung mitteilten. Ich würde mich sehr freuen, wenn sie mir auf diesem neuen Blog auch wiederbegegneten und dabei vielleicht noch Freunde oder Bekannte mitbrächten, die einen ähnlichen Gedankenaustausch suchen. Wann immer auch Kollegen besonders im Bereich der Geisteswissenschaften und der Romanistik, Probleme mit der deutschen Hochschule haben, wenn ihnen Ungerechtigkeiten widerfahren, werden sie vielleicht gern auf meinen Blog zurückgreifen, sich bestätigt oder sich in ihren Erwartungen nicht bekräftigt fühlen. Aber natürlich freue ich mich auch über Besucher aus ganz anderen Windrichtungen. In einzelnen Blogs werde ich auch, wie in den zurückliegenden sechs Jahren, auf den politischen Diskurs unserer Zeit eingehen und auf Ihre/Eure Kommentare hoffen.

In diesem Sinn uns allen Frohe Weihnachten.

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