2018-1 Zivilcourage und Gemeinschaftssinn im Film – Das Schweigende Klassenzimmer

Vor einigen Wochen habe ich mit einem guten Freund den neuen deutschen Spielfilm Das schweigende Klassenzimmer gesehen, das der Regisseur Lars Kraume nach dem gleichnamigen Sachbuch von Dietrich Garstka gedreht hatte. So belastend uns deutsche Geschichte auch erscheinend mag, so unerschöpflich ist sie doch auch als Quelle von Geschichten. Besonders lohnend erweist sie sich, wenn nicht nur prominente oder unbekannte Schurken auf die Leinwand kommen, sondern auch kleine und große Helden des Alltags, die um ihr eigenes Überleben, aber mindestens ebenso um das Leben anderer kämpften. Ging es schon in dem Liebesdrama Der Rote Kakadu, in dem Dominik Graf 2006 Regie geführt hatte, um Zivilcourage, so zeigte sich dieses Motiv drei Jahre später in Florian Gallenbergers Film John Rabe noch unumwundener und zuletzt in Claus Räfles Film Die Unsichtbaren – Wir wollen leben aus dem letzten Jahr am deutlichsten. Nicht zu vergessen ist in dieser Hinsicht auch die Dreiländerproduktion (D, F und GB) in der Regie von Vinzent Perez, die den Roman Falladas Jeder stirbt für sich allein neu verfilmte. In der Kunst erkennen wir die Zeichen der Zeit am allerbesten. Die Partitur unserer Zeit zeigt sich in der Kunst, in diesem Fall der Filmkunst deutlicher als in einem Alltag, in dem uns der Blick verstellt ist.

In diesen und in zahlreichen anderen deutschen Filmen mit Bezügen zur deutschen Geschichte gilt es nicht weniger um die Frage, ob das allgemeine Bild von den Deutschen als Volk der Mitläufer tatsächlich dem Urteil zahlloser Geschichten standhält. Die so häufig missbrauchte Kategorie des Helden erhält hier eine völlig andere Bedeutung, tritt der Held doch zumeist als Einzelkämpfer, wenn überhaupt, mit nur wenigen Gefährten in Erscheinung. Helden sind nicht die Protagonisten von Armeen, die das Vaterland gegen einen äußeren Feind schützen, sondern einzelne und nicht selten auch einsame Menschen, die sich im aufrechten Gang für ihre Heimat, ihre Familie und die ihrigen üben. Oder für jene, die sie zu den ihrigen zählen. Als Sophie Scholl von Gestapobeamten befragt wurde, ob sie erneut so handeln würde, entgegnete sie: „Ja, weil ich es für das Richtige für mein Volk halte.“ Es besteht kein Zweifel, dass es hier um das Gewissen von Menschen ging, für die es eine Schande war, dass das gesamte Gemeinwesen in die kollektive Haftumg für Staatsverbrechen hineingezogen wurde.  Autokratien und Diktatoren war es stets darum getan, ihre Macht vertikal und damit antimodern zu organisieren, dabei aber die Verantwortung für die Folgen ihrer Politik so zu verteilen, dass diese möglichst viele über die exekutive Gewalt hinaus zu tragen hatten. Möglichst viele sollten über den engeren Täterkreis hinaus haftbar gemacht und damit schuldig werden. Dabei hatten es jene, die nicht unmittelbar an Verbrechen beteiligt waren, stets ungleich schwerer, ihr Gewissen von einer ungleich abstrakteren Schuld zu reinigen. Immer plagte sie mit dem Gewissenskonflikt auch die Frage, was sie denn wohl unter ihren Umständen hätten tun können, um Verbrechen zu verhindern. Diese Frage, deren Antwort auch spätere und damit freiere Generationen schuldig bleiben mussten, lässt sich leicht stellen, aber oft kaum beantworten. Häufig belegen sie, wie am Beispiel der Geschwister Scholl, einen heldenhaften Widerstand im zivilen Leben, ohne allerdings in der Lage zu sein, Verbrechen gleich welcher Art und Größe tatsächlich  verhindern zu können. Aber natürlich stellt dieser aufrechte Gang nicht nur unter Beweis, dass selbst unter einer noch so gewalttätigen Diktatur ein offenes Wort, wenn auch um den Preis des eigenen Lebens, möglich ist. Er zeigt auch, dass hier im Namen einer schweigenden Minderheit zur Sprache gebracht wird, was auch zur  Tradition einer res publica in Deutschland gehört.

Auch im jüngsten Film Das schweigende Klassenzimmer geht es um einen Akt zivilen Ungehorsam gegen einem Staat, der sich geradezu emphatisch zum antifaschistischen Vermächtnis der Geschwister Scholl bekannte. In der DDR gehörte das Aufbegehren gegen die Nazidiktatur zu den besten deutschen Traditionen, für die allerdings in den Grenzen des neuen Staates keine Verwendung mehr war. Überhaupt galt Zivilcourage den Machthabern als  Ausdruck eines individualistischen Bewusstseins, das als ungeeignetes Mittel in den Klassenkämpfen der Zeit erscheinen musste. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine ostdeutsche Abiturklasse, die sich anlässlich des Ungarischen Volksaufstands 1956 zu einer Schweigeminute für die Opfer im Unterricht entscheidet. Auf diese relativ zaghafte Solidaritätsbekundung reagiert die sozialistische Staatsmacht mit einer unverhältnismäßigen Härte, mit der weder die Schüler noch ihre Eltern oder die Schulleitung gerechnet haben. Doch mit dieser Reaktion ist nun gewiss, dass eigenständiges Denken oder gar das Bekenntnis zu einem eigenen Standpunkt gänzlich unerwünscht sind. Interessant ist dabei auch, wie ein Staatswesen, das auf kollektive Gemütsverfassungen setzt, doch mit den Interessen, Ambitionen und Ängsten des einzelnen Menschen spielt, wie Denunziation als Mittel der allumfassenden Kontrolle und als Überwindung oppositioneller Regungen eingesetzt wird. Der Tenor der Lieder, etwa ein FDJ-Aufbaulied aus der Feder Bert Brechts, ist so ganz anders als jene Wirklichkeit der DDR im Jahre 1956, in der Kadavergehorsam aus alten Zeiten nach wie vor an der Tagesordnung ist:

Besser als gerührt sein ist: sich rühren,
denn kein Führer führt aus dem Salat!
Selber werden wir uns endlich führen,
weg der alte, her der neue Staat!
Fort mit den Trümmern…

Jede noch so um das allgemeine Menschheitsglück besorgte Diktatur appelliert aus Menschkenntnis (nicht zuletzt der eigenen Funktionärskaste) stets an den Egoismus des einzelnen, der ihr kontrollierbarer erscheint als individuelles Aufbegehren. So wird selbst ein Minister in der Klasse vorstellig, um zu erzwingen, dass diese den Namen der Rädelsführer bekannt gibt, der den konterrevolutionären Aufstand angezettelt hat. Besonders brutal geht man mit Erik um, der mit Stolz auf seinen Vater, einem im KZ gepeinigten und verstorbenen Rotfrontkämpfer zurückblickt. Als man ihn aber damit erpresst, die Wahrheit über dessen ‚mangelnde Standfestigkeit‘ gegenüber den Nazis in der Presse preiszugeben und damit den schönen Schein des antifaschistischen Mythos zu zerstören, gerät die Situation außer Kontrolle. Letzten Ende nehmen sich die Schüler ihr Recht, das Abitur erfolgreich abzuschließen, im Westen freilich, weil die sozialistische Staatsmacht deren uneingeschränkte Solidarität mit der Relegation der gesamten Klasse bestraft. Die fragwürdige Moral des Staates besteht also darin, dass es nur dann sinnvoll ist standhaft zu sein, wenn eine höhere Macht, nicht aber das eigene Gewissen diesen Sinn definiert.

Man könnte nun die Frage stellen, was für ein Sinn ein solcher Film in unseren demokratischen Verhältnissen haben könnte. Wer eine ‚demokratische Ordnung‘ aber ernst nimmt, weiß, dass diese nicht alles ordnet, eben weil alles andere ‚totalitär‘ wäre. Dass die Macht nicht immer mit jedermann ist, scheint ebenso gewiss wie der Umstand, dass schon ein offenes Wort bei uns auch verheerende Konsequenzen für den mutigen Sprecher nach sich ziehen kann. Eben da, wo der angeblich so freie Geist wohnt, ist Demokratie für nicht wenige Menschen eine Höflichkeitsfloskel, die nach dem alltäglichen Befinden eines anderen Menschen fragt, ohne aber tatsächlich genau wissen zu wollen, wie es um diesen steht. Natürlich wollen die meisten Menschen irgendwie zu den Anhängern der Demokratie gezählt werden, aber nur wenige sind tatsächlich daran interessiert, wegen allgemeiner demokratischer Verfahrensfragen ins Unrecht zu geraten oder gesetzt zu werden. Manche betrachten es gar als Skandalon, wenn ihre Zeitgenossen auf ihrer Meinung bestehen und diese auch noch offen kundtun. Und doch ist gerade in unserer Zeit, in die Demokratie angesichts zunehmender autokratischer Regime in der Welt und im sogenannten freien Westen selbst Bewährungsproben zu bestehen hat, Zivilcourage mehr denn je notwendig. Gerade Demokratie lebt von Zivilcourage und zivilem Aufbegehren, wie es die jungen Leute heute auf ihren Demonstrationen in Washington gegen die Waffenlobby unter Beweis stellen.

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07 – 2015 Umzug meines Blogs bis zum Dezember 2015 – Willkommen auf meinem neuen Blog

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Sehr verehrte Damen und sehr geehrte Herren, werte Freunde meines Blogs,

ich bedanke mich bei den Mitarbeitern von blog.de für die ausgezeichneten Möglichkeiten, einen eigenen Blog zu erstellen und über Jahre zu führen. Ich bedauere daher schon jetzt die Entscheidung dieses Portals, seine Dienste zum Ende des Jahres einzustellen. Angesichts der guten Erfahrungen mit blog.de fällt es mir schwer, mich für einen anderen Anbieter zu entscheiden. Ich werde daher an verschiedenen Stellen versuchen, meine alten Blogeinträge auf eine neue Seite zu migrieren, wie es wohl in der Fachsprache heißt. Aber abgesehen von dieser gekonnten Vokabel kenne ich mich in dieser Hinsicht so gut wie gar nicht aus. Da mir aber noch etwa fünf Monate bleiben, hoffe ich bis dahin eine passende Lösung gefunden zu haben.

Kurzfristig habe ich es zunächst bei ‚wordpress‘ versucht, wo ich unter

kianharaldkarimi.wordpress.com

erreichbar bin. Es kommt mir sehr darauf an, dass die Einträge der letzten fünf Jahre nicht sang- und klanglos aus dem Netz verschwinden. Leider finde ich aber weder das Design des neuen Blogs ansprechend genug, wobei mir auch das alte fehlt, das doch zu dem von mir angestrebten Rahmenthema so gut passt. Es ist zunächst nur ein Versuch, und meine Blogs werden womöglich bei einem Anbieter landen, der für einen für derartige Arbeiten nicht eben begabten Blogger die besten, d. h. am besten zugänglichen Instrumente liefert.

Liebe Leser. Ich freue mich über Ihr wachsendes Interesse an meinem Blog und versuche, mein Möglichstes zu tun. Meinen nächsten Blogeintrag werde ich Ihnen unter dem alten wie dem neuen Portal zugänglich machen.

Zunächst einmal wünsche ich Ihnen allen die vorzüglichste Sommerfrische.

Ihr
Kian-Harald Karimi

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Moi aussi, je suis Charlie

charlie
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01 – 2015: Ein frohes Neues Jahr 2015 oder To Be or not to be

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Liebe Leserinnen und Leser, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe private Dozentinnen und Dozenten, liebe Welt (weiblich, männlich und sächlich), ich weiß nicht, ob ich diesen Blog in diesem Jahr, das jetzt beginnt, noch zu Ende bringen werde. Sosehr mich die weitere Entwicklung selbst auch betreffen mag, so wenig kann ich sie beeinflussen. Ich kann sie nur kommentieren, wie ein ferner Beobachter auf das Leben anderer. Schon lange belegen meine Kommentare, dass ich nicht der Verfasser meines eigenen Lebens bin, sondern es allenfalls wie ein. Chronist mit Anmerkungen versehen kann. Entscheidungen fällen andere, ich kann sie nur in meine Lebensgewohnheiten übertragen, d. h. diese an die Gegebenheiten anpassen, die ich in dieser Folge zu bewältigen habe. Mir geht es wie zahlreiche andere Zeitgenossen, die vergeblich nach dem Sinn westlicher Freiheit suchen. Nicht wenige versuchen sich durch eine fragwürdige Mitgift der Zeit selbst einzuschläfern, durch Drogen, Alkohol. Ich urteile nicht darüber, da mir diese Erfahrung fehlt und damit fremd ist. Diese Ignoranz macht mich nicht zu einem besseren Menschen, sondern in dieser Hinsicht eher zu einem unerfahrenen. Doch mein Wunsch nach neuen Erfahrungen geht in eine völlig andere Richtung. 

Meine neuen Lebens- und Arbeitsbedingungen im Jahr 2015 Seit 1993 arbeite ich nun als wissenschaftlicher Angestellter an deutschen Hochschulen. Nachdem ich 1990 meine Dissertation abgeschlossen hatte, erhielt ich drei Jahre später die Gelegenheit, mich im Rahmen einer wissenschaftlichen Assistenz zu habilitieren. Im Sommer 2000 war dann mein Verfahren erfolgreich abgeschlossen, und ich konnte seither zahlreiche Professuren in der Republik vertreten. Dass man mir offenbar solche Aufgaben auch noch in allen größeren romanistischen Teilbereichen (bis auf den rumänischen) zugetraut haben musste, lag also auf der Hand. Dass ich die Erwartungen von Kollegen und Studenten befriedigt haben musste, dürfte auf Grund der langen Folge von Vertretungen auch der Fall gewesen sein. Meine Lehrzeit war also überaus lang, hatte aber paradoxerweise dennoch keine Berufung zur Folge. Zur Zeit sieht es sogar so aus, dass ich mit absolut leeren Händen dastehe, so als ob ich bisher nie vertreten, publiziert und gearbeitet hätte. Als Kind und Jugendlicher habe ich mich als Fremdkörper in diesem Land empfunden. Das Studium der Romanistik, dann die Promotion und schließlich die Habilitation hatten mir dazu verholfen, mich dann doch als Teil dieses Landes zu fühlen. Doch die beständigen Niederlagen, die ich im Zuge meiner Privatdozentur, erst recht aber in den letzten Jahren erleben musste, haben mir meine Fremdheit und meinen ‚Migrationshintergrund‘ wieder vor Augen geführt. Zu sehr habe ich den traurigen Eindruck gewonnen, dass man mich nicht dabei haben will. Wie kann ich unter diesen erschwerten Bedingungen noch ein freier Mensch bleiben? Wie kann ich statt ständige Klage zu sein, auch ein Stück Hoffnung für mich selbst und andere werden. Denn gegenüber dem allgegenwärtigen Leiden Hunderttausender Flüchtlinge, den unzähligen Kriegen, Konflikten und Krisen, welche die heutige Welt erschüttern, erscheint selbst die noch so leidige Situation von stellenlosen Privatdozenten und arbeitslosen Akademikern trotz ihrer offenkundigen Tragik doch unverhältnismäßig harmlos und somit in gewisser Weise lächerlich. Man verkennte die Zeichen dieser grauen und grausamen Zeit, wenn man die unmittelbarsten Existenzängste ganzer Völker nicht ernst nähme und die eigenen Befindlichkeiten nicht in ein Verhältnis zu diesen setzte. Letztlich ist jeder von uns nur eine Stimme in der Partitur unserer Zeit, eine Fußnote im Text der Geschichte. Man darf sich nicht so wichtig  nehmen, als dass man diese allgemeine Lage außer Acht ließe. Aber als gute Philologen wissen wir, dass auch jede Fußnote ihre Berechtigung haben kann und als solche Beachtung verdient. Fußnoten pflegen im wissenschaftlichen Text immer dann aufzutreten, wenn eine Aussage um Ausblicke, Erweiterungen, Zusätze, genauere Angaben, aber auch Relativierungen ergänzt werden muss. In Hinblick auf die Biographien von privaten Dozenten und Kollegen aus dem Mittelbau scheint mir besonders der letztere Fall zutreffend zu sein. Ihre unzähligen Fußnoten räumen in einem Text voll selbstzufriedener Reden der Politiker und Ökonomen sowie jener zum Behaglichen neigenden Chroniken unserer Zeit ein, dass nicht jedem Zeitgenossen die dem allgemeinen Applaus preisgegebenen Wohltaten von Staat und Wirtschaft in gleicher Weise zukommen und beglücken. In zumeist jeder dieser Fußnoten trifft der Leser auf Erfahrungen, die das allgemeine Gerede von der Chancen- und Leistungsgerechtigkeit Lügen strafen. Erst wenn der Leser späterer Jahre auch diese Fußnoten wahrnimmt, kann er ermessen, was die Zeit um Anno Domini 2015 ausmacht. Lässt er sie unbeachtet, fällt ihm nur das laute Spektakel einer in Fieberanfällen aufgekratzten Selbstzufriedenheit auf, die sich beständig auf die Schulter klopft. Unter Gähnen vernimmt man die altbekannten Siegesmeldungen vom größten Exporteur, vom größten Rückgang der Arbeitslosenzahlen und vom bisher höchsten Anstieg der erwerbstätigen Bevölkerung. Jedermann geht es so gut, dass freilich kein Anlass zur Klage mehr besteht. Wer oder was dennoch klagt, ist unverbesserlicher Querulant, der sich gegenüber Gesellschaft, Staat und Wirtschaft als undankbar erweise. Wenn man dann auch noch einen Migrationshintergrund hat, erwächst daraus ein noch gravierenderes Problem, das in diesem Kontext nicht unterschlagen werden soll.

Fremd als Eingeborener mit ‚Migrationshintergrund‘ in diesem ‚Einwanderungsland‘. in Deutschland Ich habe im Rahmen dieses Blogs schon häufig meine Haltung zu erkennen gegeben, so dass ich dies eigentlich nicht mehr tun müsste. Dennoch will ich auch diesmal nicht unterschlagen, dass ich dieses Land, seine Kultur und Sprache liebe, sogar außerordentlich liebe. Manchmal fällt es mir schwer zu verstehen, warum es so viele Deutsche gibt, die ihrem eigenen Land nur mit Ablehnung oder gar Hass begegnen können, immer mit dem Hinweis auf die Hitlerei, die den Massenmord im deutschen Namen legitimierte und diesen damit in den Dreck zog. Diese Zeit war schrecklich, auch schrecklich lang, doch glücklicherweise war ihr keine Dauer von tausend Jahren beschieden, wie dies die Nazis glauben machen wollten. Seit den 1960er Jahren hat in Kultur, Wissenschaft und Politik dieses Landes wie nirgendwo anders ein Prozeß eingesetzt, in dessen Verlauf Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus in allen gesellschaftlichen Bereichen diskutiert wurden. Natürlich gibt es immer noch Xenophobie, Antisemitismus und Rassismus, die sich leider Straßen und Plätzen austoben. Dennoch macht es keinen Sinn, diesem Land feindselig gegenüber zu stehen, weil man es mit dem alten argwöhnischen Aussagen bedenkt, es sei ohnehin so schuldhaft in seine eigene Geschichte verstrickt, dass es immer wieder zum Wiederholungstäter zu werden drohe. Eine solche Haltung gegen sich selbst käme schließlich einer Sippenjustiz gleich, die zur Rechtnorm des NS-Staates gehörte. Wer sie gegen sich selbst anwandte, könnte es eines Tages auch gegen andere tun.

Natürlich haben die Gemetzel des sogenannten ‚Nationalsozialistischen Hintergrunds‘ an muslimischen Migranten Spuren hinterlassen. Aber nicht weniger bedrückt mich neben der Xenophobie auch eine merkwürdige zur Schau getragene Xenophilie, die nicht bereit ist, tatsächlich über öffentliche und schöngeistige Bekundungen der Solidarität hinauszugehen und die Grenze zwischen schönem Schein und bitterer Realität anzutasten. Da wird mit Recht davon gesprochen, dass man Fremde und Migranten im Rahmen einer ‚Willkommenskultur‘ aufnehmen soll. Doch was geschieht mit jenen Deutschen, die bereits in den 1950er oder 1960er Jahren mit einem Migrationshintergrund in dieses Land hineingeboren wurden. Was soll man davon halten, dass man neue Migranten in dieses Land zu integrieren sucht, derweil man nicht daran fragt, wie es jenen geht, die bereits in dieses Land hineingeboren wurden, bevor man auch nur an die Anderen denken konnte?
Ich habe mich niemals für einen „cas unique“ gehalten, für einen Sonderfall, der ganz aus der Reihe gefallen wäre. Aber in letzter Zeit hat es mich doch stutzig gemacht, wie überrascht sich potenzielle neue nichtakademische Arbeitgeber über meine Bewerbung zeigten. Und auch erinnere ich mich sehr gut jener Journalisten, die mich im Lauf des letzten Jahrzehnts zu meiner Situation befragten. Immer wieder ließen sie von ihrer Seite das Unverständnis durchblicken, dass ein habilitierter Akademiker nach so zahlreichen Professorenvertretungen noch immer nicht wenigstens mit einer festen Stelle im Mittelbau bedacht worden sei. 

Keine positive, aber auch keine negative Diskriminierung

Ich habe es immer für falsch gehalten, nach der Art eines profiling beurteilt zu werden, wie wir es aus den USA kennen. Gerade in Einrichtungen, die vorrangig auf die wissenschaftliche Kompetenz ihrer Beamten und Angestellten angewiesen sind, sollte auch einzig und allein diese und keine anderen Kategorien im Vordergrund stehen. Frauen gilt es selbstverständlich zu fördern, da sie zumindest in den Geistes- und Humanwissenschaften auch einen wesentlichen Anteil an den Studierenden haben.
Aber diese Förderung sollte im Rahmen einer Gleichstellung mit ihren männlichen Kollegen erfolgen und nicht als Ergebnis einer Besserstellung. Denn diese haben frühere  Generationen schließlich in den vorangegangenen Jahrhunderten auf Grund eines Patriarchats zur Genüge kennenlernen können, als Frauen der Zugang zum Studium verwehrt wurde und schon gar nicht daran gedacht war, sie in Professorenkollegien aufzunehmen. Eine ähnliche Haltung gilt natürlich auch für Minderheiten jeglicher Art. Eine positive Diskriminierung sollte ebenso ausgeschlossen sein wie eine negative. Und da habe ich in letzterer Hinsicht wirklich meine Zweifel. Bin ich nicht letztlich doch Opfer einer negativen Diskriminierung geworden? Klingt es nicht zynisch, wenn man allenthalben in Bezug auf ausländische Jugendliche hört, dass sie nur im Zuge größerer Bildungschancen ihren Platz in unserem Land finden können? Wie schwierig ist es doch, auch als gebildete Kraft ohne Chancen leben zu müssen. Eigentlich dürfte man doch dann gar nicht mehr existieren. Lange Zeit habe ich geglaubt, diese Schwierigkeiten seien zufälliger Natur, schon deshalb, weil mir Verschwörungstheorien schon immer zuwider waren. Doch der Umstand, dass immer wieder über meinen Fall in den Medien berichtet wurde, dass ich über ein Jahrzehnt Professuren an fast zehn deutschen Hochschulen vertreten habe, dass ich großen Anklang bei Studenten in meinen Seminaren und Vorlesungen fand und dass ich trotz unentwegter Publikationen, sollte doch über den bloßen Zufall hinausgehen.
Sollten meine Herkunft und mein Name bei diesen Zufällen nicht vielleicht doch ein wenig Pate gestanden haben? Es bleibt Spekulation, da keinem Bewerber auf einen Lehrstuhl oder auf eine Mittelbaustelle derartige Gründe mitgeteilt werden, wenn sie ausschlaggebend waren oder zumindest doch eine Rolle spielten. Doch will es mir nicht recht gelingen, das Bild, das sich unser Land gegenüber neuen Flüchtlingen und Migranten gibt, mit meinen beruflichen Erfahrungen in Einklang zu bringen. Das allgemeine Gerede von der Willkommenskultur müsste zumindest auch einmal jene berücksichtigen, die sich in diesem Land auf Grund ihrer Geburt, ihrer längst erfolgten kulturellen Integration eines Bürgerrechts erfreuen sollten. Menschen wie ich könnten für eine gelungene Integration stehen, zumal diese aufgrund  von Familienverhältnissen und sozialen Milieu auch hätte begünstigt werden können. Meine Eltern waren beide Ärzte, d. h. Akademiker, die mich dazu erzogen, gute Leistungen in der Schule zu erbringen, mein Abitur zu machen und wie sie Medizin zu studieren. Letzteres ist ihnen nicht gelungen, da mein Interessen in eine völlig andere Richtung gingen. Aber sicherlich hatte ich es bei diesen Voraussetzungen leichter als andere Migranten, zumal mein Mutter Deutsche war und unsere Familie kein geschlossener Organismus war, sondern sich als offen gegenüber der deutschen Gesellschaft und deren Veränderungen erwies. Auch in kultureller und religiöser Hinsicht waren meine Voraussetzungen mehr als gegeben. Ich wurde trotz anfänglicher schulischer Probleme nicht allein ‚integriert‘, sondern voll und ganz assimiliert: Einzig und allein die deutsche Sprache zählte für mich als Kind und Jugendlicher. Kaum geboren, wurde ich im katholischen Glauben getauft und vornehmlich in meiner katholischen Oberschule auch erzogen. Für mich sind diese Bindungen noch heute von großer Bedeutung. Auch bin ich meinen Eltern für diese guten Voraussetzungen dankbar, zumal Geburt und Herkunft nicht in meiner Hand lagen, sondern mir zum Geschenk gemacht wurden.
Die Schwierigkeiten, die ich in den letzten Jahrzehnten an der deutschen Hochschule zu gewärtigen hatte, widerlegen die vermeintlichen Integrationserfolge in meinem Fall indes auf doppelte Weise: einmal in Hinblick auf meinen ‚Migrationshintergrund‘, ein Begriff, der übrigens im Französischen gänzlich unbekannt ist, zum Anderen in Hinblick auf die allseits proklamierte Chance, die Bildung allen Lern- und Arbeitswilligen, allen sozialen Aufsteigern vermeintlich bereit hält. Mein Fall, und wahrscheinlich noch zahlreiche andere, zeigen gerade, dass selbst diese guten Bedingungen nicht unbedingt zum Erfolg führen müssen. Sie sollten all jenen Migranten, die mit großen Hoffnungen in unser Land kommen, eine Mahnung sein, dass viele Wünsche und Hoffnungen unerfüllt bleiben werden. Wenn selbst beste Aussichten nicht unbedingt zum erwünschten Erfolg führen, dann wird sich dies womöglich bei jenen Einwanderern als noch schwieriger erweisen, die viel größere Integrationsleistungen zu erbringen haben. Ich wäre gerne mit anderen ein Stück Hoffnung für sie. Aber wie sollte dies möglich sein, wenn ich es noch nicht einmal für mich selbst bin?
 
Seit längerer Zeit zergrüble ich mich den Kopf, wie ich diesem Blogeintrag einen sinnvollen Schluß geben könnte. Aber die Zeit des sinnvollen Schreibens scheint wohl in meinem Leben auch zu ihrem vorläufigen Ende zu kommen. Die jetzige Zeit verliere ich mit dem Nachjagen von Terminen, die vielleicht meinen Nachhilfeschülern nützen, mir aber nur wenig Geld einbringen. Wie gern würde ich doch wieder schreiben. Erst eben erhalte ich die Rückmeldung einer Herausgeberin, die sich sehr über einen neuen Beitrag von mir gefreut hat. Wie wohltuend ist es doch, wieder einmal gedruckt zu werden, auch wenn man damit kein Geld und erst recht keine Stellung zu erwarten hat. Dennoch beim Schreiben hatte ich noch immer das Gefühl, die Zeit als arbeitloser Privatdozent wenigstens sinnvoll nutzen zu können. Aber jetzt bin ich nicht einmal in formaler Hinsicht arbeitslos. Ich lebe von den spärlichen Euros, die ich verdiene. Und so fehlt mir Zeit zu schreiben, was sich auch auf diesen Blogeintrag auswirken musste. Aber noch schlimmer als der Zeitmangel sind die Sinndefizite, die mir diese Monate schon gebracht haben. Die Unproduktivität beginnt sich in Unproduktivität fortzusetzen, um sich wie eine Last auf alles produktive Denken und Arbeiten zu legen. Die vielen wissenschaftlichen Pläne, die vielversprechenden Projekte bleiben liegen, die hoffnungsvoll in Schreibtischfächern schlummern. Und irgendwann werden mir auch die Worte fehlen, die eigene Situation noch gedanklich zu ordnen und zu Papier zu bringen…

Zitat eines namenlos gebliebenen Privatdozenten (N.N.)

Was sind dies nur für Zeiten, in denen Plagiateure Minister oder Abgeordnete werden können, derweil Habilitierte und Privatdozenten von Nachhilfestunden leben müssen?

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2018-03: Nachdenken über Trump

P1010083.JPGJedermann beschäftigt sich mit Trump und seinen Allüren. Nachdem dieser auch in unseren Chroniken des letzten Jahres eine besondere Rolle gespielt hatte, soll hier somit wiederum von ihm die Rede sein. In den Medien erscheint der amerikanische Präsident geradezu als eine Art Ubu Roi, jener skandalösen Titelfigur aus dem gleichnamigen Stück von Alfred Jarry, die sich mit Gewalt und Lächerlichkeiten zum König von Polen erklärt. Die eigentliche Politik dieser Karikatur eines Monarchen (in der Moderne erscheinen alle Monarchen irgendwie lächerlich, weil nicht sie es sind, die ihre Krone tragen, sondern vielmehr selbst von dieser getragen werden) weicht gegenüber seinen zumeist beklagenswerten Charakterzügen zurück. Narzissmus, Überheblichkeit, Großspurigkeit und verletzte Eitelkeit, um nur einige wenige dieser missratenen Merkmale einer verschlissenen Persönlichkeit zu erwähnen, nehmen einen so dominanten Platz ein, dass man leicht darüber vergessen könnte, um wen es sich dabei handelt.

Es geht schließlich nicht um Familiengeschichten von Onkel Heinz und Tante Agathe, sondern um die res publica, d. h. um eben das, was unsere gemeinsame Sache sein müsste, die Politik. Diese bloße Verkehrung der Politik in ein Boulevard kommt der Tendenz entgegen, die sich in der gesellschaftlichen Debatte, in den sozialen Medien breit macht. Statt sich auf die Suche nach politischen Lösungen zu begeben, begnügt man sich mit kluger Moral, eingedenk der Tatsache, dass die öffentlichen Dinge immer undurchschaubarer werden. Zum Spielball gegenläufiger Interessen geworden, zum Fachgebiet von Spezialisten und Technokraten, erscheint die Politik nicht mehr als Ort des Diskurses über notwendige Veränderungen in Staat und Gesellschaft. Was sich an geeignetem Ort nicht mehr in genügendem Maße realisieren kann, muss auf die Moral ausweichen, auf die bessere natürlich. Denn an dieser können natürlich auch die Unbedarftesten ihren Anteil haben; jeder kann seine politisch korrekte Meinung abgeben. Nicht selten geht man häufig von strengen Prinzipien aus, die man vor den Widrigkeiten des Lebens bewahren will, wohl wissend, dass das Leben die eigenen ehernen Gesetze relativiert.

Der amerikanische Präsident spielt in diesem Zusammenhang gerade deshalb eine probate Rolle, weil er mit seinen Skandalen, einfältigen Reden, konfusen Unterstellungen und Bezichtigungen an einer chronique scandaleuse schreibt, die beständig alle möglichen Tabus des öffentlichen Diskurses bricht. Was dabei aber außer Sichtweite gerät, ist wiederum die Politik selbst. Die Gründe, die zum Aufstieg Trumps führten, erlangen dabei eher ebenso wenig Aufmerksamkeit wie die Motive, die hinter seiner Politik stecken. Um es nochmals deutlich zu sagen. Herr Trump verdient alles andere als unsere Sympathie. Aber ebenso abwegig erscheint es, so einseitig der etablierten Politik zu folgen, die sich mit einer vermeintlich besseren Moral dem amerikanischen Ubu Roi entgegenstellt. Eine wirkliche Alternative wäre es freilich, in dessen Politik einen rationalen Kern zu suchen, der die Grenzen der bisher eher wenig zufrieden stellenden Antworten sprengt.

Nehmen wir Trumps Klagen über die Nachteile, die der amerikanischen Wirtschaft beim Export ihrer Waren nach Übersee erwachsen. Es ist allgemein bekannt, dass der europäische Zoll höhere Schranken aufstellt, als dies bei den Amerikanern der Fall ist. Natürlich könnten die reichen westlichen Länder einen Kompromiss schließen, um diese Schranken auf beiden Seiten zu senken und Handelskriege zu vermeiden. Doch gerade in dieser Hinsicht spielt der amerikanische Präsident, wohl eher unwillentlich, wenn nicht sogar unwissentlich, einen advocatus diaboli. Denn ist es nicht so, dass gerade die armen afrikanischen Länder über die ungerechten Verträge stöhnen, die ihnen von der Europäischen Union mit Druck und Zynismus aufgezwungen wurden? So gilt die Entrüstung der öffentlichen Moral dabei einzig und allein dem Flüchtlings- und Migrantenelend, das, soweit es Afrika betrifft, doch gerade Ergebnis einer zutiefst ungerechten Weltwirtschaftsordnung ist.

Der öffentliche Diskurs bleibt weitgehend bei deren Symptomen stehen, in denen sich menschliches Leid reproduziert. Er müsste aber viel stärker auf den Umstand eingehen, das Afrika einerseits unter dem freien Handel der Europäer leidet, andererseits aber eben auch Opfer einer europäischen Politik ist, die einen freien afrikanischen Handel nach Europa unterbindet. Man könnte aus der Politik Trumps insoweit Vorteile ziehen, als man die sich daraus entwickelnde Unordnung dazu nutzt, um so neue gerechtere Regeln zu entwickeln, die die alleinige Handschrift immer gleicher Mächte nicht mehr akzeptiert. Denn ist es nicht so, dass die Europäische Union an ihrer eigenen Heuchelei krankt, wenn sie sich einerseits für den freien Welthandel stark macht und dabei weinselig die Ode an die Freude intoniert (‘Wir werden doch alle Brüder’), andererseits aber ihre Zollschranken zum Schutz ihrer eigenen Märkte hochsetzt? Die Positionen der EU sind beileibe nicht so philanthropisch, wie sie es vorgeben zu sein. An diesem Widerspruch ließe sich doch ansetzen.

Aber ebendies würde einen Diskurs erfordern, der zunächst zur Analyse neigt und erst dann eine entsprechende Moral generiert. Denn Moral kann Politik nicht ersetzen, sondern eben nur bedingen, eine Banalität, die unter heutigen Bedingungen fast wie eine Weisheit anmutet. Das Beharren auf einer unumstößlichen Moral ist nicht selten mangelnden Kenntnissen in der Sache geschuldet. Es ist daher häufig Ausgangspunkt für einfache Antworten, das in dieser Hinsicht moralische Tabubrecher und Populisten zu nicht zu weniger simplen Positionen herausfordert.

Wie viele andere Zeitgenossen tue ich mich schwer damit, den bislang herrschenden Eliten in Wirtschaft und Politik gegenüber Trump einfach Absolution zu erteilen. Denn immerhin sind sie es doch, die auch auf anderen Politikfeldern dazu beigetragen haben, dass sich Populisten in Europa und den USA breit machen konnten. Aus meiner Sicht ist der politische Kanon nicht eben dazu geeignet, das Gewicht dieser Herrschaften zu verringern. Es bedarf vielmehr einer dritten Kraft, die sich aus allen Teilen des demokratischen Spektrums sammeln und über die alten ideologischen Gräben hinausgehen müsste.

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2018-02: Repressive Toleranz als alte und neue Form der Gewalt

Mitte der 1960er Jahre sollte einer der großen Theoretiker der späteren Studentenbewegung, Herbert Marcuse, einen Begriff prägen, der auch zum Verständnis unserer heutigen Debatten von Nutzen sein kann: die repressive Toleranz. Dieser ehrenwerte Begriff, allerdings ohne das beigefügte Adjektiv, war schon ein Axiom der (französischen) Aufklärung geworden. Er setzte einen Kontrapunkt zu jenem Fanatismus, dessen Quellen und Auswirkungen stets auf Aberglauben und Obskurantismus zu verweisen pflegten. Eine von der absolutistischen Macht korrumpierte Kirche setzte weniger auf die Macht des Glaubens und der Ideen als auf eine Gewalt, die an die niedrigsten Instinkte der Massen appellierte. Der Justizskandal um die Hugenottenfamilie Calas, der Frankreich in den 1760er Jahre erschütterte, nahm Voltaire zum Anlass, um unmittelbar in die politischen Verhältnisse einzugreifen. Philosophen wie Rousseau machten die Toleranz zum Herzstück ihrer Zivilreligion.

In den modernen westlichen Demokratien avancierte der Begriff geradezu zur Grundlage pluralistischer Parteiensysteme. Doch eben diese trügerische Etablierung in die moderne Staatsräson war es, die Marcuse dazu bewogen hatte, von einer repressiven Seite der Toleranz zu sprechen. Denn auch demokratische Regierungen üben sich da in repressiven Praktiken, wo sie ihre Interessen, Grenzen, Vorteile und strategische Erwägungen gefährdet sehen, eben so, wie es auch Diktaturen zu tun pflegen, die sich dabei allerdings wenig um die Toleranz anderer Meinungen zu scheren pflegen. Im Namen der Demokratie werden allerdings gerade auch Maßnahmen legitimiert und verteidigt, die nicht unserer Toleranz bedürfen, sondern eher unseren Widerstand zu spüren bekommen sollten. So werden Bündnisse mit manifesten Tyranneien geschlossen, Lobbyvertretern mehr Gehör und Beachtung geschenkt als Argumenten und Kriege geführt, um den Status Quo einer zutiefst ungerechten Weltwirtschaftsordnung aufrecht zu erhalten, als die sie Papst Franziskus jüngst bezeichnet hatte.

Damit aber wird der Geist der Toleranz in sein Gegenteil verkehrt. Unter den heutigen Bedingungen der politischen und sprachlichen Korrektheit erhält der in sich paradox erscheinende Begriff einen weiteren Begründungszusammenhang. In den letzten 25 Jahren hat sich politisches und gesellschaftliches Klima durchgesetzt, das nicht wenige auch noch für denkbar links, liberal und freiheitlich halten. Nicht verhindert wurde damit das Entstehen einer Gegenöffentlichkeit, die sich zwar Versatzstücke linker Politik zunutze macht, dabei aber zugleich an reaktionäre Dämonen appelliert. Deren sprachliche Entgleisungen können aber nur als Provokationen gelten, die die rational nicht immer nachvollziehbaren Grenzen des Sagbaren sichtbar machen. Um es klar zu sagen: Rassistische und antisemitische Diffamierungen haben nichts mit einem rationalen Diskurs zu tun, der sich zurecht gegen approbierte Wortpirouetten und Wendungen wehrt. Darin liegt doch gerade der Respekt vor sozialen und kulturellen Differenzen, vor anderen Meinungen, vor anderen sexuellen Orientierungen. Im öffentlichen Diskurs und Disput sollte es stets um die Sache gehen, bei der Herabsetzungen politisch Andersdenkender im Gegensatz zum Begriff der Toleranz keinen Platz haben.

Aber es ist nicht einzusehen, dass wir die Räume jenseits von Beleidigungen und bloßen Provokationen nicht ausloten und auch besetzen dürfen, selbst wenn hier das gewohnte Terrain der politischen und sprachlichen Korrektheit verlassen wird. Die neue repressive Toleranz greift überall da, wo streitbare Meinungen und Positionen Sprachregelungen zu verletzen drohen, die wie stillschweigende Vereinbarungen gehandelt werden. Diese erinnern an einen autoritären Chef, der ohne Absprache mit seinen Mitarbeitern Anordnungen trifft, die er aber ausdrücklich als Ergebnis von Vereinbarungen ausgibt. Doch gerade politische und sprachliche Korrektheiten sind es, die den Provokateuren in die Hände spielen. Denn diese können sich vor diesem Hintergrund als Befreier gerieren, denen es lediglich um die Freiheit von Andersdenkenden geht.

In der Universität gilt eine problematische Genderpolitik, die Dozenten wie Studenten umständliche und unelegante Formulierungen aufnötigt. Ich erspare mir, an dieser Stelle Beispiele zu geben. Wer diese Regeln nicht einhält, gerät recht rasch in Verdacht, ein Chauvinist zu sein, Frauen zu verachten und Schwule zu diskriminieren. Abgesehen davon, dass ich jede Gesinnungsschnüffelei für falsch halte, frage ich mich doch, ob all jene Sprecher, die im Sinne der oben angezeigten Sprachregelung handeln, tatsächlich keine Chauvinisten sind, Frauen nicht verachten und Schwule nicht diskriminieren. Eine nickende sprachliche Maske ist aber nicht zwangsläufig das Gesicht des Sprechers. Die Befürworter sprachlicher Korrektheit unterliegen dem naiven Urteil, dass sich in der Sprache auch immer das Reale ausdrücken muss. Dass dies in der Hochschule geschieht, ist umso schmerzlicher, als doch gerade hier in Literatur- und Kulturwissenschaft eigentlich bessere Einsichten über die Moderne gewonnen wurden. Der öffentliche Diskurs wird so gegängelt oder gar unterbunden, so dass kreative Auseinandersetzungen im Rahmen angstfreier und offener Debatten entlang gesellschaftlicher Konfliktlinien kaum noch eine Chance haben. Besonders eher diskursunerfahrene Menschen fürchten sich, Positionen zu vertreten, die womöglich nicht immer dem erreichten Stand der Diskussion entsprechen oder lieb gewordene Steckenpferde des sogenannten Mainstreams zur Disposition stellen. Sie können so leicht Opfer von Provokateuren werden, die sie vereinnahmen und zum Spielball ihrer Interessen machen.

Repressive Toleranz macht sich aber auch an anderer Stelle im Wissenschaftsbetrieb bemerkbar. Wissenschaftliche Schulen und Theoriezusammenhänge sind häufig nicht Grundlagen eines notwendigen Austauschs und Dialogs, sondern stecken vielmehr Einfluss- und Interessenssphären ab, in denen immer noch Meisterdenker herrschen, ohne dass diese aber als solche angesprochen werden wollen. Wer in den Geisteswissenschaften Erfolg haben will, sollte möglichst weiblich und jung sein, um sich dabei dann einem theoretischen Zusammenhang anzuschließen, der es im wissenschaftlichen Diskurs zu etwas gebracht hat. Eigenständige oder gar eigenwillige Positionen haben da am allerwenigsten eine Chance, wenn sie von Männern geäußert werden, die der Genderpolitik (nicht so sehr der entsprechenden Theorie) auch noch skeptisch gegenüber treten. Diese haben dann als so ‚misogyn‘ und ‚phallozentrisch‘ zu gelten, dass ihnen kein Platz mehr an einer deutschen Hochschule beschieden sein kann.

Was viele Zeitgenossen gar nicht zu begreifen scheinen, ist der Umstand, dass auch heute ein Normalcode oder, um es mit Michel Foucault zu sagen, ein Normalitätsprofil gesellschaftliches und individuelles Handeln bestimmt. Man könnte nun einwenden, dass wir Menschen individueller geworden sind und gar unsere Individualität allerorts zelebrieren. Auch das heute keine Scheiterhaufen der Inquisition mehr brennen, keine Hexen im diesseitigen Fegefeuer landen. Doch heute sind derartige Utensilien nicht mehr notwendig, um Hexenjagden zu veranstalten und Menschen in die Isolation zu treiben. Was im 16. oder 17. Jahrhundert schon als mächtige Waffe galt, fällt heute im Wettstreit der Medien umso mehr ins Gewicht: die Macht der öffentlichen Meinung, die aufgrund ihrer wankelmütigen Natur nur allzu leicht zum Opfer von Demagogen werden kann. Es ist sogar so, wie es Foucault bereits in den 1970er Jahren für die westlichen Gesellschaften diagnostiziert: Gerade in den Gesten vermeintlicher Befreiung, die so sehr den Mainstream ausmachen, liegen Momente einer kaum erkannten Repression.

Alles im allem. Unser gesellschaftlicher Diskurs ist alles andere als von Toleranz geprägt. In ihn fließen vielmehr jene Grenzen ein, die der freien Rede gesetzt sind. Denn die repressive Toleranz lässt es nicht zu, dass sich mit den besten Argumenten auch Innovationen durchsetzen, sondern dass mit den ohnehin Einflussreichen auch das Vorhersagbare siegt. Meister wollen ihre Ebenbilder produzieren, die indes nicht besser sein können als ihre Originale.

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2017-6 Auf ein neues Jahr

Das Jahr ist im Rückblick rasch vorbeigezogen. Wenn ich aber an einzelne Tage oder gar Momente zurückdenke, dann hat es sich wie eine langsame Bahn von Station zu Station vorwärtsgeschraubt, ohne große Einsichten, vielleicht bis auf diese, dass es schwer ist, alte Gewohnheiten aufzugeben und sich in ganz neuen und anderen Lebenslagen zurechtzufinden. Wer diese Entwicklung durchgemacht hat, wird vor allem den Verlust an Freiheit beklagen, der sich mit dem Leben einer Honorarkraft einstellt. Jene Zeitgenossen, die nichts anderes kennen, werden aufgebracht widersprechen und daran erinnern, dass man doch schließlich sein eigener Herr ist, der seine Zeituhr selbst aufzieht und damit seine Arbeitsstunden so gestalten mag, wie er mag. Dies ist zwar richtig, aber der Universitätsbetrieb hat seine Freiheiten, die in nichtakademischen Arbeitszusammenhängen kaum bekannt sein dürften. Nun ist jede Stunde gezählt, weil jede Stunde ihren Termin hat, der zuweilen schwer ausgehandelt werden muss. Und jeder Termin ist nicht nur Lebenszeit, sondern auch Verdienst, um den zu ringen ist. Ich hätte nicht gedacht, dass ich als Angestellter eine solche Kraft gehabt hätte, mich auf diesem Markt so gut zu bewähren, auch wenn ich mir diesen Umstand nicht allein zu verdanken habe. Denn es hat freilich immer zahlreiche Leute gegeben, die mir das Arbeitsleben durch ihre Freundlichkeit und Hilfe so ungemein erleichtert haben.

Dieser tiefe Fall aus den Höhen der Akademikerherrlichkeit vor vier Jahren ließ mich anfangs Schlimmes befürchten, aber inzwischen habe ich zu meiner alten Sicherheit zurückgefunden. Und vielleicht sind derartige Schicksalsschläge nur Anlass, um noch stärker zu werden. Womöglich ist dies geradezu ein körperlicher Vorgang, der größere Vitalität mit sich bringt, damit wir die um so größeren Herausforderungen auch besser bestehen können. Doch die Schwierigkeiten und Enttäuschungen brechen nicht ab. Einen gewissen Halt hatte ich über Jahre an der Humboldt Universität durch meine Lehraufträge erfahren, die – obschon nicht bezahlt – mir aber von Seiten der Studenten viel Anerkennung eingebracht haben. Inzwischen sollen diese Aufträge aber honoriert werden, was einerseits sicherlich auch absolut gerechtfertigt ist, andererseits aber nun dazu führen wird, dass ich nicht mehr in jedem Semester meine Lehrtätigkeit fortsetzen kann. An den romanischen Seminaren in Berlin spricht man inzwischen von einem Überangebot, das bestehende feste Stellen in ihrem Bestand gefährdet. Lehrbeauftragter bedarf es daher um so weniger, zumal sie doch nur eine störende Größe für derlei Berechnungen sind. Ich hätte mich gern weiterhin mit einer unbezahlten Lehrtätigkeit abgefunden, da ich als Privatdozent ohnehin auch nur ein höchst ‚privater‘ Dozent bin, in dem Sinne nämlich, dass die Hochschule nur noch Ort meines privaten Zeitvertreibs ist. In beruflicher Hinsicht wurde ich buchstäblich aus der Universität vertrieben, aus meiner Heimat vertrieben. So ist heute noch nicht einmal mehr möglich, eine Tätigkeit als ständige Freizeitbeschäftigung auszuüben, auf die man sich über Jahrzehnte in Prüfungen und Publikationen vorbereiten musste. Es wäre abwegig, unter diesen Bedingungen von Wissenschaftsfreiheit zu sprechen, obschon hinreichend bekannt ist, dass alle Beteiligten vor Sachzwänge gestellt sind, die nicht sie zu verantworten haben.

Da nicht nur ich derartige Situationen hinzunehmen habe, zumal zahlreiche respektable Kollegen auf der Straße sitzen, werden sich die Verantwortlichen in Berufungskommissionen und Ministerien fragen müssen, ob ihre Entscheidungen gerecht und angemessen waren, ob sie den Interessen unseres Faches entsprachen. Aber diese Fragen pflegen in der sogenannten Gruppenuniversität mit ihren Einzelinteressen ohnehin unterzugehen, was gerade für eine strukturell so fragile Philologie wie die Romanistik von tragischer Tragweite sein dürfte. Dass die sogenannte Bologna-Reform, die sich heute eher wie eine Art Deformation ausnimmt, ihr Übriges dazu beigetragen hat, um diese Tendenz zu beschleunigen, ist zu einer Alltagsweisheit geworden. Die originäre Faszination der Romanistik beruht auf einem Gesamtzusammenhang, der komparatistisches Herangehen an Sprachen, Literaturen und Kulturen erst möglich und sinnvoll erscheinen lässt. Die Verschiedenheit der romanischen Räume, die in Europa, Nord- und Südamerika sowie Afrika von mehr als einer Milliarde Menschen bewohnt werden, ist jedoch inzwischen zu einer Geschiedenheit, Vereinzelung und Rivalität dieser Sprachen in der akademischen Sphäre verkommen. Kleine Fächer wie die Lusitanistik sind nahezu ganz verschwunden, obwohl es mir völlig paradox scheint, sich als Wissenschaftler dem lateinamerikanischen Raum zuzuwenden, ohne dabei etwa auch Brasilien zu berücksichtigen. Dass die Romanistik, in ihre Einzelphilologien zerfallen, demzufolge an Attraktivität verloren hat, ist aufgrund zurückgehender Studentenzahlen ebenfalls nur allzu offensichtlich geworden. Aber das ist eine andere traurige Geschichte, die auch anderswo schon erzählt wurde.

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2017-5 Aus: Wilhelm Raabe – Die Chronik der Sperlingsgasse – Kapitel 2

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Am 15. November Es ist eigentlich eine böse Zeit! Das Lachen ist teuer geworden in der Welt, Stirnrunzeln und Seufzen gar wohlfeil. Auf der Ferne liegen blutig dunkel die Donnerwolken des Krieges, und über die Nähe haben Krankheit, Hunger und … Weiterlesen

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2017-04 Wieder in Italien – Frühjahr 2000 – Sommer 2017

Z. Zt. bin ich in Italien und damit wieder an demselben Ort, in Punta Ala, den ich seit dem Ende der 1960er Jahre kenne. Manchmal ist eine Umgebung, eine Landschaft auch wie ein Buch, in dem die Zeit ihre Spuren einträgt. Wir erinnern uns früherer Zeiten, als wir an denselben Orten weilten, die einmal zur Kulisse von freudigen oder traurigen, ein anderes Mal komischen oder tragischen Erlebnissen wurden. Mehr als siebzehn Jahre sind es her, als ich hier einige Tage im Frühjahr 2000 verbrachte, um an einem Beitrag über den portugiesischen Dramatiker António José da Silva zu arbeiten, der im 18. Jahrhundert von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen im Zentrum Lissabon verbrannt worden war. Das Leben dieses gehetzten Juden hat mich seinerzeit sehr fasziniert, so dass mir die Arbeit recht leicht fiel, so leicht, dass der entsprechende Artikel bald einen beträchtlichen Umfang annahm.

Meine Stimmung war zu dieser Zeit doch sehr gut, hatte ch doch allen Widrigkeiten zum Trotz meine Habilitationsschrift bei der Fakultät in Leipzig eingereicht, so dass ich mir des Erfolges relativ sicher war. Außerdem war der Frühling in der Toscana so schön, dass ich nach schwierigen Jahren wieder neuen Lebensmut fassen konnte. Das Jahr 1999 war überaus anstrengend gewesen, hatte ich doch meine Schrift innerhalb weniger Monate beenden können, auch aufgrund des Umstands, dass ich seinerzeit stellungslos war und mir die ganze Tages- und Nachtzeit zur Verfügung stand, um mich dieser Tätigkeit zu widmen. Es gab keine Dienstobliegenheiten, die mich in meiner Arbeit behinderten, so dass ich mich ganz allein auf diese Aufgabe konzentrieren konnte. Der Abschluss dieser schwierigen Phase kommt mir zu einer Zeit in Erinnerung, in der das Ende meines Berufslebens absehbar ist. Seinerzeit hatte ich mit dem Ende der Habilitationsphase noch die berechtigte Hoffnung gehabt, eine berufliche Perspektive an der deutschen Hochschule zu haben. Heute weiß ich, dass ich einen schönen Traum geträumt, dass ich selbst eine éducation sentimentale erlebt habe.

Aber ich weiß auch, dass ich heute im Alter von zweiundsechzig Jahren anderen Tatsachen in die Augen sehen muss. Was mir heute noch bleibt, ist das Schreiben, das einem Wissenschaftler immer wichtiger sein sollte als akademische Ambitionen, Kongresse, Tagungen etc. Sicherlich, um die Bedeutung von Philologen, Geistes-, Kultur- oder Literaturwissenschaftlern ist es selten so schlecht bestellt gewesen wie heute. Aber es ist kaum damit zu rechnen, dass sie mit den häufigen Rendez-vous ihrer Berufsstände größere Achtungserfolge erreichen, so gut gemeint diese auch sein mögen. Diese Gedanken gehen mir heute durch den Kopf, wenn ich an das Frühjahr 2000 zurückdenke, das einen neuen Anfang zu versprechen schien.

Orte können Folien unserer Gedanken und Erinnerungen werden, besonders dann, wenn wir sie häufig, über Jahrzehnte, besucht haben. Als ich Punta Ala zuerst besuchte, war ich ein Junge von 14 Jahren, hatte gerade die siebente Klasse wiederholt, um ins Gymnasium überzuwechseln. Ich interessierte mich für Sprachen, las viel, und auch ziemlich viel durcheinander. In dieser Zeit hat es schreckliche Erdbeben in dieser Region gegeben. Einige Kleinstädte waren so sehr davon betroffen, dass die Hauswände und Fassaden mit Balken gestützt werden mussten, die von der einen zur anderem Seite über die Straßen gingen. Meine Eltern hatten Lebensmittel aus Deutschland importiert, da sie sich nicht sicher waren, das von ihnen Gewünschte auch in den zumeist noch kleinen Läden der Region zu erhalten. Das Leben war hier ebenso anders als in Deutschland wie die Fahrt von Berlin aus immer noch ein kleines Abenteuer war, besonders, wenn es galt, die zahlreichen Bergstraßen über die Alpen zu passieren. Auch das Italienische kam mir seinerzeit weniger flüssig als jetzt über die Lippen, so dass mir häufiger mein seinerzeit noch kümmerliches Schulfranzösisch zur Hilfe eilen musste.

Der Bau des Kondominiums war noch relativ neu. Eine deutsche Firma hatte es in Auftrag gegeben und war dabei in dn Konkurs gegangen. Immerhin war noch ein deutscher Verwalter für die gesamte Organisation zuständig. Und zahlreiche deutsche Urlauber verbrachten seinerzeit ihren Urlaub in dem Kondominium. Heute sind die Spuren deutscher Anwesenheit weitgehend erblasst. Nur der Name ‚Weltring‘ zeugt noch von dieser deutsch-italienischen Liebesgeschichte. Der Strand war noch relativ breit, denn es gab noch keinen großen Hafen, dessen Konstruktion die Strömungen in der Bucht komplett verändern sollte.

Ich denke gern an diese Zeit zurück, und wenn ich abends durch die leeren Gänge des Anwesens laufe, höre ich noch die Stimmen der deutschen Kinder und Jugendlichen, die sich mit denen der Italiener vermischten. Seinerzeit gab es noch eine Bar mit Spielautomaten und vor allem ein großes Fernsehgerät, das uns auch über die Mondlandung der Nasa berichtete. Es war eine Zeit der neuen Zuversichten, trotz Vietnamkrieg und Berliner Mauer. Es war eine Zeit des Übergangs, die aus alten Gewohnheiten in neue Ungewissheiten führte, wie ich sie selbst in meinem frühen Studienjahren erfahren sollte.

Diese und andere Erinnerungen sind an diesem Ort präsent, so dass mir eine Chronologie der Dinge entgleitet und ich manche Gedanken wahrscheinlich in eine andere Ordnung setze als es eigentlich zulässig wäre. In den späteren Jahren nahm ich zum Leidwesen meiner Eltern stets zahlreiche Bücher mit, die mir die Aufenthalte in Punta Ala zunehmend zur Lektüre werden ließen. Am Strand lernte ich ein älteres französisches Ehepaar kennen. Der spindeldürre Herr, der als Universitätsprofessor für moderne Philosophie in Rennes ansässig war, ließ in mir eine Vorstellung von akademischer Bildung aufkommen, wie ich sie mir zum Vorbild nahm und schließlich auch für mich selbst anstrebte. Dann schloss sich meinem Abitur alsbald ein Studium der Romanistik und Germanistik an der FU Berlin an. Doch der Sommer 1975 wurde zu einem vorläufigen Endpunkt in meiner Beziehung zu diesem geliebten italienischen Badeort. Erst nachdem ich dann meine Dissertation abgeschlossen hatte, konnte ich ihn dann im Sommer 1991 wieder aufsuchen. In der Zwischenzeit hatten sich meine Eltern getrennt, meine Mutter hatte wieder geheiratet, so dass ich erst jetzt wieder an meine alten Erinnerungen anknüpfen konnte. Doch in den Folgejahren sollte ich fast jeden Sommer wieder in Punta Ala sein, zumal ich dann mit dem Frühjahr 1993 in eine Assistentenstelle eintrat, die zur Habilitation führen sollte.

Seit dieser Zeit fühlte ich mich noch mehr mit diesem Ort verbunden, mit jener lateinischen Kultur, die meinem ‚Migrationshintergrund‘ ein wenig Sicherheit und Halt zu geben pflegt. Freilich hatte ich mir schon mit dem Lateinunterricht, der uns in den frühen 1970er Jahren von einem wunderbaren alten Lehrer erteilt worden war, eine Vorstellung von jener Sprachtradition erschließen können, die schließlich Grundlage der Romanistik ist. Aber nun als Habilitand erhielt ich den berechtigten Eindruck, auch im professionellen Sinn dazuzugehören, dabeizusein, vielleicht auch mit der Hoffnung, ein wenig so zu werden wie jener französische Professor, der seinerzeit am Strand Forschungsarbeiten las und zwischen den Lektüren seine Schwimmkünste zum Besten gab. Dieses Bild hat sich in mancher Hinsicht als trügerisch erwiesen.

Assistentenjahre sind Lehrjahre und als solche keine Herrenjahre, auch dann nicht, wenn sie sich im postmodernen Rahmen vollziehen, wenn in ihrem Verlauf tradierte Axiome der westlichen Geistesgeschichte aus deren Aufbau und deren Voraussetzungen zur Disposition gestellt, wenn diese ‚dekonstruiert‘ werden. Was wie ein intellektuelles Wagnis ausschaut, erweist sich letztlich als bloße Gedankenspielereien kluger, aber herrschender Geister, die keinesfalls lebende Hierarchien in Frage zu stellen beabsichtigen, schon gar nicht, wenn sie diese selbst bekleiden. Diese Strömung der Gegenwartsphilosophie scheint zur Rebellion, zur geistigen Libertinage einzuladen, aber nur ein recht naiver Mensch will diese Einladung auch tatsächlich annehmen und stellt dabei bestimmte Regeln in Zweifel, ein so naiver Mensch wie ich. Es müssen Zyniker geboren werden, die sich im postmodernen Denken wie bei einer Trimmdichspirale fit machen, während sie die prämodernen Gewichte hierarchischer Beziehungen im Leben noch mit sich herumtragen. Es ist wunderlich, in eine Zeit hineinzuwachsen, die mit großem Pathos jeglicher Ideologie entsagt, ihre Denkabstösse zugleich aber durch die Unfähigkeit zur Lebenspraxis selbst einem Ideologieverdacht aussetzt.

Inzwischen blicke ich gelassener auf diese Zeit zurück. Vieles habe ich gelernt, was mich mit der wissenschaftlichen Arbeit, aber auch mit mündlichen und schriftlichen Examina vertraut gemacht hat. Die Postmoderne erweist sich letztlich als eine radikal nominalistische Erscheinung, im Kleinen wie im Großen. Sie ist ein bloßes Gedankenexperiment und als solches tatsächlich ein intellektuelles Abenteuer, das aber keine nennenswerten Auswirkungen auf die Lebenspraxis haben dürfte. Während man strikte Oppositionen als ‚essenzialistisch‘ angesehen hatte, die aus einer historisch überlebten Epoche stammten, so sollte die Absage an dieses Axiom in der materiellen Wirklichkeit keine Bestätigung finden. Im Gegenteil, die weltweiten Konflikte beruhen auf eben jenen ‚verwunden’ geglaubten Oppositionen, ganz gleich ob diese zwischen Großmächten verlaufen, zwischen ideologischen Kontrahenten oder zwischen unterschiedlichen ökonomischen Interessen. Man gewinnt den Eindruck, dass sich das postmoderne Denken nachgerade als trotziges psychisches Kompensat für diese unverwüstlichen und umso unbarmherzigen Dualismen anbietet, als Herolde einer Avantgarde, die der Wirklichkeit bereit so weit vorausgeeilt sind, dass sie diese überhaupt nicht mehr treffen können. Es ist aber eine Ironie, dass die Theorie bereits dort von der Wirklichkeit eingeholt wird, wo sie entstanden ist, in der Universität selbst. Nicht nur ich, sondern auch unzählige andere Kollegen könnten ein Lied darüber singen. Doch wäre das postmoderne Denken über nette Accessoires hinausgegangen und zur materiellen Wirklichkeit geworden, dann würden wir unser Leben wohl nicht mehr wieder erkennen. Es wäre vielleicht nicht unbedingt ein besseres Leben, aber sicherlich ein gelasseneres Dasein, in dem die Hierarchien flacher, die Beziehungen unaufgeregter und die Forschungsbedingungen förderlicher wären, als wir dies heute eben erleben. Wäre dies in einer Stadt wie Leipzig möglich gewesen, so wäre dies ein intellektueller Triumph an eben jenem Ort gewesen, von dem die friedliche Revolution in der DDR ihren Ausgang genommen hatte.

Mittlerweile bin ich wieder am Ausgangspunkt meiner Gedanken in der Jetztzeit angekommen. Z. Zt. ziehen Unwetter über die Maremma, die, wie auch ich glaube, mit gewissem Recht einem vom Menschen gemachten Klimawandel zu verdanken sind. Im September hat es schon, soweit ich zurückdenken kann, schlimme Stürme und lang andauernde Regenschauer gegeben. Aber inzwischen sind die Wetterkapriolen ganz außer Rand und Band geraten, so sehr, dass nach fast einem halben Jahr der kompletten Dürre regelrechte Wasserbomben auf einen harten Erdboden fallen, der diese kaum noch aufzunehmen imstande ist. Eine italienische Mittelstadt, die mir schon vor mehr als zehn Jahren als kleine Perle des Tyrrhenisches Meeres ins Auge gefallen ist, ist Livorno, die Stadt Modiglianis und Mascagnis, eine Stadt voller Schüler und Studenten, Matrosen und Künstler. Sie wurde am letzten Wochenende wohl am meisten von den Stürmen heimgesucht. Eine ganze Familie soll ihren Tod gefunden haben, weil sie, wie soviele geschädigte Bürger im Hafenviertel von den Wassermassen überrascht worden waren. Gestern sind wird im Stau an dieser Hafenstraße entlang gefahren. Der Anblick der zusammengestürzten Bäume, der Fahrzeuge, die der Sturm durch die Luft geschleudert hatte, der verschlammten Fahrbahnen bringt mich zurück in eine weit zurückgelegene Zeit, in jene, als die Region vor beinahe einem halben Jahrhundert von schlimmen Erdbeben heimgesucht worden war. Selbst Paradiese haben ihre Hölle …

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2017-03 Auferstanden aus der Sprache

Und wieder kehre ich nach langer Zeit zu meinem Blog zurück, der bisher in diesem Jahr erst zwei Einträge verzeichnet. Womöglich haben sich schon zahlreiche meiner Leser von mir verabschiedet, da sie kaum noch Neuigkeiten von meiner Seite erwarten. Aber ich will doch Wort halten und immer wieder neue Notizen hinterlassen. Doch wird dies aufgrund meiner vollständig veränderten Lage nicht mehr so häufig der Fall sein können wie früher, zu meinem Bedauern, denn ich lese und schreibe sehr gern. 

Meine jetzige Lehrtätigkeit als Deutschlehrer auf Honorarbasis hat mein gesamtes Leben radikal verändert. Meine Arbeit als Privatdozent hatte zwar angesichts so zahlreicher Vertretungen immer auch etwas Unstetes. Über Jahrzehnte, zuerst als Assistent in Leipzig, dann als Vertreter von Professuren bin ich durch ganz Deutschland gereist, ohne mich jemals auf ein bestimmtes Institut, auf bestimmte Kollegen konzentrieren zu können. Dem Vagabundieren zwischen Hochschulen wie Leipzig und Bonn, Berlin und Heidelberg, Augsburg und Saarbrücken, Potsdam und Gießen entsprach auch eine intellektuelle Vagabondage zwischen unterschiedlichsten Schwerpunkten in der Romanistik.

 

Unter diesen Umständen hatte ich mich immer wieder mit den Schwerpunkten bzw. Profilen auseinanderzusetzen, die den von mir zu vertretenden Professuren entsprachen. Was ich selbst stets als wohltuend empfunden habe, nicht erst in die Versuchung eines behäbigen Beamtendasein zu geraten und beweglich zu bleiben, hat sich aus der Sicht eines akademischen Establishments womöglich als Defizit erwiesen. Der Wunsch, nicht ein bestimmtes Thema zu kolonisieren, sondern immer wieder neue Bereiche kennenzulernen, wird nicht eben geschätzt. Ebenso wenig konnte man mir womöglich verzeihen, dass ich mich in den letzten Jahren der ‚Neuen Romania‘ zugewandt hatte. 

Aber wer konnte mir dies verübeln, wenn ich nach meinen Studien über eher klassische Themen im ‚Finis Africae‘ ein neues Ziel zu suchte, mit dem ich auch eine nicht zuletzt auch finanzielle Förderung meiner neuen Projekte verband. Immerhin war ich aufgrund meiner fachlich zwar geachteten Habilitationsschrift nicht zum Professor berufen worden. Ich hätte aber von Anfang wissen müssen, dass entsprechende Institutionen nicht nach der tatsächlichen wissenschaftlichen Lebensleistung eines Antragstellers fragen, sondern diese einzig und allein nach dem Maß von Status und Alter berechnen. Die Bewertung eines zur Vorlage gebrachten Projekts beruht nicht auf dessen Sinnhaftigkeit und Qualität, sondern vorzugsweise auf der Frage, wie weit es der Antragssteller in der akademischen Hierarchie gebracht hat. Kommt noch dessen vorgerücktes Alter hinzu, so scheint das 55. Lebensjahr aus dieser engen Sicht wohl überhaupt die Grenze einer ernstzunehmenden akademischen Vita zu markieren. Nur jene, die vormals schon in den wohlverdienten Beamtenstatus berufen worden waren, können auch mit einer größeren Autorität auftreten, auch wenn nicht wenige von ihnen gleichfalls mit ihren Anträgen in Forschungsinstitutionen scheitern, allerdings mit weitaus weniger unangenehmen Konsequenzen für sie selbst.

Man sagt, dass die Zeit Wunden heilt. Dies ist aber wohl nur eine Teilwahrheit. Die zeitliche Distanz zu einem Unglück, einer Niederlage erlaubt es uns nur, die Wunden besser zu ertragen. So würde ich meine Situation beschreiben. Die Lehrtätigkeit als DaF-Lehrer bringt mich mitunter mit interessanten und hochmotivierten Menschen zusammen, die mir diese oft einseitige Arbeit an und mit der Sprache sehr erleichtert haben. Dennoch muss die poetische und literarische Seite der Sprache mit dem Studium der Grammatik eher weit in den Hintergrund rücken. Und auch meine wissenschaftliche Arbeit muss naturgemäß unter diesen Verhältnissen leiden. Ein alter Freund riet mir, meine Projekte auf dem Schreibtisch zu stapeln, um sie dann zu gegebener Zeit wieder in Angriff nehmen zu können. Etwas Anderes wird mir wohl auch kaum übrig bleiben.

Für mich war es stets ein Hobby, eine wissenschaftliche Tätigkeit ausüben zu können. Vielleicht hätte es auch immer ein Hobby für mich bleiben sollen, zumal ich nicht wenige Kollegen kenne, die sich im höheren Altern noch sehnsüchtig daran erinnern, wie sie einstmals begonnen hatten. Einige dieser Kollegen mussten fassungslos mitansehen, wie der Lehrstuhl, den sie womöglich in Jahrzehnten langer Arbeit aufgebaut hatten, nach ihrer Emeritierung gestrichen werden sollte. Andere wiederum waren der langen Kämpfe mit mißgünstigen Neidern überdrüssig und sahen sich mit dem Ende ihrer Dienstzeit buchstäblich aus ihren Seminaren gedrängt. Diese Leidensphasen sind mir glücklicherweise erspart geblieben. Ich wusste immer schon am Anfang einer Vertretung, dass meine Semester gezählt sind. Privatdozent zu sein, heißt, schon früh die eigene Endlichkeit zu erfahren.

Wenn ich jedoch von einem Hobby spreche, dann gewiss nicht, weil ich die akademische Tätigkeit etwa mit Geringschätzung betrachten würde. Vielmehr ist nichts anderes als das Gegenteil denkbar. In bestimmter Hinsicht habe ich mich immer als konservativ empfunden, nicht im ideologischen, sondern eher naiven Sinn. Ich war stets der Meinung, dass wissenschaftliche Erkenntnis und Methode auch Ausdruck einer Lebenshaltung sein sollten. Ich konnte einfach nicht akzeptieren, dass Feminismus, Gender- bzw. Queertheorie oder Philosophie der Postmoderme zu schnöden Geschäftsmodellen degradiert werden. Diese und andere Wissensbereiche haben an einem akademischen Markt Anteile, die im Zuge von Berufungen, Projektbewilligungen, Stellenausschreibungen, SFB (Sonderforschungsbereiche) etc. zu- oder abnehmen. 

Dass Feministen womöglich in ihrem privaten Glück Machoallüren ertragen, die sie in ihrem wissenschaftlichen Diskurs heftig bekämpfen, dass postmoderne Professoren mitunter auch an prämodernen Kategorien und Hierarchien festhsalten, die sie in ihren Vorlesungen zu dekonstruieren wagen, erschien mir unfassbar. Es ist eine Binsenweisheit, dass wir allemal in Widersprüchen leben, die wir auch beim besten Willen nicht aufzulösen imstande sind. Aber wenn der Zusammenhang von Leben und Beruf, Theorie und Praxis einen Sinn haben soll, müsste er sich an dieser Stelle einstellen.

In diesem Sinn ist es mir auch wichtig, die Frage nach der political correctness erneut aufzuwerfen. Es steht für mich überhaupt nicht zur Debatte, dass in öffentlichen Dingen keine persönlichen Beschimpfungen und Denunziationen gestattet sein dürfen. Aber alles, was über diese menschlichen Selbstverständlichkeiten hinausgeht, ist mir zuwider. Wenn sich die Sprache in Euphemismen hüllt bzw. historisch entstandene Begriffe oder Namen durch Worte ersetzt, die dem Stil und den Auffassungen der Zeit entsprechen, halte ich dies für überaus problematisch.

Ein Beispiel: Als ich auf dem Afrikatag in Bayreuth vor einigen Jahren über den antikolonialistischen Roman des Katalanen Albert Sánchez Piñol Pandora al Congo referierte, der an die Zeitstimmung vor und während des Ersten Weltkriegs in Großbritannien erinnerte, musste ich aus historischen Gründen zweimal das Unwort ‚Neger‘ in den Mund nehmen. Auf meinen Vortrag ging fast niemand der Sektionsteilnehmer ein. Der eigentliche Gesprächsgegenstand war dieses Wort, das es doch zu vermeiden gelte. Mein Herz schlägt immer für Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert werden. Aber ist es nicht spätestens seit Freud eine Binsenweisheit, dass das Gesagte nicht das Gemeinte sein muss, dass die Sprache nicht immer verräterisch sein muss, wie dies gerade an der Praxis der Nationalsozialisten hinlänglich zu belegen wäre? Ist es nicht gerade so, dass das Euphemistische der Barbarei auch immer die himmelschreiend unmenschliche Seite des Unrechts kaschiert. Waren eitle Lügenwörtchen wie ‚Lebensraum im Osten‘, ‚Endlösung‘, ‚Sonderbehandlung‘ oder die hygienischen ‚Brausebäder‘, nicht zu sprechen von Tugenden wie ‚Anstand‘, ‚Sauberkeit‘ nicht gerade die geeigneten Kulissen für den Genozid? Müssten nicht gerade wir Deutschen gelernt haben, dass nicht schöne Worte auch eine schöne Wirklichkeit ergeben? Natürlich wussten die Teilnehmer meiner Sektion, dass ich keine rassistischen Untertöne im Sinn hatte. Aber wie leicht ist es doch, die eigene gute Gesinnung an den vermeintlichen sprachlichen Fehltritten eines anderen unter Beweis zu stellen? Ein historischer Roman wird, sofern er seinen Gegenstand ernst nimmt, stets den Versuch unternehmen, dem Leser in den Spannungsbogen historischer Horizonte einzuführen. Dabei treten die Kategorien und Wertmaßstäbe der eigenen Zeit in eine Spannung mit jener Epoche, die zum Objekt des Erzählens wird. Diese Gegebenheiten wird eine literaturkritische Bestandsaufnahme ebenso zu berücksichtigen haben wie dies ein Restaurator gegenüber den Beschädigungen eines Artefakts unternimmt. Dieser wird das Kunstwerk nicht so zurichten, dass eben diese Spuren verschwinden, so als ob er es neu geschaffen hätte. Vielmehr wird er die schadhaften Stellen so markieren, dass dem Betrachter die Ergebnisse der Restaurierungsarbeiten ersichtlich werden. Hier tritt ihm kein geliftetes, sondern ein in die Jahre gekommenes Kunstwerk vor die Augen.

Die angesprochene Form der political correctness ist daher auch keineswegs ‚links‘ oder korrekt, sofern mit ihr eine bloße moralische Geste der historischen Dialektik ihren Platz streitig macht. Es ist längst bekannt, dass sich die Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner in den 1960er und 1970er Jahren stets als Emanzipation der Neger verstand, wobei ’niger‘ im Lateinischen nichts anderes als ’schwarz‘ meint. Es gibt sogar zwei afrikanische Staaten, Nigeria und Niger, die in ihrem Namen auf diese Etymologie anspielen. Die Abgrenzung vollzog sich über Jahrzehnte immer zu jenem verachtenden Unwort, das den Buchstaben G verdoppelt. Was und wer die Veränderung sprachlicher Koordinaten hervorgerufen hat, vermag ich nicht sicher einzuschätzen. Es dürften weiße Diskursteilnehmer gewesen sein, denen mit wachsender Erschütterung offenbar geworden ist, was ihren schwarzen Schwestern und Brüdern über Jahrhunderte angetan worden war und noch immer wird, was denen in ihrem Namen gerade jetzt angetan wird. Diese historische Schuld lässt sich aber nicht durch eine euphemistische Sprache abtragen. Gerade in der Bezeichnung ’negro‘, ’nègre‘ – in Abgrenzung zum ‚Weißen – offenbart sich diese doch hinlänglich. Tilgen wir den Namen, bringen wir nur unser schlechtes Gewissen zum Schweigen.

Was wir brauchen, ist eine Sprache, welche die Realien bei den Hörnern packt und nicht eine solche, die ihnen davonläuft. Sie muss den Anforderungen eines ‚mot juste‘ Rechnung tragen, das den Menschen, aber auch der Sache und mithin der Geschichte gerecht wird. Wir müssen die Spuren des durch Gewalt verzerrten Dialogs kenntlich machen, anstatt sie mit den Worten einer noch immer nicht gänzlich gelungenen Emanzipation kaschieren zu wollen.


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