01-2020 Als Nachtrag zu ‚Die vereinten Regionen und Nationen von Europa.Europäische Projektionen‘ (09-2019). Von der Aktualität der Geschichte.

Als Nachtrag zu meinem Blog im letzten Jahr füge ich noch ein paar Gedanken hinzu, die mein Bild zu diesem Thema komplettieren. Unter der Internetadresse

https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/50424609

fand ich zwischen den Jahren einen Beitrag, den Ute Planert mit dem Titel „’Weltgeist zu Pferde‘. Napoleons Erfolge zeigten Europa, welche Kraft in der nationalen Idee steckte“ in der Magazinausgabe des Spiegel (6-2007) vorlegte.

Auf den häufigen Einwurf, dass wir es hier mit einer längst abgegoltenen Geschichte zu tun haben, die letztlich nur von den Beschwernissen der gegenwärtigen Welt ablenken würde, antworten wir mit Th.W. Adorno:

Man will von der Vergangenheit loskommen: mit Recht, weil unter ihrem Schatten gar nicht sich leben läßt und weil des Schreckens kein Ende ist, wenn immer nur Schuld und Gewalt mit Schuld und Gewalt bezahlt werden soll; mit Unrecht, weil die Vergangenheit, der man entrinnen möchte, noch höchst lebendig ist. (Suhrkamp Werkausgabe 2003, 10.2: 555-556)

Die Epoche vor und nach dem Wiener Kongress (1815) war eine Zeit revolutionärer Veränderungen, philosophischer Höhenflüge (Hegel, Dtsch. Idealismus), wissenschaftlicher Forschung und intellektuellem Diskurs (Humboldt) in Deutschland. Man sollte nicht nur von den 1920er Jahren sprechen, deren Menetekel man üblicherweise mit dem Nationalsozialismus aufkommen sah. Die 1820er Jahre verdienen unsere Aufmarksamkeit nicht weniger, zumal die politischen Eliten in jenem Jahrzehnt und in den Folgejahren das Projekt der bürgerlichen Nation in den unterschiedlichen Regionen und Bevölkerungsschichten des untergegangenen Römischen Reiches deutscher Nation zu verankern suchten. Entfacht wurde diese nationale Bewegung durch den Widerstand gegen Napoleon, der gerade in den Augen vieler linker Kräfte zu einem ordinären Usurpator geworden ist. Erinnern wir uns, dass Ludwig van Beethoven die Widmung seiner ursprünglich dem Kaiser zugeeigneten fünften Symphonie (Eroica) aus Enttäuschung zurücknahm.

Dass den Menschen am Vorabend der Völkerschlacht bei Leipzig schlimmste soziale Härten zugemutet wurden, macht Ute Planert für den zunehmenden Kampfeswillen gegen Napoleon verantwortlich:

Dass „viele Menschen in das antinapoleonische Lager [getrieben wurde] und sich im Herbst 1813 nach und nach der antifranzösischen Koalition anschlossen“, beruhte auf der „Erfahrung ökonomischer Ausbeutung und militärischer Belastung.“

Das revolutionäre Ziel einer Einigung Deutschlands lag zwar auf der Straße. Nur so konnte das Bürgertum seine Souveränität über die Fürstenherrschaft erlangen; nur so konnte es zum historischen Subjekt werden. Aber dieses Ziel wurde nicht von Anfang an von allen Schichten und überall verfochten, wie Ute Planert unterstreicht:

So „stellte sich Begeisterung für die deutsche Sache keineswegs flächendeckend ein. Sie blieb Angelegenheit der Studenten und Bildungsbürger in den Städten oder äußerte sich in protestantischen Regionen mit traditioneller Nähe zur preußischen Monarchie.

Die revolutionäre Idee der Nation versprach, aus Untertanen erstmalig in der Geschichte zu Bürgern zu machen. Dass dieses Versprechen auf so schändliche Weise in sein Gegenteil verkehrt wurde, gilt als besonders tragischer Ausgang deutscher Nationalgeschichte. Der Kern dieser Tragik besteht allerdings darin, dass sich das Konzept der Nation gerade in der späteren historischen Phase des zweiten Kaiserreichs einer weitaus größeren Akzeptanz erfreute als noch 1815. Zu diesem Zeitpunkt verband es sich aber längst nicht mehr mit jener revolutionären Begeisterung, wie sie der deutschen Revolution von 1848 vorausgegangen war.

Man könnte nun entgegen dem Diktum Adornos einwenden, dass eine derartige Beschäftigung mit der Geschichte müßig und vergebens sei. Das Vergangene sei eben vergangen. Dass es aber tatsächlich noch sehr lebendig ist, zeigt sich, wenn wir auf die Überlegungen unseres letzten Blogs zurückkommen. Die Europäische Union bedeutet eben nicht die Überwindung der Nation als Konzept, sondern allenfalls dessen Rekodifizierung in neuen Grenzen. So gilt es heute, zwar nicht mehr aus Untertanen Bürger zu machen, sondern die Bürger der europäischen Nationalstaaten auf die Bürgerschaft eines europäischen Nationalstaats einzustimmen. Und diesbezüglich habe ich Einwände bezüglich dessen Konstitution geltend gemacht, die ich an dieser Stelle nicht mehr wiederholen muss. So wie der Aufbau der europäischen Nationalstaaten im 19. Jahrhunderts auf die Stimme der Bürger angewiesen war, die seinerzeit leider nicht immer und überall hörbar wurde, so ist dies heute notwendig, wenn sich ein neuer europäischer Superstaat erhebt, der in Wettstreit mit den großen Schwellenländern dieser Erde treten wird.

…. wird ggfs. noch erweitert.

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In memoriam. Der große E.TA. Hoffmann (1776-1822), genialer Dichter, Musiker und Maler der deutschen Romantik, zudem tapferer Freigeist im literarischen Widerstand seiner Zeit

Aus: Deutsche Biographie (1972)

https://www.deutsche-biographie.de/sfz33071.html

Mit dem „Meister Floh“ und der damit verbundenen Affäre treten am Ende seines Lebens in fast symbolischer Weise noch einmal der Künstler und der Jurist H. gemeinsam ins Blickfeld. Als Jurist hatte er es nach anfänglichen Hilfsdiensten in Berlin mit Kriminalfällen zu tun. Am 1.10.1819 wurde er Mitglied der „Immediatkommission zur Ermittlung hochverräterischer Verbindungen und anderer gefährlicher Umtriebe“. Hartnäckig und mutig widersetzte er sich mit seinen Kollegen allen Versuchen, die Kommission zu einem politischen Instrument gegen die liberalen und revolutionären Bestrebungen der Zeit zu machen. Das zeigen die überlieferten Gutachten H.s innerhalb der Untersuchungen gegen A. L. Follen, G. L. Roediger, F. L. Jahn und L. von Mühlenfels; H. wies die gegen sie vorgebrachten Anklagen zurück und votierte für die Freilassung der Inhaftierten. Im Rahmen dieser „Demagogen“-Aktionen stieß er mit dem Polizeidirektor K. A. von Kamptz zusammen, dem er unrechtmäßige Eingriffe in einen Untersuchungsvorgang vorwarf. Kamptz seinerseits leitete im Januar 1822, nachdem H. zu seiner Erleichterung bereits aus der Kommission ausgeschieden und in den Oberappellationssenat aufgerückt war, eine Aktion gegen das im Druck befindliche Märchen „Meister Floh“ ein, mit dem Ziel, den Verdacht der gebrochenen Pflicht zur Amtsverschwiegenheit, der Beamtenverleumdung und der Majestätsbeleidigung bestätigt zu sehen. Nach Beschlagnahme des Manuskripts sah Kamptz, der im Märchen als Knarrpanti karikiert wird, seine Vorwürfe als berechtigt an. Der „Meister Floh“ konnte daher nur in zensurierter Form erscheinen. H., wegen seiner letzten schweren Krankheit nicht vernehmungsfähig, verfaßte eine Verteidigungsschrift, die zu den bedeutendsten poetologischen Äußerungen des Dichters gehört; er betont darin abermals die Notwendigkeit einer Integration der Teile zu einem Ganzen und führt damit die Problematik der Heterogenität der Teile einerseits und des „Zusammenhangs der Dinge“ andererseits fort. Die Erkenntnis des unheilbar Disparaten war ihm bis zuletzt Voraussetzung und Antrieb zur künstlerischen Arbeit. Sein Werk stellt nicht eine heile Welt dar, aber indem es dem künstlerischen Prinzip der Integration des Heterogenen folgt und dieses Prinzip selbst zum Gegenstand des Erkennens seiner Leser macht, gewährt es einen Blick in das verlorene Paradies. Die „Meister-Floh“-Affäre blieb unerledigt. H., der seit Januar 1822 an einer Lähmung litt, die von den Beinen zu den Armen aufstieg, starb, als die Lähmung auf sein Atemzentrum übergriff.

Gérard de Nerval (1852)

L’Allemagne! La terre de Gœthe et de Schiller, le pays d’Hoffmann; la vieille Allemagne, notre mère à tous.

Ludwig van Beethoven (1820)

Ich ergreife die Gelegenheit, durch Herrn N. mich einem so geistreichen Manne, wie Sie sind, zu nähern. Auch über meine Wenigkeit haben Sie geschrieben. Auch unser Herr N. N. zeigte mir in seinem Stammbuche einige Zeilen von Ihnen über mich. Sie nehmen also, wie ich glauben muss, einigen Anteil an mir. Erlauben Sie mir zu sagen, dass dieses von einem mit so ausgezeichneten Eigenschaften begabten Manne Ihresgleichen mir sehr wohl tut. Ich wünsche Ihnen alles Schöne und Gute und bin Euer Hochwohlgeboren

mit Hochachtung ergebenster Beethoven.

Richard Wagner (Mein Leben, 1911)

Leidenschaftlich unterhielt man sich oft über die Hoffmannschen Erzählungen, welche damals noch ziemlich neu und von grossem Eindruck waren. Ich erhielt von hier an durch mein erstes, zunächst nur oberflächliches Bekanntwerden mit diesem Phantastiker eine Anregung, welche sich längere Jahre hindurch bis zur exzentrischen Aufgeregtheit steigerte, und mich durch die sonderbarste Anschauungsweise der Welt beherrschte.

Stefan Zweig (1929)

Unirdische Welt, aus Rauch und Traum geformt, phantastisch in den Figuren, das ist E.T.A. Hoffmanns Welt. Manchmal ist sie ganz lind und süß, seine Erzählungen reine, vollkommene Träume, manchmal aber erinnert er sich mitten im Träumen an sich selbst und an sein eigenes schief gewachsenes Leben: dann wird er bissig und böse, zerrt die Menschen schief zu Karikaturen und Unholden, nagelt das Bildnis seiner Vorgesetzten, die ihn schinden und quälen, höhnisch an die Wand seines Hasses – Gespenster der Wirklichkeit mitten im gespenstischen Wirbel. (…)

Wer hundert Jahre Probe besteht, der hat sie für immer bestanden, und so gehört E. T. A. Hoffmann – was er nie geahnt, der arme Schacher am Kreuz der irdischen Nüchternheit – zur ewigen Gilde der Dichter und Phantasten, die am Leben, das sie quält, die schönste Rache nehmen, indem sie ihm farbigere, vielfältigere Formen vorbildlich zeigen, als sie die Wirklichkeit erreicht.

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09-2019 Die vereinten Regionen und Nationen von Europa. Europäische Projektionen.

1. Historische Voraussetzungen

Historisch gesehen war Europa stets ein Kampfplatz widerstreitender Parteien und zugleich Ausgangspunkt weltweiter Eroberungen, welche die Globalisierung des 20. und 21. Jahrhunderts überhaupt erst ermöglichen sollten. Deutschland und Europa teilten sich allerdings über Jahrhunderte einen Status als bloße geographische Erscheinung, nicht als politische Gemeinschaft, die zu einer kollektiven Erzählung fähig gewesen wäre.

Während sich in Deutschland über lange Zeit verschiedene Stämme oder Regionen hervortaten, sind es in Europa alte Nationalstaaten wie Frankreich, England oder Portugal gewesen, die auf alte Geschichten zurückblicken konnten. Aber es spricht für die absolute Diversität historischer Emtwicklungen, dass es sich gerade in Osteuropa anders verhält, weil dort große Imperien wie Russland, das Osmanische Reich und die Habsburger Monarchie ihren Sitz hatten.

Entgegen diesen Inkongruenzen haben sich die EU-Eliten darauf geeinigt, in der politischen Organisationsform des Nationalstaats den missliebigen Schatten ihrer eigenen Ziele auszumachen. Die gängige Geschichtsschreibung, die dem Leser in Schulbüchern, Medien oder Standardwerken unterbreitet wird, bricht die europäische Geschichte auf Kriege widriger, aggressiver Nationen herunter, wie sie uns modellhaft im Gegensatz zwischen den sogenannten Erbfeinden Frankreich und Deutschland gleich einem Modell verfehlter Geschichte entgegentritt. Ausgeblendet wird dabei nicht selten, dass dieser Gegensatz schon Jahrhunderte vor dem bürgerlichen Zeitalter bestanden hatte, als Deutschland noch kein politischer Begriff und ähnlich zerstückelt war wie unser heutiger Kontinent. Wahrscheinlich beruhte der bezeichnete Gegensatz sogar auf dem Umstand, dass Frankreich ein starker Territorialstaat war, dessen schwacher Nachbar nicht zuletzt an den Privatkriegen seiner Duodezfürsten zerbrach. Auf andere Weise wurde Polen mit dem Verlust seiner Selbständigkeit von Preußen und dem russischen Zarenreich in die Zange genommen und so eine fatale Tradition begründet, die dann im 20. Jahrhundert auf grausame Weise durch Deutschland und die Sowjetunion fortgesetzt werden sollte. So reichen die Monarchien und Feudalsysteme ihre Konflikte, Allianzen und Erbfeindschaften an die Nationalstaaten weiter, die diese wiederum der Europäischen Union hinterlassen.

2. Die Anpassung des Nationalstaats an die Globalisierung

Ein offenes Geheimnis ist die zukünftige Organisationsform Europas, die keine andere sein wird als der bislang dämonisierte Nationalstaat. Nicht selten ist von ‚Nation Europa‘ oder ‚Republik Europa‘ die Rede, was nicht die Überwindung, sondern Erweiterung nationalstaatlicher Strukturen impliziert. Diese aber bedeuten nichts Geringeres als die Anpassung des alten Nationalstaats an die Größenverhältnisse der Globalisierung, wie sie schon George Orwell in seinem diesbezüglich nicht eben häufig zitierten Roman ‚1984‘ als Konflikt zwischen den imperialen Machtblöcken Ozeanien, Eurasien und Ostasien andeutet.

Diese Entwicklung von kleineren Einzelstaaten zu Kolossen stellt sich zwar in einer derartigen Dimension als etwas Neues heraus. Aber wirklich außergewöhnlich ist sie keineswegs, denn bereits die Bildung von Territorialstaaten am Ende des Mittelalters bzw. zu Beginn der Neuzeit impliziert einen ähnlichen Vorgang, der wie Foucault es beschreibt, den Krieg aus dem Landesinneren an die Grenzen des Territoriums verschiebt. Als beispielhaft darf hier wiederum Frankreich gelten, dessen Monarchen sich über die Territorialfürsten stellen und vom XV. bis zum XVIII. Jahrhundert ihre Macht zusehends zentralisieren. Regime können sich ändern, doch der traditionelle Zentralismus der französischen Republik dürfte eine Konsequenz dieser historischen Tendenz sein.

Ganz anders Deutschland, das bis zur Gründung des zweiten deutschen Kaiserreichs als ein unüberschaubares Gebilde von Kleinstaaten der Rivalität Preußens und Österreich-Ungarns unterworfen war. Kriege spielten sich bis 1870 nicht an den deutschen Grenzen ab, sondern auf deutschem Boden selbst. Furchtbarstes Ereignis war in diesem Zusammenhang der Dreißigjährige Krieg. Von ca. 18 Mio Menschen, die seinerzeit im Reich lebten, verloren ein Drittel ihr Leben. Historische Gründe für militärische Konflikte sind demnach nicht die bloße Existenz von Nationalstaaten.

Vielmehr ist anzunehmen, dass die Ungleichzeitigkeit der Verhältnisse, die Verschiedenheit staatlicher Organisationsformen Kriege in Europa erst ermöglichten. Ähnlich waren die historischen Ausgangsbedingungen in Italien, das zum Leidwesen Machiavellis unausgesetzt Spielball größerer Mächte wurde, so etwa zwischen dem französischen König François I. und dem spanischen Carlos I., seines Zeichens auch Kaiser Karl V. des Heiligen Römischen Deutscher Nation.

3. George Orwells ‚1984‘ als literarische Warnung vor großen staatlichen Gebilden

Natürlich bestand das Problem nicht allein in der unterschiedlichen Größe der europäischen Staaten, sondern in der Tendenz großer Territorien, sich kleinere einfach einzuverleiben, eine Tendenz, mit der es die europäische Politik noch immer zu tun hat. Damit kommen wir aber einem Problem näher, das ebenfalls hinreichend Gestalt im Roman ‚1984‘ findet.

Seit dieser Zeit nämlich war der Krieg buchstäblich ein Dauerzustand geworden, wenn es sich auch genaugenommen nicht immer um den gleichen Krieg handelte. Mehrere Monate während seiner Kindheit hatten in London selbst wirre Straßenkämpfe getobt, an einige davon erinnerte er sich noch lebhaft. Aber die geschichtliche Entwicklung genau zu verfolgen und zu sagen, wer jemals wen bekämpfte, wäre vollständig unmöglich gewesen, denn keine schriftliche Aufzeichnung oder mündliche Überlieferung erwähnte je eine andere Konstellation als die gegenwärtig gültige. So war zum Beispiel in diesem Augenblick, um das Jahr 1984 (man schrieb tatsächlich das Jahr 1984), Ozeanien mit Eurasien im Kriegszustand und mit Ostasien verbündet. In keiner öffentlichen oder privaten Verlautbarung wurde je zugegeben, daß die drei Mächte jemals anders gruppiert gewesen seien. In Wirklichkeit war es, wie Winston sehr wohl wußte, erst vier Jahre her, daß Ozeanien Ostasien bekriegt und mit Eurasien ein Bündnis gehabt hatte. Aber das war nur ein kleiner Schimmer historischen Wissens, den er auch nur besaß, weil seine Erinnerung noch nicht hinreichend kontrollierbar war. Offiziell hatte nie eine Veränderung in der Kombination der Partner stattgefunden. Ozeanien führte mit Eurasien Krieg: also hatte Ozeanien immer mit Eurasien Krieg geführt. Der augenblickliche Feind stellte immer das Böse an sich dar, und daraus folgte, daß jede vergangene oder zukünftige Verbindung mit ihm undenkbar war.

Die Auflösung kleinerer Staaten in große Imperien ist an sich noch keine Friedenslösung, selbst wenn sie sich mit weniger autokratischen Mitteln vollzieht als unter der Diktatur des ‚Großen Bruders‘. Die Europäische Union versteht sich selbst als Friedensprojekt, aber zugleich auch als notwendige Konsequenz einer Globalisierung, in der sich eine multipolare Welt abzeichnet. Deren Akteure sind Staaten wie Indien, China, Russland, Brasilien und die USA, die selbst von so außerordentlichen Dimension sind, dass sie sich nicht einem wie immer gearteten Verbund anschließen können. So ist es bezeichnend, dass sich der Verband südostasiatischer Nationen ASEAN gegen die aufkommende Hegemonialmacht VR China gegründet hat. Und ähnlich verhält es sich in dieser Beziehung mit der Europäischen Union, deren osteuropäische Mitgliedsstaaten vor allem Schutz vor der hegemonialen Großmacht Russland suchen.

4. Große Schwellenländer als potenzielle Gefahren für kleinere Staaten

Desto unmäßiger sich staatliche Gebilde in Raum, in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht ausdehnen, desto größer scheinen die Fliehkräfte zu werden, die sich ihnen zu entziehen suchen. In den genannten Ländern wird zwangsläufig ein Widerspruch zwischen politischem Zentrum und einer Peripherie entstehen, die sich nicht als Teil einer Gesamtstruktur versteht, sondern regionale, ethnische und soziale Besonderheiten ihrer jeweiligen Region geltend machen wird. Gerade die Vereinigten Staaten von Amerika machen hier die Probe aufs Exempel, wenn von den regionalen und politischen Rändern aus gegen das ‚liberale‘ Establishment in Washington zu Felde gezogen wird.

Aber auch Länder wie China, Indien. Brasilien oder Russland haben ihr jeweiliges ‚Kaschmirproblem‘, ihre regionalen und religiösen Minderheiten, ihre Ureinwohner, die offensichtlich nicht in das Bild der entsprechenden Zentralmacht passen. Bei allen Unterschieden müssten an anderer Stelle einmal die Gemeinsamkeiten untersucht werden, die sich hier auftun. In diesen Ländern werden die demokratischen Institutionen untergraben (USA, Brasilien, Indien) oder die Entwicklung einer demokratischen Zivilgesellschaft mit aller Gewalt verhindert (Russland, VR China). Demokratie erfordert Transparenz und überschaubare Prozesse der Meinungsbildung.

Die schiere Größe und Weite dieser Länder legt es nahe, dass sich ein Machtzentrum bilden muss, das mit Parteien, Behörden, Geheimdiensten und militärischen Komplexen wie ein Staat im Staate wirkt. Zentralisierung bedeutet aber Verlust an Mitsprache der Bürger, ihrer regionalen, sprachlichen und politischen Vielfalt. Heute wiederholen sich Formationsprozesse, die wir sie in kleineren Dimensionen bereits aus der Geschichte der Nationalstaaten kennen.

5. Zurück zu Orwell

Was bereits weltweit nach dem Ende der bipolaren Blockbildung in Politologie und Kulturwissenschaft wieder entdeckt wurde, ist die Politik des Raums, wie ich sie 2002 selbst in einem Beitrag über die Mehrsprachigkeit behandelt habe. Es entbehrt daher nicht einer gewissen Ironie, dass die neue Präsidentin der Europäischen Union gerade die besondere geopolitische Kompetenz der Kommission (a truly geopolitical commission) hervorhebt. Jenes Europa, das sich anmaßt, den Schlusschor der Neunten Symphonie Ludwig van Beethovens zu seiner Hymne zu machen („Alle Menschen werden Brüder“), will mitspielen im Konzert der Großmächte, ohne sich zu fragen, ob es nicht fragwürdig ist, an einem derart schlechten Musikstück überhaupt mitzuwirken. Indem sich die Machtblöcke bei Orwell so sehr in Rivalität begegnen, ähneln sie sich gerade deshalb auf so erschreckende Weise. Ihre Gemeinsamkeit besteht gerade in ihrer übermäßigen Ausdehnung, die aggressives Verhalten nach außen und gegen die eigenen Bürger bedingt. Im Innern macht sich ein dosierter, wenn nicht sehr kontrollierter Austausch von Informationen in gelenkten Medien bemerkbar. ‚Alternative‘ Fakten, fake news werden verbreitet, die die historische Wirklichkeit in eine von den Institutionen gewünschte Logik bringen, wie wir es auch aus dem Reich des Großen Bruders kennen.

Und wenn alle anderen die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit. »Wer die Vergangenheit beherrscht«, lautete die Parteiparole, »beherrscht die Zukunft; wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit.« Und doch hatte sich die Vergangenheit, so wandelbar sie von Natur aus sein mochte, nie gewandelt. Das gegenwärtig Wahre blieb wahr bis in alle Ewigkeit.

Erinnern wir uns es uns weiter, dass im Zuge dieser Geschichtsklitterung auch eine Umwertung der Werte betrieben wird. Nach der gängigen Sprachregelung bedeuten Frieden Krieg, Freiheit Sklaverei und Unwissenheit Stärke. Politische Macht aber verkörpert sich in der Gestalt des Großen Bruders, die omnipräsent ist und absolute Wahrheit für sich in Anspruch nimmt. Und an dieser Stelle verlassen wir die Fiktion, um uns erneut der politischen Realität zuzuwenden: der charismatische Führer, der in Wahlkämpfen die Massen fasziniert, aufhetzt und dabei einen gemeinsamen Feind heraufbeschwört. Auf diese Weise wird das Zerrissene wieder zu einem Ganzen zusammengefügt, auch wenn diesem Umstand Minderheiten jeder Art zum Opfer fallen.

Man könnte nun einwenden, dass es sich bei den genannten Staaten in den meisten Fällen um Föderationen handelt (Ausnahme: VR China), deren Republiken über eine große oder weitgehende Autonomie verfügen. Insoweit bestände zwischen dem Ganzen und den Teilen doch ein gewisser Ausgleich, der eine mehr oder minder angemessene Verteilung von Macht und damit auch deren Kontrolle implizierte.

Beim genauen Hinsehen erweist sich doch, dass eine solche Balance in Indien, Brasilien oder gar in Russland nicht besteht, wobei diese Frage innerhalb des EU-Bereichs bisher nicht völlig geklärt ist. Die EU-Institutionen, aber auch populistische Bewegungen in einigen Mitgliedsländern sind hier sehr bemüht, einen schroffen Gegensatz zwischen dem Ganzen und den Teilen entstehen zu lassen. Aus Brüssel hört man allenthalben, dass Nationalstaaten ohnehin die Quelle allen europäischen Unglücks seien (wobei in dem Vertrag von Lissabon der Begriff ‚Nation‘ nicht ein einziges Mal auftaucht), während die äußerste politische Rechte diese in deren Zugehörigkeit zur Union selbst verortet.

6. Das große malentendu bei dem Begriff der Nation

Dabei tritt historische Ignoranz auf beiden Seiten offen zutage, so dass wir den Begriff an dieser Stelle in aller Kürze klären müssten. Man hat das 19. Jahrhundert vielfach als ‚Zeitalter der Nationalstaaten‘ bezeichnet, dabei aber verkannt, dass die Projektionsebene nicht nur die Nation, sondern auch immer die Menschheit war.

Unter dem Eindruck der Revolutionen, die seit 1750 die alte Ordnung in Europa und Amerika erschütterten, entwickelte sich in der idealistischen Philosophie die Überzeugung, dass die historische Zeit rasch vorangeht und sich damit auch die Nationen als temporäres Stadium der Geschichte selbst erledigten. So vertrat etwa Goethe die Ansicht, dass Nationalliteraturen nicht viel besagten, weil die Epoche der Weltliteratur an der Tagesordnung sei. Unter den liberalen Geistern herrschte vielfach die Vorstellung, dass die Nationen eine Art Transitionsrahmen darstellten, in dem die Menschheit allmählich zu sich selber finden könne. Nach Auffassung Hegels ist die Geschichte von einem unwiderstehlichen Prozess bestimmt, in der die Vernunft zu einer zweiten Natur des Menschen wird. Mit dieser emanzipiert er sich von seiner barbarischen Seite und kehrt dieser, anthropologisch gesehen, den Rücken. Die Überwindung von Zwängen, wie sie den Menschen aufgrund von Familien-, Standes- und Stammeszugehörigkeit auferlegt sind und seinen Willen bestimmen, liegt bereits in der Logik des kategorischen Imperativs. Denn dieser ruft jedes Individuum dazu auf, unabhängig von seiner Herkunft und Religion, zum universellen Beispiel für seine Mitmenschen zu werden.

Die verhängnisvolle Entwicklung, die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das für das an sich linke und progressive Nationalprinzip zu einer schweren Belastung geworden ist, hat zwar nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gerade die Rückkehr zur Hegelschen Geschichtsphilosophie begünstigt, wohl aber das Misstrauen in geltende politische Religionen. Besonders in Deutschland hat der Nazismus nicht nur die politischen Grundlagen der Nation erschüttert, sondern bis in die sinnlichsten Bereiche hinein eine ruinöse Abbrucharbeit geleistet. Im Grunde hat er die Nation unter dem Einfluss eines wissenschaftlich verbrämten Rassismus (aus dem Westens übrigens, Houston Stuart Chamberlain, Artur de Gobineau) zu einem vulgären und barbarischen Stammesprinzip, zu einem bloßen Abstammungsprinzip, degradiert, was sie freilich in keiner Weise ist. So war Deutschland schon immer ein ‚Kelter‘ der Nationen, ein wichtiges Bindeglied zwischen dem Osten und dem Westen des Kontinents.

Dieses Missverständnis verkennt nämlich, dass die modernen bürgerlichen Nationen im Gegenteil auf einem Plebiszit beruhen, wie dies Ernest Renan in seinem berühmten Beitrag zu diesem Thema ausführte. Im Idealfall ist die Nation eine Komposition des Heterogenen, des Diversen und der heute so vielzitierten Mannigfaltigkeit. Der Nazismus war nicht nur ein Menschheitsverbrechen, sondern auch ein fürchterlicher Irrtum, ein Schwindel, wie er nicht treffender in Michel Tourniers ‚Roi des aulnes‘ (Erlkönig) anhand perverser Bilder des Ambivalenten illustriert wurde.

Nicht zuletzt in Deutschland haben diese historischen Gegebenheiten, vornehmlich in der liberalen, konservativen und linken Mitte neue Projektionen produziert, die sich allmächtig auf den Fluchtpunkt Europa richten. So nimmt die Europäische Union geradezu metaphysische Dimensionen an, die bei uns als Überwindung des Nationalprinzips erachtet werden, wohl wissend, dass sich dessen Geltung bis an die Grenzen Europas ausdehnt und damit in der Tat noch absoluter und totalitärer zu werden verspricht.

Nationen sind, wie ich es in einem jüngeren Beitrag zum Ausgangspunkt nahm, bewegliche Formen des Denkens, wie Schiffe, die am Horizont auftauchen, untergehen oder gar in der Versenkung verschwinden können. Sie stehen und fallen mit einem öffentlichen Diskurs, einer kollektiven Erzählung und Erinnerung, um es nochmals zu wiederholen, der von einer Polis getragen und zur Grundlage einer Gemeinschaft wird. So ist die Nation im Zuge des Kolonialismus zwar zu einem universalen Prinzip geworden. Es existiert aber keine Menschheitsnation, was sicherlich auf dem ersten Blick unsere Sympathien auf sich ziehen müsste, bei genauem Hinsehen aber wohl eine fürchterliche Perspektive wäre, wenn wir Hannah Arendt in ihrer Schrift ‚Macht und Gewalt‘ folgen. Das Imperium vom Schlage eines ’star wars‘-Kosmos rückt unwillkürlich in unsere kollektive Erinnerung.

Auch Regionen eignen sich keineswegs in Hinblick auf politische Religionen als neutrale Fluchtpunkte und bloße Folklore. Wie in den 1990er Jahren Jugoslawien, so droht demnächst Spanien und Großbritannien vielleicht die Auflösung ihrer nationalen Einheit. Wenn sich Regionen zu einer Nation zusammenschließen können (z. B. Belgien, Deutschland, Italien im 19. Jahrhundert), dann vermögen es diese wiederum auch sich zu autonomisieren und abzuspalten, was aus unserer Sicht vielleicht ein beklagenswerter historischer Irrtum wäre.

Doch nicht uns obliegt diese Entscheidung, sondern jenen Menschen, die Teil der betreffenden Polis sind. Wie ich mich entsinne, hat sich nach dem Zusammenbruch des Ostblocks gerade die Regierung der Bundesrepublik Deutschland auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker berufen, als es um die staatliche Form ging, in der die Deutschen in Zukunft zusammenleben wollen. Die Menschen sind auch heute, die das Recht haben, ihre Stimme bezüglich der Europäischen Union zu erheben und zu entscheiden, welche Perspektiven ihnen für den Kontinent, für ihr Land, ihre Region am sinnvollsten erschienen mögen. Gerade darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, schon gar nicht von Seiten einer Kommission, deren Präsidenten von Auserwählten ausgesucht und bestimmt werden.

7. Die Perspektive der Vereinten Regionen und Nationen Europas

Damit Europa kein bloßer Joker in einer krummen Machtpolitik wird, bedarf es dieser Mitsprache aller Menschen. Die Perspektive einer europäischen Einigung ist vom Grundsatz her völlig richtig, aber nur dann, wenn das Prinzip der Subsidiarität tatsächlich umgesetzt wird, d. h. wenn eine Föderation vereinter europäischer Regionen und Nationen mit gleichen Rechten und Pflichten entsteht. Aus dieser auszutreten, sollte dann ebenso wenig als Majestätsbeleidigung gelten, sondern eine Analogie zum freien Assoziations- und Koalitionsprinzip bilden, das es Bürgern erlaubt, Vereinen, Parteien und religiösen Gemeinschaften beizutreten, diese aber auch nach ihrem Willen wieder zu verlassen.

Föderale Strukturen, wie sie bereits in einigen Mitgliedsländern der EU bestehen, könnten ein gutes Beispiel sein, um staatlichen Zentralismus zu vermeiden. Denn ebendiesen kennen wir aus der deutschen Geschichte auch als verhängnisvoll und demokratiefeindlich. Im Ganzen müssen wir Europa wie einen Legobaukasten begreifen, in dem sich Teile zusammensetzen, aber auch wieder vereinzeln können. Nur indem wir die Regionen Europas in ihren geschichtlichen Kontexten, ihren wechselseitigen Abhängigkeiten, ihren Beziehungen zu anderen Kontinenten anerkennen, werden diese auch in der Lage sein, den jeweiligen Zusammenschluss zu suchen, die den Teilen aufgrund ihrer Tradition, ihrer revolutionären Erfahrungen, aber auch historischen Belastungen angemessen ist.

Friedrich Schillers Wort „Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden, wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf“ trifft heute unter anderen historischen Umständen auf Europa zu. Damit es zu einer poltischen Gemeinschaft wird, muss es von unten aus den Städten, Regionen und Nationen wachsen und durch diese starke Wurzeln schlagen. Nur wenn die Fliehkräfte der EU in föderative oder konföderative Partizipationsstrukturen umgeleitet werden, wird es auf Dauer möglich sein, sezessionistischen und nationalistischen Kräften Energien zu entziehen. Europa hat mehr verdient als eine Behörde in Brüssel. Es braucht mehrere Optionen, nicht nur die EU.

Der Beitrag wird ggfs. noch erweitert.

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08-2019 Die Dichterin (Gertrud Kolmar, 1894-1943)

Du hältst mich in den Händen ganz und gar.

Mein Herz wie eines kleinen Vogels schlägt
In deiner Faust.Der du dies liest, gib acht;
Denn sieh, du blätterst einen Menschen um.
Doch ist es dir aus Pappe nur gemacht,

Aus Druckpapier und Leim, so bleibt es stumm
Und trifft dich nicht mit seinem großen Blick,
Der aus den schwarzen Zeichen suchend schaut,
Und ist ein Ding und hat ein Dinggeschick.

Und ward verschleiert doch gleich einer Braut,
Und ward geschmückt, daß du es lieben magst,
Und bittet schüchtern, daß du deinen Sinn
Aus Gleichmut und Gewöhnung einmal jagst,

Und bebt und weiß und flüstert vor sich hin:
„Dies wird nicht sein.“ Und nickt dir lächelnd zu.
Wer sollte hoffen, wenn nicht eine Frau?
Ihr ganzes Treiben ist ein einzig: „Du…“

Mit schwarzen Blumen, mit gemalter Brau,
Mit Silberketten, Seiden, blaubestemt.
Sie wußte manches Schönere als Kind
Und hat das schönre andre Wort verlernt. – [….]

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07-2019 Heimat, meine Trauer / Deutschland, meine Trauer(Text: Johannes R. Becher Musik: Hanns Eisler)

Zitiert nach Ernst Busch: Neue deutsche Volkslieder. Hanns Eisler / Johannes R. Becher. Aurora 5 80 003. Hrsg. 1963; Nachaufl. 1968, 1972.

Hanns Stein sings Hanns Eisler (lyrics: Brecht). Das deutsche Miserere – 1971 Link zur Vertonung

Heimat, meine Trauer,
Land im Dämmerschein,
Himmel, du mein blauer,
Du mein Fröhlichsein.

Einmal wird es heißen:
Als ich war verbannt;
Hab ich, dich zu preisen,
Dir ein Lied gesandt.

War, um dich zu einen,
Dir ein Lied geweiht,
Und mit Dir zu weinen
In der Dunkelheit …

Himmel schien, ein blauer,
Friede kehrte ein –
Deutschland, meine Trauer,
Du, mein Fröhlichsein.

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06-2019 Eine Welt ohne Hitler (Gioconda Belli)

Wie wäre es gewesen

– ohne Hitler –

dieses Deutschland, auf das ich nun blicke?

Der Speisesaal des Hotels

streng modern

mit schmuckloser Holzvertäfelung

trist, steril

erzählt mir von den Bombenangriffen.

Hätte Hitler nicht existiert

frühstückte ich heute Morgen in Göttingen

in dem tadellos erhaltenen Salon

eines barocken Gebäudes

voller Geschichte.

Achtzig Prozent der Stadt

wurde von den Bomben der Alliierten zerstört.

Wie viel ging in diesem Land verloren?

Welche Lieder, welch Lebenslust verschlang die Schuld?

Wie hätten diese Männer und Frauen mit ihren schönen

Gesichtern

– Erben von Goethe und Schiller –

ohne den Ruß und den Rauch jener makabren Schornsteine sein

können?

Welch neuer Beethoven, Bach

hätte die Welt der Musik wohl erfüllt

wäre der Geist so vieler Symphonien

nicht zerschlagen worden?

Und was sagen von den sechs Millionen Ausgelöschten?

Von den Juden, Kommunisten oder Zigeunern?

Von denen, die ohne Nachkommenschaft starben?

Welche Erleuchtungen, welche Erkenntnisse, welche Reichtümer

hätten ihr Leben bedeutet

in dem, was die Menschheit angesammelt

in der von allen geschmiedeten Hinterlassenschaft?

Welche Männer, welche Frauen haben wir verloren?

In welchen Städten würden sie heut wohnen?

Welche Kinder hätten sie?

Welche Lieben kamen nie zustande?

Welche von ihnen wären heute unsere Freunde?

Wer erklärt es uns?

Wer gibt uns das zerrissene Lied zurück

in solch unergründlicher Stille?

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05-2019 Strophen. (Michail Lermontov, Üb. Rainer Maria Rilke)

Einsam tret ich auf den Weg, den leeren,

Der durch Nebel leise schimmernd bricht;

Seh die Leere still mit Gott verkehren

Und wie jeder Stern mit Sternen spricht.

Feierliches Wunder: hingeruhte

Erde in der Himmel Herrlichkeit…

Ach, warum ist mir so schwer zumute?

Was erwart ich denn? Was tut mir leid?

Nichts hab ich vom Leben zu verlangen

Und Vergangenes bereu ich nicht:

Freiheit soll und Friede mich umfangen

Im Vergessen, das der Schlaf verspricht.

Aber nicht der kalte Schlaf im Grabe.

Schlafen möcht ich so jahrhundertlang,

Dass ich alle Kräfte in mir habe

Und in ruhiger Brust des Atems Gang.

Dass mir Tag und Nacht die süße, kühne

Stimme sänge, die aus Liebe steigt,

Und ich wüsste, wie die immergrüne

Eiche flüstert, düster hergeneigt.

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04-2019: État d’esprit ‘19 – Betrachtungen eines politischen Menschen zur Situation unserer Zeit

1. Grenzen der Zeit

Es wird immer wieder gesagt, dass wir in einer von Krisen und Kriegen geschüttelten Zeit leben. Häufig ist noch zu hören, dass ausgerechnet jetzt die Weichen für die Zukunft gestellt werden, vielleicht könnte man hinzufügen, dass unsere Gegenwart noch lange in der Zukunft fortwirken wird, wie ein leuchtender Stern, der als Planet längst verglommen ist. Ich habe es aber immer für problematisch gehalten, einer womöglich unabgeschlossenen Epoche eine dominante Signatur zuzuschreiben und diese dann auch noch in einen wohlklingenden Namen zu kleiden. Erst recht gilt dies wohl für eine Zeit, die die unsrige ist. Denn wann endet sie? Ginge sie mit unserem Tod zu Ende, so könnten die Nachgeborenen den Anfang einer neuen Zeit wohl kaum noch ansetzen, weil letztlich mit dem Ableben eines Menschen immer auch eine komplette Welt untergeht.

Doch ohne Frage gibt es Epochenbrüche, die so offensichtlich sind wie jener, der sich mit der Kanonade von Valmy am 20. September 1794 geräuschvoll vom alten Europa verabschiedete. Der Geheime Rat Goethe, der bei der Schlacht zwischen dem revolutionären Frankreich und Preußen als Begleiter seines Herzogs zugegen war, belegte dies mit dem einprägsamen Satz, dass von hier und heute eine neue Epoche der Weltgeschichte ausgehe, und die Augenzeugen sagen könnten, sie seien dabei gewesen. Auch der Sturm auf Winterpalais im Oktober 1917 oder der Fall der Berliner Mauer im November 1989 markierten ähnliche Brüche, und das Leben der meisten Menschen ging weiter. Es war vorher gestorben worden, derweil neue Erdenbürger das Licht der Welt erblickten. Und das Leben anderer sollte mit dem Finale des Kalten Krieges zu seinem Ende kommen, während es auch anderen Menschen gegeben wurde weiterzuleben, obschon es ihnen womöglich immer noch schwerfallen sollte, sich Berlin, Deutschland und Europa nun ungeteilt vorstellen zu können.

 

2. Zur Bedeutung individueller Lebensgestaltung

2.1 Der Individualismus als Lebensgefühl unserer Zeit

Zu den Signaturen, die unsere Zeit bestimmen, gehört aus meiner Sicht ein individualistisches Lebensgefühl, das keineswegs neuartig ist und deshalb umso mehr als besonderes Kennzeichen gerade unserer Gegenwart umstritten sein dürfte. Doch ein Vergleich mit den späten 1960er und 1970er Jahren macht sogleich klar, dass der Individualismus seinerzeit zumeist anders in der öffentlichen Meinung empfunden wurde als dies heute der Fall ist. Sicherlich fühlten sich konservative Geister schon immer von den Grenzüberschreitungen ihrer Mitmenschen gestört. Der aufkommende Feminismus, die gerade entstehende Schwulenbewegung, vor allem die Widersetzlichkeit und Aufsässigkeit junger Leute, die in Wohngemeinschaften zusammenlebten und sich gar noch revolutionär gebärdeten, wurden vielfach als Provokation empfunden und nicht zuletzt auch einem anarchischen individualistischen Treiben zugeschrieben. Und dennoch galt Individualismus, von linksradikaler Phraseologie oder reaktionärer Gebärde abgesehen, zumeist als etwas Emanzipatorisches und daher auch als gesellschaftliche Notwendigkeit. Die westlichen Gesellschaften begannen sich so rasch zu ändern, weil sich viele Menschen in Familie, Freundeskreisen, aber auch in staatlichen und wirtschaftlichen Zusammenhängen aus einer ihnen spürbar gewordenen Lebensenge befreiten. Die christlichen Kirchen taten sich freilich schwer damit, weil sie im Prinzip einer Gemeinde dachten, in dem sich der einzelne nach einer Hirtenmoral unterzuordnen und anzupassen hatten.

Noch in dieser Zeit begannen sich aber Intellektuelle wie Pier Paolo Pasolini (Freibeuterschriften. Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft. Berlin: Wagenbach, 1981) zu fragen, ob lange Haare noch ein Zeichen von Emanzipation oder nicht doch eher ein modischer Trend seien, dem jedermann stehe. Er entdeckte das Universum des bäuerlichen Lebens und damit jene Solidarität, die dem Trotz gegen eine widrige Natur und eine nicht minder feindliche Regierung entsprang. Der Individualismus wurde aus seiner Sicht zu einer modischen Zeiterscheinung, der man sich zu beugen hatte, wollte man nicht als unmodern oder reaktionär gelten. Und gerade heute gewinnt sein Urteil an Aktualität.

2.2 Ein zunehmend toxischer Individualismus

Denn jener Individualismus, mit dem wir auf Schritt und Tritt Bekanntschaft machen müssen, hat mitunter grausame und hedonistischen Züge erhalten, voll von Selbstbezug und masslosem Egoismus. In unerträglichen, ideologisch überfrachteten Diskussionen schleicht sich immer wieder jene sprichwörtliche Unduldsamkeit ein, die ausschliesslich die eigene Sprache versteht, um die der anderen mehr bewusst als unbewusst misszuverstehen. Ob im Strassenverkehr, wo neue elektrische Roller, gerade hier in Berlin-Mitte, Bürgersteige bevölkern und dabei Passanten geflissentlich übersehen, ob am Arbeitsplatz oder in schulischen Einrichtungen, wo Mobbing inzwischen zum Alltag gehört, überall geht es darum, dem anderen sein Gesicht als ein möglichst hasserfülltes und womöglich gewalttätiges zu zeigen, so als könne die eigene Individualität nur dann ihre Wirkung hinterlassen, wenn sie als ausschließlich aggressiver Gestus wahrgenommen wird.

In der Politik sind nicht nur die sogenannten Volksparteien in eine Krise getreten; auch ein System des Ausgleichs und des Kompromisses droht uns abhanden zu kommen und der Unnachgiebigkeit neuer Akteure Platz zu machen. Dieses Land der Mitte war, historisch gesehen, schon immer ein fruchtbarer Boden für diese polemische Saat und könnte es im Namen von Prinzipienreiterei und Unduldsamkeit erneut werden. Und sicher ist diese verhängnisvolle Entwicklung, wie wir sie mit der Präsidentschaft Donald Trumps heraufziehen sahen (vgl. 2018-03), auch jenem unterschiedslosen Geplapper liberaler Eliten und Amtsträger zuzuschreiben, die ihren Diskurs einzig und allein nach den Opportunitäten des Alltags ausrichteten und dabei die vom Niedergang bedrohten Mittelschichten vernachlässigten.

3. Die bürgerlichen Mittelklassen als Träger des Individualismus

3.1 Die Zerstörung und Selbstzerstörung der bürgerlichen Mittelklassen

Es wäre trivial, diese Zeit wiederum in die Nähe der frühen 1930er Jahre zu rücken. Aber in einem Punkt erscheint dies zumindest angemessen. Wie vor den Hitlerjahren handelt es sich heute wiederum um eine bürgerliche Mittelklasse, die mit wachsenden Sorgen in einen wirtschaftlichen Abgrund blickt. Denn gerade sie ist es heute wie damals, die ihre angeblich so ehernen Prinzipien zugunsten kurzfristiger Vorteile in die Gosse wirft, indem sie diese aber fortwährend als blosse Formeln an ihre Kinder und Kindeskinder weitergibt. In seiner Autobiografie Ich nicht. Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend. (Hamburg: Rowohlt 2006, S. 343-344) beschreibt Joachim Fest diese Zeit so:

Zu viele gesellschaftlichen Mächte hatten an der Zerstörung dieser [bürgerlichen] Welt mitgewirkt, die politische Rechte ebenso wie die Linke, die Kunst, die Literatur, die Jugendbewegung und andere. Hitler hat im Grunde nur weggeräumt, was an Resten noch herumgestanden hatte. Er war ein Revolutionär. Aber indem er sich ein bürgerliches Aussehen zu geben verstand, hat er die hohlen Fassaden des Bürgertums mit Hilfe der Bürger selbst zugrunde gerichtet: Das Verlangen, ihm ein Ende zu machen, war übermächtig. […] Im Innern war diese Schicht lange morsch; insofern bin ich nach den Grundsätzen einer abgelebten Ordnung erzogen worden. Sie hat mir ihre Regeln und ihre Traditionen bis hin zu ihrem Gedichtekanon vermacht. Das hat mich etwas von der Zeit entfernt; zugleich hat diese Ordnung mir ein Stück festen Grundes verschafft, der mir in den folgenden Jahren manchen Halt vermittelte.

Unwiderruflich vorbei ist zwar die Hitlerei, nicht jedoch, was in den 1920er und 1930er Jahren zu ihr führte, aber sicherlich heute eine andere Barbarei hervorbringen mag, die mit der Zeit auch eine weitaus internationale Dimension annehmen wird. Das Problem, mit dem wir damals wie heute konfrontiert sind, besteht im ambivalenten Status der bürgerlichen Mittelklassen. Diese sind seit ihrer Entstehung stets von hybrider Natur, d. h. sie rekrutierten sich bereits im 19. Jahrhundert, im Zeitalter des Bürgers, aus verschiedenen Schichten, aus Adel und Bauerntum, um dann in den Städten zu einer eigenen, aber auf sozialer Ebene immer durchlässigen Kategorie zu werden. Die Comédie Humaine Honoré de Balzacs, aber auch der englische Gesellschaftsroman bieten hinreichende Belege für diese Annahme.

3.2 Das Bürgertum als hybride Klasse

Heute gilt dies auch für Einwanderer aus entfernten Regionen der Welt, denen die deutsche Sprache und Kultur bis dato noch unbekannt ist. Ihren besten Zugang zu unserer Gesellschaft finden sie über die Mittelschichten, zumal wenn sie selbst als Händler, Intellektuelle, Lehrer und Träger freier Berufe (Ärzte, Rechtsanwälte) die Mitte der Gesellschaft erreichen. Denn bürgerlich zu sein, bedeutet auch, sich im eigenen Selbstverständnis und im sozialen Leben als Individuum zu inszenieren. Zugleich haben die Mittelschichten aber auch jene von Joachim Fest beschriebenen Traditionen entwickelt, die zumindest im nördlichen Deutschland aus preussisch-protestantischen Beständen herrühren und zuweilen auch gern im Gleichschritt marschierten.

In diesem Sinn war das Bürgertum, vor allem in seinen freien Berufen, in seinen Akademikern, in seinem Werte- und Gedichtekanon sowie seinen Bildungsinstitutionen auch eine Art Korporation. Diese kollektive Zuschreibung rivalisierte demnach mit einer individualistischen Lebenshaltung, die im Zuge von Moderne und Postmoderne zusehends an Boden gewann. Denn jener Prozess, den Marx bereits auf dem Höhepunkt der bürgerlichen Revolution erkannt haben will („Die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres Heiligenscheins entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.“), nimmt in unserer Zeit weiter Fahrt auf.

Paradoxerweise sind es in den 1960er und 1970er Jahren gerade jene Akteure fūr die weitere Selbstauflösung des Bürgertums in ihrer korporativen Erscheinung zuständig, die selbst bürgerlicher Herkunft sind. Und noch paradoxer will es erscheinen, dass sich dieser Prozess just in jenen linken Gruppen reproduziert, die selbst zumeist aus dem Bürgertum stammen. Den zunächst emanzipatorischen Anliegen, die seinerzeit zahlreiche Studenten zum Protest gegen ein autoritäres und scheinheiliges Bürgertum auf die Strasse brachten, folgte ein merkwürdiger weitaus autoritärerer Karneval. In diesem Sinne ersetzten sie den Bürger- durch den Proletenkult, um sich aus Scham vor der eigenen Herkunft zu einem neuen Kollektiv zu bekennen, einer revolutionären Arbeiterklasse. Stalin, allen voran Mao Zedong galten ihnen als weit weniger autoritär als Adenauer, stiegen diese in ihren Augen doch zu Ikonen gesellschaftlicher und kultureller Befreiung auf. Dass Derartiges geschehen konnte, hatte mit dem moralischen Verfall der Väter- und Großvätergeneration zu tun, die sich weidlich über die Gewalttaten ihrer Söhne und Töchter echauffierten, aber ihre eigenen Gewalttaten verschwiegen und dabei noch grausige Kriege wie jenen in Vietnam zum Schutz der Freien Welt rechtfertigten.

4. Der Normalisierungszwang im Namen der Mittelklassen

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4.1. Emanzipation vs. Anpassung und Uniformität

Und damit schliesst sich der Kreis. Stehen die Mittelklassen einerseits für einen bürgerlichen Individualismus, der gerade vor dem Hintergrund einer allgegenwärtigen Weltmarktgesellschaft im Hedonismus der Warenwelt zur höchsten Entfaltung kommt, so kann der Rekurs auf kollektive Werte auch immer zum Kontrapunkt werden. Vor der NS-Herrschaft gab das Bürgertum mehrheitlich seine Wertvorstellungen auf, um sich in die vermeintliche Volksgemeinschaft einzureihen. Der klassische Wunsch, sich durch humanistische Bildung oder bestimmte Wertvorstellungen vom gemeinen Volk abzuheben, trat vor dem Wunsch nach persönlichem Wohlstand zurück. Insoweit stehen die späten 1960er und 1970er Jahren mit ihrem gesellschaftlich erstarkenden Individualismus in einem asymmetrischen Verhältnis zueinander zu jenem verordneten Nationalkollektiv in der Nazizeit. Doch der Wunsch des Bürgers nach wirtschaftlichem Aufschwung war am Anfang de 1930er Jahre nach einer gewaltigen Rezession ebenso spürbar wie im Zuge der Studentenbewegung, nachdem sich erste Risse im westdeutschen Wirtschaftswunderland gezeigt hatten.

Die wirtschaftlichen und politischen Konjunkturen können in den Mittelklassen, grob umrissen, zwei gegensätzliche Tendenzen befördern, ein Festhalten an der eigenen Autonomie gegenüber anderen Klassen und Schichten der Bevölkerung einerseits oder die Unterwerfung unter die bloßen Verhältnisse des Weltmarktes, aber auch unter einen charismatischen Führer, in dessen Hände man die Geschicke der Nation gibt. Gibt das Bürgertum seine eigenen Werte preis unter dem Vorwand, nur unter diesen Bedingungen seien diese zu verteidigen, kann eine demokratische Ordnung in Gefahr geraten, können autoritäre Zustände mit autokratischen Folgen entstehen. Es ist wie heute aber auch eine andere Option denkbar.

4.2. Transformationen der liberalen Gesellschaft

Die Selbstaufgabe der Mittelklassen kann im Ergebnis auch nach jenem Modell erfolgen, wie wir es im Zuge der 1968er beschrieben haben. Was zunächst mit einem emanzipatorischem Erwachen wie ein frischer Frühlingswind eine in überlebten Werten befangene Gesellschaft durchschüttelte, ging in ihrer dominanten Variante in einen beispiellosen Hedonismus und narzisstischen Verirrungen über, was bis heute anhält. Dabei geht die Tendenz zur Befreiung glücklicherweise nicht ganz verloren.

Die Bewegung der Frauen und der Schwulen haben viel dazu beigetragen, ‚die alten Mumien vom Podest‘ zu reißen, auch wenn einem Teil des Feminismus recht reduktive Vorstellungen von Emanzipation innewohnen. Die Debatten über den sogenannten Gender Main Stream, die nicht zuletzt auch reaktionäre Geister auf den Plan rufen, zeigen, dass sich eine Kulturelite nur allzu gerne im Sprachlich-Symbolischen aufhält, ohne das häufig viel diffusere Reale überhaupt zu erfassen. Kaum noch wahrnehmbar ist indes dabei jene den emanzipatorischen Wandlungen der 1960er Jahre folgende linksradikale Variante, die ebenfalls dazu beitrug, noch verbliebenen bürgerlichen Konventionen den Kampf anzusagen. Auch sie implizierte letztendlich ein Abtreten der Mittelklassen, die sich drappiert mit den Symbolen der Befreiung auf einen permissiven Standort zurückzogen. Doch darin waren ihnen auch andere Klassen und Schichten gleich, die sich allesamt einem Normalisierungszwang unterwarfen. Lassen wir an dieser Stelle wiederum Pier Paolo Pasolini zu Wort kommen, der in seiner Kritik an der liberalen Gesellschaft Michel Foucault doch sehr nahe kommt.

Kein faschistischer Zentralismus“, meint Pasolini, „hat das geschafft, was der Zentralismus der Konsumgesellschaft geschafft hat. Der Faschismus propagierte ein reaktionäres und monumentales Modell, das sich jedoch real nie durchzusetzen vermochte. Die verschiedenen Sonderkulturen (die der Bauern, der Subproletarier, der Arbeiter) richteten sich vielmehr weiter unbeirrbar nach ihren überlieferten Modellen. Die Repression ging nur so weit, wie es zur Sicherung des verbalen Konsenses erforderlich war. Heute dagegen ist der vom Zentrum geforderte Konsens zu den herrschenden Modellen bedingungslos und total. Die alten kulturellen Modelle werden verleugnet. […]

Mit Hilfe des Fernsehens hat das Zentrum das Ganze Land, das historisch außerordentlich vielfältig und reich an originären Kulturen war, seinem Bilde angeglichen. Ein Prozess der Nivellierung hat begonnen, der alles Authentische und Besondere vernichtet. Das Zentrum erhob seine Modelle zu Normen der Industrialisierung, die sich nicht mehr damit zufrieden geben, dass der ‚Mensch konsumiert‘, sondern mit dem Anspruch auftreten, es dürfe keine andere Ideologie als die des Konsums geben.

4.3 Die in Unordnung geratenen Seinsweisen der Menschen

In dieser Zeit mit weltweit zunehmenden autokratischen Tendenzen stellt sich aus heutiger Sicht die Frage, ob diese nicht auf jenen toxischen Individualismus reagieren, mit dem sich ein notwendiges Gleichgewicht zwischen dem Selbstsein (dem Menschen in seinen Eigeninteressen und Befindlichkeiten), dem Mitsein (dem Menschen als gesellschaftliches Wesen) und dem Gegebensein (die Natur, Gott) verloren hat. Eingedenk der klimatischen Verwüstungen, die vielfach in der Öffentlichkeit wie eine Heimsuchung empfunden werden, erscheint Letzteres heute zwar in einem gänzlich anderen Licht. Die jungen Leute, die freitags aus Sorge um ihre Zukunft auf die Straße gehen, spüren selbst angesichts ihres eigenen Selfie-Individualismus, dass dieses Gefüge nicht in Ordnung ist. Denn wenn wir Pasolini richtig verstehen, dann kann die Selbstaufgabe der Mittelklassen auch darin bestehen, dass diese ihren Konsumismus, Hedonismus und ihren zur Schau getragenen Liberalismus auf den Ruinen ihrer einstigen Wertvorstellungen und Konventionen gesellschaftsfähig machen.

Das Paradoxe an dieser Entwicklung lässt sich nur schwer beschreiben. Sicherlich, es gibt die in sozialer Hinsicht Abgehängten, seien es Individuen, Städte, Regionen oder ganze Länder. Sie brauchen ihre Ohren nicht mehr vor den „Zukunfts-Sirenen des Marktes“ (Nietzsche) zu verstopfen, weil diese ohnehin schon lange keine Wirkumg mehr auf sie ausüben. Nicht nur sie wenden sich aber zu Recht oder zu Unrecht anderen Sirenen zu, die lautstark auf sich aufmerksam machen und ihre Zuhörer ins Verhängnis führen. Aber auch in der Mitte der Gesellschaft fühlen sich Menschen durch das rücksichtslose, zuweilen übergriffige Verhalten ihrer Mitmenschen belästigt oder gar bedroht, obwohl es doch sie selbst sind, die sich auf ähnliche Weise verhalten können. Auf allen Ebenen wird man gewahr, wie sehr sich die Relationen zwischen den Seinsformen verschoben haben. Der einstigen Einseitigkeit, jener alten Uniformität platter Gehorsamsregeln, ist eine nicht minder banale Monotonie unterschiedslosen Geplappers gewichen, von dem Neil Postman schon in den 1980er Jahren gesprochen hatte. Dabei ist unverkennbar, wie Foucault es einmal irgendwo formulierte, dass das Ungesagte weitaus mehr über den gesellschaftlichen Diskurs aussagt als das, was sich eigentlich in Wort, Bild und Ton darstellt.

Demokratie bedeutet aber, im Diskurs wieder richtig zu rücken, was eben durch diesen in Verhalten und Erziehung in Unordnung geraten ist. Es ist aber nicht sicher, ob diese Strategie noch verfangen kann. Zu sehr drückt nicht nur auf nationaler, sondern auch auf internationaler Ebene jene Versuchung des charismatischen oder wenigstens doch mächtigen Führers, der vermeintlich heilt, was in der sozialen Wirklichkeit zerbrochen wurde.

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5. Bilanz

Es bedeutet aber auch, dass geltende Koordinaten einer Überprüfung bedürfen. Was ‚rechts‘ und ‚links‘ ist, hat sich nicht nur an diskursiven Traditionen zu orientieren. Dass das eine bisher zumeist beschränkter Nationalismus und aggressiver Rassismus bedeutet, ist zwar heute immer noch richtig. Ebenso auch dass das andere sich mit Weltoffenheit und Toleranz verbindet. Und doch können wir diese sehr ins Allgemeine gehaltene Aussage nicht mehr ungeteilt übernehmen, zumal beide Traditionen von Verbrechen gezeichnet sind, die in ihrem Namen begangen wurden. Was ‚Faschismus‘ heißt, ist zwar nicht immer genau definiert, doch wenigstens in Bildern hinreichend bekannt. Was ‚Antifaschismus‘ besagt, hat noch diffusere Bilder hervorgebracht, die des Aufstands im jüdischen Ghetto, die der französischen Résistance, der Partisanen in den besetzten Gebieten, aber auch jener Terror, der im Namen der Befreiung gegen Antifaschisten, Juden und Christen, selbst gegen Kommunisten und parteilose Linke wüten sollte. An vermeintlich charismatischen Führern hat es auf beiden Seiten nicht gemangelt. Doch Lichtalben haben sich fast ausschließlich als Nachtgestalten zu erkennen gegeben. Die Traditionen sind verbaut, auch wenn ich mit den meisten Antifaschisten sympathisiere, die für eine gute Sache zu kämpfen glauben und es zumeist auch tun.

Was heute gerade im Zeichen des Weltmarktes so verheißungsvoll erscheint, kann nicht nur neue einseitige Abhängigkeiten wie im Kolonialzeitalter produzieren. Es kann auch im Inneren der Regionen und Nationen Stimmungs- und Bewusstseinslagen hervorbringen, die genau deren Selbstisolation oder gar Rassenhochmut bewirken. Zugleich ist aber auch denkbar, dass diese ihre Autonomie gegenüber dem Weltmarkt verteidigen, dass sie sich einem als falsch erkannten Weg verweigern, wie dies etwa beim Staat Kalifornien der Fall ist, der sich von der verhängnisvollen Klimapolitik der jetzigen US-amerikanischen Zentralregierung abgrenzt. Vor dem Hintergrund des Brexit rückt die so lang umkämpfte nationale Einheit Irlands ebenso in den Bereich des Möglichen wie die Unabhängigkeit Schottlands.

Nicht weniger stellt sich die Frage, was denn geschähe, wenn sich ein einstmals frei gewählter Präsident der Europäischen Kommission auf ähnlich politische Weise gebärdete wie die Herren Orban oder Salvini. Wir sprachen von Stimmungs- und Bewusstseinslagen. Warum sollte in der Europäischen Union nicht möglich sein, was im Superstaat USA längst Realität geworden ist, wo der Präsident Teile seines Volkes gegeneinander ausspielt, hohe Grenzzäune errichten will und Einwanderer tutti quanti aufs Übelste diffamiert und schikaniert.

Wie die festen Milieus in der Gesellschaft schwinden, so müssen auch diskursive Traditionen aus ihrer Genese und Entwicklung bewertet werden. Was ‚rückschrittlich‘ oder ‚progressiv‘ ist, muss sich aufgrund heutiger Erfahrungen aus den jeweiligen Kontexten ergeben. ‚Individualismus‘, seines Zeichens als Erbschaft unserer Kultur ein Äquivalent für das erstrebte Ziel eigenständigen Denkens und Handels, ist heute kein unschuldiges Kind mehr. Ebensowenig ist gesellschaftlicher Zusammenhang und soziale Solidarität nicht mehr unbedingt mit einen Zwangskollektiv zu verwechseln, das Dissens der Meinungen und Differenz der Lebensauffassungen nicht zuließe. Auch Geschichte bedeutet, neue Erfahrungen zu machen, ohne in alte Traditionen zurückfallen zu müssen.

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2018-1 Zivilcourage und Gemeinschaftssinn im Film – Das Schweigende Klassenzimmer

Vor einigen Wochen habe ich mit einem guten Freund den neuen deutschen Spielfilm Das schweigende Klassenzimmer gesehen, das der Regisseur Lars Kraume nach dem gleichnamigen Sachbuch von Dietrich Garstka gedreht hatte. So belastend uns deutsche Geschichte auch erscheinend mag, so unerschöpflich ist sie doch auch als Quelle von Geschichten. Besonders lohnend erweist sie sich, wenn nicht nur prominente oder unbekannte Schurken auf die Leinwand kommen, sondern auch kleine und große Helden des Alltags, die um ihr eigenes Überleben, aber mindestens ebenso um das Leben anderer kämpften. Ging es schon in dem Liebesdrama Der Rote Kakadu, in dem Dominik Graf 2006 Regie geführt hatte, um Zivilcourage, so zeigte sich dieses Motiv drei Jahre später in Florian Gallenbergers Film John Rabe noch unumwundener und zuletzt in Claus Räfles Film Die Unsichtbaren – Wir wollen leben aus dem letzten Jahr am deutlichsten. Nicht zu vergessen ist in dieser Hinsicht auch die Dreiländerproduktion (D, F und GB) in der Regie von Vinzent Perez, die den Roman Falladas Jeder stirbt für sich allein neu verfilmte. In der Kunst erkennen wir die Zeichen der Zeit am allerbesten. Die Partitur unserer Zeit zeigt sich in der Kunst, in diesem Fall der Filmkunst deutlicher als in einem Alltag, in dem uns der Blick verstellt ist.

In diesen und in zahlreichen anderen deutschen Filmen mit Bezügen zur deutschen Geschichte gilt es nicht weniger um die Frage, ob das allgemeine Bild von den Deutschen als Volk der Mitläufer tatsächlich dem Urteil zahlloser Geschichten standhält. Die so häufig missbrauchte Kategorie des Helden erhält hier eine völlig andere Bedeutung, tritt der Held doch zumeist als Einzelkämpfer, wenn überhaupt, mit nur wenigen Gefährten in Erscheinung. Helden sind nicht die Protagonisten von Armeen, die das Vaterland gegen einen äußeren Feind schützen, sondern einzelne und nicht selten auch einsame Menschen, die sich im aufrechten Gang für ihre Heimat, ihre Familie und die ihrigen üben. Oder für jene, die sie zu den ihrigen zählen. Als Sophie Scholl von Gestapobeamten befragt wurde, ob sie erneut so handeln würde, entgegnete sie: „Ja, weil ich es für das Richtige für mein Volk halte.“ Es besteht kein Zweifel, dass es hier um das Gewissen von Menschen ging, für die es eine Schande war, dass das gesamte Gemeinwesen in die kollektive Haftumg für Staatsverbrechen hineingezogen wurde.  Autokratien und Diktatoren war es stets darum getan, ihre Macht vertikal und damit antimodern zu organisieren, dabei aber die Verantwortung für die Folgen ihrer Politik so zu verteilen, dass diese möglichst viele über die exekutive Gewalt hinaus zu tragen hatten. Möglichst viele sollten über den engeren Täterkreis hinaus haftbar gemacht und damit schuldig werden. Dabei hatten es jene, die nicht unmittelbar an Verbrechen beteiligt waren, stets ungleich schwerer, ihr Gewissen von einer ungleich abstrakteren Schuld zu reinigen. Immer plagte sie mit dem Gewissenskonflikt auch die Frage, was sie denn wohl unter ihren Umständen hätten tun können, um Verbrechen zu verhindern. Diese Frage, deren Antwort auch spätere und damit freiere Generationen schuldig bleiben mussten, lässt sich leicht stellen, aber oft kaum beantworten. Häufig belegen sie, wie am Beispiel der Geschwister Scholl, einen heldenhaften Widerstand im zivilen Leben, ohne allerdings in der Lage zu sein, Verbrechen gleich welcher Art und Größe tatsächlich  verhindern zu können. Aber natürlich stellt dieser aufrechte Gang nicht nur unter Beweis, dass selbst unter einer noch so gewalttätigen Diktatur ein offenes Wort, wenn auch um den Preis des eigenen Lebens, möglich ist. Er zeigt auch, dass hier im Namen einer schweigenden Minderheit zur Sprache gebracht wird, was auch zur  Tradition einer res publica in Deutschland gehört.

Auch im jüngsten Film Das schweigende Klassenzimmer geht es um einen Akt zivilen Ungehorsam gegen einem Staat, der sich geradezu emphatisch zum antifaschistischen Vermächtnis der Geschwister Scholl bekannte. In der DDR gehörte das Aufbegehren gegen die Nazidiktatur zu den besten deutschen Traditionen, für die allerdings in den Grenzen des neuen Staates keine Verwendung mehr war. Überhaupt galt Zivilcourage den Machthabern als  Ausdruck eines individualistischen Bewusstseins, das als ungeeignetes Mittel in den Klassenkämpfen der Zeit erscheinen musste. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine ostdeutsche Abiturklasse, die sich anlässlich des Ungarischen Volksaufstands 1956 zu einer Schweigeminute für die Opfer im Unterricht entscheidet. Auf diese relativ zaghafte Solidaritätsbekundung reagiert die sozialistische Staatsmacht mit einer unverhältnismäßigen Härte, mit der weder die Schüler noch ihre Eltern oder die Schulleitung gerechnet haben. Doch mit dieser Reaktion ist nun gewiss, dass eigenständiges Denken oder gar das Bekenntnis zu einem eigenen Standpunkt gänzlich unerwünscht sind. Interessant ist dabei auch, wie ein Staatswesen, das auf kollektive Gemütsverfassungen setzt, doch mit den Interessen, Ambitionen und Ängsten des einzelnen Menschen spielt, wie Denunziation als Mittel der allumfassenden Kontrolle und als Überwindung oppositioneller Regungen eingesetzt wird. Der Tenor der Lieder, etwa ein FDJ-Aufbaulied aus der Feder Bert Brechts, ist so ganz anders als jene Wirklichkeit der DDR im Jahre 1956, in der Kadavergehorsam aus alten Zeiten nach wie vor an der Tagesordnung ist:

Besser als gerührt sein ist: sich rühren,
denn kein Führer führt aus dem Salat!
Selber werden wir uns endlich führen,
weg der alte, her der neue Staat!
Fort mit den Trümmern…

Jede noch so um das allgemeine Menschheitsglück besorgte Diktatur appelliert aus Menschkenntnis (nicht zuletzt der eigenen Funktionärskaste) stets an den Egoismus des einzelnen, der ihr kontrollierbarer erscheint als individuelles Aufbegehren. So wird selbst ein Minister in der Klasse vorstellig, um zu erzwingen, dass diese den Namen der Rädelsführer bekannt gibt, der den konterrevolutionären Aufstand angezettelt hat. Besonders brutal geht man mit Erik um, der mit Stolz auf seinen Vater, einem im KZ gepeinigten und verstorbenen Rotfrontkämpfer zurückblickt. Als man ihn aber damit erpresst, die Wahrheit über dessen ‚mangelnde Standfestigkeit‘ gegenüber den Nazis in der Presse preiszugeben und damit den schönen Schein des antifaschistischen Mythos zu zerstören, gerät die Situation außer Kontrolle. Letzten Ende nehmen sich die Schüler ihr Recht, das Abitur erfolgreich abzuschließen, im Westen freilich, weil die sozialistische Staatsmacht deren uneingeschränkte Solidarität mit der Relegation der gesamten Klasse bestraft. Die fragwürdige Moral des Staates besteht also darin, dass es nur dann sinnvoll ist standhaft zu sein, wenn eine höhere Macht, nicht aber das eigene Gewissen diesen Sinn definiert.

Man könnte nun die Frage stellen, was für ein Sinn ein solcher Film in unseren demokratischen Verhältnissen haben könnte. Wer eine ‚demokratische Ordnung‘ aber ernst nimmt, weiß, dass diese nicht alles ordnet, eben weil alles andere ‚totalitär‘ wäre. Dass die Macht nicht immer mit jedermann ist, scheint ebenso gewiss wie der Umstand, dass schon ein offenes Wort bei uns auch verheerende Konsequenzen für den mutigen Sprecher nach sich ziehen kann. Eben da, wo der angeblich so freie Geist wohnt, ist Demokratie für nicht wenige Menschen eine Höflichkeitsfloskel, die nach dem alltäglichen Befinden eines anderen Menschen fragt, ohne aber tatsächlich genau wissen zu wollen, wie es um diesen steht. Natürlich wollen die meisten Menschen irgendwie zu den Anhängern der Demokratie gezählt werden, aber nur wenige sind tatsächlich daran interessiert, wegen allgemeiner demokratischer Verfahrensfragen ins Unrecht zu geraten oder gesetzt zu werden. Manche betrachten es gar als Skandalon, wenn ihre Zeitgenossen auf ihrer Meinung bestehen und diese auch noch offen kundtun. Und doch ist gerade in unserer Zeit, in die Demokratie angesichts zunehmender autokratischer Regime in der Welt und im sogenannten freien Westen selbst Bewährungsproben zu bestehen hat, Zivilcourage mehr denn je notwendig. Gerade Demokratie lebt von Zivilcourage und zivilem Aufbegehren, wie es die jungen Leute heute auf ihren Demonstrationen in Washington gegen die Waffenlobby unter Beweis stellen.

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07 – 2015 Umzug meines Blogs bis zum Dezember 2015 – Willkommen auf meinem neuen Blog

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Sehr verehrte Damen und sehr geehrte Herren, werte Freunde meines Blogs,

ich bedanke mich bei den Mitarbeitern von blog.de für die ausgezeichneten Möglichkeiten, einen eigenen Blog zu erstellen und über Jahre zu führen. Ich bedauere daher schon jetzt die Entscheidung dieses Portals, seine Dienste zum Ende des Jahres einzustellen. Angesichts der guten Erfahrungen mit blog.de fällt es mir schwer, mich für einen anderen Anbieter zu entscheiden. Ich werde daher an verschiedenen Stellen versuchen, meine alten Blogeinträge auf eine neue Seite zu migrieren, wie es wohl in der Fachsprache heißt. Aber abgesehen von dieser gekonnten Vokabel kenne ich mich in dieser Hinsicht so gut wie gar nicht aus. Da mir aber noch etwa fünf Monate bleiben, hoffe ich bis dahin eine passende Lösung gefunden zu haben.

Kurzfristig habe ich es zunächst bei ‚wordpress‘ versucht, wo ich unter

kianharaldkarimi.wordpress.com

erreichbar bin. Es kommt mir sehr darauf an, dass die Einträge der letzten fünf Jahre nicht sang- und klanglos aus dem Netz verschwinden. Leider finde ich aber weder das Design des neuen Blogs ansprechend genug, wobei mir auch das alte fehlt, das doch zu dem von mir angestrebten Rahmenthema so gut passt. Es ist zunächst nur ein Versuch, und meine Blogs werden womöglich bei einem Anbieter landen, der für einen für derartige Arbeiten nicht eben begabten Blogger die besten, d. h. am besten zugänglichen Instrumente liefert.

Liebe Leser. Ich freue mich über Ihr wachsendes Interesse an meinem Blog und versuche, mein Möglichstes zu tun. Meinen nächsten Blogeintrag werde ich Ihnen unter dem alten wie dem neuen Portal zugänglich machen.

Zunächst einmal wünsche ich Ihnen allen die vorzüglichste Sommerfrische.

Ihr
Kian-Harald Karimi

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Moi aussi, je suis Charlie

charlie
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01 – 2015: Ein frohes Neues Jahr 2015 oder To Be or not to be

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Liebe Leserinnen und Leser, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe private Dozentinnen und Dozenten, liebe Welt (weiblich, männlich und sächlich), ich weiß nicht, ob ich diesen Blog in diesem Jahr, das jetzt beginnt, noch zu Ende bringen werde. Sosehr mich die weitere Entwicklung selbst auch betreffen mag, so wenig kann ich sie beeinflussen. Ich kann sie nur kommentieren, wie ein ferner Beobachter auf das Leben anderer. Schon lange belegen meine Kommentare, dass ich nicht der Verfasser meines eigenen Lebens bin, sondern es allenfalls wie ein. Chronist mit Anmerkungen versehen kann. Entscheidungen fällen andere, ich kann sie nur in meine Lebensgewohnheiten übertragen, d. h. diese an die Gegebenheiten anpassen, die ich in dieser Folge zu bewältigen habe. Mir geht es wie zahlreiche andere Zeitgenossen, die vergeblich nach dem Sinn westlicher Freiheit suchen. Nicht wenige versuchen sich durch eine fragwürdige Mitgift der Zeit selbst einzuschläfern, durch Drogen, Alkohol. Ich urteile nicht darüber, da mir diese Erfahrung fehlt und damit fremd ist. Diese Ignoranz macht mich nicht zu einem besseren Menschen, sondern in dieser Hinsicht eher zu einem unerfahrenen. Doch mein Wunsch nach neuen Erfahrungen geht in eine völlig andere Richtung. 

Meine neuen Lebens- und Arbeitsbedingungen im Jahr 2015 Seit 1993 arbeite ich nun als wissenschaftlicher Angestellter an deutschen Hochschulen. Nachdem ich 1990 meine Dissertation abgeschlossen hatte, erhielt ich drei Jahre später die Gelegenheit, mich im Rahmen einer wissenschaftlichen Assistenz zu habilitieren. Im Sommer 2000 war dann mein Verfahren erfolgreich abgeschlossen, und ich konnte seither zahlreiche Professuren in der Republik vertreten. Dass man mir offenbar solche Aufgaben auch noch in allen größeren romanistischen Teilbereichen (bis auf den rumänischen) zugetraut haben musste, lag also auf der Hand. Dass ich die Erwartungen von Kollegen und Studenten befriedigt haben musste, dürfte auf Grund der langen Folge von Vertretungen auch der Fall gewesen sein. Meine Lehrzeit war also überaus lang, hatte aber paradoxerweise dennoch keine Berufung zur Folge. Zur Zeit sieht es sogar so aus, dass ich mit absolut leeren Händen dastehe, so als ob ich bisher nie vertreten, publiziert und gearbeitet hätte. Als Kind und Jugendlicher habe ich mich als Fremdkörper in diesem Land empfunden. Das Studium der Romanistik, dann die Promotion und schließlich die Habilitation hatten mir dazu verholfen, mich dann doch als Teil dieses Landes zu fühlen. Doch die beständigen Niederlagen, die ich im Zuge meiner Privatdozentur, erst recht aber in den letzten Jahren erleben musste, haben mir meine Fremdheit und meinen ‚Migrationshintergrund‘ wieder vor Augen geführt. Zu sehr habe ich den traurigen Eindruck gewonnen, dass man mich nicht dabei haben will. Wie kann ich unter diesen erschwerten Bedingungen noch ein freier Mensch bleiben? Wie kann ich statt ständige Klage zu sein, auch ein Stück Hoffnung für mich selbst und andere werden. Denn gegenüber dem allgegenwärtigen Leiden Hunderttausender Flüchtlinge, den unzähligen Kriegen, Konflikten und Krisen, welche die heutige Welt erschüttern, erscheint selbst die noch so leidige Situation von stellenlosen Privatdozenten und arbeitslosen Akademikern trotz ihrer offenkundigen Tragik doch unverhältnismäßig harmlos und somit in gewisser Weise lächerlich. Man verkennte die Zeichen dieser grauen und grausamen Zeit, wenn man die unmittelbarsten Existenzängste ganzer Völker nicht ernst nähme und die eigenen Befindlichkeiten nicht in ein Verhältnis zu diesen setzte. Letztlich ist jeder von uns nur eine Stimme in der Partitur unserer Zeit, eine Fußnote im Text der Geschichte. Man darf sich nicht so wichtig  nehmen, als dass man diese allgemeine Lage außer Acht ließe. Aber als gute Philologen wissen wir, dass auch jede Fußnote ihre Berechtigung haben kann und als solche Beachtung verdient. Fußnoten pflegen im wissenschaftlichen Text immer dann aufzutreten, wenn eine Aussage um Ausblicke, Erweiterungen, Zusätze, genauere Angaben, aber auch Relativierungen ergänzt werden muss. In Hinblick auf die Biographien von privaten Dozenten und Kollegen aus dem Mittelbau scheint mir besonders der letztere Fall zutreffend zu sein. Ihre unzähligen Fußnoten räumen in einem Text voll selbstzufriedener Reden der Politiker und Ökonomen sowie jener zum Behaglichen neigenden Chroniken unserer Zeit ein, dass nicht jedem Zeitgenossen die dem allgemeinen Applaus preisgegebenen Wohltaten von Staat und Wirtschaft in gleicher Weise zukommen und beglücken. In zumeist jeder dieser Fußnoten trifft der Leser auf Erfahrungen, die das allgemeine Gerede von der Chancen- und Leistungsgerechtigkeit Lügen strafen. Erst wenn der Leser späterer Jahre auch diese Fußnoten wahrnimmt, kann er ermessen, was die Zeit um Anno Domini 2015 ausmacht. Lässt er sie unbeachtet, fällt ihm nur das laute Spektakel einer in Fieberanfällen aufgekratzten Selbstzufriedenheit auf, die sich beständig auf die Schulter klopft. Unter Gähnen vernimmt man die altbekannten Siegesmeldungen vom größten Exporteur, vom größten Rückgang der Arbeitslosenzahlen und vom bisher höchsten Anstieg der erwerbstätigen Bevölkerung. Jedermann geht es so gut, dass freilich kein Anlass zur Klage mehr besteht. Wer oder was dennoch klagt, ist unverbesserlicher Querulant, der sich gegenüber Gesellschaft, Staat und Wirtschaft als undankbar erweise. Wenn man dann auch noch einen Migrationshintergrund hat, erwächst daraus ein noch gravierenderes Problem, das in diesem Kontext nicht unterschlagen werden soll.

Fremd als Eingeborener mit ‚Migrationshintergrund‘ in diesem ‚Einwanderungsland‘. in Deutschland Ich habe im Rahmen dieses Blogs schon häufig meine Haltung zu erkennen gegeben, so dass ich dies eigentlich nicht mehr tun müsste. Dennoch will ich auch diesmal nicht unterschlagen, dass ich dieses Land, seine Kultur und Sprache liebe, sogar außerordentlich liebe. Manchmal fällt es mir schwer zu verstehen, warum es so viele Deutsche gibt, die ihrem eigenen Land nur mit Ablehnung oder gar Hass begegnen können, immer mit dem Hinweis auf die Hitlerei, die den Massenmord im deutschen Namen legitimierte und diesen damit in den Dreck zog. Diese Zeit war schrecklich, auch schrecklich lang, doch glücklicherweise war ihr keine Dauer von tausend Jahren beschieden, wie dies die Nazis glauben machen wollten. Seit den 1960er Jahren hat in Kultur, Wissenschaft und Politik dieses Landes wie nirgendwo anders ein Prozeß eingesetzt, in dessen Verlauf Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus in allen gesellschaftlichen Bereichen diskutiert wurden. Natürlich gibt es immer noch Xenophobie, Antisemitismus und Rassismus, die sich leider Straßen und Plätzen austoben. Dennoch macht es keinen Sinn, diesem Land feindselig gegenüber zu stehen, weil man es mit dem alten argwöhnischen Aussagen bedenkt, es sei ohnehin so schuldhaft in seine eigene Geschichte verstrickt, dass es immer wieder zum Wiederholungstäter zu werden drohe. Eine solche Haltung gegen sich selbst käme schließlich einer Sippenjustiz gleich, die zur Rechtnorm des NS-Staates gehörte. Wer sie gegen sich selbst anwandte, könnte es eines Tages auch gegen andere tun.

Natürlich haben die Gemetzel des sogenannten ‚Nationalsozialistischen Hintergrunds‘ an muslimischen Migranten Spuren hinterlassen. Aber nicht weniger bedrückt mich neben der Xenophobie auch eine merkwürdige zur Schau getragene Xenophilie, die nicht bereit ist, tatsächlich über öffentliche und schöngeistige Bekundungen der Solidarität hinauszugehen und die Grenze zwischen schönem Schein und bitterer Realität anzutasten. Da wird mit Recht davon gesprochen, dass man Fremde und Migranten im Rahmen einer ‚Willkommenskultur‘ aufnehmen soll. Doch was geschieht mit jenen Deutschen, die bereits in den 1950er oder 1960er Jahren mit einem Migrationshintergrund in dieses Land hineingeboren wurden. Was soll man davon halten, dass man neue Migranten in dieses Land zu integrieren sucht, derweil man nicht daran fragt, wie es jenen geht, die bereits in dieses Land hineingeboren wurden, bevor man auch nur an die Anderen denken konnte?
Ich habe mich niemals für einen „cas unique“ gehalten, für einen Sonderfall, der ganz aus der Reihe gefallen wäre. Aber in letzter Zeit hat es mich doch stutzig gemacht, wie überrascht sich potenzielle neue nichtakademische Arbeitgeber über meine Bewerbung zeigten. Und auch erinnere ich mich sehr gut jener Journalisten, die mich im Lauf des letzten Jahrzehnts zu meiner Situation befragten. Immer wieder ließen sie von ihrer Seite das Unverständnis durchblicken, dass ein habilitierter Akademiker nach so zahlreichen Professorenvertretungen noch immer nicht wenigstens mit einer festen Stelle im Mittelbau bedacht worden sei. 

Keine positive, aber auch keine negative Diskriminierung

Ich habe es immer für falsch gehalten, nach der Art eines profiling beurteilt zu werden, wie wir es aus den USA kennen. Gerade in Einrichtungen, die vorrangig auf die wissenschaftliche Kompetenz ihrer Beamten und Angestellten angewiesen sind, sollte auch einzig und allein diese und keine anderen Kategorien im Vordergrund stehen. Frauen gilt es selbstverständlich zu fördern, da sie zumindest in den Geistes- und Humanwissenschaften auch einen wesentlichen Anteil an den Studierenden haben.
Aber diese Förderung sollte im Rahmen einer Gleichstellung mit ihren männlichen Kollegen erfolgen und nicht als Ergebnis einer Besserstellung. Denn diese haben frühere  Generationen schließlich in den vorangegangenen Jahrhunderten auf Grund eines Patriarchats zur Genüge kennenlernen können, als Frauen der Zugang zum Studium verwehrt wurde und schon gar nicht daran gedacht war, sie in Professorenkollegien aufzunehmen. Eine ähnliche Haltung gilt natürlich auch für Minderheiten jeglicher Art. Eine positive Diskriminierung sollte ebenso ausgeschlossen sein wie eine negative. Und da habe ich in letzterer Hinsicht wirklich meine Zweifel. Bin ich nicht letztlich doch Opfer einer negativen Diskriminierung geworden? Klingt es nicht zynisch, wenn man allenthalben in Bezug auf ausländische Jugendliche hört, dass sie nur im Zuge größerer Bildungschancen ihren Platz in unserem Land finden können? Wie schwierig ist es doch, auch als gebildete Kraft ohne Chancen leben zu müssen. Eigentlich dürfte man doch dann gar nicht mehr existieren. Lange Zeit habe ich geglaubt, diese Schwierigkeiten seien zufälliger Natur, schon deshalb, weil mir Verschwörungstheorien schon immer zuwider waren. Doch der Umstand, dass immer wieder über meinen Fall in den Medien berichtet wurde, dass ich über ein Jahrzehnt Professuren an fast zehn deutschen Hochschulen vertreten habe, dass ich großen Anklang bei Studenten in meinen Seminaren und Vorlesungen fand und dass ich trotz unentwegter Publikationen, sollte doch über den bloßen Zufall hinausgehen.
Sollten meine Herkunft und mein Name bei diesen Zufällen nicht vielleicht doch ein wenig Pate gestanden haben? Es bleibt Spekulation, da keinem Bewerber auf einen Lehrstuhl oder auf eine Mittelbaustelle derartige Gründe mitgeteilt werden, wenn sie ausschlaggebend waren oder zumindest doch eine Rolle spielten. Doch will es mir nicht recht gelingen, das Bild, das sich unser Land gegenüber neuen Flüchtlingen und Migranten gibt, mit meinen beruflichen Erfahrungen in Einklang zu bringen. Das allgemeine Gerede von der Willkommenskultur müsste zumindest auch einmal jene berücksichtigen, die sich in diesem Land auf Grund ihrer Geburt, ihrer längst erfolgten kulturellen Integration eines Bürgerrechts erfreuen sollten. Menschen wie ich könnten für eine gelungene Integration stehen, zumal diese aufgrund  von Familienverhältnissen und sozialen Milieu auch hätte begünstigt werden können. Meine Eltern waren beide Ärzte, d. h. Akademiker, die mich dazu erzogen, gute Leistungen in der Schule zu erbringen, mein Abitur zu machen und wie sie Medizin zu studieren. Letzteres ist ihnen nicht gelungen, da mein Interessen in eine völlig andere Richtung gingen. Aber sicherlich hatte ich es bei diesen Voraussetzungen leichter als andere Migranten, zumal mein Mutter Deutsche war und unsere Familie kein geschlossener Organismus war, sondern sich als offen gegenüber der deutschen Gesellschaft und deren Veränderungen erwies. Auch in kultureller und religiöser Hinsicht waren meine Voraussetzungen mehr als gegeben. Ich wurde trotz anfänglicher schulischer Probleme nicht allein ‚integriert‘, sondern voll und ganz assimiliert: Einzig und allein die deutsche Sprache zählte für mich als Kind und Jugendlicher. Kaum geboren, wurde ich im katholischen Glauben getauft und vornehmlich in meiner katholischen Oberschule auch erzogen. Für mich sind diese Bindungen noch heute von großer Bedeutung. Auch bin ich meinen Eltern für diese guten Voraussetzungen dankbar, zumal Geburt und Herkunft nicht in meiner Hand lagen, sondern mir zum Geschenk gemacht wurden.
Die Schwierigkeiten, die ich in den letzten Jahrzehnten an der deutschen Hochschule zu gewärtigen hatte, widerlegen die vermeintlichen Integrationserfolge in meinem Fall indes auf doppelte Weise: einmal in Hinblick auf meinen ‚Migrationshintergrund‘, ein Begriff, der übrigens im Französischen gänzlich unbekannt ist, zum Anderen in Hinblick auf die allseits proklamierte Chance, die Bildung allen Lern- und Arbeitswilligen, allen sozialen Aufsteigern vermeintlich bereit hält. Mein Fall, und wahrscheinlich noch zahlreiche andere, zeigen gerade, dass selbst diese guten Bedingungen nicht unbedingt zum Erfolg führen müssen. Sie sollten all jenen Migranten, die mit großen Hoffnungen in unser Land kommen, eine Mahnung sein, dass viele Wünsche und Hoffnungen unerfüllt bleiben werden. Wenn selbst beste Aussichten nicht unbedingt zum erwünschten Erfolg führen, dann wird sich dies womöglich bei jenen Einwanderern als noch schwieriger erweisen, die viel größere Integrationsleistungen zu erbringen haben. Ich wäre gerne mit anderen ein Stück Hoffnung für sie. Aber wie sollte dies möglich sein, wenn ich es noch nicht einmal für mich selbst bin?
 
Seit längerer Zeit zergrüble ich mich den Kopf, wie ich diesem Blogeintrag einen sinnvollen Schluß geben könnte. Aber die Zeit des sinnvollen Schreibens scheint wohl in meinem Leben auch zu ihrem vorläufigen Ende zu kommen. Die jetzige Zeit verliere ich mit dem Nachjagen von Terminen, die vielleicht meinen Nachhilfeschülern nützen, mir aber nur wenig Geld einbringen. Wie gern würde ich doch wieder schreiben. Erst eben erhalte ich die Rückmeldung einer Herausgeberin, die sich sehr über einen neuen Beitrag von mir gefreut hat. Wie wohltuend ist es doch, wieder einmal gedruckt zu werden, auch wenn man damit kein Geld und erst recht keine Stellung zu erwarten hat. Dennoch beim Schreiben hatte ich noch immer das Gefühl, die Zeit als arbeitloser Privatdozent wenigstens sinnvoll nutzen zu können. Aber jetzt bin ich nicht einmal in formaler Hinsicht arbeitslos. Ich lebe von den spärlichen Euros, die ich verdiene. Und so fehlt mir Zeit zu schreiben, was sich auch auf diesen Blogeintrag auswirken musste. Aber noch schlimmer als der Zeitmangel sind die Sinndefizite, die mir diese Monate schon gebracht haben. Die Unproduktivität beginnt sich in Unproduktivität fortzusetzen, um sich wie eine Last auf alles produktive Denken und Arbeiten zu legen. Die vielen wissenschaftlichen Pläne, die vielversprechenden Projekte bleiben liegen, die hoffnungsvoll in Schreibtischfächern schlummern. Und irgendwann werden mir auch die Worte fehlen, die eigene Situation noch gedanklich zu ordnen und zu Papier zu bringen…

Zitat eines namenlos gebliebenen Privatdozenten (N.N.)

Was sind dies nur für Zeiten, in denen Plagiateure Minister oder Abgeordnete werden können, derweil Habilitierte und Privatdozenten von Nachhilfestunden leben müssen?

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